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Die Locke

Kein Meistertitel, kein Cup-Sieg, keinen Uefa-Cup-Halbfinal für Christian Gross, aber ein Interview mit unserem Kolumnisten.

Von Mark van Huisseling

«Ich hab wenig Zeit, ich muss nachher weg.» (Das kam von ihm.) «Aber Basel ist ja eigentlich schon Meister, und Sie haben es nicht mehr so streng.» (Es war der 5. Mai und der FCB noch nicht Meister, natürlich.) «Da muss man vorsichtig sein, es ist noch nichts entschieden. Diese Fangfragen, grad von der Boulevardpresse, das ist ein Lernprozess, den Engländern bin ich zwei, drei Mal reingelaufen. Ich hab mal gesagt, ich möcht in den Cirque du Soleil mit Tottenham. Dann stand auf der Backpage: ‹Spurs go clown, clown› anstatt ‹down, down›, ein Wortspiel.» (Er war Trainer des Londoner Clubs Tottenham Hotspur, «Spurs» genannt, 1998.) «Jetzt ist die Meisterschaft bald fertig, was macht man dann als Trainer an einem, sagen wir, Dienstagvormittag?» – «Auch das ist wichtig, dass Sie das wissen: Man muss ruhelos sein, am Dienstagmorgen mach ich mir Gedanken, wie man die Mannschaft verstärken könnte. Man muss auf vieles verzichten als Trainer.» – «Aber doch nicht Sie, als Startrainer, da hat man doch schon alles.» – «Hat man nicht, man muss auf Freizeit verzichten.»

Wir sind auf dem sogenannten Autorenforum der Buchmesse in Basel, richtig auf einer Bühne, und es gibt etwa 250 Zuhörer. Er ist irgendwie angetrieben, recht anders, als er im Fernsehen rüberkommt, wenn es manchmal aussieht, als sei es ihm zuwider zu sprechen. Er lehnt sich nach vorne, ballt die Fäuste ein wenig, ist wortreich. (Mich spricht er mit «Sie, Mark» an, ich mag das, es klingt so teamgeistmässig, und jünger fühlt man sich auch dabei.)

«Jetzt muss er gehen, dieser Zürcher»

«In einer Zeitung stand, Ihr Trainerprofil sei das eines Gurus, weil Sie mit den Spielern ‹symbolische Aktionen› machen – was ist das, Bäume umarmen im Wald oder so?» – «Es geht um Bewusstseinserweiterung. Also im Grund geht es um Folgendes: Ich will, dass ein Fussballer mit 35 sagen kann: ‹Trainer, es hat sich gelohnt, ich hab Titel gewonnen mit Ihnen und auch ein bisschen Geld.›» – «Marco Streller hat aber gesagt: ‹Jahre des Leidens in der Schule von Gross.›» – «Ich muss sagen, wenn der jetzt da wär, der würde sagen: ‹Trainer, es wär gescheiter gewesen, wenn ich bei Ihnen geblieben wär.› Weil er abgestiegen ist mit dem 1. FC Köln.» – «Also hat er zu wenig gelitten in Ihrer Schule.» – «Vermutlich.»

«Sie sind vor der achten Saison mit dem FCB, aber sie sind noch keine Legende, stand in der Basler Zeitung.» – «Das ist doch egal, Sie müssen sehen, ich als Zürcher hab’s schwer in Basel. Es hängt alles von den Resultaten ab, wenn wir nicht Meister werden, sagen die Leute als Erstes: ‹Jetzt muss er gehen...›» – «...dieser Zürcher.» – «Ja, es ist doch so.» – «In der NZZ stand von Ihnen: ‹Selbstzweifel habe ich keine.› Wirklich?» – «Wenn’s nicht so wär, wären wir auf der Verliererstrasse. Wenn ich jetzt zweifle, dass wir Meister werden, müssten wir gar nicht nach Schaffhausen gehen.» (Zum FC Schaffhausen, dem drittletzten Gegner der Saison.)

«Ich hab einen Satz von einem englischen Journalisten, den les ich nur, weil Sie keine Selbstzweifel haben: ‹Mister Gross, dem Mann mit der Mönchsfrisur, dem schlechten Englisch und einer uncoolen Staatsangehörigkeit, war zu prophezeien, dass er es nicht lange machen würde, Fussball ist eine oberflächliche Branche.›» – «Es ist eine Machoszene, das Aussehen ist wichtig, ich muss in Form sein, ich trainier, damit ich kräftig bin, vor allem im Kopf. Ich kann nicht fettleibig vor die Mannschaft stehen und sagen: ‹Kommt, wir rennen jetzt.›» – «Heute haben Sie aber eine Glatze, keine Mönchsfrisur mehr, und das muss man ja haben in Basel; Sam Keller, Jacques Herzog, Arthur Cohn – alles Glatzen, alle erfolgreich.» (Keiner lacht, irgendwie mag man solche Sprüche hier nicht, vermut ich.) «Wenn man Haare hat, ist das Ausdruck von Jugendlichkeit, ich stell mir immer vor, so ein Udo Jürgens oder Cliff Richard, wenn die keine Haare hätten. Stellen Sie sich das jetzt mal vor...» (Das ging an die Zuhörer, alle lachen.) «Ich hab früher Locken gehabt, tatsächlich, dunkelbraune Locken.» (Wieder Lachen.)

«Das war unanständiger Journalismus vorhin, jetzt anständiger: Einer von der BaZ fragte: ‹Ist Ihre Schwester immer noch die wichtigste Bezugsperson?› Was er meinte: Haben Sie endlich eine Freundin, die wir fotografieren können?» – «Ich hab zu meiner Schwester, zu beiden Schwestern, ein herzliches Verhältnis, aber es sind nicht meine wichtigsten Bezugspersonen.» – «Wer dann?» – «Es sind mehrere.»


Christian Gross’ Lieblingsrestaurant:
Kunsthalle, Steinenberg 7, Basel, Telefon 061 272 42 33

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