Fotografie

Alles Super!

Wie sehr die Schönheit im Auge des Betrachtes liegt, zeigen Ed Ruschas Bilder von Tankstellen. Nächster Stopp: Kunsthaus Zürich.

Von Martin Jaeggi

Interessieren Sie sich für Tankstellen? Dann sind Sie bei Ed Ruscha richtig. In seinem ersten Künstlerbuch «Twentysix Gasoline Stations», das der Maler 1963 drucken liess, präsentierte er nichts weiter als Fotografien von 26 Tankstellen im amerikanischen Westen. Das Buch ist kaum postkartengross, ohne Schutzumschlag, auf dem Einband nur der Titel in mattorangen Lettern, es wirkt unscheinbar. Ein maschinengefertigtes Produkt ohne handwerklichen Charme. Die Fotografien sind mit Ortsangaben versehen und folgen alle dem gleichen Muster – sie zeigen die Tankstellen eingemittet und eng gefasst, von ihrer Umgebung ist nur wenig zu sehen. Die Fotografien stellen nur fest, ein persönlicher Blick lässt sich in ihnen nicht ausmachen.

Auf den ersten Eindruck wirkt das kleine Buch trivial. Doch dann stutzt der Betrachter: Jede Einzelheit ist genau durchdacht, von der Schriftart des Titels bis zur Platzierung der Bilder auf den Seiten. Eine hinterlistige Verführung auf den zweiten Blick nimmt nun ihren Gang. Plötzlich eröffnen sich für die unscheinbare Folge von Tankstellenbildern ganz unterschiedliche Lesarten. Dem Strassenkundigen verraten die Ortsangaben, dass die Tankstellen wie Meilensteine entlang der Route 66 liegen, die vom Mittleren Westen nach Kalifornien führt. Das Buch vermisst den legendären Weg nach Westen, es ist eine Art fragmentarisches Roadmovie in Buchform, das eine endlose Fahrt von Tankstelle zu Tankstelle zeigt. Während die eine Tankstelle als kleiner Art-déco-Palast daherkommt, besteht die andere nur aus einem schäbigen Unterstand, zwei Zapfstellen und einem Neonschild. Jede von ihnen ist ein Zeichengewebe, das gelesen werden will. Die Bilderfolge lässt sich auch als ein reines Spiel der Formen betrachten, in dem die gleichen Grundelemente immer wieder neu zusammengesetzt und abgewandelt werden. «Ich sah mir die Gebäude an und ignorierte ihren Zweck. Ich war viel eher interessiert an diesem verrückten Grundmuster, das alle Benzinfirmen imitierten, diese Gebäude mit einem Vordach, das den Kunden Schatten spendet. Ich fand das eine schöne Geste», meinte Ruscha später.

Gigantisches Readymade
Diese typologische Erfassung von Alltagsphänomenen führte Ruscha in den sechziger und siebziger Jahren in weiteren Büchern fort. Gleich blieben sich die unauffällige, durchdachte Machart und der neutrale Aufnahmestil. Was sich änderte, waren die Sujets; die Titel verraten jeweils sofort, worum es in den Büchern geht. «Some Los Angeles Apartments» etwa, eine Hommage an Ruschas Heimatstadt Los Angeles und ihre ganz eigene Spielart der Moderne. Das Leporello «Every Building On The Sunset Strip» behandelt den Blick aus dem Auto. Ein Foto reiht sich nahtlos ans andere, jedes Gebäude dieser Einkaufsstrasse in L. A. wird gezeigt. Die Stadt wird so zu einem gigantischen Readymade. Wie sehr das Leben in Los Angeles ans Auto gebunden ist, unterstreicht auch «Thirtyfour Parking Lots In Los Angeles» mit Luftaufnahmen von Grossparkplätzen, die wie monumentale abstrakte Zeichnungen wirken.

Die Gesamtheit von Ruschas fotografischen Typologien bildet eine Bestandesaufnahme des amerikanischen Westens. Die Aufnahmen untersuchen dessen Alltagsästhetik und -architektur, eine visuelle Kultur, deren Macher anonym bleiben. Ihr Blick ist gekennzeichnet von der ans Auto gebundenen Lebensweise in einem städtischen amerikanischen Grossraum. In Ruschas Büchern zieht die Welt gleichförmig am Betrachter vorüber, als sässe er in einem Auto. Der konzentrierte interesselose Blick des Autofahrers wird in ihnen zur Weltsicht.

Ruscha interessiert sich nicht für die Ausdrucksmöglichkeiten der Fotografie. Das schön abgezogene Einzelbild ist ihm gleichgültig. Manchmal meint man, das distanzierte Verhältnis des Malers Ruscha zur Fotografie zu spüren. Ihn fasziniert ihr Vermögen, Bilder zu schaffen, die anonym und ursprungslos wirken, wie Aufnahmen in einem Warenkatalog. Seine Bilder sagen nicht mehr aus als: «Das gibt es.» Ihr Reiz liegt nicht in ihnen selbst, sondern darin, dass sie sich in Büchern zu Modellen der Wirklichkeit zusammensetzen lassen. Das Fotobuch ist Ruscha ein alchemistisches Werkzeug, um das Unbeachtete, Unbedeutende und Triviale bedeutsam werden zu lassen und so die Werteskalen unserer Wahrnehmung in Frage zu stellen.

Ruschas geografische und ethnologische Verwendung der Fotografie lässt sie zum Gegenpol seiner Malerei werden. Wo der Fotograf Ruscha bloss festhält, überhöht er als Maler. Dieselbe Tankstelle, die auf der Fotografie so alltäglich wirkte, gerät im Gemälde zu einer schwungvollen monumentalen Popikone. Während die lakonische Bildsprache seiner Fotografien im Dienste eines übergreifenden Konzeptes steht, herrscht in Ruschas Gemälden die Lust an malerischer Rhetorik vor, an der Künstlichkeit der Bildwelten auf der Leinwand. Fotografie ist für ihn ein denkerisches Medium, die Malerei ein gestaltendes. Das Spannungsverhältnis dazwischen steht für Ruschas Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Verhältnis von Bild und Wirklichkeit.

Der Weg zum Meister
Ed Ruscha bezeichnet sich selbst nicht als Fotografen. Die meisten seiner Fotografien entstanden als Studien für Gemälde oder im Hinblick auf seine Künstlerbücher, die sich ebenso stark mit dem Medium Buch auseinander setzen wie mit der Fotografie. Ungeachtet seiner Vorbehalte beeinflusste sein durchdachter Zugang zur Fotografie, der an einen Ingenieur denken lässt, zahlreiche Fotokünstler der letzten Jahrzehnte, von Hans-Peter Feldmann zu Thomas Demand. Und vielleicht ist es gerade Ruschas innere Distanz zur Fotografie, die ihn zu einem ihrer Meister werden liess.

Ruschas Fotografien und Künstlerbücher sind gegenwärtig im Kunsthaus Zürich zu sehen, in einer Ausstellung, die auch selten gezeigte frühe Fotografien und kommerzielle Arbeiten aus den 1960er Jahren umfasst, etwa Titelbilder für Zeitschriften. Zur Zürcher Schau, die bereits im New Yorker Whitney Museum und im Jeu de Paume in Paris zu sehen war, erscheint bei Steidl ein schön gestalteter Katalog, der Gelegenheit gibt, sich mit dem vielschichtigen fotografischen Werk Ruschas und seiner Beziehung zu Ruschas Malerei vertieft auseinander zu setzen.


Ed Ruscha, Photographer. Kunsthaus Zürich, 19. Mai bis 13. August 2006
Katalog, Steidl-Verlag. 184 S., Fr. 52.40
www.kunsthaus.ch
www.steidl.de

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