Man fliegt an die Elbe, um sich mal eben eine CD anzuhören. Normal doof in Zeiten, wo man Socken in London kauft, Zähne in Hongkong flicken lässt und die Weekends in Miami vergähnt. Nicht normal und wirklich nett ist aber, dass das Album eigenhändig vorgespielt wird. Es handelt sich um eine 1983 gegründete Schülerband der Fairfax High School in Los Angeles, genannt Tony Flow and the Miraculously Majestic Masters of Mayhem, bald umbenannt in Red Hot Chili Peppers. Ein Unikum, tatsächlich. Die Peppers erfanden und erfunkten Rock nackt und neu zu einem Zeitpunkt, wo Popper in breitschultrigen Anzügen zwischen Spät-New-Wave und New Romance umherirrten und den Eindruck vermittelten, primitive Rockmusik sei nun endlich überwunden. Als wären’s die Masern.
Hamburg, 24. April 2006. Ein festes Zirkuszelt an der Reeperbahn, genannt «Fliegende Bauten», wo sonst BRD-Abräumer wie Gitte, Atze und Geschwister Pfister auftraten, ist der seltsame Ort des Geschehens. Auch das Publikum ist nicht Rock, wiewohl – ob aus Einsicht oder Pflichterfüllung – einigermassen rockbar: eine exklusive Meute von Getränkebon-bestückten Schönen, völlig entzückt, sagenhafte drei Meter vor einer der grössten Stadionrockbands stehen zu dürfen. Vor Michael Balzary alias Flea (Bass), Anthony Kiedis (Gesang), John Frusciante (Gitarre) und Chad Smith (Drums). Es war der intimste in einer Reihe von Auftritten zum Album-Release, und die achthundert Handverlesenen harrten andächtig der neusten Fleischwerdung von einer der grössten Stadionrockbands der Welt.
«Stadium Arcadium» heisst Phase neun, ist ein Doppelalbum und wurde produziert vom selben Rick Rubin, der schon das RHCP-Meisterwerk «Blood Sugar Sex Magik» auf dem Gewissen hat. Die Red Hot Chili Peppers lassen keinen Zweifel daran, dass sie Rock sind und Rock spielen bis zum buchstäblichen Umfallen. Dass weder «Californication» (1999) noch «By the Way» (2002) – beides grosse, aber eher milde Alben – daran zweifeln lassen sollen. «Stadium Arcadium», was immer Sänger Kiedis hier an Worten zusammenpuzzelte, versammelt einige der härtesten Nummern im riesigen Red-Hot-Repertoire.
«Charlie» ist der erste neue Song, den die Band in Hamburg spielt. Er bringt das bandtypische Durcheinander von supernervösen Staccatos auf allen Positionen: beim Sänger die gerapten Melodien, beim Bassisten den mächtigen, häufig geslappten (remember the eighties?) Funkpunkbass. «Tell Me Baby» heisst ein fliessender Song mit weitem Himmel, der sich allmählich in Discorockgefilde hineinbewegt – «tell me baby, are you alone?» – und schliesslich in einen rasenden Gitarrenexodus mündet. Dazu tanzt Anthony Kiedis wie ein Wahnsinniger um den eigenen Mikroständer, als wäre er der echte Iggy Pop.
Es ist zum Schreien
«21st Century» ist muskulöser Funkrock, die Band platzt aus allen Nähten, ein Moll-Refrain setzt einen schönen Kontrapunkt. «She’s Only 18» hat einen langsamen, hämmernden Beat und erscheint als Kombination früherer Red-Hotismen. «Dani California» heisst die erste Single des Albums, kräftiges Drum-Intro, darauf ein Gesangsgebell, erneut abgelöst von einem weiten, wunderschönen Offbeat-Refrain, dann ein Yeah-yeah-Part und schliesslich das Gitarrensolo, eins zu eins aus Hendrix’ «Purple Haze» übernommen. Frusciante darf das.
Wenn eine Band 1983 gegründet wurde, dann müssen die heute über dreissig sein, right? Tatsache ist, dass es auf dieser Bühne von Vierundvierzigjährigen nur so wimmelt. Sie hätten die Potenz, gut zu altern. Rührenderweise merkt man ihnen zuweilen ein Element von Schülerband an – nämlich dann, wenn ihre Fitness, das Rumhampeln, mal kurz in sich zusammenfällt. Dann rollen Chad, Flea und Anthony meist die Augen oder reissen eine Grimasse, kehren die clowneske Seite von Red Hot Chili Peppers hervor, diejenige, die Beatles-like und nur mit einer wohlplatzierten Socke bekleidet über die Londoner Abbey Road spazierte. Dass einer von den vieren in keiner Sekunde Clown ist, markiert einen feinen, aber sichtbaren Riss in dieser Band.
John Frusciante, der nachgeborene Jimi Hendrix, ein Gitarrenjesus, vom Himmel gefallen, der Drogenhölle entstiegen, ein Wiederauferstandener also, der keine Zweifel daran lässt, dass er es irgendeiner Gnade und vor allem der Musik verdankt, noch am Leben zu sein. Nicht zufällig schickte die Band ihn vor, um das Konzert zu eröffnen. Ein Leibhaftiger schlurfte da auf die Bühne, mit langen Haaren, wildem Bart und verchribletem Oberkörper, seine Stratocaster in den Händen, die er wimmern, heulen und schreien liess. Einfach schreien. Denn es ist zum Schreien, und jede und jeder auf der Welt weiss genau, was es ist.
Red Hot Chili Peppers: Stadium Arcadium. Warner (erscheint am 5. Mai)













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