«In dem Gespräch in der Annabelle mit Moritz Leuenberger habt ihr euch gesiezt, ‹wie an Bundesratssitzungen, wo sich alle mit Sie und der Funktion anreden›, obwohl ihr euch duzt sonst.» – «Mhm.» (Er isst ein Appenzeller Biberli.) – «Wenn wir das auch tun würden, würd ich ‹Herr Nationalkomiker› zu dir sagen.» (Er tritt im Circus Knie auf zurzeit.) «Das ist aber ein heavy Titel.» – «Wie würdst du mich nennen?» – «Herr Internationalpromi.» – «Das ist nett, im Tagblatt der Stadt Zürich, nebenbei, war ein Satz von mir über dich: ‹Wäre er in Amerika...›» – «Ich hab ihn gelesen.» – «...hätte er eine Show wie Jay Leno und würde dennoch cool bleiben.» – «Hat mich gefreut.» – «Schlechte Voraussetzungen für ein Interview, gut wird’s ja, wenn man sich anfeindet.» – «Ich weiss.»
Wir sind in einem Wagen vom Zirkus, in Winterthur, darin gibt es einen langen Holztisch und zwei mit grünem Leder bezogene Bänke im Chippendale-Stil. Er trägt ein schwarzes Oberteil mit Reissverschluss und ein braunes Jackett aus Cordstoff, wie alle eigentlich, die sagen, sie seien links, aber viel verdienen. Als ich ihn anfragte für ein Interview, antwortete er, er möchte als Fredi Hinz reden, die Figur, die er spielt, das biete er nur mir an, sagte er noch. (Wollte ich aber nicht, weil ich sonst schon genug Leute treffe, die was spielen: Boris Becker den Geschäftsmann, Jürg Marquard den Connaisseur, Michel Comte den Bescheidenen, Verona Pooth die Gebildete, Arthur Cohn den Menschenfreund.) Ihn find ich aber einen guten Typ, und zwar nicht nur, weil ich zweimal im Casinotheater Winterthur, wo er Verwaltungsratspräsident ist, Texte vorlesen durfte. («Ist schon weitergegeben an die künstlerische Leitung: ‹Mark wieder engagieren›», sagte er am Anfang.)
«Du gibst grad ein Interview für eine Satirezeitschrift, weisst du?» – «Die Weltwoche?» – «Das hast du mal gesagt.» – «Ehrlich?» – «Ja, zu Roger Köppel, als er Chef war. Was hat dich dazu verleitet?» – «Wahrscheinlich der Schnellschuss übers Casinotheater und die Comedy-Szene.» – «Nicht die damals angeblich herrschende politische Haltung?» – «Als die Stahlhelmfraktion aufgeboten wurde...» – «‹Kettenhunde›, hast du gesagt.» – «Ja, Köppels Kettenhunde, jetzt sind sie ja unter Aufsicht.» – «Man müsste sie wieder freilassen also?» – «Ich hab das Gefühl, man hat viele Leute verärgert, auch unabhängige Geister, aber ich find die Weltwoche immer noch eine der spannendsten Zeitungen.»
«Es gibt ja noch einen anderen Kolumnisten, Christoph Mörgeli.» – «Er ist eigentlich der einzige rechte Satiriker.» – «Er ist gescheit, find ich, und sprachlich stark.» – «Ja, und er hat sogar schon Kolumnen gehabt, die ich nicht schlecht fand. Das Bedenkliche bei ihm, du kannst den ersten Satz lesen und weisst, für wen oder gegen wen es ist.» – «Wenn ihr Rapper wäret, würde man sagen, ihr habt beef miteinander.» – «Ah ja?» – «Weisst du, was passiert, wenn Rapper beef haben?» – «Dann wird einer erschossen.» – «Oder beide.» – «Das gehört zum guten Ton, jetzt wurde ja grad wieder einer erschossen, das könnte man vielleicht auch in andern Branchen einführen.» (Einer aus Eminems Gefolge wurde erschossen.) «Du bist gut in Populärkultur, für einen 54-Jährigen.» – «Ich weiss heut mehr drüber als mit zwanzig, damals war diese Politisierung, wenn man gewisse Sachen las, hat man behauptet, man habe es nicht gelesen.»
«Noch mal zu Herrn Mörgeli und dir, ihr habt beide einen grossen, mächtigen Freund...» – «Nein, das ist eben der Unterschied, ich hab schon einiges an Satire über Leuenberger gemacht, und Mörgeli hat noch nie was kritisiert an Blocher.» – «Herr Leuenberger wollte dich als Redenschreiber, und du bist zum Zirkus gegangen.» – «Stimmt nicht, ich würd das nicht machen, auch wenn ich nicht im Knie wär, danach kannst du keine Satire mehr machen.» – «Aber Zirkus ist Mainstream, irgendwie uncool.» – «Wahrscheinlich, aber Mainstream heisst ja nicht, du hast nur Dumme im Publikum, du hast alle, vom Intellektuellen bis zum Vierjährigen, vom Grosi bis zu Behindertengruppen.»
«‹Ich bin ein Kindskopf und ziemlich eitel›, hast du mal gesagt. Sagst du das, um Kritikern zuvorzukommen?» – «Das mit dem Kindskopf stimmt, unter die Gürtellinie, pubertär, so muss man sein in meinem Job. Und ‹ziemlich eitel›, wenn du’s nicht bist, performst du nicht.» – «Zum Schluss die Klassikerfrage: Ist dir Fredi Hinz, der Kiffer, eigentlich nahe?» – «Ich hab früher...» – «Darf ich den Satz fertig machen? ‹...auch mal gekifft, aber bald wieder aufgehört, weil ich keinen Spass hatte.› Das sagen alle.» – «Aber es war so. Und ich hab auch inhaliert.»
Seine Lieblingsrestaurants:
Alpenrose, Fabrikstrasse 12, Zürich, 044 271 39 19
«Willst du noch ein zweites Restaurant?» – «Ja, klar.» – «Das tönt ein bisschen nach wichtig, aber es ist so ein Fixpunkt»:
Café Montana, 1534 Montana Avenue, Santa Monica, +1 310 823 3990
Viktor Giacobbo im Circus Knie, ab 5. Mai in Zürich













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