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Das V-Wort

Man darf ein wenig schwindeln als Kolumnist, wenn es Jane Birkin glücklich macht, oder?

Von Mark van Huisseling

«Heut ist ein feiner Tag, nicht?» – «Ja, ich liebe Regen.» – «Ich bin nicht der Musikredaktor, nebenbei.» – «Dem Himmel sei Dank, ich hab nicht viel zu sagen über Musik.» – «Das letzte Mal, als ich Sie interviewte...» – «Es schien mir, dass ich Sie kenne.» (Danke, aber you can’t bullshit a bullshitter.) «...sagten Sie: ‹Als Frau über fünfzig ist man jenseits von Kritik, fragen Sie Marianne Faithfull.›» – «Ja.» – «Ich hab sie gefragt, und sie sagte: ‹Ich bin nicht sicher, aber was ich denke: Nicht jeder muss mich mögen.›» – «Ich wär gern ihrer Meinung, weil ich finde, es ist sehr mittelmässig, wenn man immer bemüht ist, es allen recht zu machen, aber ich brauche die Begeisterung anderer Leute oder ihre Zuneigung. Es macht mich glücklich, wenn andere was Nettes sagen.» – «Mir gefällt Ihr neues Album sehr, und die Kritiken sind auch gut.» – «Ich lese keine, weil ich mich vor den schlechten fürchte.» – «Die, die ich gesehen hab, waren gut.» – «Ja, Le Monde, Figaro, Parisien haben mir alle die Titelseite gegeben, und sie waren sehr gut.»

Wir sind im «Eden au Lac» in Zürich, im Salon «Baroque», es gibt darin Tische wie vom Büromöbel-Liquidationsverkauf und Stühle wie Stilmöbel, nur billiger, und ein Flipchart in der Ecke. Sie trägt einen Wollpullover über einem Männerunterhemd aus Baumwolle, Jeans und Stiefel, sie ist also gekleidet wie Obdachlose oder wie Models, wenn sie einkaufen gehen. (Eigentlich sind die Models gekleidet wie sie, sie ist ja stilprägend, stand in der Vogue.) Sie ist auch freundlich, aber irgendwie ein bisschen fertig und mit dem Kopf woanders, wie wenn sie gleich auftreten und erst noch den Soundcheck machen müsste oder so. (Es ist aber ein Promotag, nach mir kommt nur noch einer dran, und dann geht sie nach Hause, nach Paris.)

«Sie sind angezogen, als ob Sie einfach irgendwas aus dem Schrank nehmen würden am Morgen, drum denk ich, dass ein Konzept und viel Planung dahinter sind.» – «Alle meine Sachen sind gleich, und ich hab jedes Teil dreimal.» – «Aber hinter den meisten Dingen, die scheinbar lässig sind, ist viel Arbeit.» – «Nein, es ist nicht viel Arbeit, ich hab ein paar Prinzipien im Leben: Wenn die Sachen schön sind, dann ist das schön. Ich trag einfach Sachen, die schön waren, irgendwann mal.» – «Und die dann gut altern, oder?» – «Ja, im Gegensatz zu mir selber.» (Es macht sie glücklich, wenn man ihr schmeichelt, schon klar, aber wie oft braucht sie es in einem 20-Minuten-Interview?)

«Wie lange dauert es, bis Sie zurechtgemacht sind?» – «Exakt zweieinhalb Minuten, und erst muss ich meine Brille finden, das dauert am längsten.» – «Was denken Sie, weshalb sind Frauen, die in Modezeitschriften ‹Stilikonen› genannt werden, oft Grossmütter? Gibt es keine jungen Stilikonen mehr?» – «Wer sind diese Stilikonen?» – «Sie, Marianne Faithfull schon wieder, ich bin zwar nicht sicher, ob sie Grossmutter ist...» – «Sie hat einen grossartigen Busen, manche Frauen entwickeln Busen, wenn sie 55 werden, ich beneide sie, meiner ist nie gekommen, nicht als ich 12 war, nicht mit 55.» – «Man kann nicht alles haben.» – «Nein, aber das sind zwei Dinge, die man haben könnte.»

«In einer Zeitung stand, Ihre Karriere sei das Ergebnis einer gewissen Naivität, nicht von bewusster Planung. Stimmt das?» – «Wahrscheinlich, es gab jedenfalls keinen Plan.» – «Wirklich?» – «Ja, wenn was schief lief, war das Nächste, was ich machte, meistens interessanter, zwar hab ich nicht viele gute Filme gemacht, ich hoffte einfach immer, der nächste werde besser.» (Über siebzig Filme insgesamt.) «Aber man sagt doch: ‹Der grosse Schneider näht nur wenig Kleider.›» – «Eben, der grosse Schneider.» – «Noch mal zum Plan, Mariah Carey hat gesagt: ‹Mehr als ein Mensch voller Pläne bin ich ein Mensch voller Gebete.› Und Sie?» – «Ich bete, dass Menschen nicht sterben, aber ich nehm meine Arbeit nicht so wichtig, dass ich dafür beten würd.» – «Kein ‹Gott, gib mir eine gute Rolle›?» – «Nie, ich glaub, ich würd dafür sofort bestraft.»

«In einer anderen Zeitung stand: ‹Jane Birkin ist keine Diva.›» – «Ist mir egal.» – «Aber sind Sie einverstanden?» – «Ich bin, in der Tat, entzückt.» – «Wenn Sie keine Diva sind, was sind Sie dann?» – «Ich weiss nicht, sagen Sie es mir.» – «Ich weiss es auch nicht, aber ich brauch einen Schluss.» – «Finden Sie einen, ich hab genug davon, für andere Leute den Schluss zu finden.» (Dann findet Sie doch einen, und er kommt in der Fussnote.)


Jane Birkins aktuelles Album: Fictions. Capitol

Ihr Lieblingsrestaurant: «Es gibt ein hübsches, in das nicht viele Leute gehen, es heisst ‹Vagenande› oder so, ein eher abstossender Name, wie ‹Vagina›.» – «Vielleicht gehen deshalb nicht viele hin, wer will schon im Restaurant ‹Vagina› essen?» – «Ich find’s nur schwierig, das Wort zu sagen, das Ding im Körper der Frau mag ich gern, und Sie sollten es noch lieber mögen, schliesslich kamen Sie da raus.»

Le Vagenende, 142, boulevard St-Germain, Paris.
Telefon +33 1 43 26 68 18

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