Italien

Bella ciao

Erst lassen sie sich klaglos das Rauchen an der Bar verbieten. Dann kommt raus, dass sie im Schlafzimmer auch nur mit Wasser kochen. Von den Wahlen ganz zu schweigen. Ist der Lieblingsnachbar Italien nicht mehr der Alte? Oder sahen wir Schweizer immer nur alles azzurro?

Von Beatrice Schlag und Walter De Gregorio

Vito Collina, erfolgreicher Immobilienhändler und Wohnungsvermittler, bringt auf der Fahrt in die Römer Innenstadt Italiens Kernproblem auf den Punkt: «Jeder hat das Gefühl, er sei schlauer als der andere. Niemand hält sich an die Regeln.» Auf die Frage, weshalb er seinen alten Mercedes eben durch die autofreie Fussgängerzone gelenkt hat und jetzt im Halteverbot bei der Spanischen Treppe parkiert, öffnet er lächelnd das Handschuhfach. Es ist voll gestopft mit Parkbussen. Das Auto läuft auf den Namen seiner Tante in Viterbo. Die Tante ist seit acht Jahren tot.

Collina erklärt, wie das System funktioniert. Der Römer Polizist notiert sich die Autonummer, findet heraus, dass der Wagen in Viterbo eingelöst ist, schickt die Daten nach Ablauf der Zahlungsfrist seinen dortigen Kollegen. Nach drei Monaten wird das Minidossier unbearbeitet wieder nach Rom gesandt und dort archiviert. Kein Beamter nimmt sich die Mühe, wegen einer Parkbusse bei der Einwohnerkontrolle oder der Versicherung nachzufragen. Nur auf eines, sagt Vito Collina, kommt es an, und das beachtet er streng: «Ich zahle die Versicherungsprämien meiner Tante immer pünktlich.»

Ginge es nach ihr, würde Angela Maraventano, Passionaria der Lega Nord auf der sizilianischen Insel Lampedusa, die illegalen Einwanderer aus Nordafrika dorthin zurückschicken, woher sie gekommen sind: in die Wüste. «Ich habe Mitleid mit diesen armen Teufeln, aber wer ohne Erlaubnis nach Italien kommt, muss wieder ausgeschafft werden. Wir können doch nicht Mutter Teresa für die ganze Welt spielen.» Dass sie persönlich nichts gegen Fremde habe, sagt die 43-jährige Restaurantbesitzerin, könne man schon daran sehen, dass sie illegal eine rumänische Küchenhilfe beschäftigt. Die Tatsache, dass sie für die Schwarzarbeiterin keine Sozialbeiträge leistet, sei mitnichten ausschlaggebend: «Im Gegensatz zu anderen zahle ich meine Steuern immer.»

Jeder, dessen Gesicht einem Ladenbesitzer vertraut ist, wird beim Kauf von Vespa, Kühlschrank oder Lederjacke in Italien dasselbe gefragt: «Brauchst du eine Rechnung?» Natürlich braucht niemand eine Rechnung; denn wer nichts Registriertes verlangt, dem wird keine Mehrwertsteuer verrechnet. Dass die Frage bedeutet: «Betrügen wir den Staat?», kümmert weder den Arzt noch die Hausfrau, weder den linken Wähler noch den rechten.

Italiener sprechen das Wort «Staat» mit derselben Miene aus, mit der wir «Furunkel» sagen. Staat bedeutet Abzocker, Erschwerer, Verhinderer. Man muss schlauer sein als der Staat. Um zu verstehen, warum praktisch die Hälfte der Stimmbürger den Mann wiederwählte, der sie in eine wirtschaftliche Misere ritt, ist es hilfreich, die Gründe nicht in seiner Politik zu suchen. Silvio Berlusconis grösster Trumpf in den Augen seiner Wähler ist der, der Gerissenste von allen zu sein.

Romano Prodi kennt seine Landsleute. Die Gerichtsverfahren, die wegen Steuerhinterziehung und Bestechung gegen Berlusconi laufen, wären in jedem anderen europäischen Land Wahlkampf-Munition gewesen. Prodi erwähnte sie kein einziges Mal. Er wusste, warum. «In Italien bewirkt es das Gegenteil», sagt Berlusconis einstiger Berater Luigi Crespi. «Je mehr die Justiz gegen Berlusconi vorgeht, desto grösser seine Popularität. Es geht nicht darum, ob Berlusconi ein guter und ehrlicher Bürger ist.» Es geht darum, dass kein Italiener nach resteuropäischen Kriterien ein guter und ehrlicher Bürger ist.

Frauen, Fussball, Fernsehen

Italiener sind so sehr von Widersprüchen geprägt, dass sie ihnen nicht mehr auffallen. Ihr scheinbar paradoxes Verhalten kann im Einzelfall hinreissend komisch und sympathisch wirken. Aber es widerspiegelt eine Zerrissenheit, für die das Wahlergebnis von vergangener Woche nur eines von vielen Zeichen ist. Das verwirrt die ausländischen Kommentatoren und die Feriengäste, die mit ihren Massstäben und Erfahrungen ein hochgeschätztes, aber verkrustetes Land zu erklären versuchen, dessen Bewohner ungewöhnlich beweglich sind und doch auf keinen grünen Zweig kommen. Berlusconi wäre bei uns nie möglich, steht in Grossbritannien, Deutschland und den USA in den Zeitungen. Viele Italiener können es nicht mehr hören: «Che facciano i cazzi loro. Noi facciamo i cazzi nostri» – sie sollen sich um ihren Dreck kümmern, wir kümmern uns um unseren.

Nach Berlusconis erstem Wahlsieg 1994 schrieb der Gesellschaftsforscher Renato Mannheimer: «Das Fernsehen war ein nützliches Marketing-Instrument, um das Produkt namens Berlusconi auf den Markt zu bringen. Sein Image war auf seinen Fininvest-Sendern über Jahre zum kulturellen Leitbild aufgebaut worden. Die Allgegenwart des Fernsehens spielte zweifellos eine grosse Rolle – nicht der blosse Umstand, dass Berlusconi drei TV-Sender gehörten. Das allein hätte ihm den Wahlerfolg wahrscheinlich nicht garantiert. Es war die Tatsache, dass das Fernsehen als Vehikel für die Darstellung des kulturellen Leitbilds benutzt wurde, die von den Wählern honoriert wurde.» Zwölf Jahre später hat sich daran nichts geändert.

«Was nicht im Fernsehen kommt, existiert nicht», behauptete Berlusconi schon vor Jahren. Die Zahlen geben ihm Recht. Mehr als zwei Drittel der 58 Millionen Italiener informieren sich ausschliesslich am TV, über dreieinhalb Stunden sitzen sie im Schnitt täglich vor dem Bildschirm. Das ist weltweit Platz vier auf der Glotzliste. Fast die Hälfte schaltet auf einen von Berlusconis Privatsendern. Die fünf grössten italienischen Zeitungen – die rosarote Gazzetta dello Sport nicht eingerechnet – verkaufen zusammen schäbige zwei Millionen Exemplare pro Tag.

Berlusconi widmete den Grundpfeilern italienischer Lebensfreude – Frauen, Fussball, Fernsehen – eine Aufmerksamkeit wie kein Politiker vor ihm und errichtete, was Umberto Eco «ein postideologisches Medienregime» nannte. Er versorgte seine Zuschauer mit genau den Bildern, die aus ihnen Wähler machen würden.

Dass Fussball eine zentrale Rolle spielte, ist auch für den Ausländer nachvollziehbar. Aber wer ist im 21. Jahrhundert verrückt nach Fernsehballett? Wer ist glücklich, wenn lächelnde Frauen synchron die Beine heben? Die meisten europäischen Sender haben die tanzenden Pin-ups aus Grossmutters Showzeiten vor Jahrzehnten entsorgt. In Italien tanzen gleich mehrere Fernsehballette auf diversen Kanälen. Keiner findet es absurd. Man möchte über das italienische Frauenbild nicht wirklich nachdenken.

Berlusconi hat das Fernsehballett nicht erfunden. Aber seine Sender haben in den 22 Jahren, in denen er im Fernsehgeschäft ist, die Showeinsätze der Girls mit den immer knapper werdenden Kostümen in bis dahin unbekannte Höhen getrieben und dabei mit Nahaufnahmen von Brüsten und Hinterteilen nie gegeizt. 22 Jahre sind eine Generation. Der meistgenannte Berufswunsch junger Mädchen in Italien ist heute velina, Fernsehtänzerin.

Nach Meinung von Alexander Stille, US-Autor der kürzlich erschienenen Biografie «Citizen Berlusconi», trug Italiens Premier massgeblich dazu bei, eine Kultur zu verbreiten, in deren Zentrum die Werte Erfolg, persönlicher Reichtum und materielles Wohlergehen über allem anderen stehen. Es ist die Kultur, die Berlusconis politische Karriere erst ermöglichte. Auf seine Landsleute habe er gewirkt und wirke er wie «eine Figur aus dem Drehbuch von ‹Dallas›, eine italienische Version von J.R. Ewing».

In seinem Buch beschreibt Stille eine Studie über italienische Kinderzeichnungen, aus der hervorgeht, dass Schuhe inzwischen mit früher nie da gewesener Akribie dargestellt und mit den Firmenlogos von Nike, Adidas oder Reebok versehen werden – ein Gradmesser dafür, dass der Wertewandel in Italien deutlich weiter fortgeschritten ist als in anderen Ländern.

Markentreue ist alles – auch in der Politik. Soziologen, die sich mit Italiens Wahlverhalten beschäftigten, stellten bei Berlusconi-Wählern (unabhängig, welcher sozialen Schicht sie angehörten) eine Gemeinsamkeit fest: ein ungewöhnlich starkes Gefühl der Zugehörigkeit zu einer scheinbar unpolitischen Institution: Berlusconis Fernsehsendern.

Auffällig viele junge Italiener, jahrelang mit «Big Brother»- und anderen Reality-Shows abgefüttert, inszenieren sich inzwischen in der Öffentlichkeit, als seien Plätze und Restaurants Container mit laufender Kamera: Keine Vulgarität ist zu obszön, keine Debatte über Silikonbusen oder Haarentfernung zu langatmig. Auf Berlusconis Privatsendern – und später auch im von ihm faktisch kontrollierten Staatsfernsehen RAI – wurden Gegner so niedergeschrien wie sonst nur in den Fankurven von Fussballstadien.

Als der Premier im Europaparlament den deutschen Abgeordneten Schulz, der ihm Fragen zu seinen Verfahren und zum Interessenkonflikt zwischen seinem Amt und seinem Medienimperium gestellt hatte, mit einem Lagerkommandanten in Nazi-Deutschland verglich, fand die Mehrheit seiner Anhänger nichts dabei: Sie waren solche Entgleisungen gewohnt. Wenn sie etwas übertrieben fanden, dann die beleidigten Reaktionen im Ausland. Wer hatte denn die KZ geleitet, Italiener oder Deutsche?

Hühner, Hörner, hohle Hände

Der peinliche Auftritt vor dem Europaparlament war einer der wenigen Vorfälle in Berlusconis zweiter Amtszeit, die international zu reden gaben. Aber die Aufmerksamkeitsspanne war kurz. «Ganz Europa hat wegen des Alpschrats Jörg Haider gejault», sagt Daniela Horvath, langjährige Italien-Korrespondentin des Sterns, «aber bei Berlusconi hat niemand ernsthaft aufgeschrien.» Im Ausland habe man ihn als gelifteten Popanz belächelt, als peinlichen Operetten-Imperator, der Goldpuder auf den Wangen trägt und transplantiertes Haar auf der Halbglatze. «Niemand wollte sehen, dass er die Italiener mit seiner Dauerberieselung um ihren wunderbarsten Charakterzug gebracht hat: ihren elastischen gesunden Menschenverstand, ihre untrügliche Nase, ihre Schlauheit. Sie haben sich von ihm blenden und bescheissen lassen. Sie dachten, er sei die Rache des kleinen Mannes für die Arroganz des Bürokratismus und der intellektuellen Politikerkaste. Stattdessen hat er sie ausgenommen wie die Hühner.»

Dass die Auslanditaliener am 9./10. April in der Mehrheit für das Mitte-links-Bündnis stimmten und so die hauchdünne Niederlage Berlusconis besiegelten, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die wenigsten seine Programme sehen. Glaubt man ihren Chat-Foren und Leserbriefen an italienische Zeitungen, haben viele, die Mitte-links wählten, nicht in erster Linie für Prodi, sondern gegen Berlusconi gestimmt, weil sie sich nicht mehr für ihn schämen wollen. «Bush und Putin wie Kumpels auf die Schultern klopfen geht ja noch», schreibt Pietro Marini aus Buenos Aires, «aber auf offiziellen Fotos Staatsmännern die Hörner zeigen, sexistische Witze über die allzeit willigen Sekretärinnen erzählen, sich mit Napoleon und Jesus Christus zu vergleichen, das ist zu viel.»

Als die Prozesswelle gegen korrupte Politiker und Parteien Anfang der neunziger Jahre ans Licht brachte, dass vom kleinen Gemeinderat bis zum Premier alle die hohle Hand gemacht hatten, erfuhren die Italiener nichts Neues. Sie hatten Politiker nie anders kennen gelernt. Mit Ungläubigkeit und dann mit Begeisterung sahen sie zu, wie die Richter Ernst machten. Italiens Parteien kippten wie Dominosteine.

Ein Volk von Künstlern

Als die Staatsanwälte um Antonio Di Pietro breitflächig zu fahnden begannen und auch normalen Bürgern Fragen nach ihren Finanzen und Steuerrechnungen zustellten, war die Begeisterung dahin. Natürlich glaubte niemand, dass in den Gerichtssälen lauter Jakobiner sassen, oder Kommunisten, «die Kleinkinder lebendig kochen», wie Berlusconi wetterte. Die Italiener fürchteten, man könne auch ihnen etwas nachweisen. Meist mit Grund. Denn Tangentopoli, der politische Schmiergeldskandal, unterschied sich von ihrem Alltag nur durch die Höhe der Beträge. Sonst war es die gleiche Geschichte, die auch jeder Coiffeur in Rom erzählt. Selbstverständlich schneidet er den Quartierpolizisten die Haare gratis. So, wie ihnen der Metzger gegenüber das Filet für den Preis einer Wurst verkauft. Dafür parkieren beide straffrei vor ihren Läden. Warum soll er auf seine Passverlängerung einen Monat warten, wenn er sie in einem Tag haben kann? Kosten: eine Dauerwelle für die Leiterin des Passbüros.

Das halbe Leben ist so organisiert: ein Netzwerk mit klaren Verabredungen, mit dem man sich gegen Bürokratie und Gesetze verteidigt. Niemand nennt es Bestechung, weil es niemand als Bestechung empfindet. Es ist Teil einer klassenlosen Kultur und heisst entsprechend: l’arte di arrangiarsi, die Kunst, sich zu arrangieren. Jeder Italiener hat sein Netz, mehr oder weniger feinmaschig, das über das übliche Mass an Kungelei in anderen Ländern weit hinausgeht. Wer sich gut arrangiert, ist so stolz darauf wie jemand, der Glück bei den Frauen hat. Kleine Tipps gibt man gern weiter, die wirklich nützlichen behält man für sich.

Die Wehrlosigkeit auch: Nicht nur in Sizilien zahlen Ladenbesitzer Schutzgelder, sondern auch fast überall in Roms Innenstadt. Aber nur selten redet einer darüber. «Was kann ich tun?», fragt Renato Marini, Restaurantbesitzer am römischen Campo de’ Fiori. «Zur Polizei gehen? Sollen sie alle Geschäfte der Stadt bewachen? Und wer weiss, ob die nicht mitkassieren und mich verpfeifen? Ich will nicht zusammengeschlagen werden.» Dem Wirt auf der anderen Seite der Piazza, der die Eintreiber zum Teufel geschickt hatte, brannte das Lokal aus. Jetzt zahlt er.

Im alten Rom wurde der Klientelismus wenn nicht erfunden, so doch perfektioniert. Hatte der Civis Romanus ein Anliegen, wandte er sich nicht an den Staat, den es im modernen Sinn noch nicht gab, sondern an den Senator, der ihn beschützte und dafür Gefolgschaft verlangte. Die Soldaten waren nicht dem Imperium treu, sondern ihrem General. Do, ut des, ich gebe, damit du gibst, war die Maxime politischen Handelns. Öffentliche Angelegenheiten wurden geregelt wie eine Familiensache.

Als das Land der unzähligen Fürstentümer 1860 eine Nation wurde, war die Losung: Wir haben Italien geschaffen, jetzt müssen wir die Italiener erschaffen. Vieles deutet darauf hin, dass der Versuch fehlgeschlagen ist. Der amerikanische Anthropologe Edward Banfield prägte in Zusammenhang mit Italien den Begriff des «amoralischen Familismus». Er definierte ihn als «die Unfähigkeit von Dorfbewohnern, zusammen etwas für ihr gemeinsames Wohl oder einen guten Zweck zu tun, der über das unmittelbare materielle Interesse der Kernfamilie hinausging». Studien zeigen, dass, wenn Italiener vor die Wahl gestellt werden, sich entweder gesetzeskonform zu verhalten oder einem Freund oder Familienmitglied zu helfen, in viel stärkerem Mass als die meisten anderen Europäer dazu neigen, Letzteres zu tun.

Was im persönlichen Kontakt viel vom Charme des bel paese ausmacht, hat politisch fatale Folgen: Der Bürgersinn hat sich im Land, das vor zweitausend Jahren die Basis legte für das moderne westliche Rechtsempfinden, zurückentwickelt. Der Staat wird als amorphes, feindliches Gebilde wahrgenommen; ein Gefühl, das durch eine europaweit unerreichte Regeldichte verstärkt wird. Bei so vielen Gesetzen liegt es auf der Hand, ein paar zu umgehen, mit Vorliebe das Steuergesetz. «Wenn man mir fünfzig Prozent oder mehr an Steuern abnehmen will», so Berlusconi, «ist das unfair. Ich fühle mich dann moralisch berechtigt, mich dem, wenn möglich, zu entziehen.»

Dass der frühere Staatspräsident Francesco Cossiga, damals Christdemokrat, vor den Wahlen sagte, er werde Berlusconi wählen, weil der Gegenkandidat Prodi sei und nicht der ihm viel sympathischere Massimo D’Alema, ist politisch zwar verwirrend, aber für Italien logisch. D’Alema ist als ehemaliger Kommunist von Cossiga inhaltlich viel weiter entfernt als dessen früherer christdemokratischer Parteigefährte Prodi – aber in dem Land, wo man sich im Guten wie im Schlechten zuerst an eine vertraute Person wendet und erst dann deren politische Gesinnung abwägt, kommen Namen vor Programmen. Im Zweifelsfall unterwirft sich der Italiener dem Mächtigen. Wie seine Vorfahren, als nach dem Niedergang des Römischen Reiches die Normannen und Staufer regierten, die Franzosen, die Spanier, die Päpste. Berlusconi wusste es zu nutzen.

Der ehemalige Rotbrigadist Valerio Morucci sass für seine Beteiligung an der Entführung und Ermordung des Christdemokraten Aldo Moro siebzehn Jahre im Gefängnis. Wenn in Italien ein Attentat verübt wird, klingelt sein Telefon unablässig. Die Zeitungen wollen einen Kommentar, den sie so selbstverständlich abdrucken, als sei lange vergeben, wie er zu seinem Expertentum kam. «Wir sind keine Staatsbürger, die mit dem eigenen Kopf denken», sagt Morucci, «wir sind immer Untergebene geblieben. Als nach dem Fall der Mauer erst die Ideologien und nach Tangentopoli die Parteien einbrachen, funktionierte unser Kompass nicht mehr. Die Probleme sind komplex, die Koordinaten fehlen. Und du weisst nicht, wo anfangen, Italiens Institutionen sind allesamt verkrebst. Es gibt keine einzige wirklich liberale Institution in diesem Land. Ausserdem hat der Terrorismus hier mehr Erde verbrannt als anderswo. Es wird noch lange dauern, bis die Italiener sich wieder ernsthaft engagieren.»

Morucci bearbeitet morgens Schadensmeldungen für einen Autoverleiher und hütet am Nachmittag seinen Sohn. Abends schreibt er an seinem fünften Buch. Die ersten vier verkauften sich kaum, trotz lobender Kritiken. Zusammen mit dem Lohn seiner Ehefrau, einer Gewerkschaftsangestellten, kommen sie knapp über den Monat, «aber es ist nicht, dass das Leben viel hergibt». Ferien machen sie in einem kleinen Wohnwagen. Auf die Frage, warum Berlusconi seine Niederlage nicht einsehe, lacht Morucci zum ersten Mal: «Hey, er hat eine panische Angst vor dem Gefängnis. Zu Recht, kann ich nur sagen.»

Sehr grosse Kinder

So aussergewöhnlich Moruccis Vergangenheit ist, so repräsentativ ist sein heutiges Familienleben: Ehepaar mit Einzelkind und Familienbetreuung. Das Land der Kindernarren hat die nach Spanien niedrigste Geburtenrate Europas: 1,27. Nur für rund fünf Prozent der Kinder stehen staatliche Krippenplätze zur Verfügung, die Kinderzulagen sind lächerlich. Da viele Mütter nicht nur berufstätig sein wollen, sondern auch müssen, liegt mehr als ein Kind nicht drin.

Von dem wird allerdings kaum mehr abgelassen. Bis 28 lebt Italiens Nachwuchs inzwischen durchschnittlich mit den Eltern zusammen. Von den Söhnen zieht ein Drittel mit 34 erstmals aus dem Kinderzimmer in eine eigene Wohnung. Aus Sparsamkeit, aus Bequemlichkeit. Auch wenn die erwachsenen Kinder Arbeit haben, reicht das Geld weiter, wenn Miete und Essen umsonst sind. Der Nachwuchs hat teure Bedürfnisse. In den Schuhen, den Hemden, den Jeans soll nicht irgendein Name stehen.

Mit 34 ist einem Mann in der Regel nur noch schwer beizubringen, wie eine Waschmaschine und ein Bügeleisen funktionieren. Und vor allem nicht, weshalb er plötzlich Dinge tun soll, die Mamma freudig für ihn erledigt hat. Die fehlende Mithilfe des Ehemanns im Haushalt, ermittelte die florentinische Wissenschaftlerin Letizia Mencarini, sei neben Geldmangel der Hauptgrund, warum Frauen nach dem ersten Kind abwinken. Ausserdem verbringen Italiens Väter weniger Zeit mit ihren Kindern als alle übrigen Europäer. Wenn’s Krach gibt, flüchten sie, wie Untersuchungen zeigen, zu Mamma.

Die besten Verehrer der Welt

Und der Latin Lover, der elegante Schlenderer, der hingebungsvolle Schlemmer, diese personifizierte Leichtigkeit des Seins? Für die, die länger nicht in Italien waren: An seiner Genussfreude und seinem Talent zur unaufdringlichen Schönheit hat sich nichts geändert. Niemand kann erklären, warum seine Jeans sitzen wie massgeschneidert und seine Anzüge lässig wie Jeans, warum er lächelnd genau das sagen kann, was man gehofft hat. Aber auch er spart, kehrt häufiger in den Lokalen einer wild expandierenden Fastfood-Kette namens Pastarito-Pizzarito ein, die auch so schmeckt. Er pfeift nicht mehr beim Anblick eines kurzen Rocks und drückt Kundinnen das Wechselgeld nicht mehr mit bedeutungsvollem Nachdruck in die Hand.

Aber er schaut Frauen nach wie vor an, wie sie nördlich von Chiasso nicht angeschaut werden. «Das Schöne an Italiens Männern ist, dass sie nicht nur ihre Mütter lieben», sagt Modedesigner Stefano Gabbana, «sie sind die besten Verehrer der Welt.» Die erotische Unternehmungslust allerdings scheinen die langen Jahre unter Mammas Laken nicht zu fördern. Keine Europäer haben nach einer eben vom Pharmakonzern Pfizer veröffentlichten Studie weniger Sex als italienische Paare: 5,75-mal pro Monat. Achtzig Prozent der Befragten, Männer wie Frauen, sind damit unzufrieden.

Dass die Scheidungsrate deutlich tiefer liegt als im Rest Europas, erzählt weniger von Glück als von heftiger Abneigung, sich zu trennen. Die Zahl der Italiener, die zwischen der ehelichen Wohnung und dem Zweithaushalt der Geliebten pendeln, ist nicht statistisch erfasst, weil der Statistik ohnehin niemand trauen würde. Aber jeder kennt Dutzende von Liebespendlern. Auch in diesem Dilemma meinen sich viele in Silvio Berlusconi wiederzuerkennen. Ehefrau Veronica Lario denkt links, ist praktisch nie an seiner Seite und verbringt den Tag mit wer weiss wem, während er freien Zugang zum Fernsehballett hat.

Berlusconis ehemaliger Pressesprecher Giuliano Ferrara, heute Chefredaktor des Intellektuellen-Blattes Il Foglio und Moderator einer täglichen Talkshow, hat seinen ehemaligen Dienstherrn immer für einen visionären Geschäftsmann und nie für einen grossen Politiker gehalten. Aber das, sagte er in einem Gespräch mit dem Spiegel, sei nicht der Punkt. «Berlusconi ist eine Laune der italienischen Geschichte gewesen. Italien ist ein Land, das sich eine solche Laune leisten kann. Vielleicht gefällt es mir deswegen hier: Wegen dieses Zynismus, dem nichts wirklich wichtig ist.»

Das mag niemand über Italien hören, und schreiben will man es auch nicht gern. Möglicherweise ist es trotzdem wahr. Das Ferrara-Interview war in der neueren Ausland-Berichterstattung über Italien eine auffällige Ausnahme. Aus den meisten Artikeln von Italien-Korrespondenten erfährt man mindestens ebenso viel über ihre Liebe zu Italien wie über Italien. Am vergangenen Sonntag listete Roger Cohen, ehemaliger Italien-Korrespondent, in der New York Times sehr nüchtern auf, was Italien brauchte, um bei der Globalisierung mitzuhalten: mehr Arbeitseinsatz, mehr Risikofreude, mehr harten Wettbewerb. Dann berichtete er über den Besuch bei seinem idyllisch verwilderten früheren Tennisklub im Zentrum von Rom und die perfekten rigatoni al pomodoro, die ihm da serviert wurden. «Die Amerikaner hätten das Gelände längst flachgewalzt und mit Eigentumswohnungen überbaut», schrieb Cohen, «aber wer sagt mir, dass Italien falsch liegt, wenn es alldem widersteht?»

Es liegt falsch, weil die Leute, die Rigatoni servieren, sich eine Pizza im Restaurant nur noch knapp leisten können. Das Unangenehme ist, dass uns das nie so berührt hat wie ihre perfekte Pasta und ihr Talent zu sagen, was man hören will.


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