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11.04.2006, Ausgabe 15/06

Integration

Multikulturell ist keine Identität

Wer sind wir Schweizer? Was erwarten wir von den muslimischen Einwanderern? Die CVP hat ihr Jahrhundertthema entdeckt. Sollte sich die Partei auf ihre christliche Tradition besinnen, hat sie wieder eine Zukunft.

Von Markus Somm

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Ist die CVP, die Partei der Christlichdemokraten, inzwischen eine Partei von Rassisten geworden? Wer in den vergangenen Wochen mit Vertretern der CVP über das berüchtigte Muslim-Papier sprach, das Präsidentin Doris Leuthard kürzlich via Facts bekannt gemacht hatte, dem bot sich ein Bild der trotzigen Verunsicherung. Schon nach zwei, drei Fragen entschuldigten sich die Gesprächspartner: Man sei doch überhaupt nicht «rassistisch». Die Forderung, wonach sich die Muslime an unsere Regeln zu halten hätten, sei harmlos, man habe bloss die Diskussion gesucht über «Dinge, die die Leute beschäftigen». In der Tat. Er habe Dutzende von zustimmenden Mails erhalten, bestätigt Reto Wehrli, Schwyzer Nationalrat und einer der Verfasser des Papiers – von Wählern, die ihn ermutigten, das Thema weiter zu verfolgen. Wenn Kritik aufkam, dann eher der Art: «Ihr hättet härter sein müssen.»

Wo ist die Provokation?

Härter war die Reaktion der Medien: «Wer ist die Lauteste im ganzen Land?», ekelte sich die Basler Zeitung und unterstellte: «Die CVP-Präsidentin rückt mit den pointierten Äusserungen zum Islam von ihrer gesellschaftspolitisch liberalen Haltung ab – und sie wildert im politischen Revier der SVP.» Der Tages-Anzeiger behauptete: «CVP-Präsidentin provoziert Muslime» – gestützt auf die Aussagen zweier Muslime, um wenig später triumphierend zu berichten: «CVP muss ihr Islam-Papier entschärfen» – obwohl nach Angaben der Partei nichts zurückgenommen wird. So geprügelt, beugte sich am Freitag vergangener Woche das Präsidium über das Papier, um eine Endfassung zu beschliessen. Bis Redaktionsschluss war unklar, ob doch noch inhaltliche Änderungen vorgenommen werden. Diesen Mittwoch soll es veröffentlicht werden. Dem Vernehmen nach wurde am Freitag vor allem um die Formulierungen gerungen. Die politische Korrektheit im Nacken, traute sich der eine oder andere Christdemokrat nicht mehr, das zu sagen, was er meinte.

Tatsächlich sind die Positionen, die Leuthard damals publizierte, wenig provokativ: Unter anderem verlangt die Partei ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen, keinen Dispens vom Schwimmunterricht für Mädchen, entschlossenes Vorgehen gegen Islamisten oder den Aufbau einer theologischen Fakultät für Imame in der Schweiz. Insgesamt bemüht man sich, sanft aufzutreten: «Die CVP empfiehlt den Kantonen für praktische Fragen (Bau von Moscheen, muslimische Friedhöfe), das Gespräch mit den muslimischen Gemeinschaften zu suchen.» Nachdenklicher stimmt, wie leicht sich die Partei aus dem Konzept bringen liess. Es ist ein Lehrstück dafür, wie heute in der Schweiz dringende Debatten schon im Keim erstickt werden.

Gemeinsam mit linken Parlamentariern konzentrierten sich die Medien darauf, der CVP «nationalkonservative» Neigungen anzuhängen, im Wissen, dass sich die Partei dann nurmehr darum kümmert, sich von sich selbst zu distanzieren – während ihr Anliegen im Orkus versinkt. Im Tages-Anzeiger hielt der grüne Nationalrat Josef Lang der Partei gar ihre katholisch-konservative Vergangenheit vor. 1891 waren die Vorgänger der CVP, die Katholisch-Konservativen, zum ersten Mal mit einem Vertreter in den Bundesrat gewählt worden. «Hätte der Freisinn an sie die gleichen Ansprüche gestellt wie heute die CVP an die Muslime, wäre sie frühestens 75 Jahre später in die Landesregierung gelangt», glaubt Lang. Abgesehen vom Detail, dass die Katholiken keine zugewanderte Minderheit waren, die sich frei entscheiden konnte, ob sie in diesem liberalen Bundesstaat leben möchte oder nicht, unterschlägt Lang, wie offensiv gerade die Liberalen ihre liberalen Auffassungen durchgesetzt hatten. Das Jesuiten-Verbot fiel erst 1973 – weil dem Freisinn durchaus bewusst war, wie gefährlich diese intellektuelle Elite des Katholizismus wirken konnte. Doch im Gegensatz zu islamistischen Vordenkern empfahlen die Jesuiten nie, ehebrecherische Frauen zu steinigen. Kurz, die Integration der Katholiken in den Bundesstaat erfolgte nicht mit «interkulturellen Dialogen» und relativistischen Toleranzappellen, sondern zuerst durch einen Bürgerkrieg, dann durch inhaltliche Kompromisslosigkeit.

Was Protestanten an Katholiken stört

Dass sich die CVP als erste Partei über die Muslime und ihr gebrochenes Verhältnis zum säkularen Staat Gedanken macht, entbehrt trotzdem nicht der historischen Ironie. Da liegt Josef Lang richtig. Der Weg der Katholiken in die Moderne war steinig. Lange fiel es ihnen schwer, die protestantisch-liberale Forderung nach einer Trennung von Kirche und Staat zu akzeptieren. Wobei die Reformierten nie ganz konsequent waren: Ihre Kirchen waren auch nicht vollständig vom Staat getrennt, sondern durch ihn beherrscht. Was die Protestanten an den Katholiken störte, war die ausländische Kontrolle der römisch-katholischen Kirche durch den Papst.

Gewiss, im Vergleich zu manchen Muslimen lag für die Katholiken das Mittelalter viel weiter zurück, als sie im 19. Jahrhundert mit den Herausforderungen der Moderne konfrontiert wurden. Ausserdem ist die christliche Tradition grundsätzlich egalitärer als der Islam. Die Stellung der Frau war immer besser. Dennoch bereitete den Katholiken besonders der Durchbruch des gesellschaftspolitischen Laisser-faire nach dem Zweiten Weltkrieg grosses Kopfzerbrechen: Ein Bauernpater, berichtete 1959 Der Katholische Schweizerbauer, wollte dort den Segen verweigern, «wo trotz gütiger Mahnung die Männer und Burschen im Sommer ohne Leibchen heuen und schaffen. Sie sollten doch auf Frauen und Mädchen mehr Rücksicht nehmen. Das Heilige wirft man nicht den Schweinen vor.»

«Sittliche Verwilderung»

Die Klagen der Priester in den fünfziger Jahren gleichen den giftigen Schilderungen des Westens, wie sie radikale Imame heute im Internet verbreiten. Ein Pfarrer im freiburgischen Wünnewil, das nahe beim reformierten Bern liegt, stellt 1950 eine «sittliche Verwilderung» fest, deren Ursachen er in Stichworten so zusammenfasst: «Reiche Verdienstmöglichkeiten, überall Vergnügungsanlässe, Ausflüge, Theater, Kino. Wenig elterliche Autorität. [...] Schlechte Bücher, Zeitungen, Tagwacht [Zeitung der SP], unsittliche Reden in den Fabriken Wander in Neuenegg, Thörishaus, Laupen bilden weitere Gefahren. [...] Der sozialistische und protestantische Einfluss ist mächtig. Protestantische Glaubenslosigkeit ohne etwelchen Kirchenbesuch. Neben der schlechten Presse ist auch der Besuch von Sekten von Seiten einiger Katholiken; Aufführungen von gefährlichen Filmen in Flamatt, Neuenegg, Bern. Geburtenbeschränkung bei den Arbeitern. In Neuenegg vielfach Austausch der Ehefrauen.» Vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte ist die CVP wie keine andere Partei berufen, religiösen Muslimen aufzuzeigen, wie sie sich in einem säkularisierten Land zu verhalten haben. Der CVP daraus einen Vorwurf zu machen, dass sie einst selbst die liberale und reformierte Leitkultur ablehnte, ist grotesk.

Ein Zweites kommt hinzu: Will die CVP künftig eine Rolle spielen, tut sie gut daran, das C in ihrem Namen ernst zu nehmen. Wer die CVP wählt, ist nach wie vor überwiegend katholisch – und fühlt sich einem christlichen Menschenbild verbunden (was immer das im Einzelnen bedeuten mag). Zwar hat sich der Anteil der katholischen Wähler stetig verringert (1983: 93 Prozent, 1999: 75 Prozent), doch von den Hoffnungen, die die «Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei» 1971 dazu bewegten, sich neu CVP zu nennen, um nach dem Vorbild der deutschen CDU auch Protestanten zu gewinnen – von diesen Zielen ist die CVP weit entfernt. Was seit 1971 als Makel galt und viele Exponenten der Partei dazu verleitete, es wie eine geheime Liebschaft zu verbergen: das Katholische – ist tatsächlich eine unschätzbare Stärke. Als ich einst im Tages-Anzeiger auf die katholischen Wurzeln der CVP hinwies, und ein schönes Bild des Hochamts – der sonntäglichen Hauptmesse – dies unterstrich, überlegte sich die damalige CVP-Führung rechtliche Schritte gegen diesen Artikel: Als so unfair, als so polemisch empfand man diese Darstellung.

Joseph Ratzinger, der neue Papst Benedikt XVI., beweist, wie attraktiv für manche Menschen ein geschlossenes, konservatives, christliches Weltbild sein kann. Ja, es ist durchaus vorstellbar, dass gerade die Einwanderung zahlreicher religiöser Muslime die Re-Christianisierung Europas vorantreibt. Israel, das dem muslimischen Aufbruch schon viel länger ausgesetzt ist, erlebte seit den neunziger Jahren eine ausgeprägte Renaissance des jüdischen Glaubens. Die rituellen Speisegesetze werden von vielen eingehalten, und mehr Menschen heiligen den Sabbat. Als liberaler Agnostiker stelle ich wertfrei fest: Die CVP hat eine glänzende Zukunft vor sich, wenn sie sich auf ihre katholische, christliche Tradition besinnt – das muss sich keineswegs mit der konservativen Ausrichtung des heutigen Papstes decken. Aber christlich fundiert muss ihr politisches Weltbild sein – und sie sollte es vor sich hertragen wie eine Monstranz. «Liberal-sozial», wie sie sich neuerdings geschichtsvergessen nennt, erinnert an die Swissair, die sich kurz vor dem Untergang «SAir Group» taufte. Eine alte elegante Dame mit viel zu kurzem Rock.

In der Geiselhaft der Geschichte

Wie richtig der konservative Papst liegt, zeigt sich nicht zuletzt daran, wie nervös die linksliberal-sozialdemokratischen Eliten Europas auf die angeblich reaktionären Zumutungen aus Rom reagieren. Schon beim Wort «Werte» werden sie unruhig. Wer Europa für «christlich» hält, muss sich sogleich von jeglichem Klerikalfaschismus distanzieren, um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. «Abendland» ist ein Unbegriff, weil er womöglich Unterschiede zum Morgenland impliziert.

Wie in vielen Dingen sind die Europäer Gefangene ihrer jüngsten Geschichte: Weil die Nazis die Vernichtungspolitik gegen das europäische Russland als Verteidigung des Abendlandes tarnten, gilt es in den ideologisch führenden Kreisen heute als inopportun, über die kulturelle und religiöse Einzigartigkeit Europas, mithin des Westens zu sprechen. Falsche Propheten, die für tolerant halten, wer Differenzen leugnet, haben die Debatte auf ein fast kindlich unrealistisches Niveau heruntergezogen. Selbstverständlich sind Muslime anders, sie glauben an einen andern Gott. Das macht sie nicht schlechter, aber auch nicht besser: Vor allem kollidieren ihre religiösen Vorstellungen mit einigen Errungenschaften der europäischen Aufklärung, die – das wird oft unterschlagen – ohne christliche Tradition nie stattgefunden hätte.

Bei aller Klage über das autoritäre Papsttum: Nur weil sich die römische Kirche dem weltlichen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einst erfolgreich entzog, ihn am Ende gar besiegte, kennt Europa die jahrhundertalte Spaltung zwischen religiöser und weltlicher Macht. Nur im Windschatten des gigantischen Konflikts zwischen Papst und Kaiser stiegen die westlichen Nationalstaaten und die europäischen Städte auf – im Übrigen auch die Eidgenossenschaft. Allein hinter den geschützten Mauern der Klöster, aus denen später auch die Universitäten hervorgingen, konnte sich der einzigartige Typus des europäischen Intellektuellen entfalten, der die politische Macht kritisieren darf, ohne je fürchten zu müssen, dass ein Sultan ihm den Kopf abschlägt. Genauso wie der Gelehrte, der sich unter die Protektion eines Fürsten oder einer Stadt begeben hatte, Papst und Kirche aufs Korn nehmen konnte. In Bagdad, Kairo oder Damaskus wäre Martin Luther schon nach seiner ersten These hingerichtet worden – weil das Kalifat weltliche und geistliche Herrschaft verband. Mit anderen Worten, die Trennung von Kirche und Staat, die auf Muslime so fremdartig wirkt, ist nur vordergründig ein Konzept der Aufklärung, sondern entspringt der Geschichte des christlichen Europa.

Doris Leuthard, der bislang recht erfolgreich agierenden Präsidentin der CVP, ist ein Geniestreich gelungen, als sie unter dem Eindruck des Karikaturen-Streits die Veröffentlichung des Muslim-Papiers forcierte. Bleibt die Partei bei der nötigen Klarheit, hat sie ein neues fruchtbares Feld erschlossen. Seit Monaten hatten Christdemokraten am Papier gearbeitet: «Journalisten fragten uns wiederholt nach unserer Position zu Muslimen und Islamismus. Es war die Zeit, als in Holland der Filmemacher Theo van Gogh ermordet worden war. Damals setzten wir eine Arbeitsgruppe ein.» Van Gogh war im Herbst 2004 von einem Islamisten erschossen worden, weil er in einem Film die Unterdrückung die islamische Kultur kritisiert hatte. Leuthard deutet auf eine der entscheidenden Schwächen Europas hin, wenn sie sagt: «Von Muslimen selbst haben wir gehört, dass sie von uns Regeln erwarteten, nach denen sie sich richten können.»

Wer sich seiner eigenen Identität nicht mehr sicher ist, sendet gerade für Einwanderer die falschen Signale aus – wie der italienische Politikwissenschaftler Emanuele Ottolenghi in einem bedenkenswerten Essay unlängst ausführte. Mit Blick auf das verwandte Phänomen, dass die Europäer jeglichen Nationalismus unter Quarantäne gestellt haben, schreibt er: «Wenn nationale Identitäten an den Rand gedrängt werden, verlieren sie die Kraft, Loyalität zu sichern, und sie wirken auf Einwanderer wenig attraktiv. Diese sehen sich umso weniger veranlasst, sich als ‹Briten› oder ‹Franzosen› oder als ‹Belgier› zu verstehen, wenn selbst die Eingesessenen ein solches Selbstverständnis ablehnen.»

Es ist nicht wahr, wie die Islamisten vermuten, dass die dekadenten Europäer keine Werte mehr hätten – ebenso falsch ist die Auffassung, dass Religiosität und Christentum hier keine Rolle mehr spielten. Eine amerikanische Umfrage, die im renommierten Atlantic Monthly kürzlich nachzulesen war, hat ergeben, dass fast genauso viele Amerikaner wie Europäer an Gott glaubten. Worin sich die beiden westlichen Cousins markant unterscheiden, ist die Tatsache, wie oft sie in die Kirche gehen. In Amerika, wo die Kirchen sich ihre Finanzen selbst sichern und sozusagen auf dem Markt der Religion zu bestehen haben, bemühen sich die Pfarrer darum, ihren Gläubigen etwas zu bieten. Gottesdienste sind Ereignisse, Kirchen bewährte Selbsthilfeorganisationen, die ihren Mitglieder das rare Gut des belonging vermitteln. Dass in Europa die Kirchenbänke leer bleiben, liegt am Staatskirchentum, wo Pfarrer wie Beamte sich nicht darum scheren, wie attraktiv ihr Angebot ist. Das Bedürfnis, an Gott zu glauben, ist in Europa nicht weniger ausgeprägt. Am Ende wird der Arbeitsmarkt entscheiden, ob ein Einwanderer, egal, welchen Glaubens er ist, zum Europäer wird. In manchen Dingen nun fast schweizerischer als die Einheimischen, haben sich die Italiener, die in den fünfziger und sechziger Jahren in die Schweiz gekommen sind, nicht zu Schweizern gewandelt, weil einige wohlmeinende Integrationsexperten sie zu «Kulturvermittlern» befördert hatten, sondern weil der Markt ihnen Chancen bot. Dabei spielte eine erkennbare Leitkultur eine segensreiche Rolle. Eine Leitkultur ist ein Angebot, das dem Neuankömmling klar macht, worauf er sich einlässt, und es erleichtert es ihm auch, auf dem Markt zu bestehen. Kulturelle Praktiken, die sich nur schlecht verkaufen, nimmt der Einwanderer von selbst zurück. Es gehört zu den Ironien der Schweizer Geschichte, dass die angeblich biedere, intolerante und selbstgerechte Schweiz des Sonderfalls in den fünfziger und sechziger Jahren eine grosse Zahl von Einwanderern aus dem Süden viel besser und reibungsloser integrierte, als dies die heutige Schweiz tut. Multikulturell ist keine Identität.

Für Identitätsfragen sind Liberale gemeinhin nicht zuständig, doch die Konservativen blicken auf eine lange Erfahrung zurück. Es ist die CVP, die für diese Tradition steht.


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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 15/06
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