«Alison Wolf spinnt», schreibt Sarah aus London wütend: «Soll ich plötzlich mein Hirn ausschalten und meine professionellen Begabungen zugunsten eines Babys auf Eis legen?» – «Wegen egoistischer Frauen wie dir stirbt die Menschheit irgendwann aus», antwortet ihr Maggie aus Manchester. Sarah: «Falsch. Ich habe nichts gegen Kinder, solange sich mein Partner um sie kümmern wird.» So streiten zurzeit Hunderte von Frauen und Männern in einem Internetforum, das die englische Wochenzeitung The Observer unter dem Titel «Denken Sie, dass der Feminismus tot ist?» initiiert hat.
Der hitzigen Debatte ging ein kontroverser Essay voraus, den Alison Wolf, Buchautorin («Spielt Erziehung eine Rolle?») und Professorin am Londoner King’s College, vor drei Wochen im renommierten Politmagazin Prospect veröffentlicht hat. Die Reaktionen in der englischen Presse waren heftig. Wolf, die seither mit wütenden E-Mails überhäuft wird, erklärt gegenüber der Weltwoche: «Die meisten Reaktionen bestätigen meine These. Ich warte noch immer auf eine halbwegs vernünftige Kritik, die dem Thema angemessen wäre.»
In ihrem Artikel nimmt die Ökonomin die wachsende Gruppe von hochqualifizierten und gutverdienenden Erfolgsfrauen ins Visier, die unbekümmert die Karriereleitern hochkraxeln und dabei mehr Schaden anrichteten als bisher angenommen. «Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit verdienen diese Frauen genauso viel wie die Männer, und Benachteiligungen durch das starke Geschlecht haben sie auch keine mehr zu befürchten», so Alison Wolf. Kein Grund zur Freude, findet die Professorin: «Drei ausgesprochen negative Konsequenzen, die mit diesen sogenannten Verbesserungen einhergehen, erhielten bisher weniger Aufmerksamkeit, als sie es verdienen.»
Erstens: «Diese Entwicklung bedeutet den Tod der Schwesternschaft», schreibt sie, «das Ende eines Millenniums, in dem Frauen aus allen sozialen Schichten und in allen Gesellschaften die gleichen Lebenserfahrungen sammelten und unter ähnlichen Missständen litten.» Zweitens: Früher verbrachten brillante Frauen ihr Leben im Lehrerzimmer oder leisteten wertvolle Freiwilligenarbeit. Beides sei für die Entwicklung der modernen industrialisierten Gesellschaft von immenser Wichtigkeit gewesen: Den heutigen Wir-wollen-und-bekommen-alles-Frauen hingegen gehe Altruismus und Empathie ab, und die Erosion typisch weiblicher Eigenschaften führe dazu, dass die Talentiertesten von schlechtbezahlten Jobs im sozialen Bereich ebenso wenig hielten wie von der Fürsorglichkeit zum Nulltarif.
Und drittens sei der Wunsch, beruflich erfolgreich zu sein, die grösste Entmutigung, eine Familie zu gründen. Deshalb, so Wolf, sei die aktuelle demografische Krise in der westlichen Welt in erster Linie den erfolgreichen Frauen zuzuschreiben. Frauen wie Susanne, die im Internetforum des Observer schreibt: «Weil man nicht alles haben kann, traf ich schon früh eine Entscheidung. Ich will eine tolle Karriere, viele Reisen, Shoppingtrips und all die anderen netten Dinge, die das Leben zu bieten hat. Ergo verzichte ich auf eine Familie.» Alison Wolfs Fazit: Diese «Elitefrauen» denken materialistisch wie die Männer, sie handeln egoistisch wie die Männer, sie sind die Totengräberinnen des Feminismus.
Zurück an den Herd
Gegenüber der Weltwoche präzisiert sie diese Provokation: «Nur eine einheitliche Gruppe kann sich erfolgreich für gemeinsame Anliegen einsetzen.» Heute mache es eben wenig Sinn, generell von «den Frauen» zu sprechen. Man müsse unterscheiden zwischen jenen, die Karriere machen, und jenen, die einen anspruchslosen Teilzeitjob haben. Wie schnell eine Frau nach der Geburt eines Kindes an den Arbeitsplatz zurückkehre, habe etwas mit ihrer Ausbildung zu tun, so Wolf. Laut britischen Statistiken verfügten 13 Prozent aller Frauen im erwerbstätigen Alter über eine professionelle Ausbildung, und 70 Prozent dieser Frauen arbeiteten full time. Bei den unausgebildeten Arbeitnehmerinnen betrage dieser Anteil gerade einmal 35 Prozent.
Während die weniger gut ausgebildeten ihre Berufstätigkeit dem Familienleben entlang organisierten, sagt Wolf, erklärten die Privilegierten ihre Karriere zur obersten Priorität. Und selbst wenn sich eine erfolgreiche Berufsfrau mit 35 noch für ein Kind entscheide, habe sie keine grosse finanzielle Einbusse oder Benachteiligungen bei der weiteren Laufbahnplanung zu erwarten. Karrieremütter würden bereits vor Beendigung des Mutterschaftsurlaub freudig ins Büro zurückeilen, und dank einer Full-Time-Nanny sei auch die Wiederaufnahme von Zwölf-Stunden-Arbeitstagen kein Problem, schreibt Wolf. Und: «Früher war das Kindermädchen eine Ergänzung zur Mutter, heute ist es ein Ersatz für die Mutter. Das ist nicht gut.»
Die für tot erklärte Schwesternschaft reagierte in der Zwischenzeit geschlossen missmutig auf die wenig fortschrittlich erscheinenden Thesen der 55-jährigen Professorin. Britische Frauenbeauftragte, Gleichstellungsbüros und empörte Berufsfrauen meldeten sich öffentlich zu Wort. Sie kritisierten vor allem drei Punkte des umstrittenen Essays.
Erstens: Bei den Feministinnen habe es sich nie um eine homogene Gruppe gehandelt, und trotzdem kämpfe man bis zum heutigen Tag erfolgreich für ähnliche Anliegen.
Zweitens sei die Situation von Karrierefrauen weit weniger rosig als von Alison Wolf dargestellt: Noch heute existiere ein «gläsernes Dach»; hochdotierte Teilzeitarbeitsstellen seien im Kaderbereich eine Seltenheit; die Abgabe von Erziehungspflichten an Nannies und Grannies sei das Resultat dieses Missstands; die sogenannten Elitefrauen würden es bei maximal einem Kind belassen, weil sie keine Lust auf minderwertige Arbeit und Lohneinbussen hätten.
Und drittens: Die Männer, die in Alison Wolfs Essay erst gar nicht auftauchten, müssten ebenfalls zur Verantwortung gezogen werden.
Angesichts der heftigen Kritik, die ihre Thesen auslösten, erklärt Alison Wolf: «Ich habe keine Lösung für dieses Problem. Ich sage nicht, dass die Frauen ins Haus zurückkehren sollen – ich sage nur, die Revolution am Arbeitsplatz hat gesellschaftliche Konsequenzen.» Und: «Auch progressive Kreise täten gut daran, die Spannung zwischen dem modernen Arbeitsplatz und dem Wohlbefinden der Familien nicht einfach unter den Teppich zu kehren.»
Vorschläge, wie der Misere beizukommen wäre, erhält Wolf seit drei Wochen fast täglich. Sie sei erstaunt darüber, meint die umstrittene Ökonomin, wie viele Menschen der Meinung seien, dass Frauen an den Herd gehörten.
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Audiofile zum Artikel
11.04.2006, Ausgabe 15/06
Feminismus
Karriere, Kostümchen, Koitus
Elitefrauen sind auch nur Männer, sagt die britische Ökonomieprofessorin Alison Wolf. Und macht sich mit dieser Feststellung wenig Freundinnen.

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