Intern

Editorial

Dieter Behring – Emmens Sozialdetektiv

Von Jürg Wildberger

Das Urteil ist gefällt, bevor der Prozess begonnen hat: Dieter Behring, 50, wird als grösster Wirtschaftskrimineller des Landes seit Werner K. Rey durch die Medien geschleift. Die Unschuldsvermutung ist oft nur noch eine Floskel. In offiziellen Briefen schreibt die Bundesanwaltschaft, die wegen gewerbsmässigen Betrugs und Geldwäscherei gegen ihn ermittelt, ausdrücklich von einem «System Behring». Das Bundesstrafgericht nennt in seinen Entscheiden, genauso ungewöhnlich, Behrings vollen Namen. Vor 18 Monaten wurde der Basler Financier verhaftet. Die Bundesanwaltschaft verdächtigt ihn, Anleger um rund 200 Millionen Franken gebracht zu haben. Im Gespräch mit Wirtschaftschef Daniel Ammann schildert Dieter Behring nun zum ersten Mal seine Version der Affäre. Laut Behring habe sie ungeahnte Ausmasse: Nicht 200 Millionen Franken seien verschwunden, wie die Bundesan- waltschaft behauptet, sondern sechsmal so viel: über 1,2 Milliarden.


Bei unsern Nachbarn ist längst Alltag, worüber in der Schweiz noch heftig diskutiert wird: der Einsatz von Sozialdetektiven, die den Betrügern unter den Fürsorgebezügern auf die Spur kommen sollen. In Deutschland haben die Kontrolleure ein Mehrfaches ihrer Kosten eingespielt, in der Schweiz verzichten die meisten Gemeinden bis heute auf den Einsatz von Detektiven. Und dem einzigen vollangestellten Sozialinspektor, im luzernischen Emmen, wurde arg zugesetzt. Als «Sozial-Stasi» oder «die mieseste und dreckigste helvetische Schnüffelratte» wurde Christoph Odermatt in den Medien bezeichnet. Dabei hatte sich keiner der Schreiber die Mühe genommen, persönlich mit dem Expolizisten zu sprechen. Zugegeben, das ist nicht ganz einfach. Nur widerwillig empfing Odermatt Weltwoche-Redaktor Alex Baur in seinem Büro, nach fünf Minuten schaute der Mann bereits missmutig auf seine Uhr. Doch Baur insistierte, bis Odermatt Vertrauen fasste und schliesslich mehrere Stunden lang von seinem Job erzählte. Nach vielen Gesprächen mit Befürwortern und Gegnern solcher Ermittlungen im Fürsorgebereich kam unser Autor zum Schluss: Der Sozialinspektor ist besser als sein Ruf. Wie viel Geld der Staat mit ihm spart, bleibt allerdings unklar.


Jürg Wildberger

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben