«Die gleiche Uhr hab ich auch, das ist aber ’ne echte Rolex, oder? Ich hab die nämlich als Fake in Thailand gekauft, weil ich die so toll fand. Gold, blau, Silber, das ist gut. Und auf einer Aktion in Frankfurt, ich stand da mit den Arbeitslosen auf einem Sockel, rief einer: ‹Du brauchst doch gar nichts erzählen, schliesslich hast du ’ne Rolex, dir geht’s doch gut.› Dann kam ein Mann mit tätowierten Armen, so einer von St. Pauli, würde man sagen, der sagte: ‹Moment mal, ich kenn mich aus, zeig mal her, kann ich eindeutig sagen, meine Damen und Herren, das ist keine echte Rolex.› Dann gibt er mir die zurück und sagt leise: ‹Die ist doch echt.›» (Meine Einstiegsfrage wär gewesen: «Sie kamen gestern zurück aus Brasilien, was haben Sie dort gemacht?», aber er ist schon angewärmt.)
«Das ist die Weltwoche.» – «Kenn ich, schätz ich.» – «Ich schreib also nicht für ein Fachpublikum.» – «Aber für eins voller Vorurteile.» Es gibt eigentlich keinen Anlass für dieses Gespräch, drum auch keinen Hinweis auf ein neues Stück oder eine neue Aktion von ihm als Fusszeile. Der Gedanke, ihn zu treffen, kam mir, nebenbei, als ich von Ulf Poschardt, der die Autokolumne schreibt, eine Einladung bekam zu seinem 39. Geburtstag, er hatte die E-Mail so verschickt, dass man sehen konnte, wer sonst noch eingeladen war. (Herr Schlingensief kam dann zwar nicht aufs Fest, Inga Humpe und Benjamin von Stuckrad-Barre kamen auch nicht, alle andern aber schon.)
«Seit Ihrer Aktion ‹Area 7› im Wiener Burgtheater vor zwei Monaten gehören Sie zu den grossen deutschen Künstlern, stand in der Süddeutschen. Sehen Sie’s auch so?» – «Es ist nett, wenn man so etwas liest, kann ich nicht abstreiten, andererseits ist es auch nur ein Artikel. Ich hab damit wenig zu tun, weil die Hauptsache meiner Arbeit immer war: Es muss fliessen, es muss weitergehen. Und ich hab ja schon vier oder fünf Tode hinter mir, nach der Partei oder dem Wien-Container...» (zwei seiner früheren Kunstaktionen) «Ich halte nicht so viel, ehrlich gesagt, von Zeitungen.»
Wir sind in der Küche seiner Wohnung in Berlin, Prenzlauer Berg, an den Wänden kleben Plakate seiner Filme («Das deutsche Kettensägenmassaker», «100 Jahre Adolf Hitler»), auf der Küchenabdeckung gibt es eine Webcam und einen Schädel. Er hat ein grünes Hemd an und Jeans, und seine Haare sind noch feucht von der Dusche. «Gehören Sie denn jetzt zum Establishment, als grosser Künstler?» – «Na ja, das ist ja das Ding, ich krieg jetzt auch mal ein Angebot, im Ausland ein Theater besichtigen, in Paris war ich, es gibt schon mythische Orte, die sich öffnen. Das ist aber nicht mein Bestreben, ich glaube, ich bin auch zu missverständlich. Jetzt hab ich eine Kuratorin getroffen, die sagte: ‹Beuys funktioniert nur noch in Darmstadt›. Das ist dann der Satz, der übrig bleibt. Ich werd immer aus Oberhausen kommen. Oder ich hab eine Blinddarmnarbe, die ist riesig, weil er geplatzt war, das sind so Sachen. Graue Haare, die Augen werden schlechter... Ein paar Wahrheiten gibt’s einfach. Wie alt sind Sie eigentlich?»
«An mir berauschen?»
Ich mag ihn, er ist nett und gescheit, und manchmal sagt er tolle Sätze, aber irgendwie versteh ich ihn nicht. Ich glaub, das ist einfach so, wenn man Künstler interviewt, es wär wohl anders, wenn man nur so mit ihm reden würde, ohne Verabredung, ohne Tonband. (Wegen der peer pressure, des Drucks von Kollegen: «Hier, lies mal, was der Schlingensief gesagt hat im Interview.» – «He, den versteht man ja, der ist doch Mainstream, hat ausverkauft.») «Ich werd 41.» – «Ah ja, ich bin jetzt 45.» – «Schwieriges Alter, oder?» – «Ist komisch, nicht? Irgendwo fängt es so an zu kriseln im Körper, bei mir schmerzt jetzt auch der Rücken.»
«Im Spiegel stand: ‹Schlingensief, das ist Eigenblut-Doping, der Mann berauscht sich an sich selbst.›» – «Also ich kann bestätigen, dass ich superfroh bin und auch stolz, wenn ich was gemacht hab. Aber an mir berauschen? Nicht dass ich sage: ‹Guck mal, wie toll›, ich will, dass andere daran teilhaben, Sie können meine Freundin fragen.» (Hätt ich gern gemacht, die war aber nicht da, sie ist 25, nebenbei.)
«Ich geh ja eigentlich nicht ins Theater, aber wenn, dann kommt immer eine Szene, in der ein Mann im Unterhemd auf der Bühne kniet und einen Monolog ins Dach redet. Warum macht man so was als Regisseur?» – «Ich glaube, man meint immer, man ist auf der Bühne derjenige welcher. Aber man merkt, wenn man das tut, dass das hochgradig peinlich ist, man ist nicht Hamlet. Und dann kommt der Satz: ‹Der Raum überprüft uns und nicht wir den Raum.›»
Christoph Schlingensiefs Lieblingsrestaurant:
Zum Schwarzen Kameel, Bognergasse 5, Wien, Telefon +43 1 533 81 25













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