Philosophie

Hier stinkt’s

Harry G. Frankfurt hat ein Phänomen untersucht, an dem unsere Kultur noch ersticken wird: Bullshit.

Von Sacha Verna

400000 Exemplare wurden von Harry G. Frankfurts Buch allein in den USA verkauft. In über fünfzehn Sprachen wurde es übersetzt. Dabei verspricht der Titel nur eines, nämlich «Bullshit». Frankfurt, emeritierter Professor für Moralphilosophie an der Princeton University, widmet sich in seinem Essay einem Phänomen, das wir alle kennen und für das wir viele Namen haben: Humbug, Mist, Quatsch, Quark, Unfug. Doch wie Frankfurt zeigt, schützt uns das blosse Erkennen von Bullshit noch lange nicht davor, dafür empfänglich zu sein. Er geht sogar noch weiter: In unserer Passivität sieht Frankfurt eine ernstzunehmende Bedrohung für unsere Kultur, da, so seine Befürchtung, unser Respekt vor der Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt.

Frankfurt argumentiert mit Wittgenstein und Augustinus, er definiert und analysiert mit allen Mitteln, die ihm als Philosoph zur Verfügung stehen. «Bullshit» ist keine saloppe Plauderei über dies und das. Das wäre Bullshit. «Bullshit» ist eine luzide Abhandlung über die heisse Luft, die uns irgendwann den Atem nehmen könnte.



Herr Frankfurt, wie interpretieren Sie die Tatsache, dass Ihr schmales Büchlein mit dem Originaltitel «On Bullshit» so überraschend zum Bestseller geworden ist?
Darüber habe ich mir auch wiederholt Gedanken gemacht. Vor der Veröffentlichung nahm ich an, dass es vor allem eine Sorte Leute ansprechen würde: solche, die die Vorstellung reizvoll finden, dass ein Philosophieprofesser einer Eliteuniversität sich eines so kruden Themas annimmt und sich einer so kruden Sprache bedient. Aber dadurch allein lässt sich der grosse Erfolg des Buchs nicht erklären. Inzwischen vermute ich, die Leute haben ganz einfach genug von dem endlosen Strom von Bullshit, dem sie ausgesetzt sind. Dass sie das Bedürfnis haben, sich zu wehren gegen die bullshitproduzierenden Kräfte, die ihren gesunden Menschenverstand, ihre Vernunft, ihre geistige Gesundheit attackieren. Und dass sie sich von meinem Buch eine Erklärung für dieses Phänomen und Hilfe im Umgang damit versprechen.

Ihr Essay erschien ursprünglich aber bereits vor über zwanzig Jahren. Gibt es denn erst jetzt so viel Bullshit, dass sich die Leute darüber aufregen?
Es ist schwierig, die Menge an Bullshit zu messen. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass sich die Menge an Bullshit in den letzten zwei, drei Jahrzehnten nennenswert vergrössert hat. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Bullshit sich anhäuft. Die Menschen sind ihm ihr ganzes Leben lang ausgesetzt, und irgendwann hat sich so viel davon angesammelt, dass sie ihm etwas entgegensetzen müssen.

Sie definieren Bullshit als etwas, das ohne Rücksicht auf Wahrheit produziert wird. Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich bin immer etwas hilflos, wenn ich um Beispiele gebeten werde. Obwohl es massenhaft davon gibt und ich der Erste sein müsste, der einige nennen kann. Aber ich will es versuchen: Ein amerikanischer Senator erklärte neulich, die globale Erwärmung sei die absurdeste Erfindung, die dem amerikanischen Volk jemals zugemutet worden sei. Diese Behauptung erscheint mir so unsinnig, dass der Mann unmöglich eine reale Grundlage dafür gehabt haben kann. Er stellte diese Behauptung nicht auf, weil er glaubte, sie stimmt, sondern weil er damit bei seinem Publikum einen bestimmten Eindruck erwecken wollte. Für ihn war also nicht der Wahrheitsgehalt des Gesagten entscheidend, sondern der Effekt, den er damit erzielen konnte.

Lügen und Bullshit haben aber doch dasselbe Resultat: Die Leute werden irregeführt.
Sicher. Aber im Fall von Bullshit werden die Leute nicht unbedingt über einen Sachverhalt getäuscht. Ein Bullshitter kann durchaus die Wahrheit sagen. Worüber er die Leute täuscht, ist seine Absicht. Er lügt oder sagt die Wahrheit, je nachdem, was er mit dem Gesagten bezweckt.

Was ist gefährlicher: Lügen oder Bullshit?
Meiner Ansicht nach stellt Bullshit eine heimtückischere Bedrohung für die Fundamente einer Kultur dar als Lügen. Der Respekt der Leute vor der Wahrheit wird durch Lügen nicht unterhöhlt. Sogar ein Lügner respektiert die Wahrheit. Er hält die Wahrheit für wichtig genug, um das Gegenteil von ihr zu behaupten. Dem Bullshitter dagegen ist die Wahrheit egal. Je williger die Leute Bullshit als normal akzeptieren, je mehr er zur Routine wird, desto weniger Respekt vor der Wahrheit haben die Menschen. Das ist ein besorgniserregendes Zeichen für den Zustand einer Kultur.

Warum soll die Passivität, mit der die Leute Bullshit begegnen, denn gefährlich sein?
Wenn wir uns belogen fühlen, werden wir wütend. Wir fühlen uns verletzt, hintergangen, beleidigt. Ein Politiker, der als Lügner entlarvt wird, kann im Gefängnis landen. Im besten Fall verliert er einfach sein Amt und das Vertrauen der Wählerschaft. Aber ein Politiker, der Bullshit redet – und das tun Politiker ständig –, riskiert nichts dergleichen. Es gilt fast schon als natürlich, dass Politiker nichts als Bullshit produzieren. Sie reden oft über Dinge, von denen sie nichts verstehen. Aber nicht nur Politiker: Es wird generell zu viel geschwatzt in unserer Gesellschaft. Der Grossteil dieses Geschwätzes entbehrt jeder soliden Grundlage. Leute verkünden ihre Meinung über Dinge, über die sie gar keine Meinung haben können. Sie kennen sich darin schlicht nicht aus. Die Folge davon ist eben: Bullshit.

Im Fall der Werbung glauben wir zu wissen, dass die Seife, die als beste aller Seifen angepriesen wird, vielleicht eine gute, aber vermutlich nicht die absolut beste ist. Das hält uns jedoch nicht davon ab, die Seife zu kaufen.
Nein. Genau deshalb funktioniert Bullshit so gut. Es mag uns bewusst sein, dass etwas Bullshit ist, aber es schützt uns nicht davor, ihm zum Opfer zu fallen. Bloss weil wir etwas als Bullshit erkennen, sind wir dafür noch lange nicht unempfänglich.

Hat Bullshit irgendwelche positive Seiten?
Er muss welche haben. Wie liesse sich sonst erklären, dass Bullshit so überlebensfähig, so weit verbreitet ist? Es muss darwinistische Vorteile geben. Allerdings habe ich diese Vorteile bisher noch nicht entdeckt.

Ist Bullshit eigentlich ein rein linguistisches Phänomen?
Nein, Bullshit kann in jeder Form der Kommunikation vorkommen. Es gibt nonverbale Formen von Bullshit wie Verhaltensweisen, Gesten oder Symbole. Bilder können sich einer Metaphorik bedienen, die purer Bullshit ist – auf Propagandaplakaten etwa.

Warum kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die USA nicht nur ein Wort dafür haben, sondern auch erschlagend viel Bullshit produzieren?
In den Vereinigten Staaten wurde das Fernsehen erfunden, das Internet, die Werbung, wie wir sie heute kennen, die Imagekultur...

...alles Quellen von Bullshit?
Alles Bullshit.



Harry G. Frankfurt: Bullshit.
Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Suhrkamp. 70 S., Fr. 14.90

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe