Rechtschreibreform

Tut uns leid

Was nach dem historischen Kompromiss übrig bleibt, ist zum Verzweifeln.

Von Max Wey

Das Rechtschreibreförmchen ist reformiert. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen haben die Kultusminister in Deutschland die Vorschläge des Rats für Rechtschreibung abgenickt. Auf Sat 1 gibt es den Begriff Filmfilm; hier haben wir es wohl mit der Reformreform zu tun.

Beim «umfassenden Standardwerk» der deutschen Rechtschreibung wird man sich die Hände reiben. Im Sommer wird der Duden erneut in den Bestsellerlisten zu finden sein. Es sieht sich aber getäuscht, wer glaubt, nun zur alten Rechtschreibung zurückkehren zu können. Wer sich indes sagt: Ich schreib, wie ich will, den Durchblick hat ohnehin niemand mehr, liegt so falsch nicht.

Wenn Sie sich jetzt die Haare raufen und Kopf stehen möchten, bitte, das geht nicht: Sie müssen jetzt wieder kopfstehen. Die armen Schüler konnten einem früher schon leidtun, dann mussten sie einem Leid tun, nach dem neusten Duden werden sie arg gebeutelt, sie tun einem gleichzeitig Leid und leid, währenddessen sich ihre Lage nach der Reformreform leicht bessert: Sie tun einem nur noch leid. Erbarmen!

«Du» oder «du» – die neusten Regeln erlauben in Briefen wieder die Grossschreibung, bis auf Weiteres oder weiteres. Auch die folgenden Begriffe dürfen wieder grossgeschrieben werden: die Erste Hilfe, das Schwarze Brett, der Blaue Brief. Da freut sich der Entlassene, wenn der Chef zur Tür – vor 1901 noch (mich laust der Affe!) «Thür» geschrieben – hereinkommt und ihm statt eines simplen blauen Briefs den Blauen Brief überreicht.

Grund zur Panik besteht aber weder bei der Vogelgrippe noch bei der Rechtschreibung. Novalis hat vor zweihundert Jahren «Filosofie» geschrieben. So ein Hallodri. Im berühmten Wörterbuch der Brüder Grimm benützt man die KLEINSCHREIBUNG, und den Dichterfürsten Johann Wolfgang von findet man, jesses!, so geschrieben: «göthe». Hat nicht schon Mick Jagger (Dübendorf) gesagt: «It’s only Rechtschreibung, but I like it»? Schreibt deutsch und deutlich, und im Zweifelsfall fragen Sie Ihren Arzt oder Korrektor.


Max Wey ist Chefkorrektor der Weltwoche.

Hören Sie diesen Artikel auf www.weltwoche.ch/audio

Audiofile zum Artikel

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben