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08.03.2006, Ausgabe 10/06

Internet

Ruhm ist vergänglich, Überleben für immer

Für Menschen mit Rock-’n’-Roll-Herzen ist das Webportal MySpace eine Bühne, auf der sie Musiker treffen, die seit längst vergangenen Hitparaden nicht mehr aufgetreten sind.

Von Roman Elsener

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«Terry Hall wants to be your friend» war der Titel der E-Mail, die mich am Sonntagabend überraschte. Hall war Ende der siebziger Jahre Sänger der britischen Ska-Band The Specials, feierte dann Pop-Erfolge mit Fun Boy Three und Colourfield, bevor er in der Versenkung verschwand. Nun habe ich ihn wieder entdeckt – vielmehr er mich: auf dem Webportal MySpace.com, der grössten virtuellen Gemeinschaft im World Wide Web. Ich brauche nur auf «Approve» zu klicken, und der britische Sänger wird der 378. meiner Space-Freunde. Unter ihnen darf er sich wohl fühlen, es befinden sich dort bereits zahlreiche Musiker, die in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren Bekanntheit erreichten und nun über MySpace erfahren wollen, ob denn noch Nachfrage nach ihren Songs besteht. Seit der Gründung vor etwas mehr als zwei Jahren haben sich fast 60 Millionen Benutzer ihr Kämmerchen in diesem virtuellen Raum eingerichtet und bilden damit einen Markt, den sich kaum ein Unterhalter entgehen lassen will. Und die Gemeinschaft wächst explosionsartig weiter – allein vergangene Woche verzeichnete sie über eine Million Neuzugänge. Medienmogul Rupert Murdoch hat das Potenzial erkannt: Er kaufte sich MySpace letztes Jahr für 580 Millionen Dollar.

Die Freundebörse funktioniert denkbar einfach und ist deshalb so erfolgreich: Gratis wird eine Plattform angeboten, auf der sich alle ins beste Licht rücken und ihre Vorzüge und Bastelarbeiten digital vorstellen können. Man schliesst sich Interessengruppen an, kommentiert, spielt, bewertet Kunst, Lehrer oder seine Freunde. Einzig eine E-Mail-Adresse braucht man zum Einloggen. Wer ein bisschen etwas von Webdesign versteht, gestaltet seine Seite selbst; wer keinen Schimmer von Websprache hat, benutzt die angebotene Vorlage mit eingebautem Blog und der Möglichkeit, Fotos und Musik hochzuladen – alles, was der digital ausgerüstete Selbstdarsteller braucht. Nun werden Freunde wie Briefmarken gesammelt. Neben seinem Profil definiert sich der Benutzer also bald auch durch seinen Space-Freundeskreis, ganz wie früher ein Blick auf die Plattensammlung einer Bekanntschaft genügte, um Freundschaft zu schliessen. So wird, wer kalifornische Muskelmänner auf seiner Seite hat, nicht mein Freund, während Mädchen mit Gitarren fast immer in mein Freundesland treten dürfen. Phil-Collins-Fans bleiben draussen, Freunde des Fussballs nicht.

Als Erste machte sich die alternative Musikszene MySpace zunutze. Das Portal bot schon früh Gelegenheit, gratis vier Songs der eigenen Band ins Internet zu stellen, um Fans und Friends anzuwerben. MySpace richtet sich aber nicht nur an Musiker und Songwriter. Hauptnutzer sind neben den Künstlern Schüler und Studenten, ein Fünftel von ihnen unter 17 Jahre alt. Sie bilden eine riesige potenzielle Fangemeinde, weshalb das Portal im Unterschied zu Konkurrenten wie Garageband.com oder Artistdirect.com nicht daran leidet, dass den Bands die Hörer ausgehen. Unterdessen ist die Website einem gutbestückten Plattenladen oder Nachschlagewerk ebenbürtig: Jede erdenkliche Band hat eine Fanseite. Auch Bono von U2 (6888 Freunde) oder die Rolling Stones (5948 Freunde), doch erfolgreicher sind jüngere Bands wie Coldplay (100258 Freunde) oder die derzeitigen britischen Shooting Stars Arctic Monkeys (58487 Freunde). Die Musikindustrie hat den Umfang des Phänomens erkannt und bemüht sich um originelle Auftritte ihrer Schützlinge.

Ein Kreis für Freunde

Dennoch ist es erstaunlich, wie oft sich hinter dem Profil tatsächlich die Musiker verbergen. So melden sich auf Anfrage etwa Legenden wie die Buzzcocks, The Damned, Gary Numan oder der Gründer von Creation Records und Entdecker von Oasis, Alan McGee, persönlich, kommentieren meine Musik und gehen auf Fragen ein. Noch nie waren somit Heerscharen junger Mädchen und Jungs ihren Rockstars so nahe. Was sie früher nur ihrem Tagebuch anvertrauen konnten, wird jetzt vielleicht tatsächlich von Robbie selbst, sicher aber von einem anderen netten Boy gelesen. McGee, einst Herrscher über ein Label mit Dutzenden höchst innovativen Bands, die jetzt auf MySpace ein virtuelles Comeback feiern, unterstützt den direkten Kontakt der Künstler mit den Space-Freunden: «Das Echo, das Bands, die heute schon gar nicht mehr existieren, auf MySpace erhalten, zeigt den Musikern, dass sie damals doch einiges richtig gemacht haben», sagt er am Telefon aus London. McGee verkaufte Creation Mitte der neunziger Jahre an Sony und baute mit Poptones ein neues Label auf. Dieses ermutigt Bands, ihre Songs einzureichen – am liebsten über MySpace. Jeder Song werde zumindest angehört, verspricht der Labelboss. Seine Freunde wählt er nach deren Musik aus: «Ich mag es, wenn es innovativ und ehrlich daherkommt», sagt er. Er besucht die Webprofile seiner Schützlinge von damals auch, um neue Acts zu finden: Wer beispielsweise The Pastels, Ed Ball und Momus als Freunde hat, macht vielleicht selber auch ganz gute Musik. Nach dem Telefonat bin ich froh, dass McGee einer meiner MySpace-Freunde ist: Seinen schottischen Akzent kann ich mit meinem Ami-Englisch kaum verstehen, online können wir schriftlich kommunizieren.

Das Freundesland ist nett mit den Altstars, hier werden fette Komplimente und Streicheleinheiten ausgetauscht: «Ich kann mir mein Leben ohne deine Musik nicht vorstellen!», schreibt etwa «Maggie» an Richard Butler (722 Space-Freunde) von der britischen New-Wave-Band Psychedelic Furs. «Wir sind alle bloss demütige Diener, ihr seid die Anführer», beschwören The Baggers die obskure Band Television Personalities (447 Freunde), die nach über einem Jahrzehnt der Vergessenheit per MySpace einen neuen Langspieler anpreist. Weil der Sänger von XTC (1984 Freunde) von agoraphobischen Anfällen geplagt wird, geben die Überväter des intelligenten Pop seit Jahren keine Live-Auftritte mehr. Dank der Webfreunde kann die Gruppe nun wieder im Lob baden: «An meiner Hochzeit wird Eure Musik gespielt», verspricht Jen; «Ich liebe Euch», schwärmt Tania.

Ein Heim für Kinderschänder

Doch solche Schwüre und die begleitenden Handyfotos aus den Schlafzimmern der Teenager ziehen auch Nachteile mit sich: Hochstapler und Nachahmer haben leichtes Spiel, und Perverse und Pädophile geraten auf gefährliche Gedanken. TV-Sender in den USA warnen ahnungslose US-Töchter davor, in ihrem Benutzerprofil zu viel preiszugeben – weder mit aufreizenden Bildchen noch mit der wahren Identität. Doch können nur schon zwei, drei harmlose Hinweise, kombiniert mit den Fotos, klar aufzeigen, wer im wirklichen Leben wo zu finden ist. Stammt die Person beispielsweise aus einem Kaff mit wenigen Schulen und gibt ihr korrektes Alter und ihren Vornamen an, fällt es fast schon sträflich leicht, die Person hinter dem Profil ausfindig zu machen. Die Internetgemeinschaft beginnt, alle Symptome aufzuweisen, an der auch die reale Gesellschaft krankt: Geltungssucht, üble Nachrede, Gemeinheiten und gar kriminelle Absichten. Berichtet wurde in den US-Medien bereits von Böswilligen, die die Besucher ihres Raums mit Viren verseuchen, von Schülern, die Lügengeschichten über ihre Mitschüler verbreiten, und von Sexualverbrechern, die sich ihre Opfer auf MySpace suchen. Der Generalstaatsanwalt von Connecticut, Richard Blumenthal, hat eine Untersuchung angekündigt.

Dass die das Ende von MySpace bedeuten könnte, fürchtet unser aller erster Freund, Gründer Tom Anderson, nicht. Verstösst ein Benutzer gegen die Bedingungen – verboten sind Pornografie und Abbildungen von Gewalt –, wird sein Konto terminiert, er fliegt aus dem Freundeskreis. Tom und seine Mitarbeiter geben auf ihren Seiten Warnungen und Sicherheitstipps ab, ein FAQ-Verzeichnis hält auf jede Frage nach Wahrung der Privatsphäre eine Antwort bereit, und das Anwaltsteam von Murdochs News Corp. sorgt dafür, dass man rechtlich abgesichert ist. Tom, der Überfreund aus dem kalifornischen Santa Monica, kennt seine Gemeinde. Auch wenn er der Flut von E-Mails und Anfragen nicht mehr persönlich beikommt, meldet er sich hin und wieder bei seiner Herde. Der dreissigjährige Anderson ist selbst Opfer von Imitatoren und manchem Internetstreich. Kürzlich räumte er mit dem Gerücht auf, er sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er warnt vor falschen Freunden, versteht aber auch Spass: Die Macher des Hitvideos «MySpace – the Movie», einer elfminütigen Parodie, in der MySpace und Tom auf die Schippe genommen werden, beglückwünschte er. Der Film zeigt, wie fest MySpace in der Teenagerkultur bereits verankert ist, und wurde selbst schon zum Phänomen: Über fünf Millionen Mal ist das Video auf der Website YouTube.com bereits abgerufen worden, jenem Portal, das die MySpace-Gemeinde benutzt, um ihre Streifchen ins Netz zu stellen. Film, MySpace und YouTube befruchten sich gegenseitig – das Internet boomt. Der Macher des Kurzfilms, David Lehre, hat bereits einen fetten Hollywood-Vertrag in der Tasche.

Mein MySpace-Freund «Infrathin» (178 Freunde), der im richtigen Leben für die Websites der grossen Musiksender MTV und VH1 arbeitet, sieht dem All von Freunden vorläufig keine Grenzen gesetzt. Auch er versucht hier, Fans für seine Musik zu gewinnen, forscht nach seinen Lieblingsbands und lobt das Angebot des Dienstes. Die Anforderungen der Benutzer an das Internet trieben die Entwicklung rasant voran, für ältere Semester sei es nicht leicht, mitzuhalten. Dies schützt die Jugendlichen bis zu einem gewissen Grad vor alten Lüstlingen: Sie sind mit dem Computer aufgewachsen und vermögen ihre Online-Identitäten meist von der Realität zu trennen. Und wer nur online viele Freunde hat, wird nicht automatisch zum Popstar. Ans Konzert der Band Hello Nurse, die ihre 66587-köpfige virtuelle Freundesgruppe mit Einladungen zu Shows überhäuft, kamen in den New Yorker Klub The Tank gerade mal ein Dutzend wirkliche Menschen.


Roman Elsener lebt als Journalist und Musiker in New York. Sein MySpace-Profil kann auf www.myspace.com/theromangames eingesehen werden, weblog auf romangame.blogspot.com

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 10/06
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