Todesstrafe für nichts und niemanden – ausser? Ausser für miese Metaphern. Ein Beispiel: Wenn es über einen Künstler oder eine Band nicht mehr zu erzählen gibt, als dass er oder sie alt und verwittert ist, dann kommt jeweils ein Reizwort zum Einsatz: «Das Urgestein.» So sind etwa Span das Urgestein des Berner Mundartrock, Krokus oder Gotthard sind das Urgestein des Schweizer Hardrock und Rapper EKR ist dasselbe im Schweizer Rap.
Einspruch! EKR, bürgerlich Thomas Bollinger, stammend aus Wettingen, dem Getto Badens, Lower East Side und gleichzeitig grösste Stadt des Kantons Aargau, bedankt sich höhnisch für das Kompliment: «Säg mir ned s Urgeschtei – säg Uranium. S Koks macht dich nervös? Rupf es Valium!» Dies ganz en passant, ein kleiner Aufreger unter Millionen, die EKR im Laufe seines neuen Albums durchzappt.
«Dunne mit em King» heisst die Neue von Bollinger, eine bewusst ungelenke, aber der englischen Version lautlich ebenbürtige Verdeutschung von «Down With The King», einem Albumtitel von Run DMC aus den achtziger Jahren. Klang ist Flow, und Flow ist alles. EKR lässt fliessen, was auch immer sein Hirn durchkreuzt. Nicht nur die noblen Hirnareale Grosshirn und Grosshirnrinde, sondern auch das Kontroletti-Kleinhirn sowie vor allem: das Stammhirn, hehres Reich der dumpfen Triebe. Da wird nichts gefiltert, bloss gereimt. «Ich mach halt keinen Blüemli-Rap», kokettiert EKR wahrheitsgetreu. Und man solle nicht alles eins zu eins nehmen. «Auch in den Medien ist immer unklarer, was wahr, halbwahr, Doku-Soap oder Fantasy ist. Auch ich rappe in Rollen. Verkleide mich als Bat-EK. Der ehrliche Köbi-Rap von nebenan dagegen interessiert keine Sau.»
Hass-Babys
Ist EKR die Schweizer Version von Old Dirty Bastard, dem unkontrollierbarsten des Wu-Tang Clan? Der vom Kompliment Überfallene meint: «Was ich davon annehmen kann, ist: ODB hat kein Konzept, keinen Masterplan.» EKRs Masterplan ist ebenfalls inexistent: «En Drittel Schprüch, en drittel Alk, no es paar Iiswürfel dri und en Schnitz Substanz – no en drittel EK halb so wild, doch dopplet so usserirdisch, mal du s Bild.» Eine Nummer später mit Grabesstimme: «Du weisch, dass es da zkalt isch, also mache mers heiss.» Und Ferien: «Yeah Eknathon macht Ferie, chumm nimm mal 2 Stund frei – mach Ferie!» Und zuweilen ist er auch dagegen, auf seine Art: «Hass liebt Hass, Hass zieht nur Hass aa, und wenn denn Hass mit Hass zämmechunnt, macht Hass chlini Beeeibies.»
Zehn Sekunden Philosophie
Er liebt generell die Frauenbewegungen. Obwohl da Spannungen bestehen: «Du redsch mit em Gfrüürfach, räpsch mis Gmües aa.» Und: «Ich weiss, du hettisch nie dänkt, dass es so sii wird – ich weiss, du hettisch nie ghofft, dass s so chund. Ich weiss, du hättsch alls lieber nur easy – doch mir beidi wüssed, dass das nid gaahd...» Das «gaahd» ist reimtechnisch völlig falsch.
Aber genau diese sozusagen enttäuschende Überraschung gibt der letzten Zeile das nonverbal Zwingende. Und Enttäuschung war ja das Thema. Klappt das immer noch, rappen für Fünfzehnjährige? EKR: «Es darf und muss verschiedene Generationen geben, die sich äussern. Aber ich muss nicht mehr über alles Neue Bescheid wissen. Ich habe mich verändert, bin freier geworden. Heute weiss ich, dass ich nur auf mich selbst Einfluss habe, nicht auf andere.» Hier ein Ausschnitt aus dem Promi-Interview auf Bluewin vom 1. Juni 2004. EKR wird gelöchert von Hip-Hoppern und Fans beiderlei Geschlechts. Frage: Wie alt bist du? EKR: «Vierzehn.» Bist du gläubig? EKR: «Nein, ich weiss.» Wer ist deine Traumfrau? EKR: «Meine Frau.» Wie viel Kinder hast du? «Zwei, soviel ich weiss.» Was für ein Auto fährst du? «Einen blauweissen Mercedes, siebzig Plätze, mit Chauffeuse.» Wie bist du auf das Lied «Mer sötted schiebe» gekommen? «Weil man Sex grundsätzlich vor Diskussionen machen sollte – sonst verpasst man das Leben.»
So ist er. Vier Minuten fünfzig nix als derbe Sprüche und Irritieren. Und dann zehn Sekunden Alltagsphilosophie für Paare, durchaus brauchbar. Bei EKR erhält jedes Hormon eine Stimme, jeder Tropfen einen Namen, jeder Depp eine Quittung. EKR sorgt für die Seinen.
EKR: Dunne mit em King. EMI













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