Steve Buscemi ist keiner, der von weitem schon am Horizont aufragt. Eines trüben Junitags stand ich an der vereinbarten Ecke am New Yorker Union Square und erwartete ihn zu unserem ersten Treffen. Ich rief seine Assistentin an: «Er ist nicht da», sagte ich: «Wo steckt er?» Wie sich herausstellte, stand Buscemi neun Meter von mir entfernt: Mit seinem runden Rücken, den schwarzen Hosen, dem grauen Arbeitshemd, der verwitterten Jeansjacke und der in die Stirn gezogenen Baseballmütze war dieser spindeldürre Mann in der Menge praktisch unsichtbar. Mit seinen 1,75 m und seinen 47 Jahren könnte Steve Buscemi irgendjemand sein – oder jedermann.
Nichts an ihm sieht nach glamourösem Filmstar aus. Er ist bleich, ja geradezu fahl, als sei er in einem Pilzkeller herangewachsen. Bei einer bestimmten Beleuchtung wirkt er leichenblass. Seine grossen, vorquellenden Augen haben einen Anflug von Melancholie. Sein Lächeln gibt den Blick auf eine Elendssiedlung unregelmässiger, nicht überkronter Zähne frei. Doch genau dieser wenig einnehmenden Alltäglichkeit wegen ist Buscemi als Schauspieler so faszinierend. Sie verleiht ihm den unverwechselbaren Stempel der Authentizität und ist mit ein Grund dafür, dass er im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte zu einer Ikone des Independent-Kinos geworden ist. (Buscemi ist sich des Werts seines zerknitterten Aussehens durchaus bewusst. Als die Zahnärztin ihm vorschlug, seine Zähne zu richten, sagte er: «Wenn Sie das tun, zerstören Sie meinen Lebensunterhalt.») «Steve ist der kleine Mann», sagt Regisseur Jim Jarmusch, der Buscemi 1989 in seinem Film «Mystery Train» besetzte: «In den Figuren, die er spielt, und im richtigen Leben stellt er den Teil von uns allen dar, der nicht zum Bäumeausreissen taugt.»
Scheintote Jugend
Beim Mittagessen erzählte Buscemi zögernd von seiner Jugend in einer Arbeiterfamilie (sein Vater arbeitete bei der Müllabfuhr, die Mutter als Kellnerin) und warf ein überraschendes Licht auf seine nervöse Gehemmtheit. Wir sprachen darüber, was für Ängste er mit 19 empfunden hatte, als er sich mit dem Gedanken trug, von Long Island nach Manhattan zu ziehen und sein Glück als Schauspieler zu versuchen. Gehemmt habe ihn «dieses Gefühl, dass du es nicht verdienst, gehört zu werden, dass du nicht wirklich was zu sagen, keinen interessanten Standpunkt hast, weil du keine richtige Schulbildung genossen hast. Ich war extrem verschüchtert und fühlte mich kulturell minderwertig.»
Wenn Buscemi spielt, steigern seine Dürre und seine krumme Haltung – die von dieser ursprünglichen Scham herzurühren scheint – seine sonderbare Präsenz, die in vielen der 78 Filme, die er seit seiner ersten grösseren Rolle in «Parting Glances» (1986) gedreht hat, auch thematisiert wird. So sagt eine der Nutten in «Fargo» (1996) über den von ihm gespielten Ganoven: «Er sah irgendwie komisch aus... noch komischer als die meisten Leute.»
In seinem Debüt als Drehbuchautor und Regisseur, «Trees Lounge» (1996), spielte er Tommy, eine fiktionalisierte Version seiner selbst. Der Film wurde in den öden Vorstadtstrassen von Valley Stream, Long Island, gedreht, wo Buscemi als Teenager gewohnt hatte. An einer Stelle des Films wird Tommy vom Vater einer 17-Jährigen, mit der er angebandelt hat, mit einem Baseballschläger in die Enge getrieben. Er klettert an einem Drahtzaun hoch. Wie er da erschöpft und verängstigt an dem Gitter hängt, wirkt er wie ein gefangener Affe – eine perfekte visuelle Metapher für Buscemis scheintote Jugend. («Ich erinnere mich, dass ich an einer Party ein Mädchen geküsst habe, worauf die mir auf die Schuhe gekotzt hat», erzählte er aus seiner Teenagerzeit.)
Heute lebt Buscemi mit seiner Frau, der Künstlerin Jo Andres, und dem 14-jährigen Sohn Lucian in einem dreistöckigen Sandsteinhaus in Brooklyn. Eines Morgens im letzten Herbst stiegen Buscemi und ich in seinen grauen VW-Kombi und fuhren nach East New York, wo er seine frühe Kindheit verbracht hatte. «Das ist eine etwas andere Gegend», sagte er mit dem für ihn typischen Understatement.
Buscemi fährt notorisch langsam, dennoch hatte sich die Landschaft um uns schon nach wenigen Minuten drastisch verändert. «Das ist eines der verkommeneren Viertel», sagte er, als wir die Liberty Avenue entlangfuhren, wo er einst Faust-Baseball gespielt hatte und die jetzt von Scherben und Müll übersät war. Als wir ausstiegen, ging eine Meute tätowierter Latino-Mädchen in halblangen Stretchhosen vorbei. Die Türen der eingezäunten, einstöckigen Häuser waren vergittert, kläffende Hunde patrouillierten auf den schäbigen Grünflächen, und die St. Michael’s Church, wo der kleine Steve mit dem Bürstenschnitt und den Henkelohren im Chor gesungen und die Erste Kommunion bekommen hatte, war von Stacheldraht umgeben. «Hartgesottene Kids, hartgesottene Frauen», sagte Buscemi über sein ehemaliges Revier: «Es gibt eine Form von Hartgesottenheit, die ich bewundere, obschon ich selbst es nicht bin. Ich war ein ängstlicher Junge. Ich machte keinen Blödsinn. Ich hatte zu viel Angst, von härteren Jungen verprügelt oder von den Nonnen angeschrien zu werden.»
Das Haus hatte seiner Grossmutter gehört und wurde von ihren fünf Kindern und deren Familien bewohnt. Seine eigene Familie lebte in einer Wohnung nebendran. Die Eltern schliefen auf dem Ausklappsofa im Wohnzimmer, Steve und seine drei Brüder schliefen im einzigen Schlafzimmer und spielten hinten im Garten mit ihren Cousins und Cousinen. «Ich durfte nicht über die Strasse gehen, ausser wenn ich in die Schule ging», sagte Buscemi. Dennoch wurde er mit vier Jahren von einem Bus angefahren und hatte einen Schädelbruch. Mit acht wurde er von einem Auto angefahren. Er hatte einen wiederkehrenden Alptraum: «Meine Finger stecken in einem Maschendrahtzaun, und von der anderen Seite kommt ein Hund auf mich los. Ich kann meine Finger nicht rechtzeitig freikriegen, und der Hund erwischt jedes Mal meine Hand.»
Null von allem
Als Kind wusste sich Buscemi immer selbst zu beschäftigen. «Ich zeichnete viel, führte Tagebuch, erfand Cartoons», sagte er: «Eine Zeit lang wollte ich Bauchredner werden. Zu meinem sechsten Geburtstag wünschte ich mir eine Bauchrednerpuppe – mit Abstand das beste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe.» Er nahm sie in die Schule mit, «machte Witze über den Lehrer und kam durch damit. Das waren meine ersten Erfahrungen als Komödiant.» Doch meistens machte er den Entertainer für seine Familie: erzählte Witze, machte improvisierte Sketche und Zaubertricks. Beide Eltern interessierten sich fürs Showbusiness. Und als Entertainer konnte Steve seinen Vater für sich einnehmen, der gern Super-8-Filme von seiner Familie drehte.
1966, als Buscemi acht war, zog die Familie von East New York in ein zweistöckiges Haus in Valley Stream. Während seiner High-School-Zeit spielte er ein bisschen Theater, doch als er von der Schule ging, fühlte er sich völlig verloren. «Es war wie das Ende der Welt für ihn», erzählte sein Vater: «Das hatte ich noch nie erlebt, dass ein Kind nicht will, dass die Schule aufhört.» Die Idee, aufs College zu gehen, war im Hause Buscemi nicht sehr populär, doch Steve wusste nicht, was er sonst tun könnte. Vater Buscemi riet seinen Söhnen, Staatsangestellte zu werden: Dann hätten sie ihr Leben lang regelmässig ihren Lohn. Sie hörten auf ihn. Während Steve darauf wartete, das Examen für den öffentlichen Dienst zu machen, arbeitete er als Tankwart und Eisverkäufer. Damals verbrachte er jeden Abend sechs, sieben Stunden in Bars. Während in der Jukebox Peter Frampton, Pink Floyd oder Led Zeppelin lief, schaltete er, ein Bier oder einen Tequila Sunrise in der Hand, völlig ab. «Da war einfach nichts, nichts als Leere», berichtete er. Das betraf auch die Frauen. «Da lief rein gar nichts, null», sagte er und krümmte Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis: «Ich verstand mich gut mit Frauen. Ich konnte gut zuhören. Die sahen mich aber eher als eine Art Bruder, jemanden, dem sie vertrauen konnten. Was Sexuelles betraf, war ich zu schüchtern. Ich kam nie so weit, dass ich mich wohlgefühlt hätte, dass ich keine Angst gehabt hätte, es nicht zu bringen.»
18 Monate nach Abschluss der High School begann Buscemi davon zu reden, dass er gern einen Kombi kaufen und nach Hollywood fahren würde. Sein Vater, der ihn in der Nähe behalten wollte, erinnerte ihn daran, dass ihm die Stadt von seinem Unfall mit dem Bus her 6000 Dollar schuldete. «Du kannst das Geld beziehen, bevor du 21 bist, solange du es für schulische Zwecke brauchst», sagte der Vater. «Wie meinst du das?», fragte Steve. «Wie wär’s mit einer Schauspielschule?», schlug der Vater vor. Buscemi junior war baff. «Steve, ich will nicht, dass du Schauspieler von Beruf wirst», erklärte der Vater, «aber das wäre immerhin ein Ziel. Es wäre noch mal so was wie ein Schulabschluss. Die würden dich zurechtpolieren.» Buscemi zögerte nicht lange. 1977 bewarb er sich beim Lee Strasberg Theatre and Film Institute.
Witze auf eigene Kosten
Buscemi hatte keinerlei künstlerisches Vokabular, keinerlei Ahnung von Theaterliteratur, kein Selbstvertrauen und keine Erfahrung. Das Showbusiness sei ihm ein Rätsel gewesen, erzählte er mir. Aber er habe auch nichts zu verlieren gehabt. Ein Jahr lang pendelte er die 24 Kilometer zwischen zu Hause und Manhattan. Dann fand er in der Avenue A für 100 Dollar im Monat eine Wohnung in einem Haus ohne Lift. Ein Brett auf der Badewanne diente als Esstisch. «Ich dachte: Was tu ich hier? Ich mache mir was vor. Diese Stadt wird mich lebendigen Leibes auffressen», erzählte er.
Tagsüber arbeitete Buscemi als Möbelpacker und nahm Schauspielunterricht, abends versuchte er sich als Stand-up-Comedian, indem er Witze machte über sein Aussehen und seinen Brotjob. Sein grösster Traum damals war, bei einer Sitcom mitzuspielen. Er arbeitete hart, doch es war nicht so, als hätte er «die Comedy-Szene aufgemischt», wie er gesteht. Dennoch kriegte er seine Lacher – genug, um im wichtigsten New Yorker Veranstaltungsort für Comedy anzukommen, im Improv, wo er im selben Saal, aber nicht im gleichen Zeitfenster auftrat wie z.B. Jerry Seinfeld. («Wenn ich auf die Bühne kam, waren nur noch ein, zwei Leute im Publikum», sagte er.) Allerdings fühlte er sich als Stand-up-Comedian isoliert: «Als Schauspieler machst du auf der Bühne etwas gemeinsam mit anderen. Das ist mir sehr wichtig.»
Zweites Standbein: Feuerwehrmann
Die Herausforderungen von Comedy und Charakterisierung kamen für Buscemi 1982 zusammen, als er Mark Boone Jr, traf, der sonst als Barmann arbeitete. Acht Jahre lang traten die beiden als das surreale Duo Steve and Mark auf und fanden treue Anhänger. Ihre Form von Komik war laut Jim Jarmusch «irgendwo zwischen Avantgardetheater und Comedy». Die Komik beruhte auf den Gegensätzen der beiden: «Oft ging es bei uns um fehlgeleitete Kommunikation oder Neid», sagte Buscemi.
Ihre künstlerischen Kämpfe fochten sie in der Regel im «Veselka» aus, einem ukrainischen Kaffeehaus in der Second Avenue, wo sie sich trafen, um ihre Sketche zu entwickeln, in denen es um rivalisierende Schnorrer und streitende Hare-Krishna-Anhänger ging. Die Kommunikation zwischen den beiden Schauspielern war allerdings oft schwierig. Dennoch war ihre Nummer im Folk City, einem Musiklokal, so beliebt, dass sie 15 Wochen lang jede Woche vierzig Minuten neues Material schreiben und inszenieren durften.
Ungefähr zur selben Zeit wie Boone lernte Buscemi auch Jo Andres kennen. Sie wusste schon monatelang von ihm, bevor er sie das erste Mal sah. Eines Abends Ende 1983 ging sie mit ihrem Freund Tom Murrin, der sich «The Alien Comic» nannte, durchs East Village. Sie sahen ein Plakat für Steve and Mark. «Siehst du den da?», fragte Andres und zeigte auf Buscemi: «Der Tag wird kommen, wo ich mir den angle.»
Damals war sie bereits eine Berühmtheit. Sie war fast 30, Buscemi war 26. Sie war eine innovative Choreografin in der florierenden Downtown-Kunstszene, hatte Experimentalfilme gedreht, war auf Europa-Tournee gewesen, hatte Stipendien bekommen und Besprechungen in Zeitungen. «Ich war total fasziniert von ihr: wie sie aussah, wie sie lächelte», sagte Buscemi: «Und dann noch herauszufinden, dass sie so talentiert war... Ihre Arbeit war für mich rätselhaft und faszinierend.»
Mit Andres als Gefährtin und Führerin gelangte Buscemi mitten hinein in eine der goldenen Zeiten der amerikanischen Experimental-Performance-Szene. Er trat in verschiedenen von Andres’ Tanzstücken auf und in Avantgarde-Theaterinszenierungen der Wooster Group.
Eines Abends 1984 wurde ein Auftritt von Tom Murrin und dem postfeministischen Tanzduo Dancenoise abgesagt, weil die zuvor aufgetretene Heavy-Metal-Band Klagen aus der Nachbarschaft provoziert hatte. Künstler und Publikum standen ratlos vor dem Klub, als Buscemi sagte: «Macht euren Auftritt doch bei mir zu Hause.» – «Dreissig oder mehr Leute und all unsere Requisiten gingen zu Steve», erzählt Murrin: «Dancenoise und ich traten bei Steve im Wohnzimmer auf. Die Auftritte von Dancenoise endeten gern mit einem Schwall von Blut, und meine Shows machten auch eine Menge Dreck», fährt Murrin fort: «Ich weiss noch, dass ich ihm gesagt habe, wie grosszügig von ihm ich das finde. Da sagte er: ‹Was soll’s, ich will eben die Shows sehen.› Ein anderes Mal in seiner Wohnung bemerkte ich einen roten Klecks an der Wand. Ich sagte: ‹Was ist das denn?› Er sagte: ‹Dancenoise-Blut.› Es war ein toller Abend gewesen, darum hatte er es nicht weggeputzt.»
1980 konnte Buscemi probeweise beim öffentlichen Dienst anfangen als Feuerwehrmann bei der Engine Company 55 in Little Italy. Aus Angst, sie könnten sich über ihn lustig machen, sagte er den Kollegen nichts von seiner Schauspielerei. «Ich glaubte, die fänden das zu wenig männlich», sagt er. Doch als die anderen Feuerwehrleute raushatten, was seine geheime Leidenschaft war, unterstützten sie ihn. «Ich musste an Partys auftreten», sagte Buscemi. Sie besuchten auch seine Shows.
Parallel als Feuerwehrmann und Schauspieler zu arbeiten, war anstrengend. Buscemi wäre gern voll ins Showbusiness eingestiegen, doch das war ihm zu riskant. Er hatte keinen Agenten, keine Verbindungen zum Mainstream-Showgeschäft und war nicht gutaussehend im konventionellen Sinn. Im Herbst 1984 nahm Buscemi drei Monate unbezahlten Urlaub bei der Feuerwehr, blieb aber länger weg. Im zweiten Jahr seines Urlaubs arbeitete Buscemi als Kellner im «King Tut’s Wah Wah Hut», als einer seiner Freunde von der Feuerwehr kam und fragte, wie es ihm gehe. «Ich sagte: ‹Da kommt demnächst ein Film, und ich spiele in einem Theaterstück›», erzählte Buscemi: «Der ging zurück und sagte allen, mir ginge es beschissen und ich täte nur so, als stimme das nicht.» Worauf die Männer von der Engine Company 55 die Formulare vorbereiteten, damit Buscemi wieder zu ihnen käme. «Jungs, es ist wahnsinnig nett, dass ihr das für mich getan habt», sagte Buscemi, «aber ich komme nicht zurück.»
1986 spielte Buscemi in Bill Sherwoods «Parting Glances» einen an Aids sterbenden Rocksänger. Der Low-Budget-Independent-Film kommt einem heute schlecht gemacht und überzogen vor, doch er war einer der ersten, die sich mit der Aids-Krise beschäftigten. Als «Parting Glances» startete, tat die New York Times den Film als «Ansammlung von Homosexuellen-Klischees» ab, lobte aber Buscemis «starke anarchische Präsenz». Mit der Besprechung in der Hand rannte Murrin ins «King Tut’s Wah Wah Hut». «Ich sagte Jo, dies sei der Durchbruch für Steve – nun werde ihn eine Menge anderer Regisseure wahrnehmen, werde er weitere Filmrollen bekommen», erzählte Murrin: «Und sie sagte: ‹Gut, denn als Schauspieler taugt er mehr als beim Kellnern.›»
In den nächsten drei Jahren drehte Buscemi 14 Filme; Mitte der neunziger Jahre waren es bereits 42. «Plötzlich war es, als gäbe es in Hollywood eine Steve-Buscemi-Steuer», sagte Jarmusch: «So im Stil von: ‹Sie wollen einen Film machen? Dann müssen Sie Steve nehmen.›»
Schreiben gegen alle Regeln
Nicht seine Glotzaugen, sein blasses Gesicht oder seine bedrohliche Konzentration verschafften Buscemi die Rolle von Mr Pink, dem tödlichsten Trinkgeld-Knauserer der Filmgeschichte, in Tarantinos «Reservoir Dogs» (1992), sondern sein glattes schwarzes Haar in einem Video, mit dem er sich für eine Neil-Simon-Komödie bewarb. Laut Buscemi engagierte ihn Tarantino, weil er fand, er sehe aus wie ein Verbrecher. Mr Pink war Buscemis Visitenkarte für den Mainstream. «Das war das erste Mal, dass man an der Westküste zur Kenntnis nahm, dass es mich gab», sagte er.
Die Komplexität, die er seinen Schurken verleiht, hat ebenso viel mit der Menschlichkeit, die er verströmt, zu tun wie mit dem Hass, den er ausdrücken kann. «Man mag ihn in jedem Film», sagte Regisseur John Waters: «Sogar wenn er einen Schurken spielt, ist man auf seiner Seite.» Buscemi ist selten bloss kaltblütiger Killer; er ist vor allem auch ein extrem komisches Opfer. Nach einiger Zeit hatte er aber genug davon, immer als «schmieriger Psycho-Typ» besetzt zu werden, wie er es nennt. «Da dachte ich: Warum schreibe ich nicht ein paar interessante Rollen für mich und meine Freunde?»
Die Entscheidung zu fällen, war leicht, das Drehbuch zu schreiben, war schwierig. Buscemi nahm einen Wochenendkurs in Drehbuchschreiben. In seinem schwarzweiss marmorierten Aufsatzbuch finden sich blauäugige Notizen wie «Visuell schreiben»; «Beim Verkaufen nicht in die Details gehen, aber alle Details kennen»; «Wissen, was die Produzenten vorhaben: Was wollen die von dir? Nie auf Verdacht ein Drehbuch nach deren Ideen schreiben. Nie über Geld reden.» Der Lehrer predigte das Evangelium der Struktur; er brachte den Schülern bei, keine Szenen oder Dialoge zu schreiben, bis der Ablauf der ganzen Geschichte feststand. «Ich versuchte, ein Exposé zu schreiben», sagte Buscemi: «Das hat mich jedes Mal frustriert. Ich spürte körperlichen Widerstand.» Dann geriet er durch Zufall in eine John-Cassavetes-Retrospektive im Museum of Modern Art. «Die Filme waren so unvorhersehbar», sagte er: «Sie gingen in Richtungen, die überraschend waren und unkonventionell. Am Schluss des Films hatte ich das Gefühl, selbst etwas erlebt zu haben.» Binnen zehn Tagen schaute sich Buscemi alle Filme von Cassavetes an. Danach versuchte er nicht mehr, alles über die Struktur und die Figuren seines Films zu wissen, bevor er sich zum Schreiben hinsetzte, sondern liess zu, dass er sich verirrte. «Trees Lounge» ist ein bemerkenswerter Beweis für die Qualität dieser Methode: ein komplexer Film, dessen scheinbar ziellose Erzählstruktur zur Metapher wird für die festgefahrenen Biografien, die er beschreibt. Buscemis Film kam auf ein halbes Dutzend Listen der zehn besten Filme des Jahres 1996 und hat in der amerikanischen Kultur bis heute weitergewirkt.
Begegnungen nach 9/11
«Er war sehr gut geschrieben und sehr einfach», sagt David Chase, der Schöpfer der TV-Serie «The Sopranos»: «Mir gefiel auch die Besetzung sehr.» Eine Zeit lang erwog er, die Rolle von Tony Soprano mit Buscemi zu besetzen. Er bewunderte auch, was Buscemi aus der 20-jährigen Chloë Sevigny schauspielerisch herausgeholt hatte. Chase engagierte Buscemis Casting-Chef für die «Sopranos» und lud Buscemi ein, bei einer der Episoden Regie zu führen. (Diese Episode, «Pine Barrens», wurde 2001 für einen Emmy nominiert und gilt als eine der besten der Serie.) Buscemi führte bei zwei weiteren Episoden in der vierten und fünften Staffel Regie.
Buscemis Stil als Regisseur sei «klar und unprätentiös», sagt Chase: «Da gibt es kein zerquältes Künstlergetue. Da wird nichts ausagiert.» Beim Regieführen wie beim Spielen lässt Buscemi Raum für Zufälle, er plant nicht zu viel. Er vertraut auf das Handwerk seiner Mitarbeiter, und sein Selbstvertrauen zeigt sich in der Bereitschaft, jederzeit gute Ideen anderer aufzugreifen. «Es hat Vorteile, naiv zu sein», sagt Buscemi: «Manchmal entstehen sehr interessante Dinge einfach nur, weil du die Regeln nicht kennst, nicht weisst, was man tun darf und was nicht. Ich muss aufpassen, dass ich nicht in was hineingerate, wo man weniger riskiert.»
Alle Figuren, deren Geschichten Buscemi in seinen Filmen erzählt, haben das gleiche Problem: Sie stecken in einem Fegefeuer, dem sie vielleicht entkommen oder auch nicht. Mit diesen Geschichten kehrt Buscemi fast zwanghaft zum Unglück seiner Jugend in der Arbeiterschicht zurück – sie erinnern aber auch an seinen Triumph über diese Herkunft.
Im April letzten Jahres sass ich mit Buscemi in einem Zimmer von Indigent, einer Produktionsfirma, die auf digital gedrehte Low-Budget-Filme spezialisiert ist. Buscemi war am Schneiden seiner dritten Regiearbeit, «Lonesome Jim», nach einem Drehbuch des Neulings James C. Strouse und mit Casey Affleck und Liv Tyler in den Hauptrollen. Der Film, der in 18 Tagen in Goshen, Indiana, wo Strouse aufwuchs, gedreht wurde, erzählt die Geschichte von Jim, einem erfolglosen Schriftsteller, der gezwungen ist, ins Haus seiner Eltern zurückzukehren und im Familienbetrieb mitzuarbeiten. «Die Hauptfigur ist komplett niedergeschlagen, und es geht ständig abwärts», sagte Buscemi: «Der Humor ist finster, staubtrocken. So was durchzuziehen, ist sehr schwierig. Du musst herausfinden, wo es zu viel wird. Und, wenn du dann Sachen weglässt, ob da nicht Informationen flöten gehen.»
An einem milden Herbstnachmittag fuhren Buscemi und ich im Taxi zum Depot der Engine Company 55. Er spazierte darin herum, machte mich auf die gekachelte Decke und das Motto der Mannschaft aufmerksam, das auf einer mehrachsigen Motorspritze prangte: «Second to None» (Keine ist besser). Eine Engine Company arbeitet mit einer Gerätewagenmannschaft zusammen und hat die Aufgabe, das Feuer zu löschen, «dem Heissen mit Nassem den Garaus zu machen», wie die Feuerwehrleute sagen. Buscemis erster Brand war ein Ausbeuterbetrieb in der Canal Street. Im Lauf der Jahre hatte er verschiedene Positionen inne: am Strahlrohr, am Schlauch, als Ersatzmann. Als Nächstes hätte er lernen sollen, wie man die Motorspritze fuhr, doch dann ging er. Im hinteren Teil des dreistöckigen Depots liegt der Aufenthaltsraum, wo der Hauptmann und die fünf Feuerwehrleute, die eine Mannschaft bilden, jeweils fernsehen und essen. Ein paar Männer standen herum und sprachen mit Buscemi; einer machte ihm Komplimente dafür, wie effektvoll er in einer Episode der «Sopranos» gestorben sei: Während er beide Hände voll Einkaufstüten hatte, wurde er von Tony Soprano über den Haufen geschossen. «Das tu ich mittlerweile seit zwanzig Jahren», sagte Buscemi: «Das kann ich nun mal am besten.»
Echter Tod freilich ist etwas anderes. Am 11. September 2001 verlor die Engine Company 55 fünf Männer. Wenn Buscemi davon erzählt, steigen ihm immer noch Tränen in die Augen. An jenem Morgen war er auf dem Flughafen, um zum Toronto Film Festival zu fliegen. Am nächsten Tag ging er ins Depot, wo ein Feuerwehrmann, der gerade nicht im Dienst war, anbot, ihn zum World Trade Center mitzunehmen. «Ich hatte meinen Helm und meine Ausrüstung», sagt Buscemi: «Er fuhr mit mir durch die Absperrung. Ein Bulle schaute mich an, schien mich irgendwie zu erkennen und sagte nur: ‹Also gut.› Wie ich drin war, konnte ich hingehen, wohin ich wollte.» Buscemi ging ungefähr anderthalb Stunden auf dem Gelände herum, bis er seine Mannschaft in der Nähe des zusammengestürzten Nordturms fand. «Stört es euch, wenn ich mit euch arbeiten komme?», fragte Buscemi. Die nächsten fünf Tage arbeitete er täglich zehn Stunden in der Brigade, die mit Eimern Schutt wegräumte. «Wenn er heimkam, war er total voll Asche», erzählt Andres: «Der Geruch war dermassen heftig, dass er vor der Tür alles ausziehen und direkt in die Dusche gehen musste.»
«Es war, als wärst du auf einem anderen Planeten. Es gab nichts, womit du das hättest vergleichen können, ausser mit Filmen», sagt Buscemi: «Tatsächlich fragten mich auch ein paar Typen: ‹Ist das jetzt wie auf einem Filmset?› Und ich sagte: ‹Keiner, auf dem ich je gewesen wäre.› Solange ich dort arbeitete, fühlte ich mich okay. Obschon der Anlass grauenhaft war, war ich unheimlich gern mit den anderen zusammen, wieder auf dem Spritzenwagen, in meinen Arbeitsklamotten. Das ging bis zu Schuldgefühlen. Ich fragte mich: ‹Warum fühle ich mich so gut?› Das war, weil ich mit den anderen zusammen war.»
Danach allerdings seien seine Gefühle in «unerforschtes Gelände» geraten: «Ich wusste nie, wann ich wieder in düstere Stimmungen absinken würde», sagt er: «Manchmal wurde ich Jo oder Lucian gegenüber ruppig.» Seither ist er politisch aktiver geworden: Er hat um die Erhaltung von Feuerwehrdepots und für die Unterstützung der Feuerwehrleute gekämpft; zusammen mit seiner Frau und ein paar Schauspielerkollegen ging er vor den letzten Präsidentschaftswahlen in wahlentscheidende Staaten und forderte die Leute auf, an die Urne zu gehen.
Privat leben
Dank seiner Berühmtheit hat er mittlerweile einen gewissen gesellschaftlichen Einfluss und auch kommerzielle Schlagkraft. Im Lauf der Jahre ging er zum Scheibenschiessen mit William S. Burroughs; er war an den Hochzeiten von Paul McCartney und Elvis Costello. Bei den IFP Gotham Awards 2003, wo er für seinen Beitrag zur Filmergemeinschaft New Yorks geehrt wurde, dankte Buscemi Jerry Bruckheimer, dem Produzenten von Hollywood-Blockbustern. Dank Bruckheimer, sagte Buscemi und rieb die Finger aneinander, «habe ich so viele Independent-Filme drehen können».
Buscemi lebt ein bescheidenes Leben in einem unbescheidenen Geschäft. Um sein Privatleben zu schützen, lässt er seine Post an eine andere Adresse schicken. Seit Andres Fans beim Durchstöbern ihres Abfalls ertappt hat, steckt er seine ganze vertrauliche Korrespondenz in den Shredder. Doch zuweilen wird der Cordon sanitaire dennoch durchbrochen. Vor kurzem hinterliess eine junge Frau einen Zettel an Buscemis Tür, auf dem stand: «Ich sah Adam Sandler in LA ohne Helm Rad fahren. Sagen Sie Adam bitte, er soll einen Helm tragen.»
Der Autor ist Theaterkritiker beim New Yorker.
Aus dem Amerikanischen von Thomas Bodmer
© 2005 John Lahr
Lonesome Jim läuft gerade in den Schweizer Kinos an.













Kommentare