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07.12.2005, Ausgabe 49/05

Pitbull oder familienfreundlicher Labrador?

Unzucht mit Abhängigen

Vor knapp einhundert Jahren noch wurde in der Schweiz ein Hund zum Tode verurteilt. So verständlich Rufe nach Vergeltung sind, so unverständlich sind sie. Denn ob Pitbull oder familienfreundlicher Labrador: Zur Bestie werden sie gemacht.

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Als letzte Woche in Oberglatt ein Kind von drei Pitbulls zerfleischt wurde, war das Aufsehen so gross, dass es vergessen liess, wie selten so etwas zum Glück geschieht. Die Schrecklichkeit solcher Ereignisse brennt sich dermassen in unsere Erinnerung ein, dass wir leicht das Gefühl bekommen, sie seien alltäglich und würden immer häufiger. Tatsächlich ereignete sich in der Schweiz ein vergleichbarer Fall vor genau fünf Jahren, als eine Frau in der Limmat ertrank, weil sie vor einem aggressiven Hund geflüchtet war. Die Zahl der Menschen, die in Europa und den USA jedes Jahr infolge von Hundeangriffen sterben, ist im Vergleich mit der tatsächlichen Zahl der Hunde und Menschen verschwindend klein. Im Jahr 2004 wurde in den USA nur von 22 Todesfällen berichtet. Mit Ausnahme zweier älterer Frauen waren alle Opfer keine zehn Jahre alt, die Hälfte davon waren Säuglinge oder Kleinkinder. Das macht diese Fälle umso aufwühlender und schlagzeilenträchtiger. Bei so jungen Opfern sind schwere Verletzungen oder Todesfälle besonders wahrscheinlich, da die Hunde sie in den Hals oder Kopf beissen können, während grössere Menschen nur in die Arme oder Beine gebissen würden.

Weil diese Fälle so schrecklich sind, wird sofort der Ruf nach neuen oder schärferen Gesetzen laut. Doch noch reflexartiger gibt man einer bestimmten Hunderasse die Schuld an allem. Waren in den fünfziger Jahren Deutsche Schäferhunde besonders berüchtigt, rückten in den Siebzigern die Dobermänner und in den letzten zwanzig Jahren die «Kampfhunde» nach. Öffentlichkeit wie Medien assoziieren Hunderassen wie Pitbulls, Rottweiler, Tosas, Akitas, Bandogs und Presa Canarios mit Kriminellen (vor allem Drogenhändlern) oder Mackertypen, die gern als hartgesotten und aggressiv wahrgenommen werden wollen.

Ende der achtziger Jahre, auf dem Höhepunkt der «Habgier ist geil»-Ära von Reagan und Thatcher, legten sich in London junge Banker und Yuppies plötzlich solche Hunde als Accessoires zu, die signalisieren sollten, dass ihre Besitzer in Sachen Geld Superkiller waren. Vielleicht war das eine Art ironisches Spiel mit der Tatsache, dass marginalisierte und sonst machtlose Jugendliche in den Städten – und das gilt für weisse wie schwarze Herrschaften – entdeckt hatten, dass ein Rottweiler ihrem Image als hochgefährlicher Aussenseiter äusserst zuträglich war. Doch was immer die soziologische Erklärung dafür sein mag: Diese Mode führte dazu, dass mehr Menschen angegriffen und verletzt wurden, was wiederum 1991 den Erlass des Dangerous Dog Act nach sich zog, eines Gesetzes, das strenger und weiter reichend ist als die gegenwärtige Gesetzgebung in der Schweiz.

Ich finde das etwas unfair den Hunden gegenüber, die schliesslich nie den Film «Wall Street» gesehen und nie den Wunsch nach Stachelhalsbändern geäussert haben. Hierzu passt das englische Sprichwort «Give a dog a bad name and hang him» (Bring einen Hund in Verruf und häng ihn). Will man uns eine bestimmte Hunderasse verhasst machen, stellt sich das Problem, was denn im juristischen Sinne eine Rasse sei. So stammt der Pitbull-Terrier ursprünglich aus dem englischen Staffordshire, wo ihn im 19. Jahrhundert die Kohlenbergwerkarbeiter für Hundekämpfe züchteten. Als er in die USA importiert wurde, wurde er vom United Kennel Club «American Pit Bull Terrier», vom American Kennel Club hingegen «American Staffordshire Terrier» genannt. Heute sehen diese beiden Hunderassen praktisch gleich aus und sind, betrachtet man ihre DNS, auch wirklich gleich. Ihr Temperament jedoch ist grundverschieden. Der American Pit Bull Terrier wurde als Kampfhund gezüchtet, der American Staffordshire Terrier aber wurde wie sein englisches Pendant gezüchtet, um als Hund mit Stammbaum an Ausstellungen gezeigt zu werden, und ist von seinem Verhalten her ein ganz anderes Tier.

Manipuliert wie Maisstauden

Daraus folgt zweierlei: Gesetzlich gewisse Hunderassen verbieten zu wollen, bringt nichts, weil es nur dazu führt, dass man mit Rassenmischungen und neuen Rassen das Gesetz zu umgehen versucht. Zweitens: Nicht die Rasse prägt das Verhalten eines bestimmten Hundes, sondern die Art, wie er behandelt und abgerichtet worden ist. Ein Vergleich mit dem Menschen erübrigt sich. Das Problem bei «angriffigen Rassen» wie Pitbulls ist, dass sie eine bestimmte Sorte Besitzer anziehen. Die meisten Eltern, die etwas auf sich halten, wählen keinen Pitbull als Familienhund aus, mit dem die lieben Kleinen aufwachsen sollen; statistisch ist es freilich so, dass beliebte Familienhunde wie Labradors und Pudel am meisten Bisswunden verursachen. (Das Gesicht der Frau, bei der kürzlich zum ersten Mal eine Gesichtstransplantation vorgenommen wurde, war von einem Labrador zerfleischt worden.) Der Druck von Seiten der Menschen also ist schuld, dass «angriffige» Hunde sich ihrem Ruf entsprechend verhalten und, so in Verruf gekommen, auch gehängt werden, während man für einen bissigen Dackel alle möglichen Rechtfertigungen bei der Hand hat.

Doch auch wenn die Art, wie ein Hund behandelt worden ist, wohl der wichtigste Faktor für sein Verhalten ist, lässt sich nicht bestreiten, dass Hunde unterschiedlicher Rassen ganz verschiedene «Persönlichkeiten» haben. So sind gewisse Arbeitshunde berüchtigt dafür, nur auf einen einzigen Menschen ausgerichtet zu sein. In Italien beispielsweise ist bei den grossen weissen, «Pastore Maremma» genannten Schäferhunden eine deutliche Tendenz spürbar, einzig ihren Besitzern zu gehorchen. Ihnen gegenüber sind sie fügsam und liebevoll, Fremden gegenüber aber oft misstrauisch und aggressiv, besonders wenn sie angeleint oder angekettet sind. Und auch viele Terrierarten (die ursprünglich gezüchtet wurden, um zu kämpfen, Ratten zu fangen und kleine Wildtiere zu jagen) gelten als eher reizbar und bissig. Golden Retriever und Labradors dagegen haben den Ruf, geduldig, gesellig und besonders geeignet für den Umgang mit Kindern zu sein.

Zu leicht vergessen wir, dass jeder Hund der Welt ebenso genmanipuliert ist wie eine Maisstaude aus den Labors von Monsanto. Wie gewaltig viel sich mit Zuchtwahl bewirken lässt, zeigt ein Spielzeug-Hund wie der Shih Tzu: Auch seine Vorfahren waren Wölfe. Vor vielen tausend Jahren begann man Hunde zu züchten und die verschiedenen Rassen auf besondere Zwecke auszurichten: bestimmte Tiere zu jagen, Schafe zusammenzutreiben oder das Haus zu bewachen, wenn die Besitzer nicht da waren. «Edle Hunde», schrieb Plato, «sind sanft zu den Menschen, die sie kennen, und das Gegenteil zu Menschen, die sie nicht kennen.» Das gehört zum Wesen des Hundes, seit er mit dem Menschen zusammenlebt. Hunde haben ein deutlich entwickeltes Gefühl für Besitz und Territorium.

Das wird dank unserer modernen urbanen Zivilisation gern vergessen. In einem Grossteil der Industrieländer neigt man zu einer wohlwollenden – oft schamlos sentimentalen – Sicht der Tierwelt, sieht Hunde automatisch als Schosstiere und behandelt sie oft fast wie Familienmitglieder. Doch Hunde sind keine Menschen, egal, wie heftig man sie domestizieren und anthropomorphisieren mag. Deshalb vergessen Eltern, ihren Kindern zu sagen, dass viele Hunde, denen sie begegnen, Plato gelesen haben und deshalb zu Menschen, die sie nicht kennen, sehr unsanft sind. Wenn Eltern so verantwortungslos sind, ihr Kleinkind auf einen angeketteten Hund zutapsen zu lassen, der es dann anfällt, können die Eltern und der Hundebesitzer die Sache vor Gericht ausfechten; aber eins ist sicher: Schuld ist weder das Kleinkind noch der Hund.

Wird ein Kind von einem Hund angefallen und gar getötet, reagiert man in der Regel damit, dass man den Hund sofort abtut. Das riecht eher nach Rache als nach Gerechtigkeit, es sei denn, es bestünde der Verdacht auf Tollwut. Tatsächlich gab es in Europa lange Zeit Gerichtsverfahren gegen Tiere. 1494 befand ein Gerichtshof von Mönchen ein Schwein für schuldig, ein Kind angefallen und getötet zu haben. Das Schwein wurde zum Tod verurteilt und gehängt. Diese Tradition sollte sich erstaunlich lang halten. 1906 (also vor noch nicht einmal hundert Jahren) wurde in der Schweiz ein Mann von einem gewissen Scherrer und dessen Sohn umgebracht und ausgeraubt, wobei den beiden ein Hund heftig und wirkungsvoll geholfen habe. Alle drei kamen wegen Mordes vor Gericht. Die beiden Männer erhielten lebenslänglich, der Hund wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das kommt mir ausgesprochen unfair vor, aber es ist bezeichnend für die Art von Schnelljustiz, die bis heute fortdauert. Natürlich gibt es vereinzelt Hunde, die man einschläfern muss, weil sie tatsächlich verrückt sind, so wie es vereinzelt Menschen gibt, die... Aber lassen wir das.

Tatsache ist: Es gibt Menschen, die schlicht unfähig sind, Hunde zu halten, so wie es Menschen gibt, die unfähig sind, Kinder aufzuziehen. Jedes Tier kann man in Rage bringen durch Hunger oder schlechte Behandlung, wie man sie Pitbulls und anderen Kampfhunden angedeihen lässt, um sie (wie das in den USA immer häufiger geschieht) für Kämpfe abzurichten oder zu schärferen Wachhunden zu machen. Obschon Hundekämpfe in den USA verboten sind, sind sie ein wichtiger, im Geheimen betriebener Sport und werden immer populärer. So wird von den Dresseuren mit systematischer und oft schwer vorstellbarer Grausamkeit darauf hingearbeitet, diese Tiere scharf zu machen. Dabei hat man den Hund dazu gezüchtet, vom Menschen abhängig zu sein. Weigert sich nun ein Besitzer oder ist er unfähig, einen Hund zu sozialisieren, dann verwildert der Hund tatsächlich.

Das Gesetz verlangt, dass in der Schweiz bis Ende 2006 alle Hunde mit einer Tätowierung oder einem Mikrochip gekennzeichnet werden. Vielleicht sollte man auch ihre Besitzer tätowieren – mit dem Merksatz: «Jeder Hund ist nur so gefährlich, wie sein Besitzer es zulässt.»



Goran Basic, 22, ist Polygraphen-Lehrling in Zürich. Seine Bilder entstanden im Zusammenhang mit der Schweizer Rap-CD «Streetwar», die nächsten Frühling erscheinen soll. Fotografiert wurde zu nächtlicher Stunde auf einer Wiese in Zürich Schwamendingen.

Aus dem Englischen von Thomas Bodmer

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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 49/05
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