«Stilvolle Menschen sind nicht mehr tätowiert, hab ich gelesen – lassen Sie Ihre Tätowierungen jetzt wegmachen?» (An seinen Handgelenken gibt es Kreise, Bogen, Schnörkel – Tätowierungen wie aus dem Gefängnis.) «Nein, gar nicht, Tätowierungen sind Zeichen von Unsicherheit, wissen Sie?» – «Ja?» – «Ja.» – «Vielleicht lassen sich viele ihre deshalb wegmachen.» – «Was, weil sie nicht mehr unsicher sind?» – «Nein, weil sie nicht mehr als unsicher rüberkommen möchten.» – «Hm, ich denke, Unsicherheit ist eine aufrichtige Qualität. Es ist schön, ein bisschen verwundbar zu scheinen. Weil es die anderen, die meinen, sie seien sicherer, dumm aussehen lässt.» – «Sie sind also sicher genug, um unsicher auszusehen?» – «Yeah, genau.»
Er ist in einem Büro mit Glaswänden bei Puma International in London. Darin gibt es ein Sofa, auf dem er mit gespreizten Oberschenkeln und angewinkelten Unterschenkeln sitzt. Das sieht mühevoll aus und ist irgendwie komisch. (Er stellt Turnschuhe vor, die er entworfen hat – und man kann die, die er trägt, nicht sehen, weil er draufsitzt.) In seinem Rücken sitzt ein Mann in einem Geschäftsanzug an einem Schreibtisch, neben dem Sofa sitzen zwei Frauen in Röcken und Jacken mit Klemmbrettern auf den Knien. Niemand grüsst, als ich ins Zimmer trete, ausser ihm. Ich vermute, es soll aussehen, als sei es ein wichtiges Treffen, bei dem es um mehr gehe als Turnschuhe. (Die Notizzettel auf den Klemmbrettern der Frauen sind leer, und der Schreibtisch sieht aus wie einer im Showroom eines Büromöbelgeschäfts.) Herrn McQueens Kopf ist rasiert, er hat ein weisses Hemd an und Jeans mit einem braunen Gürtel von Hermès mit goldenem H als Schliesse.
«Sie selber, sind Sie mehr der Adidas- oder der Puma-Typ?» (Eine ziemlich kleine Frage, für normal fühlende Menschen jedenfalls – doch der Mann in seinem Rücken schaut auf vom Tisch.) «Nicht sehr Adidas, hahaha.» (Der Mann lacht mit.) «Ich denk, ich bin mehr Puma-Typ, tatsächlich, und Nike.» (Die Frauen sehen mich an, als hätte er eine grosse Antwort gegeben.) Interviews mit Modedesignern sind fast noch schwieriger als mit Schauspielern. Man meint ja, sie hätten was in der Art eines Genies («Herr McQueen ist der begabteste Designer seiner Generation», New York Times). Aber man meint ja auch, Schauspieler seien gescheite Menschen mit tiefem Wesen. (Immerhin sind Schauspieler oft allgemein bekannt, Modedesigner kennen eher nur wenige Menschen. Das macht es irgendwie noch herausfordernder, ihre Antworten für voll zu nehmen.)
«Ähm, ich glaub, Kommunikation»
«Welches ist das beste Buch, das Sie gelesen haben dieses Jahr?» («Er ist sehr intelligent – beeindruck ihn, sprich über Dante», sagte Isabella Blow, eine englische Stylistin, einer Journalistin vom Tatler.) «Well, was war’s? Ich bin kein grosser Leser...» – «‹The Lovely Bones›», sagt der Mann im Rücken. (Er ist vermutlich ein Life-Coach.) «Yeah, ‹Lovely Bones›, es ist über Geister, dafür interessier ich mich, denk ich.» Seine Sprache ist träge und manchmal unbeholfen, seine Lider sind angeschwollen, er zuckt nervös mit dem Kopf ab und an und sieht eigentlich ziemlich fertig aus. (Er machte Ferien bis gestern, in Dubai, sagte ein Mitarbeiter.) Wenn in Zeitschriften nicht stände, er nehme keine Drogen mehr, seit seine Marke zu PPR, einem Konzern, gehört, und trinke wenig Alkohol, würd ich meinen, er habe einen Kater.
«Da Sie eigentlich kein Leser sind, welches ist der beste Film, den Sie gesehen haben in letzter Zeit?» («Er lässt sich gern anregen, speziell vom Film», Vogue.) «Ach... ich meinte, ich bekäm Fragen über Turnschuhe.» – «Mal was anderes, ist doch auch gut, nicht?» – «Ja, aber mein Kopf ist fokussiert auf Turnschuhe, schon den ganzen Morgen... was für ein Film?» – «‹Deliverance›.» (Das kam wieder vom Life-Coach/Souffleur.) «Ah, ‹Deliverance›, yeah.» – «Harter Film, nicht wahr?» – «Ja, speziell die Vergewaltigungsszene, haha, ich mochte sie ziemlich.» (Ein Mann wird vergewaltigt.)
«War das, like, alles?», fragt eine der Frauen. (Gesprächsdauer bis hierher: sieben Minuten dreissig Sekunden.) «Einen Punkt hab ich noch.» (Vereinbart gewesen waren dreissig Minuten, aber acht sind auch okay, wenigstens für mich.) «Was war das Wichtigste, das Sie lernten, seit Sie für ein grosses Unternehmen arbeiten?» – «Ähm, ich glaub, Kommunikation.»
Alexander McQueens Lieblingsrestaurant:
Quality Chop House, Farringdon Road 92–94, London, Telefon +44 207 837 50 93













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