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16.11.2005, Ausgabe 46/05

Christina Surer

Nach oben gefahren

Sie gehört nicht zu den Schweizern, die morgens aufstehen, um sich zufrieden zu geben: Christina Surer schaffte es von der «Frau an seiner Seite» zur respektablen Rennfahrerin. Nach Bildern im Playboy bekam sie viele Angebote, doch ihr bester Freund ist und bleibt: Adrenalin.

Von Marianne Fehr und Dieter Mayr (Bild)

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Eine hässliche Autobahnraststätte irgendwo zwischen Hockenheim und Schwetzingen. Christina Surer zieht ihre unförmige, schwarze Wolljacke aus und steigt in Jeans, Turnschuhen und violettem T-Shirt in ein Auto, mit dem erst 65 Kilometer gefahren worden sind. Die 31-Jährige mit der blonden Mähne und den schönen, schrägen, blaugrauen Augen sieht jünger aus als auf den Fotos – kleiner, zierlicher, unglamouröser. Das Auto ist ein schwarzer Bentley Mansory. 2,4 Tonnen schwer, Spitzengeschwindigkeit 327 Stundenkilometer, Kosten 170000 Euro, mit Tuning-Zubehör 50000 Euro mehr. Die Gitter an der Kühlerhaube lassen das Luxusfahrzeug von vorne aussehen wie einen Hasenstall. Zwei Filmtechniker von «Tuning TV», einer Sendung des Deutschen Sport-Fernsehens (DSF), zwängen sich neben und hinter sie. Surer testet das Auto, kommentiert, während sie fährt. Sie soll den Wagen auf 300 hochtreiben, doch sie bleibt einiges darunter, der Verkehr ist zu dicht. Kaum hält der Mansory, zurück auf dem Rastplatz, befingern sechs Männerhände die heissen, streng riechenden Pneus wie einen fieberkranken Patienten. Die Fachleute nicken zufrieden.

«Herr Mayer, was halten Sie von Christina Surer?» Der Tontechniker sagt: «Sie ist eine lustige Frau und ein Profi.»

Auf dem Ring findet an diesem Wochenende das Finale der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft statt. Über dem Städtchen Hockenheim, ein paar Kilometer vom Ring entfernt, liegt während dreier Tage eine penetrante Klangwolke: rämmrämrämm... Was die Hockenheimer klaglos ertragen, würde die Schweizer Schneiser sofort zur Aktion rufen. Aber abends ist die Haupteinkaufs- und Vergnügungsstrasse, an der ein Psychologe namens Keuler und ein Zahnarzt namens Krieger praktizieren, sowieso leer. Für Surer, die an diesem Wochenende kein Rennen fährt, beginnt ein dreitägiger Marathon: networken, testen, moderieren, Sponsoren betreuen, Autogrammstunden geben, gleichzeitig hier und dort sein, Wünsche erfüllen.

Unpenetranter als Michelle Hunziker

Was genau macht eigentlich diese Frau, über die die Schweizer Leserschaft zu ihrem Erstaunen regelmässig informiert wird, wenn sie sich paart oder trennt? Heirat 1997 mit dem Schweizer Ex-Formel-1-Fahrer Marc Surer, den sie bei einer Miss-Schweiz-Wahl kennen lernte, Auszug zwei Jahre später. Liebesfreuden mit dem steinreichen Verleger Jürg Marquard, dessen sie bei einer Mister-Schweiz-Wahl ansichtig wurde, Ende der Glücksserie «The Beauty And The Beast» vier Jahre später. Neue Liebe mit dem deutschen Rennfahrer Christian Abt, Abgang kurze Zeit später. Die Trennung war «schleichend gekommen» (Schweizer Illustrierte), man ging «mit einem Knall auseinander» (Surer auf Tele Züri). Bekannt ist ferner, dass sie zwei Hängebauchschweine namens Coco und Chanel hat, die nach der Verbannung von den Marquardschen Latifundien in Knies Kinderzoo untergekommen sind, sowie einen Hund namens Rooky. Und dass sie einmal Vierte bei den Miss-Wahlen und kürzlich als eine von wenigen Schweizerinnen im Playboy abgelichtet wurde. Diese Bilder brachten ihr bei den Blick-Lesern den Titel der erotischsten Frau der Schweiz ein.

Wenn keine Liebespartnerwechsel anstehen, über die sich die Presse hermacht,
kommt die Geschäftsfrau Surer mit Foto-Shootings in die bunten Blätter, oder sie schreibt zum Beispiel einen offenen Brief. Etwa im Blick eine Gratulation zum sechzigsten Geburtstag ihres Ex-Freunds Jürg Marquard, der längst wieder bei der weiblichen Jugend angedockt hat: «Mach weiter so. Bleib auf Deiner Ideallinie und geniesse Dein Leben mit Vollgas.»

Am Hockenheimring. Küsschen hier, Küsschen da, auf dem Weg zum Zelt von Seat, dem Heimathafen von Christina Surer. Sat1 wartet aufs Interview. Rasch in den Rennanzug schlüpfen, die leere Red-Bull-Flasche zur Hand nehmen. Warum sie Rennen fahre, fragt der Reporter: «Es ist toll, es ist einfach Lebensfreude pur, man spürt die Kombination Mensch-Maschine.» In, vor und neben ihrem Rennwagen posieren, klick, klick, surr, surr. «Guck, der Hani ist da», ruft einer. Auch Hani, der Ex-Skispringer Sven Hannawald, mit überwundenem Burnout, sitzt in einem aufgebockten Auto, umringt von Kameras. Der schmale Junge mit dem langen blondierten Haar und einem Ausdruck irgendwo zwischen Tragik und Arroganz, der an Helmut Berger in der Rolle des Bayernkönigs Ludwig II. erinnert, will’s jetzt mit Autorennen versuchen.

«Herr Hannawald, was halten Sie von Christina Surer?» – «Vom Äusserlichen her muss ich schon sagen, dass relativ viele Blicke auf sie fallen. Und was ich bis jetzt von ihr kenne, ist sehr, sehr in Ordnung.»

Nun hetzen wieder die Fernsehleute. Das Paradoxe: Wer wie Surer selbständig sein will, hat ständig zu spuren. Ein paar Ansagen für künftige Sendungen bitte im Gebäude nebenan. Ein Saal ähnlich einem Schulzimmer mit einem serbelnden Ficus benjaminus in der Ecke. Sie setzt sich auf ein kleines Tischchen, nimmt ein paar Zettel entgegen und sagt zum Beispiel in die Kamera: «Hallo und einen schönen Abend. Das Schützenhaus in Stuttgart-Heslach ist der Ort, wo Generationen von Teenagern sich zum ersten Mal geküsst haben. Jetzt ist es neu eröffnet worden unter dem Namen ‹Buddha-Lounge› und hat ’n asiatischen Touch bekommen. Coole Drinks, coole Musik und cooles Ambiente ist jetzt das Stichwort, und unser Top-Thema heute: Schützenhaus goes Asia.» Die vier Ansagen sind bald im Kasten. Sie macht es gut, vereinfacht schnell die Textchen, die sie noch nie gesehen hat. Christina Surer hat das Alltagsdeutsch adaptiert. Die t lässt sie weg, sagt «nich» und «is», kein penetranter Schweizer Akzent wie bei Michelle Hunziker, die auf den Bonus des Mädels von der Kuhweide setzt.

«Herr Waligorski, was halten Sie von Christina Surer?» Der Fernsehredaktor, der mit ihr schon viele Sendungen für DSF produziert hat, sagt: «Sie ist sehr nett, sehr sympathisch. Ich hab noch nie erlebt, dass sie klagte, sie hätte keine Lust mehr oder sie wolle nicht mehr. Immer bemüht, immer freundlich, immer zuvorkommend. Sie hat einen vollen Terminplan, aber sie signalisiert nie, dass sie Stress hat.» – «Stehen in diesem Business oft Frauen vor der Kamera?» Frank Waligorski: «Man hat’s immer gerne, wenn mal eine Frau dabei ist. Man pickt sich die raus und macht über sie einen Beitrag. Wenn sie potthässlich ist, dann vielleicht weniger, aber wir haben das auch schon gemacht.»

Das fehlt: Chinese, Schwarzer, Frau

Der Motorsport ist ein hartes Pflaster für Frauen. Insbesondere in die Königsdisziplin Formel1 haben es erst fünf Frauen geschafft, Giovanna Amati war 1992 die letzte. 1975 hatte eine andere Italienerin, Lella Lombardi, in Barcelona einen halben WM-Punkt geholt. Kürzlich äusserte sich der Honda-Star Jenson Button zum Thema «Frauen und Rennfahren». «Formel1 fahren werden die nie können.» Einer der Gründe: weil sie menstruieren. Die Rennfahrerin Ellen Lohr reagierte sauer: «Buttons Mechaniker haben wohl den Gurt zu fest angezurrt. Da hat sein Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommen.» Der britische Sportmanager Bernie Ecclestone sagte hingegen einmal: Es braucht einen Schwarzen, einen Chinesen und eine Frau in der Formel1. Laut dem Schweizer Formel-1-Spezialisten und Blick-Redaktor Roger Benoît wird dieser Wunsch kaum in Erfüllung gehen. Heute, da es um immer höhere Milliardenbeträge gehe, werde «kaum einer mehr das Risiko eingehen, auf eine Frau zu setzen. Sie würde derart im Mittelpunkt stehen, dass sie dem Druck wohl nicht gewachsen wäre. Um eine Chance zu bekommen, müsste sie praktisch so schnell sein wie Michael Schumacher.»

Sie ist jetzt eine Firma

Zwischen fünf und zehn ernsthafte Fahrerinnen gibt es zurzeit im ganzen Autorennsport. Einige von recht männlicher Erscheinung, sagt Surer. Das Rennenfahren ist für sie das Zückerchen, alles andere, was sie auf diesen Schauplätzen tut, ein ziemlicher Krampf, bei dem es heisst, locker zu bleiben. Das liegt ihr. Sie lacht viel und scherzt, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Sie ist zu allen liebenswürdig, gänzlich unzickig. Was sie hat, hat sie selbst erarbeitet, betont sie: «Es ist mein Glück, dass ich eine Nische bedienen darf. Meine Tätigkeit als Moderatorin, mein Know-how in der Automobilbranche und sicherlich mein Aussehen geben mir die Möglichkeit, wirklich einen Traumjob auszuüben.» Meistens ist sie unterwegs, trainiert etwa als Nächstes am Nürburgring betuchte Mercedes-Fahrer, fährt anschliessend mit dem Reifenlieferanten und Sponsor Yokohama nach Hongkong, moderiert zwischendurch für City Guide TV oder testet laute Fahrzeuge für «Tuning TV», die Sendung für angefressene Tuner, die über Autos Sätze sagen wie: «Seine Frontlippe küsst den Asphalt.»

Auch Surers Manager Oliver Schielein ist des Lobes voll: «Christina ist für alle Firmen, für die sie arbeitet, ein schönes Aushängeschild. Sie wird ernst genommen. Das ist schwierig in einer Domäne mit 98 Prozent Männern, in der am Anfang jeder sagt: Da kommt jetzt so eine gutaussehende Blondine, denn richtig gräuslich sieht sie ja nicht aus, nicht wahr. Sie musste beweisen, dass sie mehr ist als das Blondchen, das im Kreis rumfährt oder bei irgendwelchen Promis steht. Sie ist jetzt eine eigenständige kleine Firma. Das zu erarbeiten, war nicht leicht. In Deutschland ist sie nicht sehr bekannt. Hier macht sie Jobs und wird danach beurteilt, ob sie den Job gut macht. In der Schweiz ist sie Boulevard. Hier würde man sagen, du bist keine Verona Feldbusch, und wenn du keinen guten Job machst, braucht dich auch keiner.»

Seit der PR-Aktion Playboy sind die Angebote aus Deutschland um ein Vielfaches gestiegen, und auch in der Schweiz sei der Auftritt sehr positiv aufgenommen worden, sagt Surer. Sie bekam so viele Anrufe, dass sie die Handynummer wechseln musste. Dazu Heiratsanträge noch und noch. «Für meine Traumfrau würde ich mich sogar scheiden lassen. Bin 42 Jahre und habe zwei Kinder», schrieb einer. Das hat sie nicht lustig gefunden. «Eigentlich müsste man seiner Frau einen Brief schreiben. Er soll sich gefälligst um seine Familie kümmern», schalt sie im Fernsehen. Hundert Seiten voll machten ihr die Fans auf der Gästeseite ihrer Homepage. Weil einige Verehrer Unziemliches äusserten, schloss sie die Seite und teilte mit: «Für konstruktive Kritik bin ich dankbar, aber was ich zum Teil lesen musste, war weit unterhalb der Gürtellinie.»

Am Hockenheimring geht sie keine zwei Schritte, ohne dass ein Fan sie um ein Autogramm bittet. Viele kommen immer wieder, bringen Fotos zum Signieren mit, die sie letztes Mal gemacht haben. Einer will Hochglanzbilder, die er aus dem Playboy fotografiert hat, mit persönlichen Widmungen versehen haben. Die Fans sagen: «Du bist eine starke Frau», oder: «Du siehst sehr natürlich aus.» Ein stotternder Jüngling, auf dessen Mütze «Paparazzi Schmitti» steht, hat gleich vier Playboy-Heftli mitgebracht. Nicht nur das Titelblatt, sondern die ganze Bildstrecke soll sie mit ihrem Namen versehen. Geduldig malt sie unleserlichen Kringel um unleserlichen Kringel oder «speziell für Schmitti» auf ihre Brustwarzen oder ihren nackten Po. Schmitti zittert vor Freude. Ihr ist’s zur Gewohnheit geworden.

Kindheit mit Yakin und Federer

Christina Bönzli wuchs in Münchenstein und Dornach als Tochter eines Unternehmensberaters und Chefs eines Motocrossclubs auf, der 18 Jahre lang Motocross fuhr und die Tochter mit dem Motorsportvirus ansteckte. Als Christina drei war, liessen sich die Eltern scheiden. Sie wohnte bei der Mutter, den drei Halbgeschwistern und dem Stiefvater, einem Laboranten. Man habe gut, aber nicht üppig gelebt und schon sparen müssen, sagt sie. Mit 14 zog sie zu ihrem Vater, der ihr heute noch den schriftlichen Kleinkram besorgt. Murat Yakin war ein Schulkamerad, der etwas jüngere Roger Federer ein Nachbarsbub. Nach der Lehre als Arztgehilfin und einer Zusatzausbildung zur Arztsekretärin sattelte sie auf Modeln um. Erste Versuche hatte sie schon mit elf gemacht. Obwohl sie mit 1,73 Metern zu klein ist, schlug sie sich wacker durch: Unterwäsche, Kollektionen, Werbespots für Knäckebrot, Pommes Chips oder Autos.

An Marc Surers Seite schnupperte sie Abgasluft aus grossen Boliden. Surers Frauen verfielen eine nach der anderen der Rennleidenschaft. Wie seine erste Gattin Yolanda – sie wurde Vize-Miss-Schweiz, posierte auch einmal für Playboy und war zehn Jahre lang Profi-Rennfahrerin – begann Christina ebenfalls mit Gokart. Surers letzte Freundin fand Minis herzig und probierte es mit Mini-Slaloms. Er habe seine Frauen gewiss nicht zum Rennsport gedrängt, sagt Marc Surer. «Aber als sie es machen wollten, half ich bei der Ausbildung, schaute, dass die Basis stimmt.» Christina sei talentiert, sagt Surer, aber kein Supertalent, das es ohne beträchtliche zusätzliche Anstrengungen in höheren Klassen schaffen würde. Ihre Zukunft sieht er eher in der Moderation. Tourenwagenrennen seien ziemlich ungefährlich, sagt der ehemalige Formel-1-Fahrer noch und vergleicht sie mit Putschäutelifahren. Marc Surer trifft Christina nur selten, denn er zieht als Kommentator mit dem Formel-1-Tross herum. Der Kreis schliesst sich aber, wenn Yolanda Tavoli (frühere Surer), heute Journalistin, etwa in der Glückspost über den dreissigsten Geburtstag oder die Playboy-Fotos ihrer Nachfolgerin schreibt und weiss: «Christinas Ex-Mann Marc Surer würde Playboy-Fotos der Frau, die er liebt, nicht schätzen.»

König Juan Carlos als Opa wäre schön

Seit Christina Marc Surer zum ersten Rennen begleitete, wo sie keinen kannte und nur Bahnhof verstand, sind zwölf Jahre vergangen. Ihr bestes Rennen ist ein sechster Platz, und im Automobilrennsport kennt sie mittlerweile jeden. An den zahlreichen Events in diesem Umfeld trifft sie die Beckhams, Katarina Witt, Boris Becker, Wladimir Klitschko oder die Entourage des Komikers Stefan Raab, der hin und wieder für die Prominenz Autorennen oder Turmspringen organisiert. Besonders angetan hat’s ihr aber Juan Carlos, der König von Spanien. In Estoril bei den Laureus Sports Awards, so etwas wie die Oscar-Verleihung für Sportler, hat er sie angesprochen. Seither schwärmt sie für «seine Wärme und Herzlichkeit», hätte «einen solchen Mann gerne zum Grossvater». Über die wichtigen Männer in ihrem Leben spricht sie weniger gern, das ist Vergangenheit.

Sind Sie eine Trophy Wife?
Nein, sicherlich nicht. Einen unbekannten Mann zu haben, wäre für die Beziehung sicher einfacher. Lerne ich einen Mann kennen, der bekannt ist, heisst es: Ja klar, sie musste wieder einen Berühmten haben. Aber ich verkehre berufshalber nun mal oft mit bekannten Leuten. Man hat Gemeinsamkeiten, die verbinden.

Wurden Sie zum Aschenputtel, als Sie Marquards Villa verliessen?
Ganz im Gegenteil. Ich habe doch bewiesen, dass ich meine Frau auch alleine stehe. Auf meine persönliche, aber auch geschäftliche Entwicklung bin ich sogar etwas stolz. Ich hab’s geschafft, heute auch ohne männliche Hilfe ein erfülltes und zufriedenes Leben zu führen.

Finden Sie es richtig, dass Marquard 600000 Franken Gage für seine Arbeit beim «Traumjob» bekommen hat?
Wenn jemand diesen Betrag bezahlt, dann wird er sich sicherlich Gedanken gemacht haben, ob es richtig oder falsch ist. Und das Ergebnis war doch sehr gut.

Was braucht ein Mann, um Ihnen zu gefallen?
Ausstrahlung, das heisst ein ehrliches, schönes Lachen mit schönen Zähnen. Und der Humor muss stimmen. Er soll mir gewisse Freiheiten lassen, damit ich das Leben so führen kann, wie es mein Job erfordert. Aber er muss mich auch ein wenig im Griff haben. Die Leine locker halten, aber im Griff. Er muss einen Willen und ein Ziel haben, mit mir ein Team sein. Mit einem Larifari-Mann, der einfach in den Tag hineinlebt, würde ich durchdrehen.

Wie ergeht es Ihnen als Frau in der Männerwelt des Automobilsports?
Die Reaktionen, als ich als junge Frau auf den Kartplatz kam und man mich noch nicht kannte, waren: Wow, eine hübsche Frau, und die zieht einen Helm an. Ab dann musste ich beweisen, dass ich Gas geben kann, um auch als Frau im Motorsport zu bestehen.

Auf dem Hockenheimring wird es Abend. Taxifahrten stehen noch an. Soviel ich begriffen habe, heisst das, dass Surer einige Sponsoren im Rennauto ein bisschen herumfahren wird. Ich erbettle mir auch eine Taxifahrt. Merkwürdig, denke ich, dass ich dazu einen Rennanzug anziehen muss und einen Helm ausgehändigt bekomme. Noch seltsamer, dass wir zu den Boxen gehen und unterwegs Mika Häkkinen und Heinz-Harald Frentzen über den Weg laufen. Als die Einsicht kommt, ist es zu spät. Taxifahrten bedeuten drei Runden mit voller Kraft voraus auf der Rennstrecke. Siebenfach werde ich festgezurrt. Surer beschleunigt von null auf 280, bremst vor Haarnadelkurven auf gegen null, mein Kopf wackelt wie ein Ballon von einer Seite auf die andere, Wände, Wegränder kommen bedrohlich nahe; es ist, als sässe man vor einem Simulator und rechne damit, aus der Kurve zu fallen. Bloss dass die Konsequenzen hier etwas bedeutender wären. Bloss dass der noch nicht sehr geübte Sven Hannawald auch auf der Piste unterwegs ist.

Nach sechs Minuten stehen wir wieder vor den Boxen. Ich und die Frau, die mir das Leben gerettet hat. Die Crew lacht über meine zitternden Knie, und Surer lädt fröhlich den nächsten Gast ins Fahrzeug, nachdem sie sich nach dem Befinden meiner Schuhsohlen erkundigt hat: Es sei nämlich schon vorgekommen, dass die Sohlen eines Mitfahrers geschmolzen seien.

Mein Gott, wie kann man sich freiwillig, ohne Zwang durch Monster und Teufel, solchen Strapazen aussetzen?
Die Faszination ist am deutlichsten mit dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring zu erklären. Das ist etwas vom Härtesten, was es gibt. Man tut es immer wieder, weil so viele Emotionen und Adrenalin in einem geweckt werden, dass man süchtig wird danach. Es ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Möglichkeit, an die eigenen Grenzen zu gehen und die Grenzen des Autos auszuloten. Und dies über lange Zeit. Drei bis vier Leute wechseln sich in 24 Stunden ab. Das heisst, man fährt inklusive Training zehn Stunden an einem Tag. Und manchmal fragt man sich selbst: Warum tue ich das überhaupt? Aber wenn es wieder erfolgreich vorüber ist, bist du dir sicher: Ich bin nächstes Jahr wieder dabei.

Nunmehr in der Dämmerung tragen Hockenheim-Fans günstig erstandene abgefahrene Reifen von den Rennwagen der Superstars zu ihren Autos. Werden sie sie an die Stubenwand hängen? Die Autogrammjäger haben ihre Rucksäcke gefüllt. Die Seat-Crew fährt zum Hotel und geht früh zu Bett: viel Schlaf, kein Alkohol.

Am nächsten Morgen trifft Christinas Vater, Peter Bönzli, ein. Er bringt ihr ein gerahmtes Foto von Juan Carlos mit. Er begleitet sie oft an Rennen, doch Angst um sie hat er nie, seit er sich von der Sicherheit «der Kisten» überzeugt hat. Dass einmal etwas Rechtes aus seiner Tochter würde, hat er schon immer gewusst. «Wäre es nicht der Motorsport gewesen, dann halt etwas anderes Verrücktes.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 46/05
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