Zu Fuss (2 Stunden, 30 Minuten)

Heiliger Bimbam!

Von Thomas Widmer

Als ich in Cama im unteren Misox aus dem Bus steige, erblicke ich gleich das Schild «Sentiero dei Grotti». Wie gern liefe ich jetzt rüber ins italienische Gordona und tränke unterwegs in jedem Grotto eine Gazzosa. Doch, o weh!, dazu wäre eine 2400-Meter-Bergkette zu queren, das geht erst nächsten Sommer wieder. Der Hang zur Linken aber ist momentan gut machbar, er ist mein Projekt, seine sechshundert Höhenmeter gilt es auf dem Weg ins Calancatal zu bewältigen. Ziel ist der Ort Sta. Maria und, passend zum Voradvent, dessen uralte Kirche. Die Sta. Maria Assunta, auf einem Hügelsporn thronend und von einer Burgfriedruine flankiert, gilt als eine der schönsten Kirchen der Südschweiz.

Wir starten am Bahhnof von Cama. Ja, Bahnhof. 1907 wurde die Bahnlinie von Bellinzona nach Mesocco eröffnet. Doch so richtig auf Touren kam der Betrieb nie, schon deshalb nicht, weil die Strecke im Abseits des nationalen Schienennetzes lag: Sie begann beziehungsweise endete fünfhundert Meter vom SBB-Bahnhof Bellinzona entfernt. Portionenweise wurde sie wieder stillgelegt, heute verkehren sehr selten und bloss auf einem Teilabschnitt Nostalgiezüge. Wir dürfen es also, brav dem Wanderwegschild folgend, riskieren, auf den übergrasten Schienen dreissig Meter zurückzulaufen. Dort biegt der Weg in den Hang. Nun geht es, meist im Wald, aufwärts, wobei verrottende Kastanienhüllen den Grund polstern. Bildstöcke mit Marienmotiven zeigen, dass es sich um einen Wallfahrtspfad handelt. Der einzige Pilger an diesem Tag bin aber ich. Ein Protestant!

Im Minidorf Verdabbio lädt ein Grotto zur Rast. Die grosse Einkehr spare ich mir freilich für Sta. Maria auf, wo die Sicht laut einem Freund grandios sein soll. Stimmt voll und ganz, stelle ich oben fest. Die Kirche der Maria, an deren Tür ein Foto des neuen Papstes klebt, lohnt ihren Besuch im Übrigen allein der einzigartigen vierhundertjährigen Kassettendecke wegen; will man auch all die anderen Kostbarkeiten würdigen, lohnt es sich, in den aufliegenden Kunstführer zu investieren. Wieder draussen, schaue ich von diesem Adlerhorst aus hinab ins wunderschön kultivierte Tal und verstehe, dass hier oben schon vor 4500 Jahren gebauert wurde und dass im eine Terrasse tiefer liegenden Castaneda die Etrusker ihre Spuren hinterlassen haben. Sta. Maria samt Umgebung ist zeitlos attraktiv.

Hin und zurück: Bus ab/nach Bellinzona
Karte: Wanderkarte als PDF

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