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02.11.2005, Ausgabe 44/05

Wie Andersgläubige zueinander finden

So sexy kann Entspannungspolitik sein

Darf es zwischen einer Christin und einem Juden zum Äussersten kommen? Und wann? Und ist es okay, wenn er den Akt unterbricht, weil seine Mutter anruft? Heikel. Aber auch schön, wie Andersgläubige zueinander finden und die Luft zwischen Zürich und Tel Aviv zum Tanzen bringen.

Von Franziska K. Müller

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Kristina Grish ist eine New Yorker Schickse (1) mit Vorbildqualitäten: Die Dreissigjährige lebt im East Village, trägt am liebsten Calvin-Klein-Miniröcke und hochhackige Schuhe von Jimmy Choo, ihr Lieblingsessen ist Shrimpscocktail und Jakobsmuscheln. Ihr letzter Kirchenbesuch? Als Täufling auf dem Arm ihrer Mutter. Dafür hat sich die Vogue-Autorin in den vergangenen zehn Jahren intensiv mit der jüdischen Kultur auseinander gesetzt, wie sie sagt. Über ein Dutzend Beziehungen mit «hebräischen Sweethearts», so nennt Kristina Grish ihre bevorzugten Datingpartner, kann sie vorweisen. «Jüdische Männer analysieren die Beziehung ausgiebiger als jeder Psychiater. Sobald die Schlafzimmertüre ins Schloss fällt, verwandeln sie sich in wundervolle Liebhaber, und eigentlich wollen sie nur eins: den Frauen gefallen» – dies sind ein paar Gründe, weshalb bei Frau Grish aus Neugierde eine Präferenz wurde.

Zudem sei das Judentum durch eine starke matriarchale Kultur geprägt – Tacheles gesprochen: Die Mamme hat immer Recht, und deswegen werde auch die weibliche Autorität der Partnerin diskussionslos akzeptiert. Eine Hand auf die Schulter, einen Kuss auf die Stirn, das kenne er von daheim, und das Unterbewusstsein signalisiere sofort: Widerstand zwecklos. Folgsam begleiteten sie Simcha, David und Barry daraufhin zu Tiffany, sagt Grish. An ihrem Arm blinken die Armreifen des New Yorker Nobeljuweliers.

Vor einem Jahr entschloss sich Grish, ihr Insiderwissen zu veröffentlichen. Die Verleger standen diesem Ansinnen skeptisch gegenüber: Da sie keine Jüdin sei, handle es sich um ein heikles Thema. Das Buch, «Boy Vey! The Shiksa’s Guide to Dating Jewish Men» (Der Schicksen-Ratgeber für Verabredungen mit jüdischen Männern), kam im Sommer trotzdem in den Handel und wurde in New York sofort ein Bestseller.

Abenteuerlustige Schicksen führt Kristina Grish in die Marotten der Hebräer ein, erteilt einen Crashkurs in Jiddisch und informiert über die häufigsten Patzer der Gojim (2). Nach der Lektüre müsste dann auch klar sein: Die Menora (3) ist nicht als Feuerquelle für Zigaretten gedacht, ein siebenstündiger Synagogenbesuch ist kein Anlass für die Bemerkung «Dauert’s noch lange?», das Ein- und Ausknipsen der Nachttischlampe ist am Sabbat (4) verboten, Ausführungen über die «Nahostpolitik» killen im Bett die Stimmung – und auch Waschmittel und Zahnpasta können koscher (5) sein.

In einer Stadt, in der die liberale jüdische Bevölkerung ähnlich gross ist wie die Anzahl an Schicksen mit Chuzpe (6), war der Erfolg des unorthodoxen Ratgebers keine wirklich grosse Überraschung. «Einigermassen schockiert» ist Kristina Grish hingegen, wie sie gegenüber der Weltwoche erklärt, dass sie heute von Tel Aviv bis London im Kreuzfeuer der jüdischen Kritik steht. Die wütenden Reaktionen blieben nicht bei einem entsetzten «oy vey!» – dem jiddischen Ausruf für «o weh!» –, den die Beziehungsexpertin im Buchtitel verballhornt hatte.

Gemischtreligiöse Partnerschaften werden in jüdischen Kreisen – von liberal bis orthodox – bestenfalls stillschweigend zur Kenntnis genommen. Die Offenheit, mit der Grish ihr Liebesleben für jeden zugänglich machte, brachte der deutschstämmigen Amerikanerin sogar den Vorwurf «Nazi» ein. Hunderte von Briefen und E-Mails erreichten sie in den vergangenen zwei Monaten. Ihre Ermunterungen zur Wilderei auf fremdem Terrain werden mehrheitlich als Unverschämtheit und als Tabubruch empfunden; eine Frau riet ihr: «Verschwinde von unserer Scholle. Hau ab.» In den jüdischen Chatforen rund um den Globus hagelte es empörte Reaktionen, und zwar «von mehrheitlich weiblicher Seite», sagt Yoram Peri, Soziologe an der Universität von Tel Aviv dieser Zeitung. Peri findet, dass amerikanische Jüdinnen, die auf der Suche nach einem jüdischen Mann in Scharen nach Israel auswandern müssten, verständlicherweise sensibel auf das Thema reagierten.

Die liberale israelische Zeitung Haaretz schrieb: «Nichtjüdische Frauen sind nur die berühmten verbotenen Früchte, die auf den ersten Biss immer süsser schmecken als die anderen. Kristina und andere ungläubige Schicksen müssen sich auf ihre Erfolge nichts einbilden. Sie sind allenfalls ein Appetitmacher. Essen tun die Männer zu Hause – bei ihren jüdischen Freundinnen und Frauen.»

Rabbi und rabiat

Das stimmt nicht, wie die Statistiken zeigen. In den USA leben fünfeinhalb von weltweit dreizehn Millionen Menschen jüdischen Glaubens. Vor 1965 heirateten zehn Prozent «ausserhalb ihrer Religion», heisst es beim nationalen Jewish Outreach Institute. Heute teilen 47 Prozent aller Neuverheirateten Alltag und Nacht mit einem nichtjüdischen Partner, Tendenz steigend.

In der Schweiz umfasste die jüdische Bevölkerung bei der Volkszählung 2000 lediglich 17914 Personen (1970: 20744). Der Trend zu interreligiösen Verbindungen ist jedoch vergleichbar mit jenem in den USA: Von 112 Hochzeiten im Jahr 2004 waren sechzig Prozent Verbindungen mit Gojim.

Der Grund für den Streit über Grishs Buch sind nicht nur die Konkurrentinnen auf der Jagd nach dem jüdischen Mann. «Die Angst des jüdischen Volkes, eines Tages vom Erdboden zu verschwinden, ist fast so alt wie das Judentum selbst», schrieb The Jewish Week über die Heftigkeit der Reaktionen. Früher hielten Eltern, deren Kinder nichtjüdische Partner ehelichten, eine Shivah. Das ist ein mehrwöchiges Trauerritual, welches in der Regel einem Todesfall folgt. «Wie jede Minderheit sehen auch die Juden die Kontinuität von Religion, Tradition und Kultur durch die Weitergabe dieser Werte gewährleistet», sagt die Zürcher Regisseurin Gabrielle Antosiewicz. In ihrem Film «Matchmaker – Auf der Suche nach dem koscheren Mann» lädt die Zürcherin jüdische Singlemänner zum Sabbat-Brotbacken in ihre Küche ein und gibt so – von der Partnersuche im Internet bis zur koscheren Beziehung – Einblicke in das jüdische Liebesleben.

Solcher «Unterricht» schadet nicht. 54 Prozent aller amerikanischen jüdischen Kinder unter 18 Jahren werden in den USA nicht religiös erzogen, der Grossteil besucht öffentliche Institutionen. Sie essen in der Mittagspause Big Macs und Burritos, tragen bauchfreie T-Shirts und bekommen von den religiösen Gepflogenheiten des Alltags nicht viel mit. Nur elf Prozent der jüdischen Bevölkerung besuchen wöchentlich eine Synagoge. In jedem dritten Haushalt werden am Freitagabend die Sabbatkerzen angezündet.

Und nicht nur das: In den USA bringen jüdische Frauen durchschnittlich nur 1,2 Kinder zur Welt. Der allgemeine Durchschnitt liegt bei 2,1 Geburten pro Frau. Im Alter zwischen 30 und 34 ist nur jede vierte US-Bürgerin kinderlos, bei den Jüdinnen sind in diesem Alter die Hälfte aller Frauen ohne Nachwuchs. Eine repräsentative Umfrage, welche die New York Times veröffentlichte, zeigt zwar, dass heute achtzig Prozent der jüdischen US-Bevölkerung gemischte Verbindungen als «unvermeidbares Resultat einer offenen Gesellschaft» gutheissen. Zugleich fand jedoch fast die Hälfte der Befragten, dass «die Opposition solchen Partnerschaften gegenüber» keine Ausgrenzung gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung darstelle.

Trotz solchen Beteuerungen ist es bis heute fast unmöglich, als interreligiöses Paar vor einen Rabbiner zu treten. Der eigentliche Sinn einer Vermählung ist der erwünschte Nachwuchs. Kinder gelten nach den halachischen Gesetzen nur dann als jüdisch, wenn es ihre Mütter auch sind. Denn wer vermittelt dem Nachwuchs Traditionsbewusstsein und religiöse Identität, während die Väter – zumindest ursprünglich – durch das Thorastudium und häufige Synagogenbesuche absorbiert sind? Die Ima (7). In der Mehrheit der gemischtreligiösen Partnerschaften ist aber die Frau christlichen Glaubens, wie die internationalen Statistiken zeigen. Ein Umstand, der Kristina Grishs Behauptung – jüdische Männer sind von Schicksen ebenso fasziniert wie umgekehrt – stützt, dem Fortbestand der Minorität jedoch wenig dienlich ist.

Längst wurden Gegenmassnahmen ergriffen. Den Anfang machte Rabbi Yaacov Deyo. Vor zehn Jahren entwickelte er das Speed-Dating, ein Verkupplungsverfahren, das der Rabbi in der Zwischenzeit patentieren liess. Als Direktor einer jüdischen Schule in Los Angeles war er es leid, mit ansehen zu müssen, wie die männlichen Schüler seiner Thoraklasse ihre oberste Pflicht – das Zeugen von Nachwuchs – vernachlässigten.

Das Studieren und Interpretieren der heiligen Schriften gilt als ebenso zeitaufwendige wie absorbierende Tätigkeit. Für Partys und Liebesaffären fehlte den Jeschivaschülern die Musse, und ebenfalls die Erfahrung, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Bei seltenen Gelegenheiten tappten sie reihenweise in die Schicksenfalle. Beim Speed-Dating lernen sie innerhalb weniger Stunden bis zu zehn jüdische Singlefrauen kennen. Ist die Sympathie gegenseitig und die Lebensplanung kompatibel, steht einer baldigen Hochzeit nichts mehr im Weg.

Auch andere Vermittlungsaktivitäten vervielfachten sich in den vergangenen Jahren weltweit. In den USA gibt es heute Hunderte von Web-Matchmakern, die ausschliesslich jüdische Frauen und Männer miteinander verkuppeln wollen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit pflügen sich im Durchschnitt achttausend Interessierte durch die Internetforen der jeweiligen Anbieter. Liberale genauso wie Orthodoxe. Obwohl nicht selten eine Blondine mit blauen Augen als Lockvogel dient, haben Nichtjuden geringe Chancen, sich einzuschleichen. «Theoretisch kann bei den Fragen rund um religiöse Bekenntnisse und Gepflogenheiten zwar geschummelt werden. Spätestens wenn das erste Rendezvous ansteht, fliegen Schwindeleien jedoch ziemlich sicher auf», sagt ein Initiant.

Anbahnungsinstitut: Eltern

Ben Schwandt, der eine der wenigen jüdischen Dating-Agenturen im deutschsprachigen Raum betreibt (www.findlove24.de), beschreibt seine Klientel als jung, urban und liberal. «Die Verbindung mit einem jüdischen Partner hat in diesen Kreisen wenig mit religiösen Ambitionen zu tun. Sondern mit Solidarität und Verbundenheit dem jüdischen Volk gegenüber», sagt Schwandt. Viele Mitglieder hätten Beziehungen mit nichtjüdischen Partnern und Partnerinnen hinter sich. «Wird der Gedanke an eine Heirat konkret, besinnen sich viele auf ihre Wurzeln zurück.»

Die 27-jährige Basler Pharmaassistentin Susanne Bollag* betreibt die Partnersuche vor allem virtuell, «weil ein Absprung jederzeit und ohne negative Konsequenzen möglich ist». Sie sagt: «Lebt man nicht gerade in New York und engagiert man sich nicht aktiv in einer jüdischen Gemeinde, sind die Möglichkeiten limitiert, um mit aufgeschlossenen Altersgenossen in Kontakt zu kommen.» Die Zürcher Regisseurin Gabrielle Antosiewicz ist der Meinung, unter den 9000 männlichen Schweizer Juden gebe es nur ein paar Dutzend heiratswillige Männer in ihrem Alter.

Je kleiner die Gemeinschaft, desto grösser sei die soziale Kontrolle, denkt Susanne Bollag. Selbst aus einem religiösen Umfeld stammend, planten ihre Eltern auch schon eine Schidduch für die Tochter. Bei dieser familiären Vermittlungstradition wird nach einem passenden Partner innerhalb der jeweiligen Gemeinde unter Freunden und Bekannten Ausschau gehalten. Anschliessend wird ein Blind Date beispielsweise in der elterlichen Wohnung organisiert, bei dem die Familienangehörigen oft anwesend sind, um die Braut oder den Bräutigam in spe zu begutachten.

«Die Spontaneität und der erotische Kick bleiben bei einem solchen Treffen auf der Strecke», sagt Gideon Meyer*, ein dreissigjähriger Zürcher Grafiker, über seine Schidduch. Er weiss natürlich, dass dabei andere Kriterien als die Anziehung im Vordergrund stehen und die so geschlossenen Partnerschaften erfahrungsgemäss gute Chancen haben, ewig zu halten.

Denn es wird praktisch gedacht: «Gut möglich, dass man sich beim ersten Treffen über die Anzahl Kinder unterhält, die man zeugen möchte, und die Finessen verschiedener Mazzen (8) erläutert», sagt Gideon Meyer. Susanne Bollag: «Es besteht die Möglichkeit, sich gegen den empfohlenen Anwärter zu entscheiden. Friktionen innerhalb der beteiligten Familien lassen sich bei einer Schidduch nicht immer ausschliessen.»

Der jüdische Singleclub, eine Organisation der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), veranstaltet zweimal jährlich einen Grossanlass. Zu den Wanderferien und Wellnesswochen reisen jeweils zwischen fünfzig und siebzig Personen aus dem In- und Ausland an. «Wenn sich per Zufall etwas ergibt: super! Aber wir forcieren natürlich nichts», sagen die Organisatoren. Über die Anzahl zustande gekommener Verbindungen werde nicht Buch geführt.

Von solcher Zurückhaltung hält Jose Weber überhaupt nichts. Sein Werbeslogan lautet: Heirat erwünscht! Der Fünfzigjährige ist der einzige offizielle Schadchen im deutschsprachigen Raum und agiert als traditioneller jüdischer Heiratsvermittler von Frankfurt aus. «Ich schimpfe so lange mit den Leuten, bis sie zueinander finden», lautet sein Erfolgskonzept. Es funktioniert seit zwanzig Jahren bei Hunderten von Paaren, darunter einige aus der Schweiz.

Früher zogen die angesehenen Kuppler mit Pferd und Wagen durch die weit auseinanderliegenden Dörfer und machten sich in langen Gesprächen ein persönliches Bild von den Heiratswilligen. Wer zueinander passte, die brachten sie zusammen. Das Prinzip ist das gleiche geblieben. Heute reist Weber aber über sämtliche Erdteile bis nach Australien, um ein perfektes Matchmaking zu vollenden. Auch die Heirats- und Verlobungsanzeigen im Schweizer Wochenmagazin Tachles zeugen von Weltläufigkeit: «New York meets Jerusalem», «Brugg meets Warschau», heisst es dort.

Häufig lancierten Eltern, Verwandte oder Freunde einen Hilferuf, um Singles endlich unter die Haube zu bringen, sagt der Schadchen. Manchmal wenden sich auch nichtjüdische Heiratswillige an ihn. Auf Webers strenge Frage, ob Pläne bestünden, um zu konvertieren, antworten sie: «Wieso? Mischehen gab es doch schon immer.» Der Schadchen antwortet dann: «Sehen Sie, genau das soll meine Arbeit verhindern.»

Jose Weber muss sich manchmal den Mund fusselig reden, damit die Anwärter nicht beim ersten Misston abspringen. Aus nichtigen Gründen, wie er findet: Übergewicht, Lifestylefragen, mangelnde Chemie. Die Frauen, emanzipiert und berufstätig, hofften in jungen Jahren auf einen Märchenprinzen. Ab 25 würden sie realistisch und somit offen für die pragmatische Argumentation des Schadchen. Weber arbeitet mit Österreichs renommiertester Agentur für Hochzeitsplanung zusammen. The wedding planner ist auf jüdische Festivitäten spezialisiert. «Der Grossteil unserer Heiraten betrifft interreligiöse Verbindungen», sagt die Chefin Michaela Honies. «Eine solche Trauung darf weder in einer Synagoge durchgeführt werden, noch findet sich im deutschsprachigen Raum ein Rabbiner, der mitmacht.» Honies liess schon eine progressive Rabbinerin aus England einfliegen, die als einzige in Europa derartige Zeremonien durchführt.

Die Bemühungen, unter sich zu bleiben, sind jedoch nur mässig erfolgreich. Gabrielle Antosiewicz’ Filmidee entstand, weil man in ihrem säkularen jüdischen Freundeskreis wieder vermehrt jüdisch heiraten wollte. In ihrem filmischen Selbstversuch machte sich die Dreissigjährige auf die Suche nach einem geeigneten Partner und kam mit einer verwirrenden Vielzahl an religiösen Ausrichtungen in Kontakt. «Bereits während der Dreharbeiten stellte ich mir die Frage, ob sich die jüdische Identität an der Häufigkeit der Synagogenbesuche ablesen lässt oder ob eine innere Zugehörigkeit ohne religiösen Aktivismus nicht ebenso koscher sein kann», sagt Gabrielle Antosiewicz. Die Filmemacherin ist bis heute ohne jüdischen Partner.

Theorie und Praxis liegen beim Verkuppeln eben weit auseinander. «Der Charme des SpeedDatings liegt in der Effizienz», sagt der vierzigjährige Bankkaufmann Daniel Seidel* über seine Erfahrungen. Nick Ganz, Organisator des schweizerischen Speed-Dating-Angebotes, sagt allerdings: «Bevor sich ein einziges Liebespaar formiert, sind pro Teilnehmer durchschnittlich sieben Verabredungen nötig.»

Daniel Seidel ist heute mit einer Protestantin verheiratet. Man feierte nacheinander Chanukah (9) und Weihnachten. Die Befürchtungen der Eltern, ihre Tochter verwandle sich in eine Zionistin, bewahrheiteten sich nicht. Die Angst seines Vaters, Schweineschnitzel und unkoschere Salami stünden künftig auf dem Speiseplan, erwiesen sich ebenfalls als unbegründet. Erstaunt war Seidels Frau lediglich, als Daniel sogar während des Sex die Telefonate seiner Mutter entgegennahm.

Der israelische Soziologe Yoram Peri sagt: «Gegen gemischtreligiöse Verbindungen gibt es überhaupt nichts einzuwenden: vorausgesetzt, es wird konvertiert.» Ein Übertritt vollzieht sich in der Realität komplizierter, als es in der Fernsehserie «Sex and the City» dargestellt wurde. Dort bemühte sich die Konvertitin Charlotte, indem sie drei Hebräischlektionen besuchte, nur noch blickdichtes Strumpfwerk trug und sich einen brillantbesetzten Davidstern schenken liess. Als Gegendeal musste sich der zukünftige Ehemann den behaarten Rücken epilieren lassen. Wenig später stand Charlotte mit Harry unter der Chuppah (10), dann spielte eine Elektroklezmerband zur Hora (11) auf. In Tat und Wahrheit aber kann sich ein Übertritt über Jahre hinziehen, und das Risiko, dass die Beziehung kaputtgeht, bevor die Schickse in der Mikwe (12) untertauchen darf, ist ebenfalls gross.

Kristina Grish umging dieses Problem bisher. Sie nahm Reissaus, sobald das Thema Hochzeit zur Sprache kam. «Leider», sagt ihr Ex-Lover Ben Kapplan: «Sie war der Traum jedes jüdischen Mannes: lustig, exotisch, tapfer, sexy und herausfordernd. Und das Beste: Sogar meine Mutter fand sie toll.»

(1) Nichtjüdin

(2) Nichtjuden

(3) Siebenarmiger Leuchter der jüdischen Liturgie

(4) Von Freitag- bis Samstagabend dauernder Ruhetag, der mit bestimmten Ritualen verbunden ist

(5) Den jüdischen Speisegesetzen gemäss. Auch: korrekt, richtig

(6) Unbekümmerte Frechheit

(7) Mutter

(8) Ungesäuertes Fladenbrot, das während der Pessahzeit gegessen wird

(9) Fest der Tempelweihe im Dezember

(10) Hochzeitsbaldachin

(11) Traditioneller jüdischer Tanz

(12) Ritualbad (mit dem auch der Übertritt besiegelt wird)

*Namen der Redaktion bekannt

Kristina Grish: Boy Vey! The Shiksa’s Guide to Dating Jewish Men.
Simon Spotlight Entertainment. 176 S., Fr. 23.20

«Matchmaker – Auf der Suche nach dem koscheren Mann»
von Gabrielle Antosiewicz läuft zurzeit in den Schweizer Kinos.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 44/05
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