Der Tag des Gerichts ist da, die Toten klettern in ihren weissen Langhemden unbeholfen aus ihren Grablöchern, sie ringen die Hände und schneiden bange Grimassen; gute Laune hat einzig, schadenfreudig grinsend, Satan mit seiner Vokuhila-Frisur wie ein Gölä-Band-Mitglied. Wie muss das Wandfresko in der Kirche St. Luzisteig den Menschen der Gotik Eindruck gemacht haben, da es, stark verblichen, noch uns bildübersättigte Neuzeitler zu fesseln vermag.
Bevor wir das Fresko bewundern, wandern wir. Dani, Hürzi, ich und Emil, der in dieser Kolumne bereits zweimal aufgetretene hochbeinige Jack-Russell-Terrier – wir starten in Fläsch, dem Winzerflecken unweit von Bad Ragaz. Dort hält uns allerdings eine Grundsatzfrage auf. Sollen wir uns im örtlichen Supermärktchen ein, zwei Flaschen Fläscher besorgen, oder wird uns der Wein zu schwer werden im Hinblick auf die anstehenden 600 Höhenmeter? Dani kauft. Hürzi und ich kaufen nicht, da uns die bolzengerade aufragende Westwand des Regitzer Spitzes einschüchtert. Emil wäre eher an Fleischwaren interessiert.
Jetzt orientieren wir uns am Wegweiser zum Fläscherberg. In einer weiten Rechtsvolte umgehen wir die Steilwand, keuchen durch den Wald aufwärts, Kehre um Kehre, bis zur Fläscher Alp. Ab hier wird es bequemer; Armee sei Dank führt ein schmales Strässchen, das von stillgelegten Bunkern gesäumt ist, auf den Regitzer Spitz, 1135 Meter. Der Senkrechtblick hinab ins Rheintal ist schwindelerregend. Immerhin: Ein Geländer sichert den Geländeabbruch.
Via Fläscher Alp steigen wir nach St. Luzisteig ab, dessen Waffenplatz die Gegend verhässlicht. Als wir die erwähnte Kirche erreichen, ist die Kurzdepression schon wieder vorbei: Wir mustern die Fresken, essen im Gasthof fein. Hernach erreichen wir in einer gemütlichen Stunde, wobei wir wegen der Unwetterschäden zum Teil die Strasse dem Weg vorziehen, Maienfeld. Wieder ein Winzerort, wieder Gelegenheit zum Weinkauf. Und zur Formulierung der Tagesbilanz: Es war eine leichte, aber sehr spektakuläre Route, und zur grossartigen Natur kam grossartige Kultur. Nachdem ich vor zwei Wochen anlässlich meiner Moron-Begehung von der «perfekten Herbstwanderung» schwärmte, bin ich daher geneigt zu sagen: Diese Herbstwanderung ist sozusagen noch perfekter.
Anreise: Bus von Bad Ragaz nach Fläsch.
Gasthof: Der «St. Luzisteig» hat am Mittwoch zu.
Karte: Wanderkarte als PDF













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