«In keinem Land der Welt hat der Einsatz von Gentechnahrungsmitteln bisher die Erträge gesteigert» (1), behauptet die Berner SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga in einem Brief, den sie Anfang Jahr im Namen der Swissaid in tausendfacher Ausführung verschickte. Die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) dagegen hält in ihrem Jahresbericht die Resultate der Genlandwirtschaft fest: «33% Ertragssteigerung in Argentinien, 19% in China, 80% in Indien, 11% in Mexiko und 65% in Südafrika» (2). Unbeeindruckt von der Faktenlage stampft Sommaruga, die Galionsfigur der Anti-Gentech-Lobby, unverdrossen weiter: «Gesteigert wurde einzig und allein der Einsatz von Pestiziden.» Dazu möchte man der Präsidentin von Swissaid gerne einen Artikel aus Science empfehlen: «Bei gentechnisch verbessertem Bt-Reis in China wurde der Pestizidaufwand in Kilogramm pro Hektare zehnmal verkleinert.» (3)
Wie viel Unsinn dürfen Politiker eigentlich sagen? Hat die Wissenschaft selbst in Wissenschaftsfragen nichts mehr zu melden?
Für uns Forscher war es seinerzeit eine willkommene Schicksalsfügung, dass Jacqueline Bachmann, der Sommaruga-Klon, als Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz nicht mehr so erfolgreich gegen Genfood zu agitieren vermochte wie ihre Vorgängerin Sommaruga. Umso härter trifft uns, dass die Bernerin nun Präsidentin von Swissaid ist. Jetzt stehen ihr noch mehr Mittel zur Verfügung auf der Mission gegen resistente Eidgenossen, die nicht einsehen, das Gentech nur eins ist: böse, böse, böse.
Ende November stimmen wir über die eidgenössische Volksinitiative «für Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft» ab. Sommaruga warf den Motor der Propagandamaschine bereits im Februar an mit dem (zahlenfreien) Startpamphlet «Gentechlebensmittel lösen nur ein Hungerproblem: Die Gier der internationalen Multis». Lesetipp für Frau Sommaruga: die erwähnte Science-Arbeit von Huang et al. (3)
Dort steht: «Die Spritzbehandlungen und die Pestizidkosten wurden drastisch gesenkt.» Sommaruga behauptet hingegen: «Jeder Bauer muss jedes Jahr das patentierte Saatgut von Neuem bei den Konzernen gegen hohe Gebühren einkaufen, sich dafür oft massiv verschulden und läuft Gefahr, seine Existenz zu verlieren.»
Bei dieser alten Leier kommen einem fast die Tränen, stünde nicht im gleichen Science-Artikel, dass nur beim Anbau von konventionellem Reis 8,3% der Bauern mit Gesundheitsschäden durch Pestizide rechnen müssen. Beim Anbau von GVO-Reis hingegen fiel der Prozentsatz auf null. Doch von der Swissaid-Homepage tönt es wie von einem Orakel: «Das Gentechmoratorium ist dringend notwendig»; «Gentechnologie in der Landwirtschaft. Chronik einer angekündigten Katastrophe»; «Gentechreis: Keine Antwort auf das Hungerproblem»; «Die falschen Versprechen der Gentechnologie» usw. Die Links auf befreundete Sites weisen auf andere NGOs, die den gleichen Jargon benutzen und den gleichen Inhalt haben. Alle singen das Lied, das Greenpeace seit Jahren dirigiert. Solche Organisationen haben den sambischen Präsidenten dazu gebracht, eine Gratis-WHO-Lieferung von gentechnisch verändertem Mais abzulehnen. Die NGOs haben den wohlgenährten Präsidenten Levy Mwanawasa so verängstigt, dass er öffentlich kundtat: «Wir werden eher hungern, als unseren Leuten etwas Giftiges zu geben.» Bei manchen Leuten funktioniert die einfache Formel: Genfood gleich Gift. Der kommende Abstimmungskampf soll offensichtlich auch bei uns auf diesem leicht verständlichen Niveau bleiben.
Wer ist Swissaid? «Die Schweizerische Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit ist eine der führenden Schweizer Entwicklungsorganisationen mit Hauptsitz in Bern und einem Büro in Lausanne», erklärt der Eigenbeschrieb der 15-Millionen-Organisation. Wer noch wach ist, liest weiter: «Als parteipolitisch und konfessionell unabhängige Stiftung unterstützen wir zahlreiche benachteiligte Menschen in den Projektländern Nicaragua, Kolumbien, Ecuador, Tansania, Tschad, Niger, Guinea-Bissau, Myanmar (Burma) und Indien. In der Schweiz setzen wir uns entwicklungspolitisch ein.»
Die Swissaid-Betriebsrechnung weist einen Programmbeitrag namens «Bund» in der Höhe von 6777099 Franken aus. Ist das ein Beitrag zur Unterstützung der Moratoriumsinitiative? Wurde damit der zitierte Brief Sommarugas finanziert? Wie kommt der Bund dazu, auf der einen Seite die grüne Gentechnik knapp zu alimentieren und zugleich Trägerorganisationen der Moratoriumsinitiative unter die Arme zu greifen? Und noch andere Gentech-Gegner machen die hohle Hand. Letztes Jahr erhielt die Stiftung für Konsumentenschutz 171800 Franken und Bio Suisse 873963 Franken Bundessubventionen. Der World Wildlife Fund (WWF) wurde mit einem Beitrag von 641698 Franken und Terre des hommes mit 296000 Franken vom Bund unterstützt.
Der Bundesrat hat dazu Stellung genommen. Die Bundesgelder flössen nicht in die Öffentlichkeitsarbeit von Swissaid, sondern seien strikt an Projekte im Ausland gebunden. Ich nehme an, die Kässeli bei Swissaid sind schön sauber getrennt und die Mitarbeiter wissen, dass sie nur zur Hälfte oder sonst einem Teil ihrer Arbeitszeit im Inland Entwicklungshilfe leisten dürfen.
Sommarugas scharfen Brief muss man vor dem Hintergrund sehen, dass just Anfang 2005 5 weltweit angepflanzt werden und über acht Millionen Bauern heute gentechnisch verbesserte Pflanzen aussäen. Daneben sieht die Schweizer Landwirtschaft aus wie die Swissminiature in Melide. Die nüchternen Statistiken belegen: Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen nimmt jedes Jahr zu. Und etwa 30% der Anbaufläche befinden sich in der Dritten Welt. Und noch niemand ist an Schäden gestorben.
Die Gentechnik-Gegnerin Sommaruga erklärt: «Multinationale Konzerne machen mit den Landwirten der Dritten Welt das grosse Geschäft.» Würde sie Nature Biotechnology (4) lesen, stiesse sie auf folgende Zahlen: Die Dritte Welt braucht zu 85% eigene Landrassen und Varietäten, um genetisch veränderte Pflanzen herzustellen. Nur 1% der genetischen Ressourcen stammt aus dem Ausland. Wo also sind die bösen Konzerne? Sogar die Ziele der Drittweltbauern sind hehr: Pflanzen gegen Krankheiten schützen, die Qualität verbessern und Impfstoffe herstellen.
Die Befürworter der Gentechnologie haben mit dem Welthunger ein echtes Argument. Diese neue Technik könnte einen Beitrag leisten, Entwicklungsländer autonomer zu machen, indem sie die Hungerleidenden günstigere, bessere, gesündere und ökologischere Nahrungsmittel produzieren lässt. Das können die Gen- techlobbyisten glaubhaft aufzeigen. Und keiner hat jemals behauptet, allein damit könne man das Hungerproblem lösen. Ist man aber aus ideologischen Gründen gegen die Gentechnik eingestellt, muss jedes Pro-Argument im Keim erstickt werden.
(1) Brief von Simonetta Sommaruga (PDF 877 kb).
(2) The State of Food and Agriculture. Agricultural
Biotechnology. Meeting the Needs of the Poor? 2003–2004. Food and Agriculture Organization of the United Nations. Rom 2004 (www.fao.org/documents)
(3) J. Huang, R. Hu, S. Rozelle, C. Pray.
Insect-Resistant GM Rice in Farmers’ Fields:
Assessing Productivity and Health Effects in China.
Science, 308 (2005), S. 688–690
(4) Joel. I. Cohen. Poorer Nations Turn to Publicly Developed GM Crops.
Nature Biotechnology, 23 (2005), S. 27–33
Beda M. Stadler ist Direktor des Instituts für Immunologie
und Professor an der Universität Bern.
26.10.2005, Ausgabe 43/05
Gentechnik
Resistent gegen Fakten
SP-Ständerätin und Swissaid-Präsidentin Simonetta Sommaruga sät ihre einfache Formel «Genfood gleich Gift» in der Welt aus. Hier erntet sie wissenschaftlichen Sturm.
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