Kaufzwang

Die Späte

Marianne Faithfull verschiebt ihren Psychiaterbesuch nicht wegen eines Interviews. Aber danach ist sie sehr cool.

Von Mark van Huisseling

«Ich musste zu meinem Psychiater, das ist wichtig.» Sagt sie, weil sie 3 Stunden und 10 Minuten verspätet ist. Sie trifft mich bei ihrem Manager im 8. Pariser Arrondissement. Die Wohnung hat Grandeur, ist aber staubig und unaufgeräumt wie das Haus von Lolita Morena bei Montana. (Darf man das eigentlich – jemandem, mit dem man nicht bekannt ist, vom Psychiaterbesuch erzählen? Und soll man darauf sagen: «Ich sehe, war es eine tiefe Sitzung?» oder so?) «Sie sollten sich beklagen bei der Plattenfirma.» (Weil niemand ihr bestätigt habe, dass ich zum Interview anreisen werde.) «Das werd ich tun.» (Werd ich nicht, sonst gelte ich als schwierig und bekomme noch weniger Künstler für Interviews. Und was haben die von der Plattenfirma in der Schweiz schon zu sagen überhaupt?) «Ich werd mich beklagen, ich bin ein Professional. Und es gefällt mir nicht. Wenn ich Interviews gebe, gebe ich sie richtig. Anyway, schiessen Sie.»

Sie ist seit vierzig Jahren im «monkey business» (der ist von Chris von Rohr, den ich pflege, damit er mir vielleicht auch mal ein Interview gibt irgendwann), aber sie erregt sich noch immer. Nur kurz zwar, dann ist sie bereit. Das ist Haltung, find ich. (Oder ist es Pose, und ich fall drauf rein – sass sie im «Mathis», ihrer Lieblingsbar, bestellte Girolles, ihr Leibgericht, und sagte: «Lass mal, der Schweizer kann warten»?) «Es wird ein kurzes Interview, ich muss nämlich weg in zwanzig Minuten, auf den letzten Zug nach Zürich.» (Sie sagt nichts, das ist Haltung.) «Ich will nicht namedroppen, aber ich hab mal ein Interview gemacht mit Jane Birkin...» – «Ah, Jane ist grossartig.» – «Ja, und sie sagte: ‹Als Frau über fünfzig ist man jenseits von Kritik. Fragen Sie Marianne Faithfull.›» – «Ich bin nicht sicher, ich bin selbstkritisch. Aber was ich denke: Nicht jeder muss mich mögen. Manche mögen mich, manche nicht. Und obwohl das wehtut, weil ich eigentlich möchte, dass mich jeder mag, kann ich es akzeptieren.» (Toll, ich will das auch können. Herr Cohn, Herr Marquard, Frau Hagen, Hanspeter, sorry, Büne Huber – ihr seid okay, ich bin okay.)

«Was ist sonst noch gut am, ähm, Älterwerden oder Reiferwerden?» – «Man wird reifer.» – «Und was ist der Nachteil am Reiferwerden?» – «Dass man älter wird.» (Das war eine grosse Antwort, nicht?) «In Interviews mit Ihnen sind oft Kraftausdrücke drin, fluchen Sie viel?» – «Oh, nicht viel, nein. Ich kann es, und wenn ich gedrängt würde, täte ich es vielleicht.» – «Ich find fluchen uncool, wenn man über 25 ist, und Sie sind doch sehr cool.» – «Es gibt ein paar 4-Buchstaben-Wörter, die ich mag, ich liebe das irische ‹piece of shite›.» (Piece of «schoitt» klingt kraftvoll von ihr, sind auch mehr als vier Buchstaben.)

Kein böses Wort über Bob

«Finden Sie sich eigentlich cool?» – «Ich bin nicht so cool, echt, ich bin, erm, zerrissen... Ich bin ziemlich cool im Moment, eigentlich, zum Glück, aber ich werd sehr leidenschaftlich und aufgebracht. Deshalb geh ich zum Psychiater.» (Sie will darüber reden, fürchte ich.) «Fahren Sie immer nach Paris, um Ihren Psychiater zu sehen?» (Sie lebt bei Dublin nämlich.) «Ja, ich bin oft hier, ich hab eine gute Psychiaterin.» – «Fair enough, andere fahren zum Coiffeur nach Paris.» – «Ich nicht, ich bin schlimmer, ich geh nach London zum Coiffeur, haha.» – «Zu wem denn?» – «Zu Keith von ‹Smile›.» – «Wirklich? Bryan Ferry geht auch zu dem, hat er mir gesagt.» (Ich will, wie erwähnt, ja nicht namedroppen.) «Ja, alle gehen dorthin.» – «Ist Coolness nicht eher was Männliches?» – «Ich kann nichts dafür, ich bin ziemlich kalt. Ich hab maskuline Qualitäten, ich bin der Boss.» – «Was kann eine Frau über fünfzig noch Cooles tun?» – «Sechzig werden auf coole Art.»

«Ich hab einige Sätze über Sie aus Zeitungen – stimmen sie?» (Weil, it’s a «monkey business», und vieles stimmt nicht, ausser in der Weltwoche.) «Sie haben Ihrem Sohn Kokain angeboten, als er 17 war, stand in der Sunday Times.» – «Ich schäme mich zu sagen, dass das stimmt. Und es ist nicht cool. Aber es ist nicht aus der Sunday Times, sondern aus meinem Buch.» – «Sie haben Bob Dylan einen Korb gegeben, ebenfalls Sunday Times.» – «Ich werd nicht darüber reden, Bob ist ein Freund.» (Wie cool ist das?) «In einer Schweizer Zeitschrift stand: ‹Ich kann nur zwei Dinge gut: Reiten und ficken.›» (Echt, in – der Weltwoche.) – «Jesus Christus. Ich weiss nicht, ob ich es gesagt hab. Ich kann reiten, nicht so gut... ich hab viel getrunken früher... Aber ich mein, ich kann vieles gut: kochen, schauspielern, singen, auftreten, schreiben, erm, mich amüsieren.»

Marianne Faithfull live, 6. November,
AVO Session Basel, www.avo.ch
Marianne Faithfulls Lieblingsrestaurants:
Mathis Bar, 3 rue Ponthieu, Paris,
Telefon +33 1 53 76 39 55
Kinugawa, 9 rue Mont Thabor, Paris,
Telefon +33 1 42 60 65 07

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