Kein anderer Erreger tötete so viele Menschen in so kurzer Zeit. Das Virus, das im Februar 1918 auftauchte, dann verschwand und nach einer kurzen Verschnaufpause im August zu einem zweiten Schlag ausholte, befiel die ganze Welt. Kein Land wurde verschont, selbst die entlegensten Winkel des Erdballs wurden von der Spanischen Grippe heimgesucht. Als sie 1919 wieder verschwand, hatte sie einen Viertel der damaligen Weltbevölkerung infiziert und mehr Menschen getötet als die Kanonen und Bajonette des Ersten Weltkrieges. Je nach Schätzung riss das Influenzavirus zwischen 20 und 100 Millionen Menschen in den Tod.
Virologen warnen schon lange vor einem neuen Virus, das eine ähnlich grosse Zahl von Menschenleben fordern könnte. Doch in letzter Zeit hat sich die Lage verschärft – manche Experten vergleichen die Situation heute gar mit derjenigen vor 1918. «Die Situation, in der wir heute stecken, ist die gefährlichste, die wir je hatten», sagt der amerikanische Influenzaexperte Robert Webster. Grund für die Besorgnis ist das Vogelgrippevirus H5N1, das bisher sechzig Menschenleben gefordert hat und sein Ausbreitungsgebiet unablässig vergrössert. Dieses Virus, so die einhellige Meinung, hat das Zeug, zu einem tödlichen Pandemiestamm zu werden.
Alte kommen eher davon
Tatsächlich gibt es Parallelen zu 1918. Zum Beispiel das Opferprofil. An der Vogelgrippe sind bisher vor allem Kinder und junge Erwachsene erkrankt. Auch die Spanische Grippe wütete insbesondere unter den Jungen und Gesunden: Mehr als die Hälfte der Opfer war zwischen 15 und 40 Jahre alt, ältere Menschen hingegen kamen relativ glimpflich davon. Ähnlichkeiten gibt es aber auch in Bezug auf das Krankheitsbild. Das Vogelgrippevirus tötet schnell, nicht selten kommt es zu Komplikationen wie Lungenentzündung und inneren Blutungen. Das war auch bei den Opfern der Spanischen Grippe so, wie der Brief eines amerikanischen Arztes vom September 1918 belegt. Die Erkrankten entwickelten «im Nu die bösartigste Lungenentzündung, die ich jemals erlebt habe», schreibt er. «Zwei Stunden nach Einlieferung erscheinen auf ihren Wangenknochen mahagonifarbene Flecken, und wenige Stunden später breitet sich die Verfärbung langsam von den Ohren über das gesamte Gesicht aus. Jetzt ist es nur noch eine Frage von Stunden, bis der Tod eintritt.»
Die beunruhigendste Parallele aber meldeten amerikanische Wissenschaftler vor zwei Wochen, als sie den Erreger der Spanischen Grippe als reines Vogelvirus entlarvten. Die Forscher vermuten, dass unmittelbar vor Ausbruch der Pandemie 1918 ein Vogelvirus direkt auf den Menschen übergesprungen ist. Ein überraschender Befund, ging man doch bisher immer davon aus, die Vogelviren müssten sich zunächst mit menschlichen Influenzaviren austauschen, um für den Menschen kompatibel zu werden. Die Implikation dieser Studie ist klar: Auch H5N1 könnte, geringfügig mutiert, eine Pandemie auslösen.
Endstation Mensch
Die Entstehung eines für den Menschen gefährlichen Pandemiestamms bedingt drei Schritte – zwei davon hat das H5N1-Virus bereits absolviert. Erstens bedarf es eines gefährlichen und wandlungsfähigen Virus, das bei Tieren weitverbreitet ist. Zweitens muss das Virus auch den Menschen infizieren und töten können. Allein das dritte Glied in der Kette fehlt noch: dass es lernt, so einfach wie ein gewöhnliches Grippevirus von Mensch zu Mensch zu springen – durch einen Händedruck, durch Husten oder Niesen. Denn noch funktioniert der Mensch als biologische Sackgasse: Infiziert das H5N1 einen Menschen und tötet diesen, ist auch das Virus am Ende seiner Reise.
Doch das Virus ist bereits fleissig am Üben, auch den Menschen als Kopiermaschine zu nutzen. Von den 120 Menschen, die sich bislang in Asien mit H5N1 angesteckt haben, hatten die allermeisten direkten Kontakt zu kranken Vögeln. In letzter Zeit aber mehren sich die Fälle, wo der Übertragungsweg nicht mehr so eindeutig ist. So gab es vergangenes Jahr in Vietnam den Fall einer 32-jährigen Frau und ihrer 11-jährigen Nichte. Kurz nachdem fünf ihrer Hühner an Vogelgrippe verendet waren, erkrankten auch sie. Überraschenderweise fiel auch die Mutter des 11-jährigen Mädchens der Krankheit zum Opfer. Sie lebte im fernen Bangkok und traf erst im Spital auf ihre sterbende Tochter, wo sie die letzte Nacht in engem Kontakt zu ihr verbrachte. Mit Vögeln war sie nicht in Berührung gekommen. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im Juli dieses Jahres in Indonesien: Dort starben in einem Aussenbezirk von Jakarta ein 38-jähriger Mann und seine 8- und 1-jährigen Töchter, die alle angeblich keinen Kontakt mit Vögeln hatten. Manche Experten werten diese Vorfälle eher als Beweis für die Ungefährlichkeit des Virus. Gerade weil diese kleinen Herde von selber wieder erloschen, so ihr Argument, könne man annehmen, dass sich das Virus nicht effizient ausbreite.
Zurzeit beschäftigt die Gesundheitsbehörden aber ein anderes Phänomen: In Vietnam scheint das Virus in letzter Zeit an Schlagkraft verloren zu haben. Von den weltweit 120 Menschen, die sich seit 2003 infizierten, starben 60 – die Sterberate beträgt also offiziell 50 Prozent. Auch in Vietnam lag sie bis jetzt in diesem Bereich. Doch in diesem Frühjahr meldeten die Vietnamesen 17 Infektionen, wovon nur drei tödlich verliefen. Für diese verminderte Sterblichkeit gibt es zwei Erklärungen. Die eine: Heute werden die Infizierten besser erfasst, früher hat man viele Infektionen mit gutem Verlauf gar nicht registriert. Gemäss dieser These läge die Sterberate also schon lange weit unter 50 Prozent. (Zum Vergleich: Bei der Spanischen Grippe lag sie bei ein bis zwei Prozent.) Die zweite Erklärung: Die sinkende Sterberate könnte ein Hinweis auf eine mögliche Adaptation des Virus an den Menschen sein. Das Virus würde in der Folge zwar weniger Menschen töten, könnte sich dafür umso einfacher ausbreiten. «Eine solche verminderte Virulenz», schreibt Laurie Garrett, Fellow for Global Health at the Council on Foreign Relations, «hat man auch in der Vergangenheit beobachtet – als Vorspiel zu den grossen Grippepandemien».
Das jährlich wiederkehrende Grippevirus unterscheidet sich gewöhnlich nur geringfügig von demjenigen des Vorjahres. Vergangenen Winter etwa kursierte das H3N2-Virus, und auch dieses Jahr wird es wohl, in leicht veränderter Form, wieder dieser Stamm sein. Die meisten Menschen kommen mit solch kleinen Änderungen gut zurecht. In einem normalen Grippewinter stirbt denn auch nur etwa einer von 10000 Infizierten, meist ältere Menschen oder solche mit chronischen Erkrankungen.
Anders bei einer Pandemie. In unregelmässigen Abständen taucht ein Virus in völlig neuem Kleid auf. Im letzten Jahrhundert geschah dies dreimal: 1918 (H1N1), 1957 (H2N2) und 1968 (H3N2). Im Vergleich zu 1918 verliefen die Pandemien von 1957 und 1968 relativ glimpflich, mit «nur» zwei Millionen beziehungsweise einer Million Toten. Vermutlich waren zahlreiche Menschen im Laufe ihres Lebens schon einmal mit einem verwandten Virus in Kontakt gekommen. Dieses immunologische Gedächtnis dürfte denn auch der Grund dafür sein, warum bei der Spanischen Grippe viele ältere Menschen verschont blieben: Womöglich waren sie bereits im 19. Jahrhundert einem ähnlichen Stamm begegnet. Vor dem derzeit zirkulierenden H5N1-Virus hingegen dürfte niemand geschützt sein. «Ein Virus des Subtyps H5N1 hat es beim Menschen bis jetzt noch nie gegeben», schreibt die WHO. Sollte dem H5N1-Virus der Sprung auf den Menschen gelingen, wäre jeder anfällig.
Zu früh gefreut
H5N1 war bis 1997 nur bei den Vögeln bekannt. Damals machte es erstmals von sich reden, als es auf Geflügelmärkten in Hongkong zum Tod von Tausenden von Vögeln führte. 18 Menschen steckten sich mit dem Virus an, sechs von ihnen starben. Doch mit drakonischen Massnahmen gelang es den Behörden, die Infektionskette zu unterbrechen: Innerhalb einer Woche wurden 1,5 Millionen Vögel vernichtet, und H5N1 verschwand. Doch in Wahrheit hat es sich nur zurückgezogen. 2003 kam es, leicht verändert, zurück. Diesmal breitete es sich rasch in Asien aus. Immer wieder versuchte man, das Virus durch grossflächige Tötungsaktionen einzudämmen. Ohne Erfolg. Vergangenen Sommer setzte das Virus zum Sprung in Richtung Osten an: Im Juli erreichte das Virus Nowosibirsk, im August Kasachstan, und seit vergangener Woche hat es sich auf dem europäischen Festland eingenistet.
Asiaten leben gefährlicher
H5N1 könnte irgendwann auch die Schweiz erreichen. Das allein ist indes noch kein Grund zur Panik. «Dass die Vogelgrippe früher oder später in Europa ankommen würde, war klar», sagt Werner Wunderli, Leiter des Nationalen Influenzazentrums am Universitätsspital Genf. Ebenso wenig überrascht ihn, dass sich in Asien mehrere Personen mit dem Vogelvirus angesteckt haben. «Hat man direkten Kontakt zu einem kranken Tier», so Wunderli, «ist das Überspringen eines Virus ein bekanntes Phänomen.»
Dass das Virus ausgerechnet in der Schweiz oder einem Nachbarland lernt, von Mensch zu Mensch zu springen, erachtet Wunderli als unwahrscheinlich. Viel eher dürfte die Pandemie ihren Anfang in Asien nehmen. Denn die Möglichkeiten für das Virus, sich an den Menschen zu adaptieren, sind dort ungleich grösser als in Europa. Und auch ungleich grösser als in der Vergangenheit, wie der Seuchenexperte Michael Osterholm kürzlich in Foreign Affairs belegte: «Bei der letzten Pandemie im Jahre 1968 lebten in China, dem Ursprung der Pandemie, 790 Millionen Menschen. Heute sind es 1,3 Milliarden. Der Geflügelbestand lag damals bei 12,3 Millionen. Heute sind es 13 Milliarden.» Mit anderen Worten: Aus Sicht des Virus haben sich die Lebensbedingungen ungemein verbessert.
Es ist nicht die Frage, ob eine Grippepandemie kommt, sondern wann sie kommen wird. Falls dem H5N1 der Sprung auf den Menschen bereits kommenden Frühling gelingt, wäre die Welt dann gewappnet? Die WHO rechnet im Fall einer Pandemie weltweit mit zwei bis sieben Millionen Toten. Doch so weit muss es gar nicht kommen. Dies behaupten zumindest amerikanische und britische Forscher, die einen Ausbruch der Pandemie im ländlichen Thailand simulierten. Mit Quarantäne, Reiseverbot und der Abgabe des virenhemmenden Mittels Tamiflu, so ihr Befund, liesse sich eine drohende Pandemie abwürgen – oder zumindest hinauszögern. Dadurch wäre Zeit gewonnen, um einen Impfstoff herzustellen. Denn dafür werden mindestens sechs Monate benötigt.
Dieser Plan beruht allerdings auf verschiedenen Annahmen, die im realen Leben nicht immer einfach zu erfüllen sind. Zuallererst müsste ein Ausbruch, wo immer dieser auch auftreten würde, umgehend der WHO gemeldet werden. Denn im Fall Sars war das Virus nach nur 24 Stunden bereits in fünf Staaten angekommen. Doch mit der Meldepflicht tun sich manche Länder offenbar schwer. In Vietnam etwa wurden im Juni zehn neue Fälle von Vogelgrippe beim Menschen gemeldet. Erst später stellte sich heraus, dass einige von ihnen bereits im April erkrankt waren. Auch in China, so meldete das Wissenschaftsmagazin New Scientist im August, gebe es Gerüchte, wonach die Behörden Krankheitsfälle beim Menschen verheimlicht hätten.
Weitere Voraussetzung für die effiziente Umsetzung eines solchen Plans ist die rasche Verteilung von Tamiflu an Menschen in den betroffenen Regionen. Das Mittel wirkt nämlich nur, wenn es innerhalb von 36 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome eingenommen wird. Auch zur Prophylaxe müsste es sofort verabreicht werden. Die meisten europäischen Länder haben begonnen, Tamiflu-Reserven anzulegen. Die Schweiz verfügt über ein Pflichtlager von zwei Millionen Behandlungen, was für eine Erkrankungsrate von 25 Prozent – das Worst-Case-Szenario – reichen sollte. Doch die asiatischen Länder, wo ein rasches Eindämmen die grösste Wirkung erzielte, sind unterversorgt. Dabei bleibt die Grundsatzfrage ungeklärt: wie gut Tamiflu im menschlichen Körper die Verbreitung von H5N1 zu hemmen vermag. Bisher gibt es nur indirekte Hinweise für seine Wirksamkeit. Vergangene Woche wurde bekannt, dass das H5N1-Virus einer 14-jährigen vietnamesischen Patientin auf das Mittel nicht ansprach.
Der Favorit gewinnt nicht immer
Dennoch ist nicht alles verloren, selbst wenn das H5N1-Virus schon bald auf den Menschen überspringen sollte. Denn immerhin hat sich seit der Spanischen Grippe einiges verändert. Damals kannte man die Ursache der Grippe nicht, heute werden Influenzaviren weltweit auf Schritt und Tritt überwacht. Damals gab es auch keine Gegenmittel, weder zur Therapie noch zur Prävention. Heute gibt’s vier mehr oder minder wirksame Grippemittel und Impfstoffe. Schliesslich überraschte die Spanische Grippe eine Bevölkerung, die von Krieg und Hunger geschwächt war.
Und dann gibt es noch die kleine Hoffnung, dass H5N1 gar nie auf den Menschen übergreifen wird, dass das Virus sich irgendwann von selber wieder zurückzieht. «H5N1 ist heute der Topkandidat für eine Pandemie», sagt Werner Wunderli. «Das heisst aber nicht, dass es das Rennen macht.»













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