«Warum woll’n Sie im Haus fotografieren? Ich möcht mir ’nen Rest Privacy erhalten. Hier ist doch schönes Licht und alles, oder?» (Sagt er zum Fotografen, wir stehen auf der Terrasse.) «Oder beim Auto, geht das auch?» – «Geht auch.» – «Aber wir wollen ja nicht das Bentley-Bild, oder?» (Sagt der Mann, der Öffentlichkeitsarbeit macht für ihn.) «Es ist ja kein Geheimnis, dass ich ’nen Bentley habe. Ich möcht aber nicht diesen Angeber-Eindruck ... ich möcht nicht auf Marquard machen.» – «Das ist doch kein Angeber-Auto, das ist ein Classic Car.» (Sag ich, weil ich find, ich muss auch mal was sagen.) «So, jetzt bin ich ganz Ohr.» – «Vielen Dank, dass Sie sich so rasch Zeit genommen haben.» (Ich hab angefragt vor drei Wochen, an Michelle Hunziker oder Verona Pooth arbeit ich seit drei Jahren beziehungsweise einem Jahr.) «Ja, es geht immer gleich oder gar nicht.» – «Da fang ich besser an, ohne Aufwärmen.» – «Wunderbar.» – «Stört es Sie, wenn ich auch eine Sonnenbrille aufsetz?» – «Na, überhaupt nicht. Stört Sie meine?» – «Sind Sie immer noch ein Verführer?» – «Na, Verführer bin ich nie gewesen, immer eher der Verführte.» (Lügt die Bild-Zeitung? «Corinna, 45, und Udo, 71 – gibt es eine Versöhnung zwischen dem grossen Verführer und seiner Frau?») «Ich bin, bezogen aufs andere Geschlecht, ein zurückhaltender Mensch. Ich habe nie eine Frau angebaggert, ‹Hallo, was ist, können wir uns mal sehen?› gesagt. Das Signal musste immer von der andern Seite kommen.» – «Was deuten Sie als Signal?» – «Eine Aufforderung. Das sieht man an den Augen, einem Lächeln, an einem Nicken, was weiss ich.»
Bei ihm in Zumikon sieht es aus wie in einem Krimi im deutschen Fernsehen, wenn der Mord im Besserverdienermilieu passiert – schmiedeeisernes Tor, Rasen mit eingelassenen Platten aus Stein, rechteckiger Teich, vanillefarbene Wände, beige Spannteppiche, beige Sofas, Bücher, am Meter gekauft. Während des Gesprächs hat er auch diese Haltung des Tatverdächtigen im Krimi, ein Chefarzt oder Architekt, wenn der Kriminalbeamte ihm das Ergebnis der Ermittlungen gegenüberstellt: «Ihre Frau hatte ein Verhältnis.» – «Das wusste ich.» – «Eifersüchtig? Das wäre ein Motiv...» – «Ich bitte Sie, sparen Sie mir Ihre kleinen Moralvorstellungen.» (Hat er nicht gesagt, das war eine Analogie, ja? Ich wünsche keinen neuen Ärger mit seinem Manager Alfred «Freddy» Burger. Hatte ich schon, als ich mal über ihn schrieb.) Herr Jürgens ist ein grosser Interviewpartner und sieht gut aus, find ich. Nicht «gut für 71», sondern gut. (Er hat einen kleinen Bauch unter dem weissen Baumwollhemd, eigentlich den Ansatz eines Bauchs nur. Der ist neu, den gab es nicht, als ich ihn befragte vor drei Jahren.)
«Ich hab Ihren Leitsatz gelesen und find ihn toll: ‹Dach offen [des Bentleys], Hemd offen, Gesinnung offen, Hose offen.› Stand in der Zeit, haben Sie’s gesagt?» (Währenddessen fliegt ein Flieger über uns. Zumikon hat Fluglärm – ist die Welt doch gerecht, irgendwie?) «Ja, ja, haha, das hab ich selber formuliert. Weil ich die deutsche Sprache sehr liebe und es liebe, so griffige, freche Metaphern zu finden. Weil die auch für Lieder wichtig sind.» (Ich glaub, das ist die beste Ausrede, die ich bisher bekommen hab. Besser noch sogar als die von Roberto Blanco: «Manchmal ist es stärker als wir, es hat mit den Genen zu tun», auf meine Frage: «Woran liegt es, dass manche Männer nicht treu sind?») «Was halten Sie von Treue?» – «Ist wunderbar, wem’s gelingt. Ich habe mich mein Leben lang darum bemüht – und es ist oft nicht gelungen. Ich glaube, dass Treue überschätzt wird und nichts damit zu tun hat, ob man einen Menschen wirklich liebt. Das kann man zwar Frauen so nicht sagen.» Seine Antworten sind hart wie Roger Schawinskis Richtigstellung, wenn man schreibt, seine Haare seien gefärbt. (Kuno Lauener, Hanspeter «Büne» Huber – so geht das, wenn ein Profi Interviews gibt.)
«Zu Ihrem 70. Geburtstag stand in der Schweizer Illustrierten: ‹70 Jahr, kaum graues Haar›, in der Neuen Zürcher Zeitung: ‹Siebzig Jahr, braunes Haar› und im Tages-Anzeiger: ‹Siebzig Jahr, dunkles Haar›. Wie hätten Sie getitelt?» – «Weiss ich jetzt auch nicht.» – «Und für den nächsten Geburtstag?» – «Den achtzigsten?» – «Ja, oder den 72.» – «Ich kann nicht zum Voraus was schreiben, weil dann erreich ich das Alter nicht und... wär ja furchtbar peinlich.»
«Jetzt oder nie.» Udo Jürgens’ neues Album, Ariola (Sony BMG)
Udo Jürgens’ Lieblingsrestaurants (ausser der «Kronenhalle»):
Sonnenberg, Hitzigweg 15, Zürich, Telefon 044 266 97 97
Casa Aurelio, Langstrasse 209, Zürich, Telefon 044 272 77 44
Casa Ferlin, Stampfenbachstrasse 38, Zürich, Telefon 044 362 35 09













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