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12.10.2005, Ausgabe 41/05

Sarkawi

Im Netz des Phantoms

Junge Männer reisen in den Irak, um von Sarkawi zu Kriegern geadelt zu werden. Aber für den Prinzen von al-Qaida sind nur die Frömmsten gut genug – und sie dürfen weder Tod noch Folter fürchten. Teil zwei der Serie.

Von Urs Gehriger und Marwan Shehadeh

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Was er zu sagen hatte, tippte er in den Computer. Er wartete, bis das E-Mail im Äther verschwunden war. Dann ging Abu Osama al-Sudani seinen Weg. Zum Kleiderschrank, zum Kassenschrank, über den Flur, am Kinderzimmer vorbei, durch die Haustür in die Nacht hinaus, wo sich seine Spur in der Dunkelheit verlor. Abu Osamas Frau bekam von alledem nichts mit. Als sie am nächsten Morgen erwachte, kontaktierte sie verzweifelt Verwandte, Freunde und schliesslich die Polizei. Doch Abu Osama blieb verschollen.

Zwei Monate später klingelt das Telefon. «Ihr Mann ist im Irak getötet worden», sagt eine unbekannte Stimme.

«Im Irak? Getötet?»

«Ihr Mann wurde getötet. Er ist ein Märtyrer.»

In den folgenden Tagen klingelt das Telefon immer wieder. Viele freuen sich für Abu Osamas Frau und gratulieren ihr.

Die Frau startet Recherchen. Ihr Mann, Uni-Student im saudischen Dschidda, war regelmässiger Besucher des Muntada-al-Ansar-Forums auf einer der einschlägigsten Websites des jordanischen Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi. Jedes Mal, wenn die Sarkawi-Gruppe eine Meldung über ein Attentat auf die Website stellte, kommentierte Abu Osama im Forum: «Glückwunsch.» Immer wieder schaute er im Internet denselben Film an. Er beobachtete, wie Abu Mussab al-Sarkawi sein Messer zückt. Wie er säbelt, eine halbe Minute lang. Gebannt verfolgte Abu Osama, wie die Augen von Nicholas Berg wild kreisen, während die Mörderhand das Haupt des Amerikaners in die Luft reckt. Letzten Februar besuchte Abu Osama al-Sudani das Forum zum letzten Mal: «Ich habe genug gesehen», schrieb er. «Ich trage meine Seele zu dir, mein Scheich.»

Zwischen dem Computer in Dschidda und dem Bombenkrater in Bakuba bei Bagdad, wo sich Abu Osama am 16. März 2005 in einer Gruppe von irakischen Polizisten in die Luft sprengte, liegen tausend Kilometer. Es ist eine Reise auf verschlungenen Pfaden und mit vielen Hindernissen. Hunderte haben den Weg zurückgelegt, um sich im Irak, von Abu Mussab al-Sarkawi als Land der Märtyrer gelobt, in die Luft zu sprengen. Saudis, Kuwaiter, Jordanier, Sudanesen.

«Scheich Abdulrahman, wie reisen eure Brüder in den Irak?»

«Es gibt viele Wege.»

«Welches ist der beste?»

«Wer sucht, findet ihn.»

Wir sind in Bakaa, einem palästinensischen Flüchtlingslager, zwanzig Kilometer nördlich von Jordaniens Hauptstadt Amman. Scheich Abdulrahman ist Emir, Chef der lokalen Terrorzelle, Statthalter Abu Mussab al-Sarkawis im Camp.

«Die Frage war: Welches ist der beste Weg in den Irak?»

«Niemand muss mehr auf die lange Reise, Sarkawi hat genug Leute im Irak.»

«Scheich Abdulrahman, wie wird man Mitglied in eurer Truppe?»

«Den Tapferen weist Allah den Weg.»

Jedes Gespräch mit den Männern Sarkawis beginnt ähnlich. Minutenlanges Schattenboxen. Abtasten. Andeuten. Ausweichen. Rund zwei Dutzend Interviews haben wir mit Mitgliedern des Sarkawi-Netzwerks geführt, die meisten in Jordanien, dem Herkunftsland des Terrorfürsten, wo seine Anhängerschaft am grössten ist.

Das Rekrutierungsverfahren umfasst mehrere Stufen: Nach der Kontaktaufnahme im Bekanntenkreis oder in der Moschee wird ein Aspirant einer Studiengruppe zugeteilt, wo er über Ideologie sowie soziale und politische Ausrichtung der Gruppe informiert wird. Dann wird er provisorisch in die Organisation aufgenommen. Als eigentlicher Prüfstein gilt ein Aufenthalt im Gefängnis. Das Sarkawi-Netzwerk in Jordanien steht unter steter Überwachung, seine Mitglieder werden häufig verhaftet. Meist liegt kein konkreter Tatbestand vor, und die Mitglieder werden nach einigen Wochen oder Monaten wieder auf freien Fuss gesetzt. Wer den Prinzipien während Verhören, die oft mit Folter verbunden sind, treu geblieben ist, hat einen wichtigen Vertrauensbeweis abgelegt.

Dem neuen Mitglied werden nun erste Aufgaben, entsprechend den jeweiligen physischen und geistigen Fähigkeiten, in einer Terrorzelle übertragen. Es sind oft Arbeiten, die das Netzwerk stärken oder den Kämpfern an der Front im Irak logistische Unterstützung bieten. Nur wer sich während dieser Phase bewährt, qualifiziert sich für höhere Aufgaben, kann zum Emir, zum Zellenchef, aufsteigen.

Wer selbst an die Front möchte, braucht zwingend ein Gutachten von mindestens zwei langjährigen Mitgliedern der Sarkawi-Gruppe, die für Ernsthaftigkeit, Kompetenz und Zuverlässigkeit des Kandidaten bürgen. Nicht selten kommt es vor, dass sich junge Männer ohne Empfehlung in den Irak aufmachen. Ein Unterfangen, das für die kampflustigen Freiwilligen oft in einer Tragödie endet. Entweder werden sie unterwegs verhaftet. Oder die Terrorgruppe im Irak beurteilt sie als unglaubwürdig und schickt sie, ohne ihr Wissen, direkt in ein Selbstmordattentat.

Wer es trotzdem auf eigene Faust versuchen will, findet im Internet Navigationshilfe. Zum Beispiel beim «islamischen Doktor», wie sich ein Autor einer vierseitigen Reisebroschüre nennt, die auf einer al-Qaida-nahen Website zum Herunterladen bereitsteht. «Der Weg ist nicht mit Rosen ausgelegt», warnt der «Doktor». Er empfiehlt, sich an die Werber und Schleuser zu wenden, die es «in vielen arabischen Ländern gibt». Gemeint sind Imame an radikalen Moscheen. Von den Werbern mit einer Telefonnummer ausgestattet, sollen sich die Dschihad-Novizen anschliessend auf den Weg machen. Dieser führt in der Regel über Syrien, den wichtigsten Knotenpunkt für den «Terror-Tourismus». Von hier ist es nicht weit in die aufständische Al-Anbar-Provinz im Nordwesten Iraks.

«Zieht Jeans an, nehmt einen Walkman mit», empfiehlt der «Doktor». «Stutzt euren Bart, und packt eine Fischerrute ein.» – «Traut keinem Imam, es sind alles Spitzel der Regierung», warnt ein anderer Terroristen-Baedeker im Internet. Seit einiger Zeit würden syrische Sicherheitsdienste – als Folge amerikanischen Drucks – Reisende strenger kontrollieren.

Sarkawis internationale Kämpfer sind die Elite des Aufstands im Irak, obwohl ihre Zahl relativ gering ist. Man schätzt sie auf einige tausend, rund fünf bis zehn Prozent aller Aufständischen. Ihr Markenzeichen sind spektakuläre Selbstmordattentate, die schockieren, einen grossen Blutzoll fordern und hohe Propagandawirkung erzielen.

Die Wiege des Aufstands liegt im Zentrum des Irak, im Stammland der Sunniten (zwanzig Prozent der Bevölkerung), die unter Saddam Hussein zur privilegierten Schicht gehört hatten. Es können drei Richtungen unterschieden werden: Ex-Baathisten (Anhänger und ehemalige Weggefährten von Saddam Hussein), Nationalisten und Islamisten. Ideologisch mag diese Gruppen nichts vereinen. Die Ex-Baathisten streben die Wiederherstellung der arabisch-sozialistischen Diktatur an, die Nationalisten eine starke arabische Nation unter sunnitischer Führung, die Islamisten schliesslich kämpfen für eine Errichtung eines Gottesstaates. So unterschiedlich ihre Ziele, alle drei führen einstweilen dieselbe Schlacht. Ihr gemeinsamer Nenner lautet: Raus mit den westlichen Truppen und nieder mit der Regierung unter dem schiitischen Premier Jaafari.

«Den Aufstand entführt»

Obwohl Saddam Hussein seit dem Golfkrieg 1991 Vorkehrungen für einen Guerillakrieg traf, indem er Spezialtruppen trainierte und gewaltige Waffenarsenale anlegte, hat es Sarkawi mit einer kleinen Truppe geschafft, «den Aufstand zu entführen», wie führende US-Offiziere des militärischen Nachrichtendienstes im Irak vor wenigen Wochen erklärten. Sarkawi sei nicht nur mehr bloss das finstere Gesicht eines brutalen Terrornetzwerks, sondern habe die Saddam-Anhänger als treibende Kraft des Widerstands abgelöst.

Von den rund siebzig Anschlägen pro Tag gehen die blutigsten und spektakulärsten (Autobomben sowie Attentate auf politische und religiöse Würdenträger) auf das Konto Sarkawis. Die Horrorvision von Al-Qaida-Kämpfern mitten in einer der grössten Tankstellen der Welt, die Washington durch einen Krieg zu verhindern suchte, ist jetzt Realität – als Kriegsfolge.

Den Grundstein für diesen «Aufstieg» legte Sarkawi im Oktober 2004. Damals ordnete er sich erstmals Bin Laden unter und führte seine Bewegung offiziell unter das Dach von al-Qaida. Im Dezember liess Bin Laden die Welt wissen: «Sarkawi ist al-Qaidas Prinz im Irak.» Beobachter werteten dies als Zeichen der Schwäche Sarkawis. Doch der Schein trog. Profitiert von der liaison dangereuse hat vor allem der Jordanier. Nach Angaben von amerikanischen Nachrichtendiensten sind Sarkawi seit der Fusion grosse Summen an Geldern zugeflossen, vor allem von saudischen Spendern und karitativen Einrichtungen.

Flucht aus fahrendem Auto

Er taucht erst auf, wenn es dunkel wird; und bevor es dämmert, ist er wieder verschwunden. Bei ihm sind zwei Männer – ein Fahrer, ein Bodyguard –, mehr nicht. Zeit und Ort der Treffen werden per Boten bekannt gegeben. Telefonkontakt wird vermieden. Geduldig warten die Mitglieder der Schura, des obersten Rats der Terroristen. Manchmal dauert es Stunden, bis er endlich eintrifft. Dann plötzlich geht die Tür auf, gemessenen Schrittes durchquert er den Raum und kommt gleich zur Sache: Wo ist der Nachschub für Ramadi? Wann beginnt Operation «Schwarzer Löwe»? Seine Stimme ist streng. Den einen zollt er Lob, die andern straft er mit Tadel. Und er verteilt Geld. Der Vertreter von Mossul erhält 2000 Dollar für einen Tanklaster, die Brüder in al-Qaim ein paar tausend Dollar für die Miete eines Kellers, den sie in eine Waffenfabrik umwandeln wollen.

So stellen sich die US-Nachrichtendienste im Irak die Auftritte des meistgesuchten Terroristen vor. «Das Phantom» nennen sie ihn, weil er immer schon weg ist, wenn sie aufkreuzen. Die US-Regierung hat eine Elitetruppe mit der Fahndung nach dem Terrorfürsten beauftragt: Die Task-Force 626. Sie hat eine der undankbarsten Missionen, die man sich vorstellen kann. Denn eigentlich kann bloss ein Fehler dem Meister zum Verhängnis werden. Oder ein Verräter. Eine Zeit lang schien es, dass die Amerikaner den engen Zirkel um Sarkawi mit einem Spitzel unterwandert hätten.

Am 20. Februar 2005 erhalten die Amerikaner einen Tipp: Der Scheich ist auf dem Weg nach Ramadi. Die Task-Force 626 errichtet Strassensperren und lässt Drohnen über der Stadt kreisen. Dann schnappen die Amerikaner zu, stürzen sich an der Sperre auf ein verdächtiges Fahrzeug. Doch von Sarkawi keine Spur. Derweil wendet 800 Meter vor der Sperre ein Pick-up und jagt davon, darin sitzt der Terrorscheich. Er hatte das erste Fahrzeug als Lockvogel vorausgeschickt, und die Amerikaner liessen sich narren. Die Task-Force 626 setzt nach, stellt wenig später den Pick-up. Doch wieder ist Sarkawi verschwunden. «Während der Fahrt unter einer Brücke aus dem Wagen gerollt», erklärt Sarkawis Fahrer beim Verhör. «Und in einem nahen Haus untergetaucht.»

Bei der Flucht hatte Sarkawi seinen Laptop im Wagen liegen lassen. Aufgrund der darauf gesicherten Informationen konnten rund ein Dutzend seiner Gefolgsleute gefasst werden. Verhöre mit den Verhafteten liessen erstmals Konturen des Netzwerks erkennen. Das Haupteinsatzgebiet, das sunnitische Dreieck (zwischen den Städten Bagdad, Ramadi und Samarra), ist in neun operative Kommandobereiche unterteilt. Jeder Bereich wird von einem regionalen Emir dirigiert, der weitgehend autonom operiert. Wird ein Emir verhaftet, ersetzt ihn Sarkawi umgehend. So bleibt die Organisation dauernd in Bewegung.

Was auffällt: Viele der neuen Führer tragen den Namen al-Iraqi. Ein Indiz, dass Sarkawi seine Kader mit lokalen Kräften auffrischt. Ein Indiz auch, dass die Organisation im Irak zunehmend Fuss fasst. Wer sich allerdings hinter diesen Code-Namen versteckt, das weiss niemand. Kaum jemand hat den Überblick über die Organisation, geschweige denn eine Idee von deren Innenleben.

Bomben im Hochsicherheitsgebiet

Wer in den geschlossenen Sarkawi-Zirkel vortappt, stösst schnell an Grenzen. Meistens verlieren sich die Spuren im Nichts. Doch manchmal hilft der Zufall weiter.

Anfang Jahr in einem Spital nördlich von Bagdad. In einem Feldbett, den Kopf auf zwei Kissen gebettet, liegt Mohaned, 28, Computerhändler aus Bagdad. Seit drei Monaten liegt er hier, heute ist sein letzter Tag. Bald kommt seine Frau und holt ihn nach Hause. Unter der Bettdecke lugt ein bandagierter Stumpf hervor. «Es war am 4. Oktober 2004, einem Montagnachmittag», erzählt Mohaned. «Ich hatte drei Amerikaner im Laden, die wollten einen Bildschirm kaufen.» Als die drei bezahlen, sieht Mohaned aus dem Augenwinkel einen Iraker eintreten. Er erkennt, wie sich der Mann in die Jacke greift – dann fällt Mohaned für einen Monat ins Koma. Das Attentat sorgte für grosses Aufsehen. Es war der erste Selbstmordanschlag in der Green Zone, der Hochsicherheitszone mitten in Bagdad, wo die Amerikaner ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben und die irakische Regierung residiert.

Mitte September, in einer Wohnung südlich von Amman, setzt sich die Geschichte unvermittelt fort. Im Zuge unserer Recherchen treffen wir Abu Rudeineh, der sein Gesicht mit einer rotweissen Kefije verhüllt. Er will unerkannt bleiben. Abu Rudeineh lebt in zwei Welten. Die eine hier, im ruhigen Jordanien, die andere drüben, im benachbarten Irak, wo der Guerillakrieg tobt.

Dank der Heirat mit einer Irakerin kann er die Grenze einfach passieren. Abu Rudeineh nutzt dieses Privileg aus. Er ist ein Bote in Sarkawis Diensten, schmuggelt allerlei Material für Waffen zu den Einsatzzielen.

Im Lauf des Gesprächs gibt uns Abu Rudeineh sein Haupteinsatzgebiet bekannt: die Green Zone in Bagdad. Sechsmal habe er bereits die rigorose Kontrolle passiert. Jedes Mal mit Kabel, Stecker oder Klebstoff im Gepäck.

«Sagten Sie Green Zone?»

«Jawohl, Green Zone, das Herz der Besatzungsmacht, und wir wollten sie dort treffen.»

«Waren Sie im letzten Oktober auch dort?»

«Im Oktober und im November und auch danach, sechsmal insgesamt.»

«Am 4. Oktober 2004?»

«An das Datum erinnere ich mich nicht genau. Kann gut sein, in diesen Tagen hatten wir dort eine grosse Mission.»

Nein, in dem Laden, wo der erste Selbstmordattentäter in die Luft flog, sei er nie gewesen. Auch den Attentäter habe er nicht gekannt. «Mein Job waren die Kabel, den Rest machten andere.» Und dass ein Iraker dabei fast das Leben verlor? Auch davon hatte Abu Rudeineh keine Ahnung. «Drei Amerikaner waren tot. Das ist alles, was zählt.»

Als Abu Rudeineh merkt, dass mir sein Oktober-Coup bekannt ist, beginnt er, offen von seiner Mission zu erzählen. Seine Ausführungen, die sich mit Aussagen von anderen interviewten Sarkawi-Kämpfern decken, offenbaren einen tieferen Blick in die Arbeitsweise des Sarkawi-Netzwerks: Die Zeit nach der Ankunft verbringen die Freiwilligen mit dem Training verschiedener Waffentechniken. Die Ausbildung dauert mehrere Wochen, ausser für Selbstmordattentäter, sie lernen ihr Handwerk innert weniger Tage. Die Ausbildung im Freien wird vermieden, wegen der dichten amerikanischen Truppenpräsenz. Geübt wird «trocken», in konspirativen Wohnungen, Kellern oder Ställen. Die wichtigsten Erfahrungen holen sich die Mudschaheddin bei ihren ersten Kampfeinsätzen. Gekämpft wird in Zellen von fünf bis zehn Mann. Die ausländischen Mudschaheddin verbringen die meiste Zeit in Häusern. Anders die irakischen Kämpfer, deren Zahl im letzten Jahr stark zugenommen hat. Sie gehen tagsüber meist ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach.

Charakteristisch am Netzwerk Sarkawis ist, dass die Zellen weitgehend autonom agieren. Dadurch unterscheidet es sich grundlegend von traditionellen Widerstandsorganisationen, die stark zentralistisch und klar hierarchisch aufgebaut sind – von einem starken Führer an der Spitze über verschiedene Ebenen bis hinunter zu den Fusssoldaten. Solche Pyramidenorganisationen sind leicht störbar. Fällt eine der führenden Figuren aus, sind ganze Teile des Netzwerks lahm gelegt.

Sarkawi versucht solche Gefahren zu umgehen, indem er seine Organisation strikt horizontal gestaltet. Jede Zelle ist direkt einem Brigadekommandanten untergeordnet, Zwischenstufen gibt es nicht (siehe Artikel zum Thema «Al-Qaida im Zweistromland: Klare Führung, wenig Hierarchie: So funktioniert Sarkawis Terrorgruppe»). Dies verkürzt den Kommunikationsweg und macht das Netzwerk agil. Die Brigaden-Kommandanten organisieren für die Zellen je nach Bedarf Waffen, Essen und Unterkunft. In aller Regel versorgen sich die Zellen jedoch selbst und geniessen eine weitgehende Aktionsfreiheit. Dies hat den Vorteil, dass Zellenführer ihre Kämpfer zu Höchstleistungen anspornen.

«Zwischen den Zellen besteht ein echter Wettbewerb», sagt ein Sarkawi-Mann, der in Falludscha und Bagdad gekämpft hat. Einzelne Zellen arbeiten sogar völlig frei, als Freelancer sozusagen. Dies ist besonders bei IED-Zellen der Fall. IED (Improvised Explosive Device) steht für selbstgebastelte Sprengsätze, die die Kämpfer an Strassenrändern und Fusspfaden platzieren. Besonders erfolgreiche IED-Zellen preisen ihr tödliches Handwerk über Internet an und lassen sich von grossen Gruppen anheuern.

Das Geheimnis von Sarkawis «Unverwundbarkeit» liegt in seinem enggestrickten Führungszirkel. Sarkawi hat sich den Propheten zum Vorbild genommen. Mohammed hatte die Töchter seiner Gefährten, Abu Bakr und Omar, also Aischa und Hafsa, geehelicht. Sarkawi heiratete die Tochter eines seiner palästinensischen Gefährten, der ihm aus Jordanien gefolgt war. Und auch Sarkawis Gefährten begannen ihre Töchter untereinander zu verheiraten. «Abu Mussab und seine Brüder hatten es geschafft, in jeder Hinsicht – ideologisch, sozial und wirtschaftlich – eine einzige festgefügte, miteinander verwandte Familie zu werden», schreibt Saif al-Adel in seinem Zeugnis über Sarkawi (siehe Weltwoche Nr. 40.05, erster Teil der Serie).

Der Kern der Organisation besteht aus Familienmitgliedern, Freunden, Afghanistanveteranen und ehemaligen Kollegen aus seiner Gefängniszeit. Es sind Bande, die sich bis heute als unzertrennbar erweisen. Umso mehr, als sie auf eine strenge Ideologie gründen: die Errichtung eines Kalifats, einer alle Muslime umfassenden Gemeinschaft nach den Gesetzen der Scharia.

Angetrieben durch Sarkawis Enthusiasmus, sind selbst enge Weggefährten bereit, bis in den Tod zu gehen. So wurde das bisher folgenreichste Attentat von einem Familienmitglied ausgeführt, von Sarkawis Schwiegervater Yassin Jarad. Verkleidet als Arzt, lenkte er im August 2003 einen bis ans Dach mit Sprengstoff gefüllten Krankenwagen zur Imam-Ali-Moschee in Nadschaf, der heiligsten Stadt der Schiiten, und sprengte Schiitenführer Mohammed Bakr al-Hakim zusammen mit hundert Gläubigen in die Luft.

«Freut mich, Herr Bär»

Wer sind die Kämpfer von Sarkawis Terrorzellen?

Abu Jewad, zum Beispiel, ein gewichtiger Mittvierziger mit einem Händedruck wie ein Schraubstock und einem Bart bis über die Wangenknochen. Was mein Name bedeute, will er wissen. «Bär», sage ich. Abu Jewad hält sich den Bauch und lacht seine zwei Goldzähne frei. «Freut mich, Herr Bär. Darf ich vorstellen, ich heisse Vater des Pferdes.»

Als wir unseren Treffpunkt verlassen, gibt Abu Jewad eine Kostprobe seiner Kampfkünste. Auf leisen Sohlen schleicht der Afghanistanveteran das Treppenhaus hinunter und ballert plötzlich mit lautem «Dädädädäng» aus seinem gestreckten Arm. «Wir zwei sollten einmal zusammen nach Amerika reisen», lacht er, «da kämen wir gleich beide für tausend Jahre nach Guantánamo.»

Oder Abu Mohammed, ein schmächtiger Mann mit funkelnden Augen. Er ist Emir, Chef einer Sarkawi-Zelle. Bevor er spricht, sagt er ein Stossgebet. Er war Lehrer von Sarkawis Kindern, als dieser fünf Jahre im Gefängnis sass. Sarkawi sei weder der Dämon, als den ihn die Amerikaner darstellen, noch ein Heiliger, sondern «ein einfacher Soldat Gottes», sagt er. Für die Europäer hat er nichts als Verachtung übrig. Sie seien die Lakaien der Juden und diese wiederum der Urquell allen Übels.

Oder der schlanke Mann mit den traurigen Augen, den wir kurz vor Mitternacht in der Altstadt von Amman treffen. Er trägt Schwarz, von Kopf bis Fuss. Er nennt sich al-Gharib, der Fremde, wie sein Vorbild Sarkawi in seinen Briefen aus dem Gefängnis. In der Tasche hat er ein paar Fläschchen Fruchtsaft. Als Zeichen der Gastfreundschaft. Leider könne er uns nicht zu Hause empfangen, meint er verlegen. Er wohne noch bei den Eltern, und die wüssten nichts von seinen Plänen. Al-Gharib hat sich entschlossen. Er will in den Irak, als Schahid – als menschliche Bombe. Einmal hat er es bereits versucht, doch da haben ihn die jordanischen Grenzer erwischt. Seine Zeit werde bald kommen, ist Al-Gharib überzeugt, doch vorher wolle er noch heiraten. Und eine Wohnung bauen, auf dem Hausdach seiner Eltern.

So verschieden ihre Charaktere sind; eines haben alle Anhänger Sarkawis gemeinsam: die tiefe Überzeugung, die islamische Welt sei in ihrer Existenz von einer Allianz zwischen Kreuzfahrern und Juden bedroht. Sie verweisen auf die «Unterdrückung der Palästinenser» durch Israel und die «räuberische Politik» der Amerikaner, die sich «am arabischen Ölschatz bereichern» und die «korrupten arabischen Herrscher» als Diener halten. Alle sind sie zutiefst gekränkt über die «arabische Lethargie», und alle träumen sie von einem islamischen Grossreich, dem Kalifat – wo Gottes Gesetz herrscht wie zu Zeiten des Propheten Mohammed vor 1300 Jahren.

Wie gross die Anhängerschaft Sarkawis in seiner Heimat Jordanien ist, weiss niemand. Und wenn es jemand wüsste, würde es der König bestimmt zum Staatsgeheimnis erklären. Fest steht, dass Sarkawis Popularität durch alle sozialen Schichten geht. Gemessen am Absatz der schwarzen Wollmütze, die Sarkawi auf einem der Fahndungsbilder trägt, ist der Mann ein Superstar. In seiner Heimatstadt Sarka trägt jeder zweite Teenager dieses enganliegende Käppchen und sieht dabei fast so aus wie die Rapper Eminem oder 50 Cent.

Das Brutalo-Image des jordanischen Terrorfürsten ist seinem Ansehen keineswegs abträglich. Im Gegenteil. Anhänger durch sämtliche Altersklassen scheinen Köpfungen und das tägliche Blutbad im Irak als Zeichen des wehrhaften Islam zu interpretieren. Jedenfalls würden die meisten dem jungen Kämpfer zustimmen, der in einem Interview sagte: «Die Welt hat dringendere Probleme, als sich über ein paar tote Amerikaner und kollaborierende Iraker aufzuregen.»

Neues Feuerwerk der Gewalt

Über Sarkawis brutale Methoden macht man sich aber offensichtlich im Al-Qaida-Hauptquartier Sorgen. In einem 13-seitigen Brief ermahnte die Nummer zwei der Organisation, Ayman al-Zawahiri, den Chefterroristen im Irak zur Mässigung. Er solle sich die Unterstützung der Zivilbevölkerung und der Muslime auf der ganzen Welt nicht verspielen, heisst es in dem Schreiben, das den Amerikanern angeblich bei einer Antiterroraktion in die Hände fiel. Anlass für Zawahiris Brief sind offensichtlich die massiven Angriffe Sarkawis gegen schiitische Gläubige und Moscheen sowie die Ermordung unbescholtener Zivilisten.

Die bittere Feindschaft gegen die Schiiten ist ein Markenzeichen Sarkawis. Da sie «nicht dem Propheten Mohammed, sondern dem vierten Kalifen Ali huldigen», erachtet er sie als «Sekte des Verrats». Die irakischen Schiiten, die bisher in grosser Zahl am politischen Prozess teilgenommen haben, diffamiert Sarkawi als «Abschaum der Menschheit, lauernde Giftschlangen und hinterhältige Skorpione».

Kaum vorstellbar, dass sich Sarkawi von Zawahris Note beeindrucken lässt. Der Jordanier, der im Sturmlauf an die Spitze des internationalen Terrorismus aufgestiegen ist, hat sich in seine Geschäfte nie dreinreden lassen. Sarkawis ganzes Leben gleicht – so paradox der Vergleich auch klingen mag – Frank Sinatras «My way». Wut und Macht sind seine treibenden Kräfte. Sieht er sich in die Enge gedrängt, zündet er ein neues Feuerwerk der Gewalt.

So auch jetzt wieder, da die ganze Welt auf den Irak blickt. Am 15. Oktober soll das Land über die neue Verfassung abstimmen, den Grundstein für einen demokratischen Irak. Genau in diesem Momment stösst Sarkawi die Tore des Hasses auf und erklärte den Schiiten den totalen Krieg. Damit provoziert er den Bürgerkrieg, aus dem er als Retter des «wahren Islam» hervorgehen will.

Marwan Shehadeh ist Journalist und Terrorexperte in Amman/Jordanien. shehadeh_marwan@yahoo.co.uk

Das Organigramm: Al-Qaida im Zweistromland (PDF, 254 kb)

Die Dokumente
Interview mit dem Saudi Ahmad Al-Shaye’ im Spital (Al-Shaye' wurde ohne sein Wissen in ein Selbstmordattentat geschickt - Quelle: Memritv.org)

Sarkawi erklärt den Schiiten den totalen Krieg (14. September 2005, Quelle: Memritv.org)

Sarkawi-Anschlag auf US-Truppenbasis in Ramadi (avi-Fomrat, 351 MB)
(Quelle: alfafe-net - eine von Sarkawis Websites)

Erklärung zum Film: «Die Invasion der Immigranten und ihrer Gefolgschaft»

Weiter zu Teil 1

Weiter zu Teil 3

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 41/05
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