Der Knall kommt oft aus heiterem Himmel und trifft – das ist für die gewöhnlich Sterblichen ein kleiner, beschämender Trost – auch die Schillernden, Erfolgreichen. Lucas Alexander dachte an Irritationen seiner Sehkraft, als er die Homepage seiner 22 Jahre älteren Partnerin, der Pop-Diva Nina Hagen, öffnete. «Alexander und ich haben uns getrennt», erfuhr dort der überraschend abgesetzte Geliebte. «Er ist einfach göttlich», sagte Sienna Miller. Bis sie aus der Zeitung erfuhr, dass ihr Verlobter, der bildschöne Schauspieler Jude Law, ein Verhältnis mit der Nanny seiner Kinder hatte. Nach langer (öffentlicher) Suche war der Schweizer Unterhaltungsmusiker Pepe Lienhard endlich fündig geworden und wähnte sich unter der Haube. Das Glück mit Patty Brard dauerte nicht lange. Per SMS sagte sie tschau. Lolita Morena, die 44-jährige Entertainerin und Ex-Miss-Schweiz, kann nicht einmal so viel vorweisen. Ihr Lover Patrick Barras verschwand ohne ein Wort des Abschieds. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger hatte er wenigstens ihren Schmuck dagelassen.
Die Welt jammerte mit Sienna, Deutschland schluchzte mit Lucas, und die Schweiz grännte sich mit Lolita und Pepe ins Gilet. «Liebes-Aus auf die fiese Tour», schrieb der Blick und bemängelte, dass sich Lolitas Lover nicht einmal die Mühe gemacht hatte, eine Notlüge aufzutischen. Wäre das weniger schmerzlich gewesen? Man kann es zwar netter sagen, etwa: «Du hast einen Besseren verdient.» Doch wenn die Absicht durchschaut ist, bleibt die unverrückbare Tatsache.
Scharf auf Liebe
Die Menschen trennen sich wie die Spreu vom Weizen. In den USA erleben bereits 16 Prozent der Minderjährigen mehr als zweimal die Trennung ihrer Bezugspersonen. Im Erwachsenenalter geht’s rasant weiter. Repräsentative Daten zur gegenseitigen Verabschiedung unverheirateter Paare gibt es nicht. Einzelne Studien zeigen lediglich, dass Nichtverheiratete einander schneller verlassen als Verheiratete. Die Gründe indes sind dieselben: emotionale Entfremdung und Auseinanderentwicklung, Kompetenzdefizite des Partners und unerfüllte Erwartungen an die Partnerschaft, wie eine Untersuchung von Guy Bodenmann, Professor am Institut für Familienforschung und -beratung an der Universität Fribourg, zeigt. Die meisten Scheidungen finden zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr statt, zwei Drittel werden von den Frauen beantragt.
Doch obwohl die Scheidungsrate seit den siebziger Jahren weltweit auf über vierzig Prozent stieg, ist die Sehnsucht nach dem Leben zu zweit bis zum Lebensende nicht verblasst, und die Versuche, das Unmögliche zu schaffen, sind nicht weniger geworden. Bei einer Umfrage unter 17-jährigen Schweizern gaben 97 Prozent an, dass ihnen eine enge Freundschaft oder Partnerschaft am wichtigsten sei. Wichtiger als Gesundheit oder Beruf. 80 Prozent dieser Jugendlichen sagten, dass für sie die Ehe eine lebenslange Beziehung darstelle. 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung heiraten, ein Grossteil der Geschiedenen versucht es ein weiteres Mal. Seit den sechziger Jahren steht bei einer Heirat oder Partnerschaft nicht mehr die materielle Sicherheit im Vordergrund, erwartet werden Liebe, Geborgenheit, Treue und Erfüllung. Solch schwammige Forderungen sind weit schwieriger zu erfüllen, denn jeder versteht darunter das, was ihm gerade recht kommt. Erwartung und Realität driften häufig allzu weit auseinander.
Aber wie sollen das die Verliebten vorher wissen? Guy Bodenmann, der Schweizer Fachmann für Partnerschaft und Autor mehrerer Bücher, arbeitete eine Zeit lang mit dem amerikanischen «Beziehungsguru», dem Psychologen John Gottman, zusammen. Seit Jahrzehnten erforscht dieser an der University of Washington bei Seattle gemeinsam mit dem Mathematiker James Murray, was die Paare in ihrem Innersten zusammenhält. Mittlerweile sind die beiden der Meinung, sie könnten in 94 von 100 Fällen voraussagen, welche Paare auseinander gehen. Mittels Videoaufnahmen und Pulsfrequenzmessern werden Gespräche zwischen Eheleuten im Liebeslabor analysiert: Kommunikationssünden wie jammern oder spotten ergeben Minuspunkte, Pluspunkte erhalten kommunikationsförderliches Verhalten wie lächeln oder sich einfühlen in den andern. Was laut Gottman eine Partnerschaft auf Dauer ruiniert, sind: ständige Anklagen und Schuldzuweisungen. Sie führen zu einer generellen Verurteilung des Partners. Spöttische oder abschätzige Bemerkungen killen die Kommunikation. Die Türe fällt endgültig zu, wenn ein von Stress gezeichneter Partner sich innerlich abkapselt. Stress verschlechtert die Kommunikation von Paaren um vierzig Prozent.
In einer deutschen Studie kritisieren Männer an ihren Partnerinnen am häufigsten, sie seien: kontrollierend, kleinlich, abhängig, ohne Eigeninitiative, rechthaberisch, pedantisch, zu emotional, nachtragend, zu fordernd und klammernd. Die Frauen stört an ihren Liebsten: zu unnahbar, zu wenig Zeit, zu wenig Engagement, innerlich abwesend, unverbindlich, unaufmerksam, ausweichend, egozentrisch, nicht spürbar, nicht zärtlich, nicht fähig, sich einzufühlen.
Dennoch raten Familientherapeuten, nicht sofort das Handtuch zu werfen – sondern gar Trennungen schon früh vorzubeugen. Die deutschen Eheberater Joachim Engl und Franz Thurmaier empfehlen jungen Paaren das «Partnerschaftliche Lernprogramm»: Ehevorbereitung in sechsmal zwei Stunden, plus Hausaufgaben. Der Kurs «Konstruktive Ehe und Kommunikation» versteht sich als Ehebegleitung und Paarkommunikationstraining. In siebenmal drei Stunden lernen die bereits Verheirateten: Vermeidung typischer Kommunikationsfehler und Sensibilisierung auf sinnvolle Gesprächsregeln, unangenehme Gefühle adäquat zum Ausdruck bringen, strukturiertes Problemlösen. Man sieht: Partnerschaftstauglich zu sein, bedarf stetiger, mühseliger Arbeit. Wie lange dauert es wohl noch, bis man in dieser Disziplin doktorieren kann?
Der Horror als Ausweg
Wenn alle Anstrengung und jeder gute Wille, die Kritisiererei am laut schmatzenden Gatten zu unterlassen, nichts fruchten, wenn der Ich-gschpür-di-Effort des Ehemannes zu wenig einfühlsam «rüberkommt», wie es in der Beziehungssprache heisst, wenn alles vertan und verkorkst ist, bleibt nur die Trennung. Das Ende, der Horror. «Liebesverrat als schwerer Verstoss gegen alles, was recht ist, ereignet sich dort, wo er erfahren ist», schreibt Peter von Matt bestechend lapidar in seinem Buch «Liebesverrat». «L’amour connaît pas de loi», heisst es in der Oper «Carmen», und für Liebesverrat, vielleicht ausser Mord die schlimmste und kränkendste Untat des Menschen gegen den Menschen, gibt es kein Gericht und keine Strafe. Nicht zufälligerweise nannte die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann – eine Meisterin im Erspüren von Verletzungen – ihren unvollendeten Romanzyklus über den Liebeskrieg zwischen den Geschlechtern «Todesarten».
Den Europäischen Menschenrechtshof für unschuldig Verlassene ersetzen viele tröstliche Ratgeber. Positiv denken ist auch hier das A und O. Einige Autoren erarbeiteten Tagesprogramme und Selbstaufwertungsübungen, die an Lektionen in chinesischen Umerziehungslagern erinnern: «Ich (hier Ihren Namen eintragen) akzeptiere die Weisheit meines inneren Bewusstseins (Intuition) und lasse mich von ihr zu meinen höchsten Zielen führen.» Auch für Trenner hat die Beziehungsliteratur ein aufbauendes Wort: «Die Entscheidung, sich von einem Partner zu trennen, erfordert oft einen grossen psychischen Kraftaufwand sowie persönliche Stärke.»
So wie Menschen partnertauglich oder bindungsunfähig sind, gibt es auch trennungstaugliche und trennungsunbegabtere. Bodenmann: «Eine Trennung oder Scheidung ist für Personen mit unsicherem Bindungsstil schlimmer. Der Bindungsstil wird in der Frühkindheit in der Interaktion mit den Eltern festgelegt. Wenn er solid und sicher ist, wird jemand durch eine Trennung zwar auch darunter leiden. Diese Person wird sich aber schneller wieder fangen und neue Beziehungen eingehen können.»
Bindungsstile sind unabhängig vom Geschlecht. Verlassene Frauen wie verlassene Männer leiden mitunter wie vom Herrchen oder Frauchen verstossene Hunde. Während sich die Verstossenen – zumindest eine Zeit lang – des Mitleids und der Anteilnahme ihres Freundeskreises sicher sein können, haben der Trenner oder die Trennerin viel zu tun, um ihr Image als herzlose Bösewichte zu demontieren.
Ende ohne Schrecken
Hätten sie sich diesen Ruf ersparen können? Gibt es überhaupt eine korrekte Art, sich zu trennen, oder gibt es nur gewieftere und hilflosere Schufte und Schuftinnen (siehe Trennungsprotokolle)? Der Experte Guy Bodenmann: «Eine Trennung bedeutet immer Schmerz und Leid für beide Partner. Alle Arten sind schrecklich. Doch Ehrlichkeit, Wertschätzung und Fairness gegenüber dem Partner erleichtern die Trennung. Dies ist dann gegeben, wenn man gemeinsam Bilanz zieht und sich gemeinsam auf eine Trennung einigt, ohne dass der eine oder andere bereits einen neuen Partner in der Hinterhand hat. Wenn beide neu anfangen, sind auch für beide die Chancen ähnlich und damit die Verletzungen geringer.»
Eine solche Gleichzeitigkeit ist allerdings der Glücksfall. Wenn zwei Menschen es fertig bringen, sich in Wertschätzung und Fairness zu trennen, sollten sie es sich vielleicht noch einmal überlegen, ob sie es je besser treffen können als mit diesem Partner.
Jedenfalls sind die unkompliziertesten Trennungen nicht immer die schlechtesten, wie die Jugenderinnerung einer mehrfach Verlassenen zeigt: Als Primarschülerin riss sie aus einem Schulheft ein Blatt Papier und schrieb darauf: «Wenn du mich nicht mehr liebst, mach bitte einen Strich.» Das knappe Schreiben erreichte seinen Adressaten während der Schulstunde nach einer Reise durch viele Hände unter vielen Pultdeckeln. Und es fand seinen Weg auch wieder zurück. Einzig und allein ergänzt durch eine schnurgerade Linie. Dies sollte die einfachste und schmerzloseste Trennung ihres Lebens bleiben.
Hanna, 41, Lektorin
Ungefähr fünf Minuten nachdem ich geheiratet hatte, wusste ich, dass es ein Fehler war. Da war das Blumenbouquet, das mir mein Ehemann überreichte: eine Sonnenblume. Da war der Ring, den ich mir selber von einem afrikanischen Strassenverkäufer besorgen musste. Er kostete fünf Dollar und war rundum mit Elefanten verziert. Die Zeremonie in der New Yorker City Hall dauerte etwa drei Minuten und fand in einem Raum von der Grösse eines Badezimmers statt. Der Fehler war, aus dem falschen Grund geheiratet zu haben. Ich lebte seit acht Jahren in den USA, mein Visum war am Auslaufen, und die einzige Chance zu bleiben, war der Erhalt einer Green Card. Am einfachsten ging das durch Heirat. Aber es war nicht etwa so, dass ich dafür irgendeinen aussuchte: Wir waren seit elf Jahren ein Paar, wir liebten uns, wir hatten dieselben politischen Ansichten und mochten dieselben Filme. Heute weiss ich, dass er mich ohne Visa-Probleme niemals geheiratet hätte. Denn lange davor hatte er mir einmal erklärt, dass er die Ehe für eine patriarchalische Institution halte, der er nicht beizutreten gedenke. Ich wünschte, ich hätte darauf gehört.
Ich brauchte fünf Minuten, um meinen Fehler zu erkennen, aber fast vier Jahre, um unsere Ehe zu beenden. Die Probleme begannen unmittelbar nach der Hochzeit. Wir hatten vereinbart zusammenzuziehen, aber obwohl wir in den nächsten Monaten Dutzende von Wohnungen besichtigten, war ihm keine gut genug. Dann kamen mehrere Krankheiten, die ihm einen Umzug verunmöglichten. Und schliesslich kam der 11. September. Er arbeitete zwei Blocks vom World Trade Center entfernt und hatte einen Zusammenbruch. Danach war er zu traumatisiert, um in eine neue Wohnung zu ziehen.
So zog ich halt allein in ein kleines Studio. Warum ich damals unsere Beziehung nicht beendete? Ich weiss es bis heute nicht. Obwohl ich mich erniedrigt fühlte. Vielleicht hatte ich die schwache, täuschende Hoffnung, es könnte doch noch klappen und wir würden eines Tages zusammenziehen. Er sagte, dass er ohne mich nicht leben könnte. Er war ein verwundbarer Mensch und auch, wie ich heute weiss, ein manipulativer: ängstlich, depressiv, geplagt von Selbstzweifeln, von mir abhängig, da er die trivialsten Alltagsprobleme nicht selber bewältigen konnte. Meinen Freunden gestand ich, dass ich befürchtete, er könnte sich umbringen, wenn ich ihn verlassen würde.
Ich war zwar verheiratet, aber hatte keinen Nutzen davon – und auch nicht die Vorteile des Single-Daseins. Ich war einsam und befürchtete noch grössere Einsamkeit, wenn ich mich von ihm trennen würde. Schliesslich trafen wir uns regelmässig und telefonierten vier- bis fünfmal am Tag. Trotzdem entschwand ich langsam, aber sicher aus seiner Welt. Ich verbrachte die Wochenenden nicht mehr in seiner Wohnung. Er fuhr allein in die Ferien. Und langsam realisierte ich, dass ich ihn verlassen musste, da wir keine gemeinsame Zukunft mehr hatten. Ich fragte mich: Bin ich herzlos? Sollte ich uns nicht noch eine Chance geben? Mit vernünftigen Argumenten versuchte ich schliesslich sein Einlenken zu erwirken. «Das ist keine Ehe», sagte ich. «Wir können eine daraus machen», so seine Antwort. Aber ich hatte genug.
An einem Dienstag im November 2004 trafen wir uns zum Mittagessen, und ich sagte ihm, dass ich die Scheidung wolle. Danach fühlte ich mich so glücklich, so euphorisch, dass ich krank wurde. Aber er konnte meine Entscheidung nicht akzeptieren und versuchte mich rumzukriegen und schlug eine «offene Ehe» vor. «Niemals», dachte ich. Er sagte, dass wir zusammenziehen und eine Familie gründen könnten. Dies, obwohl wir seit Jahren keinen Sex mehr zusammen hatten. Monatelang flehte er mich an, ich solle meine Meinung ändern. Obwohl unsere Ehe eine leere Hülle war, wollte er keine Scheidung. Aber ich wusste, dass es kein Zurück mehr gab, und verabschiedete mich. Ich habe mir vorgenommen, den Elefantenring in den Hudson River zu schmeissen. Hoffentlich verschluckt ihn kein unglücklicher Fisch und stirbt daran.
Samuel, 38, Grafiker
Ich praktizierte fast immer dieselbe Art, jemanden zu erobern, wie jemanden zu verlassen. Wenn es anfängt, weiss ich, wo ich in drei Stunden sein werde und wo in weiteren drei Stunden. Es ist sehr begeisternd, wenn man endlich kapiert hat, wie der Hase läuft. Du kriegst nämlich eine Frau nicht ins Bett, weil du so toll bist, sondern weil du ihr das Gefühl gibst, dass sie toll ist. Wenn sie einen Abend lang geredet und ich vor allem Fragen gestellt hatte, ging ich sehr selten allein heim. Mit dem gegenteiligen Verhalten beendete ich Beziehungen. Ich wurde unaufmerksam oder redete viel zu viel, was auf ein Verhältnis sehr erkaltend wirkt. Die Frau beklagt sich dann, und ich sage: Es ist meine Schuld, ich weiss, ich bin nicht der Richtige. Sie schlägt vor, ich solle mich bessern. Ich kontere, das gehe nicht, ich sei nun mal so. Das treibt ein Paar auseinander und ist eine relativ sanfte Methode, jemanden loszuwerden.
Einmal habe ich mit zwei Frauen gleichzeitig etwas angefangen. Eva habe ich geküsst, aber sie wollte nicht mit mir schlafen. Wir zogen miteinander herum, aber sie war nicht restlos von mir überzeugt, sondern blieb immer etwas skeptisch. Katrin, die andere, hatte einen Freund aus gutem Haus. Mit mir sprach sie gerne über Malerei, so fanden wir zusammen und landeten irgendwann im Bett. Weil ich mit der einen nicht schlief und mit der anderen, die einen Freund hatte, schon, war alles problemlos. Bis mir beide in derselben Woche erklärten: Wir wollen dich. Innerhalb einer Woche hat Eva mit mir geschlafen und Katrin meinetwegen ihren Freund verlassen. Beide Frauen erfuhren nie voneinander.
Ich versuchte, erst mit der einen, dann mit der andern Schluss zu machen. Bei beiden wurde es ein tränenreicher Abend, der uns noch näher zusammenbrachte. Ich war einfach in beide sehr verliebt. Manchmal machte ich mit beiden am selben Abend ab, und wie durch ein Wunder sagte eine immer ab. Ich ging wie ein Schlafwandler durchs Leben. Es klappte aber gut. Nur einmal waren sie am selben Ort, und ich sagte, ich müsse dringend verschwinden. Lügen erfordert allerdings ein gutes Gedächtnis, auch für Details. Ich lernte, dass man nichts Sensationelles erzählen darf. Wenn die eine fragte, was ich gestern gemacht hätte, sagte ich, ich hätte gelesen, ein bisschen Kopfweh gehabt oder einen langweiligen Typen getroffen. Ich schaute jeder in die Augen und sagte mit dem Gefühl der totalen Überzeugung: Ich liebe nur dich.
Nach einem Jahr merkte ich, dass mir die Zeit fehlte, je ein zweites Leben zu erfinden. Ich war total ausgebrannt. Bei Katrin, die mich mehr liebte, wurde ich unaufmerksam. Sie war schon glücklich, wenn ich nur bei ihr antanzte. Ich wurde wurstig, las Bücher, wenn ich bei ihr war, und bemerkte ihre neuen Kleider nicht. Schliesslich brachte ich die Nummer mit meiner Unfähigkeit. Mit beiden zusammenzubleiben, hätte vom Herzen aus funktioniert, aber von der Kondition und Konzentration her nicht. Ich brachte Katrin mit meinem Verhalten dazu, Schluss zu machen. Es war eine Mischung aus Freundlichkeit, Feigheit, Respekt und Egozentrismus. Dafür werde ich einmal in der Hölle braten.
Als Katrin weg war, blieb ich noch längere Zeit mit Eva zusammen. Eines Tages brauchte ich wieder etwas mehr Selbstvertrauen und begann eine Affäre. Ich beginne meistens dann eine , wenn ich nicht wirklich in Form bin. Wenn ich Probleme an mehreren Fronten habe, versuche ich, noch eine weitere Front aufzutun. Was natürlich dumm ist, denn du hast wieder eine Situation, aus der du nur noch davonrennen willst.
Sara, 29, Übersetzerin
Ich habe viermal jemanden verlassen. Die Trennungen kamen immer von mir aus, aber es war nie so, dass ich den Mann völlig überraschte. Meist fühlte ich mich nicht genügend geliebt. Es gab vorher stets Krisen, die wir zu beheben versucht hatten. Ich habe die Männer zwar verlassen, aber sah mich jedes Mal in der Opferrolle und nicht als Täterin. Zum Beispiel nach meiner ersten langen Beziehung, die fünf Jahre dauerte. Trotz einiger Krisen hatten wir es eigentlich gut, als ich ihn verliess. Aber ich hatte das Gefühl, ich könne mich nicht mehr entwickeln. Ich traf einen andern Mann. Wir hatten uns viel zu sagen, doch ich war nicht verliebt in ihn. Meinem Freund sagte ich nichts davon. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, obwohl ich ihn nicht betrogen habe. Eines Sonntags lud mich der Neue zu einem Konzert ein. Ich wollte unbedingt gehen. Am Sonntagmorgen merkte mein Freund, dass etwas merkwürdig ist, sprach mich darauf an, und dann sagte ich es.
Meine Gefühle hatten sich verändert. Er war nicht mehr der Mann an meiner Seite, sondern eher wie ein Bruder. Er tolerierte, dass ich einen anderen traf. Dann müssen wir uns trennen, sagte ich und bedauerte sehr, dass er nicht um mich kämpfte. Er gab nicht zu, dass es ihn verletzte. Ich trauerte mehr als er. Ich hatte mich in die Opferrolle hineinmanövriert, obwohl es eigentlich umgekehrt war.
Nun bin ich bald dreissig und sehne mich nach einer Beziehung. Herumzuflattern liegt mir nicht. Leider habe ich ein Faible für Männer, die sich nicht wirklich binden wollen. Am Anfang sind sie sehr verliebt und geben alles. Aber es wird ziemlich schnell klar, dass sie all ihre Freiheiten bewahren, sich immer wieder zurückziehen wollen. Ich hingegen möchte jeweils etwas mit ihnen aufbauen, und das führt dann zu Konflikten. Doch ich finde diese Männer einfach faszinierend. Sie sind sehr visionär, spannend. Nach der fünfjährigen Beziehung war ich mit drei solchen Männern zusammen; zwei davon habe ich verlassen. Einen, weil er sich hinter meinem Rücken kollegial mit seiner Exfreundin traf. Wiederum fühlte ich mich als Opfer, das nicht genug geliebt worden war. Ich weiss nicht, warum das so ist: Ich könnte den jeweiligen Mann nüchtern betrachten, feststellen, dass er anders leben will als ich. Aber ich möchte ihn verändern, wohlwissend, dass es eine Illusion ist. Es reizt mich sehr, wenn jemand mir das Gefühl gibt, er sei geheimnisvoll. Jetzt bin ich sehr wachsam, gerade was originelle Männer betrifft. Es kommt häufig vor, dass mich jemand einen Abend lang vollquatscht und mich nie etwas fragt. Da werde ich hellhörig. Vielleicht sollte ich mich einmal mit einem Langweiler zusammentun.
Sebastian, 50, Fotograf
Ich stehe fast unter einem Zwang, eine Partnerin, die ich nicht mehr liebe, zu schonen. Bei den kurzen Verhältnissen wusste ich meistens schon beim ersten Date, dass es nichts werden würde. Aber die Frauen waren sympathisch, ich war gerade allein, und so zog ich die Affären weiter. Bald merkte ich, dass sich die Betreffende in mich verliebte und dass es für sie mehr bedeutete als für mich. Ich nahm mir vor, ihr beim nächsten Mal zu sagen, dass wir uns trennen sollten. Aber ich verschob es auf das Treffen danach. Beim nächsten Mal passierte es wieder nicht, und eine Aussprache wurde immer drängender. Ich versuchte, das Verhältnis unverbindlich zu halten, setzte die nächste Begegnung in zwei Wochen an, hoffte, dass die Beziehung einfach versande und sie sich nicht mehr melden würde. So wäre ich fein raus gewesen.
Ich kam mir schäbig vor, sah, dass es zur Katastrophe kommen musste, denn sie merkte ja auch, dass ich nicht sehr engagiert und unaufmerksam war. Was ich hoffte, traf dann meistens ein. Irgendwann fanden die Frauen: Du bist das Allerletzte. Sie beschimpften mich, hielten mir Standpredigten, bei denen ich mich nicht wehren konnte, weil sie ja Recht hatten. Das Einzige, was ich sagen konnte, war: Ich habe dir nie etwas versprochen. Das ist auch schäbig. Meine Feigheit hat die Situation für die Frauen noch verschlimmert. Dabei wollte ich verhindern, ihnen wehzutun. Nun waren sie gezwungen, à contrecœur Schluss zu machen. Die Frauen beendeten so in der Regel die kürzeren Affären, und ich nahm alle Schuld auf mich.
Bei den richtigen Liebesgeschichten gelang es mir noch viel weniger, Schluss zu machen. Irgendwann wusste ich jeweils: Bald wird es vorbei sein, es ist absehbar, die Liebe schwindet. Irgendwann ist die gegenseitige Anziehung weg, und gleichzeitig kommt eine Unruhe, ich beginne, anderen Frauen nachzuschauen, und komme mir dabei mies vor. Mit einer Frau lebte ich sechs Jahre zusammen. Ich wusste, dass wir keine Zukunft hatten. Ich machte es genau gleich wie bei den unverbindlichen Affären. Ich verdünnisierte mich innerlich. Mit Schuldgefühlen, denn ich hatte ja gar keinen Grund zu gehen. Ich machte es auf Raten – eine stufenweise Entwöhnung. Wir hatten vor, ein halbes Jahr in einem kleinen Haus auf Sizilien zu verbringen, wo wir unsere Abschlussarbeiten für die Kunstgewerbeschule fertigstellen wollten. Ich reiste schon zwei Wochen vorher hin und wusste, dass ich auf dem Absprung war. Im Zug verliebte ich mich in eine andere. Wir waren ein paar Tage zusammen, dann fuhr sie weiter. Als meine Freundin kam, schaute sie mich an: Was ist los? Ich wiegelte ab. Wenn ich gesagt hätte, ich sei verliebt, wäre sie wieder abgereist. Aber ich konnte es einfach nicht. Wir blieben ein halbes Jahr in Sizilien, ich berührte sie höchst selten. Wir arbeiteten sehr fleissig. Wir hatten es recht gut, ausser dass ich auf Kühlschranktemperatur war. Ich gab vor, die Abschlussarbeit liege mir sehr auf dem Magen. Zurück in der Schweiz, ging ich ihr ein bisschen aus dem Weg. Sie litt sehr darunter, und ich kam mir vor wie ein moralischer Verbrecher.
Eines Tages kam das, worauf ich gehofft hatte. Sie sagte, wir sollten eine Zeit lang getrennt wohnen. Danach hatte ich einen Sicherheitsabstand. Obwohl ich immer weniger Lust auf sie hatte, trafen wir uns weiter. Ich sagte nie, ich wolle nicht mehr mit ihr zusammen sein, sondern, es sei halt etwas schwierig im Moment. Sehr feige. Es gab oft Heulszenen. Ich traf mich ab und zu mit anderen Frauen. Nach etwa einem Jahr hatte sie einen Freund, das machte mich nicht unfroh, er nahm Schuld von mir weg. Sie begann ganz langsam, ihr Leben unabhängig von mir zu leben. Warum ich meine, eine Frau umzubringen, wenn ich sie verlasse, weiss ich nicht. Vielleicht weil ich Trennungen selber sehr schlimm finde, das Schlimmste überhaupt – ein wenig wie sterben.
Maria, 51, Antiquitätenhändlerin
Die Trennungen in meinem Leben sind alle ähnlich verlaufen. Ich war es, die jeweils die Beziehung beendete: schnell, ohne Lügen, ohne Schuldzuweisungen. Bis auf die Trennung von meinem Ex-Mann. Wir waren 16 Jahre lang ein Paar. Wir hatten die Welt bereist, beruflich gemeinsam etwas aufgebaut und hatten zwei Kinder zusammen.
Im Sommer 1996, als wir in Marseille lebten, wurde ich nochmals schwanger. Ungewollt, war ich doch schon knapp über vierzig Jahre alt und mit den Kindern, dem Ehemann und meinem Job voll ausgelastet. Trotzdem entschieden wir uns für das dritte Kind. Im vierten Monat der Schwangerschaft fiel mir auf, dass sich mein Mann plötzlich komplett fremd zu verhalten begann. Er war so anders, unnahbar, abwesend und unzuverlässig, und ich war mir sicher: Entweder ist er in eine Sekte geraten, oder er hat eine Freundin. Er hatte eine Affäre mit der Babysitterin. Ich konnte es nicht fassen. Nicht nachdem wir so viel gemeinsam erlebt und aufgebaut hatten. Nicht in dieser Situation, nicht mit den noch kleinen Kindern. Nicht mit dieser Frau, einer 21-jährigen Studentin, die ich selbst ausgesucht, der ich meine Kinder anvertraut und die ich sehr gut entlöhnt hatte. Nicht in unserer Wohnung. Ich war nur noch sprachlos. Schaute ungläubig Mann und Babysitterin zu und war fassungslos über ihr Verhalten. Ich wartete darauf, dass mein Mann so viel Rückgrat besässe, um mir von seinem Verhältnis etwas zu sagen.
Die ganze Situation setzte mir so zu, dass ich das ungeborene Kind, zwei Liter Blut und die Gebärmutter verlor. Gesundheitlich sehr angeschlagen, schaute ich nach dem Klinikaufenthalt darauf, dass alles seinen gewohnten Gang ging, die Kinder ihren normalen Alltag hatten und ich mir klar darüber werden konnte, wie nun unser Leben weitergehen sollte. Warum ich wider mein Naturell geschwiegen habe? Ich weiss es nicht, es ging einfach nicht anders. Ich hoffte noch immer, dass mein Mann die Karten endlich offen auf den Tisch legte. So viel Respekt und Anstand hatte ich von ihm erwartet. Er aber dachte nicht daran. Er merkte nicht, wie sehr ich mich von ihm distanzierte. Ausser dieser jungen Frau interessierte ihn nichts mehr. Als dann die Kinder sich daran störten, dass die Babysitterin auch anwesend war, wenn der Papa mit ihnen in die Crêperie essen ging, war für mich der Zeitpunkt des Handelns gekommen.
Wenig später holte ich die beiden am Flughafen ab. Mein Mann war auf Geschäftsreise und hatte die Geliebte mitgenommen, heimlich, wie er glaubte. Ich empfing sie in der Ankunftshalle, schenkte ihr an Ort und Stelle meinen Mann, und ihm teilte ich mit, dass ich mich von ihm trenne. Die beiden erschraken zutiefst, hatten sie doch geglaubt, ich wüsste von nichts. Für mich stand in diesem Moment fest, dass ich mit diesem Mann nicht zusammenbleiben konnte, sondern fortan allein mit den Kindern leben wollte und würde. Es dauerte von da an eineinhalb Jahre bis zu meiner Scheidung. Er wollte keine Trennung, keine Scheidung, er wollte mit mir und den Kindern zusammenbleiben. Kurz danach liess er sich per sofort und vorerst allein nach Stockholm versetzen, um eine neue Stelle anzutreten. Er hoffte, nach Schuljahresende mit mir dort neu beginnen zu können. Neu beginnen kann man nie. Doch so entzog er sich jeglicher Kommunikation, und mir fehlte die Basis, unsere Angelegenheiten klar und fair zu regeln, sowie die Möglichkeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Darauf reagierte einzig mein Körper: die Galle kam im wahrsten Sinne des Wortes hoch, und ich wurde notfallmässig operiert. Ich hatte mich – da mir ohne Ehemann in Marseille die Aufenthaltsbewilligung verwehrt war – entschieden, ebenfalls mit den Kindern nach Stockholm zu ziehen, um von dort unsere Rückkehr in die Schweiz und die Scheidung vorzubereiten. Schon bald hatte ich in Genf eine Wohnung, einen Job und Schulplätze organisiert; einige Monate später kehrten wir ohne meinen Mann und gegen seinen Willen zurück in die Heimat. Dort reichte ich die Scheidung ein, zu der er erst einwilligte, als ihm sein Anwalt klar machte, dass er nie mehr so billig davonkommen würde. Eine Kampfscheidung kam für mich nicht in Frage.
Seit mittlerweile acht Jahren lebe ich mit meinen Kindern allein. Die erlittenen Demütigungen und Verletzungen schmerzen noch immer, der «Verlust» des Ehemannes nicht. Eine zweite Ehe werde ich nicht eingehen, und niemand wird mit mir und den Kindern zusammen leben. Mein Beziehungsleben trenne ich von unserem Zuhause. Wenn ich an meinen Ex-Mann denke, empfinde ich – nebst anderen negativen Gefühlen – seltsamerweise sogar Mitleid. Auch ist da ab und zu ein leises Bedauern, dass er so wenig weiss und teilhaben kann am Leben der Kinder. Bis heute hat er mit mir nie über die gesamte Tragödie gesprochen, kein einziges Mal.













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