Kunsthandel

Fun Gogh

Zeigt die Ausstellung «van Gogh – echt falsch» aus der Sammlung Bührle eine Fälschung, von der die Verantwortlichen noch keine Ahnung haben? Oder wissen sie, dass den «Kastanienbaumzweig» nicht der Meister zum Blühen gebracht hat, und wollen sie es vertuschen?

Von Hanspeter Born

Dieses Bild musste Emil Bührle haben. Schon Vincent van Goghs erster Biograf, Julius Meier-Graefe, erschauerte vor Ehrfurcht, als er es 1903 zu Gesicht bekam: «Das Meisterwerk der Selbstbildnisse ist bei Schuffenecker. Nie wird man diesen ungeheuerlichen Kopf mit der viereckigen Stirn, den klaffenden Augen und den hoffnungslosen Kiefern vergessen.»

Der Sammler und Industrielle Bührle konnte der Versuchung umso weniger widerstehen, als ihm eine andere Version des Bilds unter misslichen Umständen entgangen war. An der berühmt-berüchtigten Auktion der Luzerner Galerie Fischer vom 30. Juni 1939, an der von den Nazis beschlagnahmte «entartete Kunst» versteigert wurde, war van Goghs «Selbstbildnis für Gauguin» Emil Bührle für 165000 Franken zugeschlagen worden. Zu dessen Ärger behauptete dann ein im Saal sitzender Amerikaner, er sei übersehen worden, so dass Fischer die Versteigerung neu eröffnete, worauf das Bild für 175000 Franken an den Amerikaner ging. Heute hängt es im Fogg Museum der Harvard-Universität.

Die von Bührle 1948 für «stattliches Geld» erstandene Zweitversion erwies sich aber als Fälschung: Die Gauguin-Elevin Judith Gérard hatte in jugendlichem Feuer eine Kopie des «Selbstbildnisses für Gauguin» angefertigt und diese korrekt mit der Inschrift «Copie d’après Vincent» versehen. Später berichtete Judith Gérard, wie ihre Mutter das Bild dem Händler Amédée Schuffenecker verkaufte, der zusammen mit seinem Bruder, dem Maler Emile Schuffenecker, eine «petite industrie» betrieb, nämlich die Produktion neuer «van Goghs». Meist fertigte Emile selber «Varianten» von Meisterwerken Vincents an. Im speziellen Fall der unschuldigen Kopie Judiths beschränkten sich die Brüder darauf, die Inschrift zu beseitigen und den Hintergrund mit Blumen – Meier-Graefe spricht von einer «kreischenden Tapete» – zu verzieren. Kunsthändler Eugène Druet drehte die Fälschung dem Berliner Bankier Paul von Mendelssohn-Bartholdy an, dessen Witwe sie dann Bührle weiterverkaufte.

Um diese kleine Geschichte dreht sich die Ausstellung der Sammlung E.G. Bührle «van Gogh – echt falsch», die bis 27. Februar 2006 in Zürich zu sehen ist. Mit einer spannenden Dokumentation führt uns Lukas Gloor Entstehung und Werdegang eines unechten Bildes vor Augen. Im Vorwort zum Katalog schreibt Bührles Tochter Henriette Anda-Bührle: «Echte und falsche Bilder Vincent van Goghs stossen heute auf ein breiteres Interesse denn je, und die Problematik der Fälschung erweist sich geradezu als ein zentraler Themenkreis rund um den noch immer wirksamen Mythos van Gogh.»

Ob dem «Mythos van Gogh» vergessen wir gerne den Maler, der sich schlicht Vincent nannte und der zu den bedeutendsten seines Fachs gehört. Vincent, als Künstler kompromisslos und integer, als Mensch aufrecht und anständig, verdient es nicht, dass schäbige Fälschungen seinem Werk Abbruch tun. Von den im (leider immer noch massgeblichen) Werkkatalog de la Faille (1970) aufgeführten 913 Gemälden sind nach Ansicht des französischen Forschers Benoît Landais, der sich gründlich mit der Authentizitätsfrage befasst hat, mindestens fünfzig Fälschungen. Es ist Zeit, das Œuvre des Meisters von den Imitaten zu befreien. Nun hat es sich aber gezeigt, dass Museen, Auktionshäuser, Sammler, Kunsthändler und auch die meisten Fachleute nicht am Status quo rütteln wollen. Es würde dem Metropolitan Museum in New York bloss Scherereien bereiten, sollte es sich herumsprechen, dass unter seinen zwanzig «van Goghs», die ihm fast alle von bekannten Sammlern überlassen wurden, nicht weniger als fünf von Emile Schuffenecker gemalt wurden.

Wo ist die Vase?

Wenn man in der Villa Bührle links in den grossen Saal tritt, stösst man auf acht van Goghs, darunter einen umwerfenden «Sämann». Eines der acht Bilder fällt aus dem Rahmen. «Blühende Kastanienbaumzweige» (F 820 im Werkverzeichnis de la Faille) wirkt konfus. Hilft dem ratlosen Betrachter, der sich in dem Gestrüpp der Zweige schwer zurechtfindet, der Katalog?

Vincent, erfahren wir, ist am 21. Mai 1890 in Auvers angekommen: «Die Kastanienbäume an der Strasse stehen gerade in Blüte. Er malt die alten Bäume mit ihren prangenden Blütenkerzen, und er bricht die Zweige, um sie in einer nur angedeuteten Vase zusammen mit Rhododendron zu malen: die schweren Blütenstände neigen sich zum Hangen, und in dem Formwechsel mit den fingrig ausgreifenden Blättern überziehen sie flächenhaft das grosse liegende Rechteck des Bildes. Das Erlebnis japanischer Kunst ist auch in diesem Bilde spürbar, zumal der Künstler, alles Gegenständliche vermeidend, die Blütenzweige auf einen blaugrünen, vibrierend strukturierten Grund setzt.»

Auch mit Gebrauchsanweisung gibt das Bild Rätsel auf. Wo ist die Vase? Wie lange haben Sie, liebe Leserin, gebraucht, um die Vase zu entdecken? Wie stecken die Zweige in der Vase? Handelt es sich bei den roten Blüten tatsächlich um Rhododendron? Wie verhält es sich mit dem blaugrünen, vibrierend strukturierten Grund, wenn man doch eigentlich einen Tisch zu erkennen glaubt? Nicht verzweifeln! Der ursprüngliche Besitzer des Bildes, Paul Gachet fils, Sohn des Arztes, der Vincent auf dem Totenbett pflegte beziehungsweise nicht pflegte, schreibt in seinem Privatkatalog: «Der untere Teil ist ein gelblicher Tisch, durchsetzt mit leuchtenden, orangen, ockerfarbigen Pinselstrichen und blaugefärbten Schatten; durch die Blätter und Blüten hindurch erkennt man die Vase, die – wenn man so sagen kann – diesen ungeordneten Strauss [bouquet désordonné] enthält.»

Der Verfasser des Bührle-Katalogs belehrt uns, dass der Künstler «alles Gegenständliche» vermeidet – was aus moderner Sicht wohl als Kompliment gemeint ist. Nun war aber Vincent van Gogh ein durch und durch realistischer Maler. Weil er nach der Natur und nicht «aus dem Kopf» malen wollte, überwarf er sich mit seinem Freund Gauguin. Bei Vincent ist ein Olivenbaum ein Olivenbaum (und was für einer!), ein Tisch ein Tisch, eine Vase eine Vase, die fest und nicht wacklig auf dem Tisch steht. Blätter, Blüten, Zweige oder Stängel malt Vincent naturgetreu – der Betrachter sieht genau, wie sie miteinander verbunden sind. Es finden sich keine «bouquets désordonnés», sondern sorgfältig komponierte Blumensträusse.

Benoît Landais weist darauf hin, dass das Bild überhaupt keine Tiefenwirkung hat; «chose impensable chez Vincent», und dass die Perspektivenfehler schlimm sind: «Die Grösse des seesternförmigen Blattes links verglichen mit den lächerlichen Blättern rechts, die eine Fläche besetzen, die Vincent immer freilässt. Diese Bemühungen machen das Bild zu einer Ansammlung dekorativer Elemente ohne Einheit.»

Ein anderer Bührle-Katalog (Ausstellung 1990) erinnert daran, dass Vincent auf der Durchreise nach Auvers die in der Pariser Wohnung seines Bruder Theo hängenden, von ihm kurz zuvor gemalten «Blühenden Mandelbaumzweige» (F 671) sah, und spekuliert, dass dieser Anblick ihn dazu inspiriert haben könnte, sich die Kastanienbaumzweige vorzunehmen. Kurz nach Vincents Freitod sah ein anderer (Amateur-)Maler in Theos Wohnung die «Mandelbaumzweige»: Dr. Paul Gachet. Dank kleverer PR in eigener Sache (vom Sohn meisterhaft fortgesetzt) geniesst Gachet heute noch den Ruf des besorgten Arztes, Mäzens und «selbstlosen Freunds» der Impressionisten. In Tat und Wahrheit war er, wie Benoît Landais und Van-Gogh-Biograf Matthias Arnold schlüssig darlegen, ein Quacksalber, Heuchler, Lügner und Fälscher. Landais weist nach, dass Dr. Gachet, der den van Goghs ein Dutzend echte Bilder abgeluchst hatte, nachher zusammen mit Gehilfen – seinem Sohn Paul junior und der begabten jungen Blanche Derousse – eine mindestens ebenso grosse Zahl weiterer «van Goghs» herstellte, die der Sohn später verkaufte oder (im Multipack mit echten Bildern) geschickt dem französischen Staat schenkte – womit er sich nicht nur die Ehrenlegion, sondern auch «Immunität» bei den Experten erwarb.

Die Gachet-Fälscherwerkstatt produzierte zuerst einmal zuhauf Kopien, meist gefällige Aquarelle von der Hand der Blanche Derousse, angeblich zur Vorbereitung von Radierungen, die eine vom Doktor geplante Van-Gogh-Biografie hätten illustrieren sollen. Mit der Zeit lieferte die getäuschte oder willfährige Blanche auch Aquarelle «im Stile Vincents», die dann vom Doktor oder seinem Sohn als Vorlagen für die von ihnen in Öl produzierten «van Goghs» benutzt wurden.

Ist also das Bührle-Bild «Blühende Kastanienbaumzweige» auch eine Fälschung aus der Gachet-Werkstatt? Lässt sich überhaupt objektiv feststellen, ob ein «van Gogh» echt oder falsch ist, wenn man nicht, wie im Fall der Judith-Gérard-Kopie, ein «Geständnis» hat?

Was die «Kastanienbaumzweige» betrifft, hätte die Stiftung Bührle drei Möglichkeiten, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen:

1 - Eine technische Analyse kann herausfinden, ob die im Bührle-Bild verwendeten Farben auch die sind, die Vincent in Auvers brauchte. Die Gachets kannten die Palette Vincents, so dass sie in ihren Fälschungen keine Fehler hätten machen sollen. Nun schreibt aber Sohn Gachet in seiner Katalognotiz zu den «Kastaneinbaumzweigen» nicht ohne Stolz, dass der Geraniumlack der rosafarbenen Blüten sich nicht verändert hat («n’a pas bougé»). Jean-Paul Rioux vom Labor der französischen Museen hat inzwischen nachgewiesen, dass Vincent in Auvers den roten «Geraniumlack» des Farbhändlers Tasset verwendete, der leidigerweise bald verblich. Wenn der Geraniumlack in den «Kastanienbaumzweigen» ein anderer ist als der von Vincent in Auvers verwendete, ist das Bild falsch.

2 - Eine Gegenüberstellung des Bührle-Bilds mit den zwei von Blanche gemalten Aquarellen – das eine eine kleinere Fassung (in der Dokumentation des Louvre), das andere ein Ausschnitt (im Amsterdamer Van-Gogh-Museum) – kann dem geschulten Auge ermöglichen, herauszufinden, ob die Aquarelle Kopien oder Vorstudien sind. Sind es Vorstudien, ist das Bild falsch.

3 - Eine Debatte (pro und contra) unter Experten kann möglicherweise klären, inwieweit das Bührle-Bild stilistisch mit den von Vincent mit Sicherheit in Auvers gemalten Bildern übereinstimmt (oder nicht).

Eine Sammlung, die einen ihr gehörenden zweifelhaften van Gogh sorgfältig überprüfen lässt (und auch ein unliebsames Ergebnis akzeptiert), macht sich nicht nur um Vincent, sondern um den Kunstbetrieb verdient. Sollte die Präsidentin des Stiftungsrats der qualitativ grossartigen Sammlung Bührle, Henriette Anda-Bührle, bereit sein, Abklärungen über die Authentizität der «Kastanienbaumzweige» in die Wege zu leiten, könnte man nur sagen: Chapeau, madame!

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