Kaufzwang

Die Busfahrerin

Eine alte Frau wie Designerin Andrée Putman zu interviewen, ist gewagt – jedenfalls wenn man ihre Antworten nicht mag.

Von Mark van Huisseling

«Ist es wahr, dass Sie immer noch Bus und Zug fahren?» – «Ja, natürlich. Was dachten Sie, dass ich mein eigenes Flugzeug habe?» – «Nein, aber nur wenig Leute in Ihrem Geschäft nehmen den Bus und reden darüber.» – «Sie verbergen es?» – «Ja, sie erzählen, sie haben eine chauffeurgelenkte Limousine, fliegen First Class» (Tyler Brûlé, ein Journalist, der auch designt und Reklame macht, etwa.) «Ich werde sehr offen sein, ich fliege auch nur First Class. Es gibt einen Mann in meinem Büro, der kümmert sich darum und sagt zu Kunden: ‹Sie sind bestimmt einig mit mir, dass Madame Putman niemals das Risiko eingehen kann, schlecht zu sitzen oder sich mit einer schlimmen Krankheit anzustecken in der Touristenklasse.› Nein, ich weiss nicht, was er sagt, aber er erreicht immer, dass ich unter wundervollen Bedingungen reise.» – «Und haben Sie was gelernt beim Busfahren, was Sie brauchen konnten, als Sie den Innenraum der Concorde entwarfen?» – «Ja, natürlich. Ich beobachte Leute, wie es ist, als Student Bus zu fahren und als 95-Jährige, wenn keiner aufsteht und seinen Sitz anbietet.»

«Diva des Designs» stand in Paris-Match, «Grande Dame» in Gala, «elegante, beeindruckende Erscheinung» in Brigitte, und in der Encyclopædia Britannica steht, die Pariserin habe den Stil des späten 20. Jahrhunderts geprägt mit ihren Entwürfen für den Umbau des Hotels «Morgan» in New York etwa. Und ich hab lang überlegt und diskutiert mit Kollegen von der Redaktion, ob ich sie bringen soll in meiner Kolumne, nachdem ich bei ihr war in ihrem Büro in Paris. (Diesen Satz, nebenbei, hab ich abgeschrieben von Bild, wo er manchmal steht, bevor sie besonders üble Bilder drucken. Und weiter schreiben sie dann: «Wir von Bild haben entschieden, wir müssen diese Bilder zeigen, weil diese Welt übel ist» oder so.) Und ich muss über diese Frau schreiben, weil ich niemand anders bekommen hab diese Woche, also eigentlich auch, weil diese Welt übel ist.

Und da ich mich sonst lustig mache über das Wesen oder Körpermerkmale älterer Männer – Udo Lindenberg, Helge Schneider, Roger Schawinski –, muss ich auch frei sein von Milde, wenn ich über eine ältere Frau schreib, find ich. Das aber ist hart. Denn ihre Aussprache erinnert an die von Helmut-Maria Glogger auf Star TV, den Gion Mathias Cavelty vor kurzem beschrieben hat in der Weltwoche. (Als Entwurf für die, die Star TV nicht kennen und Herrn Cavelty nicht lesen: «Mein Gebiff sitft nicht gut, ich geb aber trotfdem Interviewf.»)

«Wie finden Sie das, wenn sich Produktgestalter und Inneneinrichter als Künstler in Szene setzen?» – «Denken Sie, Designer und Dekorateure seien Künstler?» – «Nein, ich nicht. Aber ich weiss, dass zum Beispiel Philippe Starck und Luigi Colani . . .» – «Wer, der Zweite?» – «Luigi, eigentlich Lutz Colani, ein Deutscher, der in der Schweiz arbeitete und sagt, er sei der Beste und Wichtigste.» – «Ich kenn ihn nicht.» – «In Zeitschriften werden beide als Künstler beschrieben, und Starck sagt, er sei ein Genie.» – «Ah, das ist sein Problem. Es ist schade, er ist eine sehr talentierte Person, aber er wurde so anmassend – Gott ist ein Anfänger verglichen mit Starck.»

Sie ist bestimmt 1,80 Meter gross. Sie trägt einen schwarzen Anzug, eine Bluse mit Punkten und Schmuck aus Silber, von ihr selbst entworfen. (Im Stil ein wenig wie Ruth Metzler also.) Was sie sagt, ist von Interesse eigentlich, und sie ist auch bestimmt gescheit. Aber irgendwie sind ihre Worte eher arm an Aussage und Wichtigkeit, und grosse Sätze gibt sie mir auch keine. (Da war Lutz «Luigi» Colani besser, das muss ich ihm geben: «Sie setzen sich mit nackten Ärschen in den Sand und diskutieren: ‹Wie fühlt sich das an?›» Die Wissenschaftler der Nasa, für die er arbeite. «Philosophen sind das, Brillantowitsche.») Das ist vielleicht der Grund, weshalb alte Frauen kaum Interviews geben. (Oder weshalb diese Interviews nur selten gedruckt werden.) Vielleicht bringt die Weltwoche mal eine Titelgeschichte «Frauen über 80», in der das alles drinsteht, von Margrit Sprecher.)

«Eine innere Stimme sage Ihnen, was Zukunft habe, haben Sie gesagt, stand in der Woche.» – «Ja, eine innere Stimme sagt mir, was Erfolg haben wird.» – «Okay, was wird Erfolg haben?» (Ich stell die Frage, obwohl ich zweifle, eine Antwort zu bekommen. Der Kollege von der Woche hatte auch keine bekommen, vermute ich – die Zeitschrift erscheint nämlich nicht mehr.) «Die Leute werden der Mode nicht länger folgen. Sie machen sich ihren Look selber, aus einem T-Shirt von Prisunic und einer Handtasche von Christian Dior vielleicht – unglaublich unterschiedliche Herkunft, sehr lustig. Das ist Freiheit.»

Andrée Putmans Lieblingsrestaurant:
L’Ami Louis, 32, Rue Vert-bois, Paris, Telefon +33 1 48 87 77 48

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