Die Schweiz hat seit längerem ein Problem. Ein intellektuelles Problem. Doch niemand kümmert sich darum, am allerwenigsten die Schweizer Intellektuellen selbst. Und genau da liegt das Problem: Wirtschaftlich sind wir für viele Ausländer vorbildlich. Wir stellen auf der ganzen Welt gefragte Spitzenprodukte her. In Medizin, Hirnforschung, Physik oder Pflanzengentechnologie können wir mit den Besten mithalten. Unsere Architekten sind umgarnte Global Player. Und im Sport ist Roger Federer ein sicherer Wert. Aber wo sind unsere Intellektuellen, die in die Welt ausstrahlen?
Zugegeben, es ist nicht nur ein schweizerisches, sondern ein internationales Problem, dass die Intellektuellen am Serbeln sind. Unsere Nachbarn haben es gewiss nicht besser. Keinem Franzosen trübt der Patriotismus so sehr den Verstand, dass er sein Land noch eine Geistesrepublik nennt, und auch Deutschland ist längst nicht mehr die Heimat der Dichter und Denker. Das hochangesehene britische Politmagazin Prospect und sein nicht minder renommiertes amerikanisches Pendant Foreign Policy haben in ihrer jüngsten Ausgabe eine Liste der hundert weltweit wichtigsten oder zumindest wirksamsten Grosshirne veröffentlicht. Paris, vor dreissig Jahren das Zentrum der Intellektuellen, bringt es gerade noch auf vier Repräsentanten (Jean Baudrillard, Alain Finkielkraut, Gilles Kepel, Julia Kristeva); Deutschland ist gar nur mit drei Namen vertreten (Benedikt XVI., Jürgen Habermas, Peter Sloterdijk).
Die Liste ist sicher nicht das Mass aller Dinge und auch nicht repräsentativ. Vielleicht ist sie nur eine Modeerscheinung wie mancher der darauf genannten Intellektuellen. Aufgestellt haben sie die englischsprachigen, überwiegend männlichen Mitarbeiter der beiden Zeitschriften, und sie richtet sich primär an ein angloamerikanisches Publikum. So erstaunt nicht, dass jeder dritte Aufgelistete Amerikaner und jeder siebte Brite ist; nur zehn Prozent sind Frauen.
Heimkriecher und Wasserpfeife
Da globale Geltung ohne Resonanz im englischsprachigen Raum schwerlich möglich ist, sagt die Liste gleichwohl einiges aus – auch über die intellektuelle Eidgenossenschaft. Gern würde man sich freuen, dass immerhin zwei Schweizer dabei sind. Stattdessen reibt man sich die Augen. Lieber keine Auserwählten als diese beiden: Hans Küng und Tarik Ramadan. Küng der Fusionsmissionar, der die Kirche von unten predigt, in Wahrheit aber ein Theologe der Bosse ist. Ramadan ein doppelzüngiger Genfer Islam-Agitator, der vordergründig für den Dialog mit den Europäern eintritt und hintenherum mit Fanatikern liiert ist, die eine Islamisierung Europas anstreben. Das sollen unsere Starintellektuellen sein? Einer, der sich in der Rolle des Rebellen gefällt und doch nur seine Heimkriechung in den Schoss der katholischen Kirche vorbereitet (kürzlich gewährte der Papst Küng eine Audienz). Und der andere, heimtückisch wie eine Wasserpfeife: Beim ersten Zug qualmt es mediengewandt prowestlich, beim zweiten merkt man, welch fundamentalistisches Kraut man inhaliert. In die USA darf Ramadan nicht mehr einreisen, was Tony Blair, ihr Hauptverbündeter im Krieg gegen den Terror, nicht hinderte, ihn als Berater zu rekrutieren, und zwar im Kampf gegen islamistischen Extremismus.
Eine Wüste ohne Rufer
Angesichts dieser Auslese müssen wir um unser intellektuelles Image im Ausland bangen. Im 20. Jahrhundert machten noch Le Corbusier (soweit er denn Schweizer war), C.G. Jung oder Karl Barth und dann selbstverständlich Frisch und Dürrenmatt global Furore. Und nun dieses Armutszeugnis. Haben wir im internationalen Massstab wirklich nichts Gescheites mehr zu bieten? Schlimm, es einzugestehen, aber die Antwort lautet: Nein. In Lauerstellung hinter Küng und Ramadan befindet sich vermutlich der intellektuelle Restposten Jean Ziegler – nicht wirklich ein Ersatz. Und sonst? Eine Wüste ohne Rufer, in der sich sogar ein Frank A. Meyer zum intellektuellen Gewissen aufschwingen kann.
Wie es so weit kam? Es fehlt an Betätigungsfeldern wie an Einnahmequellen für freischwebende Intelligenzen. Selbst die politische Linke fragt ihnen nicht mehr nach. Manche wurden in der Folge Anhänger der aktiven eigenen Sterbehilfe, schränkten ihr Zuständigkeitsgebiet auf ein immer spezielleres Biotop ein, vielleicht auch abgeschreckt von Berufskollegen, die in der Globalisierungsdebatte und nach 9/11 so viel verwirbelten Unsinn von sich gaben, dass die Bezeichnung Intellektueller nur noch beleidigend war.
Ein erster Schritt aus der Misere wäre, nach dem globalen Grossdenker-Ranking eine Liste der Mindestanforderungen an einen Intellektuellen zu erstellen. Er sollte vor allem ein guter Analytiker mit ansteckenden, aber nicht hochfliegenden Ideen sein. Einer, der weiss, wovon er spricht, nur spricht, wenn er etwas zu sagen hat, und was er zu sagen hat, mit einer gewissen Sinnlichkeit sagt. Was er nicht sein muss: sonntalkender Emotionsdealer, linker oder rechter Bedenkenfabrikant, unverständlicher Expertokrat, zeitgeistiger Theorie-Fetischist, posierender Nestbeschmutzer. Um das Worst-Case-Szenario noch abzuwenden, muss ein anderer Schlag her als Küng, Ramadan, Ziegler und der Ringier-Intellektuelle.













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