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05.10.2005, Ausgabe 40/05

Abu Mussab al-Sarkawi

Der Shooting Star

Abu Mussab al-Sarkawi war bis weit über seine Jugend hinaus bloss ein Taugenichts. Heute ist er al-Qaidas Statthalter im Irak und das grosse Idol der Islamisten – ein Mann der Untat, der auch selber das Messer zückt, um Feinde zu schlachten. Teil I der Serie: sein Aufstieg zum Terrormeister.

Von Urs Gehriger und Gregory Gilbert-Lodge (Illustration)

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Dies ist die Geschichte eines Mannes, der auszog, sein Volk von Knechtschaft und Sünde zu befreien. Es ist die Geschichte eines Schlägers und Säufers, der im Glauben an Gott Kraft fand und mit ihr fortan auf alle Ungläubigen eindrosch. Es ist eine Geschichte ohne absehbares Ende, denn selbst wenn der Mann heute stürbe, die Welt hätte noch lange mit seinem Erbe zu kämpfen. Es ist die Geschichte von Ahmad Fadil Nazzal al-Khaleileh, besser bekannt als Abu Mussab al-Sarkawi, dem gefährlichsten Mann der Welt.

Wie sie angefangen hat, weiss heute niemand mehr genau. Aber wenn sie an einem bestimmten Punkt beginnen soll, dann am Nachmittag des 19. August 2003 an der Canal Street, im Norden Bagdads, als ein Gärtner mit staubigem Haar und blutüberströmtem Overall auf die Strasse wankt. Als er stirbt, hält er eine Hacke in der Hand. Vermutlich hatte er gerade den Rasen vor dem Uno-Hauptquartier gejätet, als ein mit 1000 Kilogramm Sprengstoff beladener Kleinlaster unter dem Bürofenster des Missionschefs Sergio de Mello explodierte. De Mello selber liegt eingeklemmt in Trümmern. Helfer flössen ihm Wasser ein. Als seine Kräfte nachlassen, schickt er einen letzten Gruss an seine Familie. Nach einer knappen Stunde verblutet er.

Acht Monate nach dem Anschlag taucht ein Tondokument im Internet auf. Darauf krächzt eine Stimme wie die eines Papageis. «Gott hat uns belohnt», sagt sie. «Wir ernteten ihre Köpfe und schlitzten ihre Körper auf: bei der Uno in Bagdad, in Kerbala, in Nasirijah, in...» Es folgt eine lange Reihe von Städten und Dörfern. Es ist eine Liste des Schreckens, an dessen Ende die Stimme ihren Namen preisgibt: Abu Mussab al-Sarkawi. Der Uno-Anschlag war der Beginn einer beispiellosen Terroroffensive, mit der Sarkawi die amerikanischen Streitkräfte im Irak an den Rand der Verzweiflung treibt.

Wer ist dieser Mann, neben dem selbst ein Osama Bin Laden plötzlich harmlos erscheint? Der gefesselten Geiseln mit langen Messern eigenhändig die Köpfe nimmt? Und wie schaffte dieser Mann scheinbar über Nacht den Sprung an die Spitze der Fahndungslisten?

Im Schatten der jordanischen Hauptstadt Amman liegt, zehn Quadratkilometer gross, ein Teppich aus Ziegelsteinen, Antennen und Asphalt, aus dem Armut dampft: Sarka. 800000 Menschen leben hier, Verlierer der Gesellschaft, Palästinenser, Flüchtlinge aus den Kriegen gegen Israel. Einmal schon hat die Welt nach Sarka geschaut, als Palästinenser zwei Passagierflugzeuge der Swissair und der TWA dorthin entführten.

Das ist lange her und war rasch vorbei. Jetzt aber kommt die Stadt nicht mehr aus den Schlagzeilen. Immer wieder wollen Besucher das berüchtigte Haus sehen, wo Abu Mussab al-Sarkawi am 30. Oktober 1966 geboren und mit seinen sieben Schwestern und zwei Brüdern aufgewachsen ist. Es steht mitten in der Stadt, im Quartier Maqsum, ein normales Haus, zwei Stöcke, karge Mauern, kleiner Garten.

Gegenüber ein Friedhof, ungepflegt, voller Unrat. Die von Gräbern durchzogene Mondlandschaft habe beim jungen Sarkawi eine Faszination für den Tod ausgelöst, erzählten Nachbarn den Medien. Doch nun redet hier niemand mehr. Der Clan der Khaleileh hat dem jordanischen König eine Botschaft gesandt, in der er die Machenschaften ihres missratenen Sohnes verurteilt, und der König verhängte ein Redeverbot.

1,76 Meter Wut

Das Erste, was Abu Quteiba im Hochgebirge Afghanistans von seinem Feind wahrnimmt, sind die tappenden Schritte. Abu Quteiba muss nicht hochsehen, um zu wissen, dass der Feind in Kürze bei ihm sein wird. Er schaut auf die Abzugvorrichtung seines Gewehrs und schluckt den Atem runter. Er hört die Schritte, nackte Füsse auf lockerem Gestein. Sie werden schneller. Sekunden noch.

«Er hatte eine dunkle Brille auf», erzählt Abu Quteiba, als wär’s gestern gewesen. «Die Schuhe hatte er ausgezogen, er dachte wohl, so würden wir ihn nicht hören.» Abu Quteiba war schneller, der Russe blieb tot liegen irgendwo im Hindukusch, eines von 15000 Leben, die die Sowjets zurückliessen, als sie 1989 als Verlierer aus Afghanistan abzogen.

«Der Russe war mutiger als der Amerikaner», sagt Abu Quteiba. «Der Amerikaner schreit wie ein Schwein, wenn wir auf ihn schiessen. Der Russe starb ohne zu quietschen.» In Abu Quteibas Wohnzimmer sitzen ein halbes Dutzend Veteranen im Kreis und schwelgen in Frontromantik. Jeder hier kennt Sarkawi persönlich. «Eines Tages kam dieser Junge zu uns», sagt Abu Quteiba, der in den achtziger Jahren junge Mudschaheddin nach Afghanistan vermittelte. Hunderte seien in sein Büro gekommen, sagt er. Aber seinen Blick vergesse er nie. «Hungrig war er und wild.»

Damals heisst Sarkawi noch Ahmad, ist 23 Jahre alt, 1,76 Meter gross, schlank. Hat kaum Freunde, schlechte Bildung, keinen Job. Sein Vater ernährt ihn, seine Mutter sorgt für ihn. Ahmads Gesicht ist fahl. Er zieht durch die Strassen. Sucht und findet nicht. Dafür hat er etwas, das vieles aufwiegt, stärker ist als Bildung, Geld oder ein Job. Ahmad Fadil hat Wut im Bauch.

Noch bricht sie unkontrolliert aus ihm heraus, zieht ihn in Schlägereien, verleitet ihn zum Saufen und Stehlen. Immer wieder muss ihn der Vater auf der Polizeistation abholen. In der Nachbarschaft nennen sie ihn den «grünen Mann» wegen seiner Tätowierungen auf Schulter und Unterarm. Auf der linken Hand prangt ein Anker, und drei blaue Punkte zieren seinen Daumen, das Symbol seiner Gang.

Doch irgendwann Ende der achtziger Jahre nimmt sein Leben eine Wende. Auf einer seiner Irrfahrten durchs Quartier tritt er in die Moschee al-Falah in einem palästinensischen Flüchtlingscamp. Er, der mit seinem ausschweifenden Leben notorisch gegen den Koran verstösst, findet in der Moschee Freunde, die einen radikalen Islam vertreten. Mit derselben Inbrunst, mit der er wenige Monate zuvor noch raufend und trinkend unterwegs war, macht er sich ihre Werte zu Eigen. Es ist viel von Afghanistan die Rede, vom heroischen Kampf gegen die Sowjetunion und von der Befreiung der Muslime aus dem kolonialistischen Joch. Erstmals im Leben hat Ahmad ein Ziel. Er will kämpfen. Er zieht in den Krieg.

Wenn er geht, merkt man fast nichts. Doch sitzt er, sieht man es genau. Am rechten Fussknöchel fällt die Socke schlaff über den Schuhrand. Darunter lugt ein Stück mokkafarbenes Hartplastik hervor. «Tretmine, vor 15 Jahren in Khost», sagt der Mann mit dem Plastikbein. Er heisst Saleh al-Hami, ist Sarkawis Schwager und sein enger Freund. «Ahmad stand dabei, als es mich erwischte», erzählt er. Ahmad bewundert den Verletzten für seine Tapferkeit, besucht ihn täglich im Krankenhaus in Pakistan und bietet ihm eine seiner Schwestern zur Frau an. War Sarkawi ein guter Krieger? Saleh al-Hami sagt: «Bei Gott, sein Wille konnte Berge versetzen.»

Seit Frühjahr 1989 ist Ahmad in Afghanistan. Nach der Ankunft wird er nach Khost verfrachtet. Doch als er nach mehrtägiger Reise dort eintrifft, erlebt er gerade noch den Fall der Stadt. Jahrelang ist er als Kleinkrimineller durch die Gassen gestrichen, und jetzt, da er ein Krieger werden will, ist der Krieg vorbei.

Emir im Hochsicherheitstrakt

Statt mit dem Gewehr kämpft Ahmad fortan mit der Feder. Bekannte verhelfen ihm zu einer Stelle bei Al-Bunyan al-Marsus (Das unergründliche Gefüge), dem Hetzblatt von al-Qaida. Ahmad reist durch Afghanistan, holt Zeugnisse von arabischen Kämpfern ein, den Helden eines Krieges, den er selbst nie gesehen hat. Im Kreis der erfahrenen Mudschaheddin zimmert er an seiner eigenen Identität.

Als er 1993 nach Hause aufbricht, hat er seine Koffer voller Bücher und Tonbänder mit den Predigten des Dschihad-Ideologen Abdullah Azzam, des Mentors von Osama Bin Laden. Ahmad verinnerlicht die Parolen: Ablehnung der Moderne, Rückkehr zu den Wurzeln des Islam, Ausrufung des Kalifats. Ahmad hat nun ein klares Ziel. Er ist entschlossen, den Kampf im eigenen Land fortzusetzen.

Als Ahmad in Sarka eintrifft, erkennen ihn die alten Kollegen kaum mehr. Er nennt sich jetzt Abu Mussab. Der Name geht auf einen Kämpfer des Propheten Mohammed zurück, Mussab Bin Umeir, der in der Schlacht von Medina beide Hände verlor und als Schutzpatron der Selbstmordattentäter verehrt wird. Dazu schmückt er sich mit dem Beinamen al-Sarkawi (der Mann aus Sarka). Damit unterstreicht er den Status eines weltläufigen Mannes, der im Ausland seine Stadt repräsentiert.

Sarkawi zieht durch die Strassen, um das rechte Wort zu verkünden. Frauen mit zu larger Körperbedeckung weist er zurecht. «Es war nicht einfach mit ihm», sagt Schwager Saleh al-Hami. «Wenn man viel Zeit mit dem Dschihad verbringt, verhält es sich damit wie mit dem Sauerstoff. Es ist sehr schwierig, ohne ihn auszukommen.»

Bald knüpft Sarkawi Kontakte zu Afghanistanveteranen. Sie gründen die Terrorgruppe Beit al-Imam (Treue den Predigern), die von al-Qaida mitfinanziert wird. Ihr Ziel: die jordanische Regierung stürzen. Die aber ist wachsam, sie behält die Afghanistan-Veteranen genau im Auge. Ein knappes Jahr nach seiner Rückkehr wird Sarkawi verhaftet und wegen Waffenbesitzes zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Sarkawis neue Kampfzone misst nun ein paar Dutzend Quadratmeter: Zelle 6 im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Suwaka, mitten in der Wüste, siebzig Kilometer südlich von Amman. Hier trifft er einen alten Weggefährten aus Afghanistan, den Gelehrten Mohammed al-Makdisi, der ihn in den Regeln der Salafija unterrichtet. Diese Bewegung trägt Züge einer Sekte. «Für Salafisten ist der Gedanke der extremen Abgrenzung vorherrschend», sagt Nadine Picadou, Dozentin an der Universität von Paris. «Die gesamte ungläubige Umgebung wird mit einem Bann belegt, sozusagen exkommuniziert.»

Eines Tages ertappt Sarkawi einen Mitgefangenen bei der Lektüre von «Schuld und Sühne». «Warum liest du das Buch eines Gottlosen?», herrscht er ihn an. Wenig später erhält der Mann einen Drohbrief. In schlechtem Arabisch und mit der Schrift eines Kindes erteilt ihm Sarkawi Order, diesen «Doseefski» nie mehr zu lesen.

Sarkawi steigt zum Emir auf, zum Chef der rund vierzig Mitgefangenen. Er kommandiert sie wie eine Kompanie. Wenn die Wärter aufkreuzen, erteilt er ihnen mit Blinzeln Befehle. Alle Kontakte zur Gefängnisleitung laufen über ihn. Er stellt sich vor seine Schützlinge. Kommt ein Häftling aus dem Folterraum, badet und pflegt er ihn.

Mitgefangene sehen auch Sarkawis verborgene Seiten. Manchmal verkriecht er sich in seinem Bett, das er mit Decken in ein Zelt umgewandelt hat. Manchmal hört man ihn weinen, dann wieder klemmt er sich stundenlang über ein Blatt Papier und malt mit kindlichem Fleiss Muster, Rosen, Herzchen. Die meisten Arbeiten sind nicht für seine Frau bestimmt – er hatte sie in seiner Rumtreiberzeit geheiratet –, sondern für seine Mutter Umm Sayel. In einem Brief erzählt er ihr das Kindermärchen vom zerbrochenen Herzen. Es handelt von einem Jungen, der gezwungen wird, das Herz seiner Mutter zu verkaufen. Auf dem Weg zum Käufer stolpert der Junge, das Herz zerbricht. Das Herz fragt: «Hast du dir wehgetan, mein Junge?» Als dem Jungen gewahr wird, dass die Mutter sich noch immer um ihn sorgt, obwohl er sie getötet hat, entschliesst er sich, sich selbst zu richten. Doch als er das Messer zückt, ruft die Mutter: «Leg deine Hand in den Schoss. Du hast mein Herz einmal zerbrochen, töte es nicht ein zweites Mal.»

Meist unterschreibt er die Briefe mit al-Gharib – der Fremde. «Seine Persönlichkeit veränderte sich vollkommen», sagt ein Mitgefangener. «Er hat dort viel nachgedacht und ist zum Schluss gekommen, dass der Islam starke Führungspersönlichkeiten braucht.» Nach einigen Jahren Haft bekennt sich Sarkawi zur manichäischen Vorstellung von der Existenz zweier Welten: die der gläubigen Muslime salafistischer Ausrichtung und die der Kufar, der Ungläubigen, denen er auch jene Muslime zurechnet, die mit den Feinden Israel und USA gemeinsame Sache machen. «Kein Kufar», so Sarkawi zu einem Mitgefangenen, «verdient es zu leben.»

Zeugnis auf Pergamentpapier

1999 stirbt König Hussein. Sein Sohn Abdullah erlässt als Geste der Versöhnung und des Neuanfangs eine Generalamnestie für die jordanischen Gefangenen. Sarkawi ist überrascht. Freiwillig verbringt er mit seinen Zellengenossen eine letzte Nacht im Gefängnis.

In Jordanien kann er nicht bleiben; hier wird er auf Schritt und Tritt überwacht. Also bricht er auf nach Afghanistan, wo die Taliban herrschen und Gottes Recht. Es ist der Beginn eines erstaunlichen Aufstiegs, der bis heute zu den grössten Rätseln in Sarkawis Werdegang gehört. Laut einem vertraulichen Papier der spanischen Terrorabwehreinheit UCIE gehört Sarkawi bereits wenige Monate nach seiner Ankunft in Afghanistan dem operativen Führungsstab von al-Qaida an. Genau ein Jahr nach seiner Haftentlassung wird Sarkawi Chef eines Militärcamps und verfügt über ein rasch wachsendes Netzwerk, das sich bis nach Europa erstreckt.

Wie kommt ein Mann, der fünf Jahre im Gefängnis sass, auf einmal zu so viel Macht?

Im Rahmen einjähriger Recherchen zu Sarkawi hat der jordanische Journalist Fuad Hussein mehrere Al-Qaida-Kader befragt. Unter ihnen Saif al-Adel, ehemaliger Oberst der ägyptischen Sondereinsatzkräfte und Militärchef Bin Ladens. Saif al-Adel, der offenbar unter «Hausarrest» im Iran steht, schickte sein Zeugnis über Sarkawi via Botensystem nach Jordanien. Das Dokument umfasst 42 Seiten dicht beschriebenes gelbes Pergamentpapier. Jede Seite weist Dutzende Faltspuren auf. Die Dokumente seien auf Zigarettengrösse zusammengefaltet und so nach Jordanien geschmuggelt worden, bestätigen Personen, die beim Empfang der Dokumente zugegen waren.

Was Saif al-Adel berichtet, ist aufschlussreich und brisant. So erzählt er, dass Abu Mussab al-Sarkawi im Führungszirkel von al-Qaida kein Unbekannter war. Osama Bin Laden habe sich Gedanken gemacht, wie die Zehntausende von Afghanistanveteranen, die nach der Niederlage der Sowjettruppen nach Hause gereist waren, für die Fortsetzung des Dschihad gewonnen werden könnten. «Einige wanderten einfach in der Welt umher», schreibt Saif al-Adel. Eine «Vergeudung», wie er meint.

Al-Qaida habe begonnen, Informationen über alle Pioniere des Dschihad zu sammeln. «Die jordanischen und palästinensischen Brüder standen an der ersten Stelle dieser Liste.» Denn die eigenen Informationen «besagten, dass es nicht viele Anhänger von al-Qaida oder ihres Gedankenguts in Palästina und Jordanien gab». Sarkawis «historische Plädoyers» vor Gericht, in denen er den jordanischen König beschimpfte, habe man mit Stolz zur Kenntnis genommen. «Wir haben uns deshalb sehr gefreut, als wir Anfang 1999 hörten, dass er freigelassen wurde.»

Kurz nach Sarkawis Ankunft in Kandahar Ende 1999 suchte Saif al-Adel ihn in einem Gästehaus auf. Sarkawis Schwächen stachen ihm sofort ins Auge. Er habe einen Mann vorgefunden, «der die Kunst des Redens nicht so gut beherrschte, kurz und knapp zum Ausdruck brachte, was ihm an Gedanken durch den Kopf schwebte». Saif al-Adel stellte weiter fest, dass Sarkawis Erfahrungen in der Arbeit (des Dschihad) «nicht umfangreich» waren. «Aber sein Ehrgeiz war gross, die Ziele klar.»

Mehr Kopfzerbrechen machten ihm die «rigoristischen Auffassungen» in manchen Fragen. Insbesondere ging es dabei um den Bayat, den von Osama Bin Laden verfassten Treueschwur auf al-Qaida. Sarkawi wollte keine Kompromisse eingehen. Dies zeigte sich in seiner Haltung gegenüber dem saudischen Regime. Er verweigerte Bin Laden die Unterstützung, solange dieser dem Haus Saud nicht den Krieg erklärte. Ausserdem erachtete er die Aktionsmethoden von al-Qaida als zu milde.

Bereits am folgenden Morgen brachte Saif al-Adel bei einer Unterredung mit Osama Bin Laden und dessen Stellvertreter Ayman al-Zawahiri den Fall Sarkawi vor. Das Führungsduo schien wenig begeistert. Es stellte sich ein Problem grundsätzlicher Art: Bin Laden und Zawahiri wollten in erster Linie «Kreuzfahrer und Juden» (vorab die USA) bekämpfen. Sarkawi hin- gegen hatte es vornehmlich auf die arabischen Regime und Israel abgesehen.

Nach zwei Stunden harter Debatte erteilte das Führungsduo Saif al-Adel die Erlaubnis, sich Sarkawis anzunehmen. Er schlug dem Jordanier vor, seine eigene Gruppe gründen. Ihr werde ein militärisches Ausbildungslager im afghanischen Herat, an der iranischen Grenze, zur Verfügung gestellt. Ausserdem wurden Geld und Waffen zugesichert. Für Sarkawi war die Offerte ein Erfolg. Nicht einmal ein Treueschwur wurde von ihm verlangt, lediglich «Koordination und Kooperation im Dienste unserer gemeinsamen Ziele», konkret: des Aufbaus von Al-Qaida-Zellen in Jordanien, Syrien, Libanon, Palästina und Irak.

Ganz geheuer war der Al-Qaida-Führung die Sache nicht. Der eigenwillige Jordanier mit seinen Autonomieansprüchen sorgte für Unruhe in der Hierarchie. Bei einigen Würdenträgern stand er im Verdacht, während seiner fünfjährigen Haft vom jordanischen Geheimdienst umgebogen worden zu sein. Dies war wohl ein wichtiger Grund, warum Sarkawis Camp von der Al-Qaida-Zentrale in Kandahar weit entfernt sein sollte, wie Adel mehrmals betont.

Anfang 2000 zieht Sarkawi in Herat ein. «Es war ein einfaches Lager», sagt Iyad al-Toubassi, ein junger Mann aus Sarkawis Heimatstadt, der dem Ruf des neuen Terrorführers nach Afghanistan folgte. «Abu Mussab achtete darauf, dass es nur das Nötigste gab.» Es herrscht eiserne Disziplin. Sarkawi verlangt von seinen Untergebenen, was er Bin Laden verweigert: bedingungslosen Gehorsam und ewige Treue. Auf einer Fahne im Camp steht «Al-Tawhid wal-Dschihad» (Einheit und heiliger Krieg), der Name von Sarkawis späterer Organisation im Irak.

Saif al-Adel frohlockte über die «grossartigen Fortschritte». Und er stellte auch bei Sarkawi selbst einen bemerkenswerten Wandel fest: «Anfang 2001 war Abu Mussab ein anderer Mensch geworden.» Gesprächig, interessiert an hoher Politik, sogar einen Sinn für Public Relations habe er entwickelt. Sein Auftreten sei nun «viel überzeugender» gewesen. Er habe begonnen, über die Zukunft nachzudenken und sie strategisch zu planen – «alles Indikatoren für die Entstehung einer herausragenden Führungspersönlichkeit».

Noch wusste erst ein kleiner Kreis um die Fähigkeiten des aufstrebenden Terrorfürsten. Doch dies sollte sich bald ändern.

Am 5. Februar 2003 hält die Welt den Atem an. Vor der Uno in New York konstruiert US-Aussenminister Colin Powell den Casus Belli gegen Saddam Hussein. Karten von Giftwagen, Waffenlagern, Raketen werden präsentiert. Nach sechzig Minuten «harter Fakten» hört die Welt zum ersten Mal einen Namen, der fortan nicht mehr aus den Schlagzeilen kommt. «Der Irak gewährt derzeit einem mörderischen Terrornetz Unterschlupf», sagt Powell, «das von Abu Mussab al-Sarkawi, dem Gefährten und Mitstreiter Osama Bin Ladens, angeführt wird.» Die Botschaft ist klar: Bin Laden und Saddam stecken unter einer Decke, und dazwischen liegt ein Mann namens Sarkawi.

Colin Powell sollte diesen Auftritt später als «Schandfleck» in seiner Karriere bezeichnen. Ihm seien «keine Belege» für einen Zusammenhang zwischen Saddam Hussein und Osama Bin Laden bekannt geworden, sagte Powell reumütig. Tatsache ist, dass Sarkawi ein knappes Jahr vor Powells Rede, am 4. April 2002, in den Irak reiste. Wer schickte ihn dorthin?

Nach dem amerikanischen Angriff auf Afghanistan setzten sich viele Islamisten in den Iran ab, unter ihnen auch Sarkawis Gruppe. Saif al-Adel war nach eigenen Worten verantwortlich für die sichere Unterbringung der Al-Qaida-Flüchtlinge. Gemeinsam habe man die Lage der Gruppen und Brüder untersucht, «um neue Einsatzorte für sie zu finden». Sarkawi, der nicht in die Vorbereitung der Terroranschläge vom 11. September eingeweiht worden war, ergriff die Initiative. «Bruder Abu Mussab und seine jordanischen und palästinensischen Gefährten beschlossen, in den Irak zu gehen.»

Was wollte Sarkawi im Irak, wo Saddams Geheimdienste kein Pardon mit Islamisten kannten? «Die Wahl (Irak) war nicht zufällig, sondern wohlüberlegt», erklärt Saif al-Adel. Sarkawis Analyse habe ergeben, «dass die Amerikaner mit Sicherheit den Fehler begehen werden, früher oder später in den Irak einzumarschieren». Der Al-Qaida-Führung sei klar gewesen, dass sie beim Widerstand eine wichtige Rolle spielen würde. «Das war unsere historische Chance, den Staat des Islam zu errichten.»

Der Irak war das Ziel, der Weg führte durch den Iran. Offenbar war der Mullah-Staat zugleich Rückzugsraum und Sprungbrett für die nächste Phase des Dschihad. Das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) attestiert dem Iran, dass er Sarkawi «logistische Unterstützung von staatlicher Seite» zukommen liess. Was sich im Irak als Fehleinschätzung erwies, scheint auf den Iran zuzutreffen: Die Regierung kooperierte mit al-Qaida.

In einer 125 Seiten unfassenden Studie vom 6. September 2004 beschreibt das BKA, wie sich Sarkawi Anfang 2002 mit Wissen des Mullah-Regimes in Zahedan, Isfahan und in Teheran neue Lager und sichere Häuser einrichtet. Iran wird somit zur Drehscheibe des schnell wachsenden Netzwerks Sarkawis, das sich vom Nordkaukasus über Syrien, die Türkei bis nach Europa erstreckt. Gefälschte Pässe, Geld und neue Instruktionen werden hier in alle Richtungen verscho- ben. Der Nachrichtenfluss verläuft über Boten und Telefone, zum Beispiel über ein Schweizer Satellitentelefon mit der Swisscom-Nummer 0041793686306.

Saif al-Adel bestätigt die kulante Haltung Irans: «Die Amerikaner merkten, dass die Iraner vor unseren Aktivitäten dort die Augen verschlossen. Sie starteten eine grossangelegte Propagandakampagne gegen den Iran.» Dadurch habe sich Teheran gezwungen gesehen, Al-Qaida-Männer zu verhaften und abzuschieben.

Als im März 2003 die ersten Marschflugkörper Kurs auf Bagdad nehmen, ist Sarkawi im Irak schon gut organisiert. Doch er hatte sich seit seiner Flucht aus Afghanistan nicht ausschliesslich auf den Angriff der Amerikaner vorbereitet: Im Sommer 2002 übergibt Sarkawi einem seiner Offiziere eigenhändig eine 7-mm-Pistole, einen Schalldämpfer und sieben Magazine. Kurz darauf wird mit dieser Waffe der amerikanische Diplomat Laurence Foley in Amman ermordet.

Das Attentat ist ein Meilenstein in Sarkawis Karriere. Er hat bewiesen, dass er in der Lage ist, vom Ausland aus gezielt eine Operation zu koordinieren. Für diese Tat wird Sarkawi am 6. April 2004 in seiner Heimat Jordanien «zum Tod durch den Strang» verurteilt. Ein Verdikt, das er mit einer Geste quittiert, die einem das Blut gefrieren lässt: Vor laufender Kamera schneidet er einem gefesselten Amerikaner, Nicholas Berg, den Kopf ab, hebt ihn hoch und preist Gott im Himmel.

Es ist das Fanal zur bisher grausamsten Phase des Irakkrieges. Washington setzt 25 Millionen Dollar aus auf den Kopf von Abu Mussab al-Sarkawi. Damit tritt er endgültig aus dem Schatten Bin Ladens. Und droht ihm gleich den Rang abzulaufen. Die Videoaufnahme von der Enthauptung Bergs wird in der arabischen Welt tausendfach kopiert und per E-Mail weitergeschickt. Während Bin Laden irgendwo im fernen Hindukusch sitzt, profiliert sich Sarkawi als Mann der Tat. Er ist jetzt, im Mai 2004, der Drahtzieher des Terror-Netzwerks im Irak. Und schon bald wird er den Amerikanern Grund geben, ihn als den gefährlichsten Mann der Welt zu fürchten.

Die Dokumente
Das Zeugnis des Saif al-Adel (Mohammad Makkawi) in deutscher Übersetzung

Hier ein Ausriss aus dem Originaldokument zum Herunterladen (PDF 161 kb)

Zur Person: Saif al-Adel

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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 40/05
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