Kaufzwang

Der grosse Lord

Allein die Aussicht auf einen Termin bei Ralf Dahrendorf ist jede Reise wert. Mann, diese Aussicht!

Von Hanspeter Born

Kollege Mark van Huisseling, den wir alle beneiden, weil er beruflich Schöne, Reiche und Prominente zuerst treffen und dann ungestraft in die Pfanne hauen darf, informiert mich per E-Mail, dass er einen Stellvertreter sucht, «da ich die eine Woche in den Ferien sein werde. Du könntest einen Text schreiben über jemand Berühmtes, den du mal getroffen hast oder auch nicht getroffen hast.» Noch weniger als andere Sterbliche kann ich der Versuchung des Namedroppings widerstehen. Da war dieser Empfang im Präsidentenpalast in Manila, als ich ein Glas Orangensaft umstiess und Imelda Marcos – die mit den vielen Schuhen – höchstpersönlich herbeieilte und den Juice aufwischte.

Nun verabscheut es freilich meine Frau, wenn ich mit den Namen von Berühmtheiten, die ich vielleicht vor Jahren gestreift habe, aufschneide. Sie selber hat einmal auf einem Flug dem Papst eine Frage stellen dürfen und auch schon mit König Juan Carlos von Spanien geplaudert. Wenn ich diese Begebenheiten, was ich gerne tue, so ganz nebenbei in Gesellschaft erwähne, kriege ich einen Blick, der mich unverzüglich das Thema wechseln lässt. Da mir am häuslichen Frieden etwas liegt, muss ich wohl darauf verzichten zu erzählen, wie das genau war, als ich nach Feierabend mit Gerhard Schröder beim Weisswein über Wahltaktik parlierte. (Ja, es war Weisser. Nein, es waren nicht die letzten Wahlen, und er war noch nicht Kanzler.) Halt! Mark sagt, dass ich auch über jemand schreiben darf, den ich nicht getroffen habe. Dagegen wird meine Frau nichts haben.

Vergangenen Sommer beschloss die Redaktion, zur Zukunft Europas einen Vordenker zu befragen, einen gescheiten Soziologieprofesser, Träger von mindestens elf Ehrendoktorwürden in sieben Ländern und überdies ehemaliger EU-Kommissar. Zudem spielte der ins Auge gefasste Gesprächspartner früher in der deutschen Politik eine Rolle, zog dann nach England, wo er die London School of Economics leitete und wo ihn die Queen in den Adelsstand erhob: Professor Ralf Dahrendorf oder Lord Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster. Seine eminente Bedeutung lässt sich aus seinem Eintrag im «Who’s who» ablesen, der mit 59 Zeilen mehr als doppelt so lang ist wie der seiner Mitparlamentarierin im House of Lords, Lady Thatcher.

Kollege Richard Herzinger, der mit mir zusammen das Interview führen sollte, handelte mit Dahrendorfs Sekretärin am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung einen provisorischen Termin aus: 30. Juni, 17 Uhr, im Büro des Lords, Reichpietschufer 50. Herzinger warnte mich, dass der Lord, der unerreichbar in den Ferien weile, allerdings noch grünes Licht geben müsse. Eine Formalität. Am Tage vor dem vereinbarten Termin rief die Sekretärin Herzinger an und bat ihn, zuhanden des aus den Ferien zurückgekehrten Lords das genaue Thema des geplanten Interviews zu umreissen. Der Professor werde dann am nächsten Tag um 11 Uhr zurückrufen. Ich buchte meinen Flug nach Berlin. Als ich um 11 Uhr 30 noch keinen Bescheid hatte, bestieg ich, um den Termin nicht zu verpassen, das Flugzeug. In Berlin informierte mich ein niedergeschlagener Herzinger, dass Dahrendorf während eines einstündigen Telefongesprächs sämtliche Argumente, Beschwörungen und Schmeicheleien an sich hatte abprallen lassen. Das Interview sei abgesagt.

Ich, nicht auf den Kopf gefallen, schlug vor, dass ich tun werde, als wisse ich von der Absage nichts. Ich meldete mich also beim Pförtner am Reichpietschufer 50 und nannte den Zweck meines Besuchs. «Gehen Sie die Treppe hinauf, drittes Büro links.» Ich klopfte an die schwere Holztür mit dem Schild «Lord Ralf Dahrendorf». Keine Antwort. Ich klopfte nochmals. Nichts. Ist er abgehauen? Beim Hinausgehen sah ich hinter einer Glastür eine Telefonistin und erkundigte mich nach dem Lord. «Oh, er ist im dritten Stock, in der Direktion. Soll ich Sie verbinden?» Sie griff zum Hörer und meldete: «Herr Born von der Weltwoche.» Stille. «Ja, er ist hier bei mir.» Stille. «Ich gebe ihn Ihnen.» – «Lord Dahrendorf? Born, ich bin hier zum Interview.» – «Es gibt kein Interview, ich habe dies doch Ihrem Kollegen Herz... – wie heisst er? – schon deutlich gesagt.» – «Aber bitte, Herr Professor, Ihre Sekretärin hat uns doch einen Termin gegeben, und ich bin jetzt eigens aus Zürich hergeflogen...» – «Reden Sie mit meiner Sekretärin.» Ich redete mit ihr und verlor dabei meine – wie die Deutschen sagen – Contenance. Nichts zu machen.

Ich schaute hilflos zur Telefonistin, die aufmerksam zugehört hatte. Sie tröstete mich: «Er ist ein komischer Herr.»

Lord Dahrendorfs Lieblingsrestaurant entfällt deshalb auch.

Mark van Huisseling ist in den Ferien.

Am 8. Oktober zeigt er aber trotzdem die «Mark van Huisseling Show», an der er Texte live liest und Gaststars interviewt. Theater Neues Tabourettli, Spalenberg 12, Basel (7. Oktober ausverkauft).

Vorverkauf: www.fauteuil.ch

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