Kaufzwang

Die Vinaigrette

Als Weltstar ist Boris Becker Weltklasse. Und als Interviewpartner? Na ja – auf alle Fälle braucht er keine Balljungen.

Von Mark van Huisseling

«Wie sieht Ihr Tag in Zürich aus?» – «Kommt drauf an, was ich mache, woher ich komme, jetzt kam ich aus Estoril, Portugal, und davor war ich in Hamburg, also so ’n kleiner Marathon und, äh, da brauch ich dann so ’ne Zeit, wo ich mal ’n paar Stunden auf der Terrasse sitze und auf ’n See schaue. Und heute haben wir noch ’n Termin abends, und zwar... wie heisst der Koch?» – «Jacky Donatz, am Sonnenberg», sagt die Frau, die dasitzt und so etwas wie ein Notizbuch ist, in dem Namen, Orte, Verabredungen stehen, für die ein Star keinen geistigen Fassungsraum hergeben mag. «Wie muss man sich das vorstellen? Sie sind circa 250 Tage im Jahr unterwegs, kommen nach Hause, und dann ist der Kühlschrank leer, die Wohnung staubig, auf der Terrasse Tumbleweed...» – «Ne, ne, ne, ne, ne. Ich bin organisiert.» – «Ihre Wohnung ist serviced, so hotelzimmermässig also, aber fühlt man sich da zu Hause?» – «Absolut, ja. Das ist wichtig.» – «Wo ist für jemand wie Sie zu Hause?» – «Natürlich dort, wo meine Familie ist. Die ist ja zum Glück verstreut, das passt auf meinen Reisen immer ganz gut, sag ich. Und dann bin ich auch richtig gerne hier.»

Ich liess in der «Seerose» (nicht mein Vorschlag) einen Tisch reservieren für zwei, ruhig bitte. «Klar», sagte eine Frau am Telefon. Der Tisch war dann in der Mitte, wo es am lautesten ist. (Ich mein, ich hab eigentlich kein Problem mit Namedropping, aber «einen Tisch in einer Ecke, ruhig, ich bin mit Boris Becker verabredet» – wie klebrig ist das?) Ich fand den Chef de Service: «Geben Sie mir den Tisch dort drüben, ich bin mit Boris Becker verabredet.» – «Ja oder den vielleicht?» Er führte mich zu einem ruhigen Tisch für sechs Personen am Fenster.

Die Verabredung war um 12 Uhr. (Ist das eine deutsche Sitte? Ich geh sonst erst um eins zu Tisch.) Um 12.10 trat er ein mit zwei Männern (niemand fühlt sich einsamer als ein König ohne Hofstaat, stand in der Bunten), die aber draussen warteten, als man ihm sagte, ich sei schon da. (Nur Sting war allein an der Bar im «Dolder», bevor ich ihn befragte.) Er will einen gemischten Salat mit Spargel und der besonderen Vinaigrette, «Sie haben eine besondere Vinaigraitte». (Die Serviererin wusste es nicht, so sah es aus.) «Und danach irgend ’ne Suppe.» (Jemand, der ein Star ist, gibt keine Lebenszeit her für das Lesen einer Speisekarte.) Er hat ein blaues Jackett mit Nadelstreifen an, ein weisses Hemd und Jeans; seine gefärbten Blondhaare sind rausgewachsen, Schläfen und Backenbärte sind wieder rot.

«Hat man Freunde als Star?» – «Genauso viele wie Sie und ich irgendwie auch, das ist unabhängig, wie bekannt man ist.» – «Aber wenn man Erfolg hat, gibt’s doch Tausende, die sich als Freunde verkaufen, aber eigentlich nur was wollen?» – «Also das gibt’s teilweise immer noch bei mir. Aber mittlerweile hab ich ganz gute Menschenkenntnis, wo ich da relativ früh den Riegel vorschieb.» Journalisten gegenüber hat er Argwohn und Mangel an Vertrauen. (Ich hab ihn schon mal getroffen, nebenbei, vergangenes Jahr, aber er ruft es sich nicht ins Gedächtnis zurück. Meinen Text las er nicht, vermutlich, weil er nicht über sich lese, sagte er.) Obwohl er Mangel an Vertrauen hat, überlegt er nicht, worauf ich ziele mit meinen Fragen, sondern nimmt sie eins zu eins und gibt Antworten mit viel Überzeugung vom eigenen Wert und Können.

«Für Max liessen Sie sich fotografieren mit Schminke im Gesicht und Federboa, für Why not! im Raumanzug, es scheint, Ihnen sei fast langweilig.» – «Weiss Gott nicht, erst mal macht das Spass, mich verkleiden zu können. Nehme auch mich ganz gern auf den Arm und schock dadurch mein Umfeld.» – «Im Blick, das ist eine Schweizer Zeitung, stand, Sie seien mit Ihrem speziellen Leben im Reinen.» – «Das kann ich so stehen lassen.» – «Haben Sie ein spezielles Leben?» – «Jedes Leben ist speziell und meins auch.» – «Was halten Sie von Treue?» – «Das halt ich für einen wichtigen Wert, loyal sein. Treue – das wird zu oft gebraucht in einer eheähnlichen Beziehung. ‹Bist du treu? Gehst du nicht fremd?› Das ist natürlich auch wichtig, aber ich finde, äh, man sollte loyal sein.»

«Kennen Sie Stefan Angehrn?» – «Ist das erste Mal, dass ich den Namen höre.» – «Ein Schweizer, war Boxer, hat jetzt Schulden und eine Website, über die er Berühmtheiten für Events als Gäste anbietet. Sie auch – bis Ihre Anwälte gegen ihn vorgingen. Haben Sie das nötig?» – «Es ist ’ne Tatsache, dass ich ein relativ bekannter Mensch bin, und es gibt viele, die mich ungefragt benutzen. Damit hab ich einfach erst mal ’n Problem. Das gehört sich nicht. So.»

Boris Beckers Lieblingsrestaurants:
Emilio, Zweierstrasse 9, Zürich, Telefon 044 241 83 21
Sala of Tokyo, Limmatstrasse 29, Zürich, Telefon 044 271 52 90

Die «Mark van Huisseling Show»:
Am 8. Oktober liest er Texte und interviewt Gaststars im Theater Neues
Tabourettli, Spalenberg 12, Basel (7. Oktober ausverkauft).
Vorverkauf: www.fauteuil.ch

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