Zu Fuss (6 Stunden, 30 Minuten)

Schöner glotzen

Von Thomas Widmer

Im gutgelaunten Prospekt der Jungfraubahnen heisst es: «Auf der Kleinen Scheidegg reichen sich Alphirten, Eigernordwandbesteiger und Besucher aus aller Welt die Hände.» Ich würde, nachdem ich den Ort gesehen habe, eher formulieren: Es herrscht dort ein gottserdenerbärmlicher Rummel.

Und doch nähme ich die Massen, die die spektakuläre Gegend am Fusse des Eigers anzieht, jederzeit wieder in Kauf. Eben der spektakulären Gegend wegen. Ausserdem begann meine Wanderung (die eigentlich zwei Wanderungen koppelt) in Stille. Vom Dorf Grindelwald lief ich frühmorgens hinüber zur Gletscherschlucht. Die eigentliche Schlucht, lang, schmal, kalt auch im Sommer, für deren Begehung auf Stegen man Eintritt zahlt, war noch abgesperrt. Das Restaurant hinter mir lassend, betrat ich den steinigen Steilwald Richtung Bonera und hatte nach strengem Aufstieg mein ganz privates Erlebnis mit dem Unteren Grindelwaldgletscher. Ich erreichte einen Punkt, wo man auf eigenartig glatt geschliffenen Felsbuckeln rasten kann und, in menschenlose Urzeiten zurückversetzt, dem grossen Eis entgegenstarrt; es war einer meiner schönsten Wandermomente überhaupt.

Kein Mensch begegnete mir auch in den nächsten zwei Stunden, während ich 600 Meter über Grindelwald auf einem schönen Panoramaweg Richtung Westen hielt. Erst bei der Wegkreuzung oberhalb der Bahnstation Alpiglen änderte sich dies: Hier beginnt der «Eigertrail», der in seiner Mischung aus Gefahrlosigkeit und intimer Nähe zur berühmten Eigernordwand naturgemäss viel Volk lockt. Manche Leute spähten mit Ferngläsern in den Fels über ihren Köpfen; was sie sahen, darüber rätselte ich, während ich Geröllhalde um Geröllhalde querte und dabei Höhe gewann. Am Ziel auf 2320 Metern genoss ich dann noch einmal Eis vom Feinsten: Von der Terrasse des Restaurants «Eigergletscher» gaffte ich eine gute Stunde lang auf die im oberen Teil gleissend helle Eigergletscherfläche und war so etwas wie glücklich.

Bei der Abfahrt mit der Jungfraubahn, die ich vor dem Restaurant bestieg, war mir sogar die Kleine Scheidegg erträglich. Völkerverbindende Handshakes, wie sie der Prospekt schildert, konnte ich aber nicht beobachten.

Höhendifferenz: zirka 1400 Meter aufwärts
Easyprogramm: Besichtigung der Gletscherschlucht Grindelwald.
Gemütliche Gehzeit hin und zurück ab Dorf 75 Minuten, Besichtigung eine Stunde
Karte: Wanderkarte als PDF

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben