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Krankes Gewerbe

Mit «Kapitalisten sind Schweine» holt man keinen Punker mehr von der Strasse. Wie die Dokumentation «The Corporation» aber den Cold-Economy-Slogan belegt, das ist krasses Kino. Und zum Glück käuflich.

Von Wolfram Knorr

«Wenn ein Konzern nicht das tut, was von ihm erwartet wird», sagt ein Wettbewerbsforscher, «dann bestraft ihn der Markt, und das will keiner.» Folglich jagt jede Firma der Rendite, dem Erfolg, der Macht hinterher; für Moral bleibt da kein Platz. Royal Dutch Shell unterstützte totalitäre Regime und zerstörte das Niger-Delta. Aber als Umweltaktivisten mit einem «Mörder»-Transparent vor dem Haus des ehemaligen Shell-Chefs, Sir Mark Moody-Stuart, erschienen, verhielt er sich alles andere als ablehnend, sondern lud die Gegner in seinen Garten zu Tee und Häppchen und diskutierte stundenlang und voller Verständnis mit ihnen.

Lucy Hughes, Managerin des weltgrössten Werbevermarkters Initiative, ergründete mit einer spektakulären «Quengel-Studie», wie man Kinder durch gezielte Werbung dazu bringt, ihre Eltern so lange zu nerven, bis ihnen das gewünschte Spielzeug oder Süssigkeiten gekauft werden. Eine verwerfliche Manipulation erkennt sie nicht darin, im Gegenteil. Sie ist «stolz auf ihren Job». Das unübertroffene Informationssystem Vernunft dient nicht menschlichen Werten oder gar der Umwelt, sondern nur als Kompass für Wettbewerbsvorteile.

Die Firma angesehen

«The Corporation», ein furioser Dok-Film, nimmt die entscheidende Organisationsform des Kapitalismus, die Firma, aufs Korn und ergründet mit Witz und analytischer Verve, was sie zur wichtigsten Institution unserer Zeit gemacht hat und wie sie Kirche und Polit-Parteien auf Nebenschauplätze verdrängte. Die Antwort scheint simpel: Mit dem Niedergang der Ideologien wurde sie zur «Kirche» der Gesellschaft. Die Kanadier Mark Achbar und Jennifer Abbott (Regie) sowie Joel Bakan (Drehbuch) kommen in ihrer Fundamentalkritik zu dem Befund: Konzerne verhalten sich wie klinische Psychopathen. Sie verletzen ethische und rechtliche Normen und kennen weder Schuld noch Reue. Zwar sind Firmen «juristische Personen», aber gleiche Rechte wie natürliche Personen haben sie nicht, folglich auch keine staatsbürgerlichen Pflichten. Und weil sie nur auf den Erfolg programmiert sind, entwickeln sie dabei zerstörerische Kräfte.

Überraschend ist die These nicht, aber beklemmend sind die Belege. Über sechs Jahre recherchierte das Team und interviewte mehr als siebzig Manager und Akademiker – und keineswegs nur die ewig verdächtigen Kapitalismuskritiker. Alle wurden über die Zielrichtung des Projekts informiert und durften auch ihre Aussagen wiederholen, falls sie mit ihren ersten Statements nicht zufrieden waren. Die Folge ist eine aufregende Darstellung über Konzernleiter, die zwar Einsicht zeigen, aber von ihren Aktionären getrieben werden. Milton Friedman formuliert es so: «Seit wann dürfen Konzerne bestimmen, was ‹soziale Verantwortung› heisst? Das ist weder ihr Wissensgebiet, noch verlangen es ihre Aktionäre von ihnen. Das gehört nicht zu ihren Aufgaben und ist undemokratisch.» Was beweist, wie «selbstreferenziell» sie reagieren.

In mehreren Kapiteln («Pathologie des Kommerzes») werden im ersten Teil Geschichte, Entwicklung und Verhalten der Konzerne aufgelistet und untersucht, um in der zweiten Hälfte mit Fallstudien ihren pathologischen Charakter zu belegen. Etwa mit dem US-Konzern Bechtel, der in der bolivianischen Stadt Cochabamba die Rechte an jedem Regentropfen besitzt und sie mit Polizeigewalt durchsetzen lässt. Nicht weniger aufschlussreich ist die Geschichte der Reporter Jane Akre und Steve Wilson, die beim Nachrichtensender Fox gefeuert wurden, weil sie über einen Lebensmittelskandal der Firma Monsanto berichten wollten, einst der Hersteller von Agent Orange. Zu den historischen Belegen gehört Präsident Franklin D. Roosevelts Front gegen das «Big Business», um sein Sozialprogramm durchzusetzen. Vertreter des Grosskapitals versuchten daraufhin, den Präsidenten wegzuputschen.

Mehr als Moore

Gesättigt von zahllosen Fällen dieser Art, entsteht ein rasantes Kompendium über ein Unternehmertum, das längst die politischen Geschicke der Gesellschaft bestimmt. Im Gegensatz zu Michael Moore («Bowling for Columbine»), der als Doku-Star natürlich auch zu Wort kommen muss, bleiben Achbar und Abbott dabei angenehm rational und trotzdem unterhaltsam.

Mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, setzt «The Corporation» den erstaunlichen Trend kommerziell erfolgreicher Dokumentarfilme fort, deren erzählerischer Furor sich aus einem effektvollen Mix aus TV-Bildern, Archivaufnahmen, Spielfilmausschnitten und Interviews zusammensetzt. Der Film, der auch hier in den Kinos läuft, hat nur einen Nachteil: Die rasante Auflistung von Fakten und Fällen in videoclipartigen Sequenzen, Kommentaren und Statements strapaziert dann doch die Aufnahmefähigkeit.

Gut, dass der Rundumschlag auf DVD erhältlich ist. Damit verflüchtigt sich nicht, was (zum Beispiel) Ray Anderson, Chef von Interface, dem grössten Teppichproduzenten dieser Erde, seinen Unternehmerkollegen zu sagen hat: «Es gibt keinen einzigen Industriekonzern oder irgendein anderes Unternehmen auf der Welt, weder meines noch Ihres noch sonst eines, das umweltverträglich produziert. Ich allein klage mich an, niemand sonst, ein Plünderer unserer Erde zu sein.»

The Corporation
Regie: Mark Achbar/Jennifer Abbott. Kanada, 2003. DVD.
Englisch mit deutschen Untertiteln.
Erhältlich über www.zweitausendeins.de

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