Kommentar

George W. Buh

Nicht einmal Journalisten, die jedes seiner Worte in Marmor meisselten, stehen noch hinter ihm: Der amerikanische Präsident hat die Würde seines Amtes verspielt.

Von Beatrice Schlag

Nicht nur Europa und die Emirate schicken Geld und Hilfsgüter nach New Orleans. Auch Staaten wie Afghanistan und Bangladesch sagten den amerikanischen Hurrikan-Opfern finanzielle Unterstützung zu. Die Armenhäuser der Welt liessen sich nicht lumpen, als die Supermacht ihre farbige Unterschicht tagelang im Hochwasser treiben und auf Dächern hungern liess und dann um internationale Hilfe bat.

Afghanistan spendet für die USA: Es klang wie beissender Hohn und war möglicherweise auch so gemeint. Amerika-Feindlichkeit ist ein global verbreiteter Reflex, der auf einigen verständlichen politischen Gründen, häufiger allerdings auf gedankenarmen Gefühlswallungen beruht. Nichts ist im Moment einfacher, als auf die USA einzudreschen. Zu kolossal war das Versagen der Regierung Bush in New Orleans. Aber anders als seit Beginn des Irakkriegs war die Empörung über den Präsidenten, der sich nach «Katrina» tagelang nicht rührte, im Rest der Welt nicht halb so bebend wie der Zorn im eigenen Land. «United States of Shame» stand am vergangenen Sonntag auf der ersten Seite des Sonntagsblicks. Der Titel stammte wie die übersetzte Kolumne von Maureen Dowd, aus der New York Times vom Vortag. «Als der Präsident und sein Vize unsere Alliierten und den Respekt vor internationalem Recht abschüttelten, um einen auf Lügen gebauten Krieg anzuzetteln», schrieb die prominenteste Kolumnistin der USA, «erschütterte er den Glauben der Welt an amerikanische Ideale. Als sie so lange taub waren für die Hilfeschreie der Opfer in New Orleans, erschütterten sie den Glauben aller Amerikaner in amerikanische Ideale. Und machten uns beschämt.»

Chronik des Versagens

Maureen Dowd, gewöhnlich die scharfzüngigste unter Bushs Medienkritikern, war nach der Hurrikan-Katastrophe bei weitem nicht so hart wie ihre Kollegen im Fernsehen. Eine Woche lang berichteten CNN, Fox, CNBC und MSNBC fast ausschliesslich über den Hurrikan und seine Folgen. Und was als Chronik einer Naturkatastrophe begann, wurde immer mehr zu einer Chronik staatlichen Versagens. Das letzte Mal, als man amerikanische TV-Reporter mit so viel Leidenschaft hatte arbeiten sehen, standen sie, bewacht von amerikanischen Truppen, im Irak und berichteten so einseitig, wie man es zwangsläufig tut, wenn diese eine Seite gleichzeitig die einzige Garantie für das eigene Überleben ist.

In Louisiana war niemand eingebettet. Die Reporter waren gekommen, um über einen lange vorher angekündigten Hurrikan zu berichten. Da auch nach Tagen niemand ausser ihnen und den Opfern da war, halfen etliche von ihnen mit, Überlebende zu bergen. Die erfahrene CNN-Reporterin Jeanne Meserve begann während einer Direktübertragung zu weinen, als sie berichtete, «wie man im Dunkeln steht und die Leute um Hilfe schreien hört, und niemand kann zu ihnen durchkommen». Mit der Fassungslosigkeit änderten sich die Töne. Bis vor kurzem wagten auch kritische US-Journalisten kaum, ihrem Präsidenten unangenehme Fragen zum Irak zu stellen. In New Orleans wurden die Fragen harsch, selbst bei den sonst aggressiv Bush-ergebenen Fox News. «Die Gutbetuchten, die Macher, haben die Stadt vor oder kurz nach dem Hurrikan verlassen», sagte Fox-Reporter Shepard Smith. Wer blieb, war ohne Worte klar. Als Donald Rumsfeld erstmals im Katastrophengebiet auftauchte, räumte Fox dem Verteidigungsminister gerade noch eine Hälfte des Bildschirms ein. Kleines, untrügliches Zeichen eines beachtlichen Haltungswechsels.

Warum die Regierung Bush so lange geschlafen hat, wird eingehend untersucht und erörtert. Ob der Graben zwischen Reich und Arm, Schwarz und Weiss, den «Katrina» vor der ganzen Welt freigelegt hat, zu sozialen Unruhen führt oder so hastig wieder zugekleistert wird wie nach den Rassenunruhen in Los Angeles vor 13 Jahren, wird sich zeigen. Der Rassismus, der in den ersten Tagen nach dem Hurrikan so offenkundig wurde, hat den Rest der Welt weit mehr überrascht als die USA. In Manhattan weiss jeder Schwarze, dass er nach einem Taxi Richtung Bronx gar nicht erst zu winken braucht. Und dass der freie Sitz in der U-Bahn neben ihm nicht von einem Weissen belegt wird.

Trotzdem ist die Stimmung umgeschlagen. Zuerst, aber nicht nur bei den Medien, deren kritische Aufmerksamkeit nach zweieinhalb Jahren weitgehend untertäniger Irak-Berichterstattung nun plötzlich explodiert. Die eisige Missachtung dieser Regierung für jene, die sie nicht als ihresgleichen erachtet, war nach dem 11.September mehrheitsfähig, weil das Land unter Schock stand. Und weil es nach amerikanischem Selbstverständnis ungehörig ist, in Ausnahmezeiten den Präsidenten anzuzweifeln. Das bedeutet nicht, dass die Mehrheit des Landes vier Jahre nach 9/11 wegzusehen bereit ist, wenn Hurrikan-Opfer im eigenen Land verhungern. Sie wollten helfen, mit Geld, Booten, Unterkünften. Dass das Weisse Haus ihre Hilfsbereitschaft vor den Augen der ganzen Welt ignorierte, wird George W. Bush in seinem Land die Achtung kosten, die ihm zumindest die Hälfte der Bevölkerung trotz wachsender Zweifel entgegenbrachte.

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