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07.09.2005, Ausgabe 36/05

Krisengebiet USA III

«Es droht ein Rassenkrieg»

Die sozialen Schranken sind in New Orleans weggebrochen, sagt Amerikas Grossliterat Gore Vidal.

Von Walter De Gregorio

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Mister Vidal, es dauerte eine Ewigkeit, bis die US-Regierung Hilfe nach New Orleans schickte. Eine Mehrheit der Obdachlosen sind Schwarze. Ist Rassismus der Grund für die zaghafte Hilfeleistung aus Washington?
Natürlich hat es mit Rassismus zu tun. Rassismus ist Teil unserer Geschichte, unsere Nation ist auf Rassismus aufgebaut. In den USA kann nur Präsident werden, wer die weissen Wähler davon überzeugt, dass er die Schwarzen ebenso hasst wie sie, aber so geschickt ist, dies nicht zu sagen. Zum Beispiel muss er über schwarze Sozialempfänger reden, über schwarze Mütter, die mit ihrem Sozialhilfegeld Flaschen von Cristal-Champagner kaufen.

Wie werden die Schwarzen auf die Katastrophe reagieren?
Die politische Konsequenz wird sein, dass bei den Kongresswahlen im nächsten Jahr eine Rekordzahl von schwarzen Abgeordneten gewählt werden wird. Die Republikaner werden praktisch alle Sitze im Kongress verlieren.

Das glauben Sie doch selber nicht.
Doch. Präsident George W. Bush hat politischen Selbstmord begangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das überleben wird. Das ist der einzige Lichtblick in der Katastrophe.

Seine Partei wird die Krise überstehen.
Seine Partei existiert nicht, das ist eine Gruppe reicher Leute, die sehr viel Geld ausgibt für Fernsehwerbung. Das ist ihre einzige Macht.

Wird es zu Rassenunruhen kommen?
Ja, ich denke schon. Die Rassenunruhen werden im Süden beginnen, im «homeland» der Republikaner, und darum werden diese Konflikte umso verheerender sein und das ganze Land erfassen. Es droht ein Rassenkrieg. In New Orleans sind die sozialen Schranken weggebrochen, die Fluten haben nicht nur Häuser und Menschen weggeschwemmt, sondern auch die Kulissen einer vermeintlich multikulturellen, toleranten Gesellschaft weggespült. Jetzt wird sichtbar, was sich hinter dieser wackligen Fassade versteckt: ein gespaltenes Land.

Sie äussern in Ihren Essays die Befürchtung, die USA steuerten auf einen «civil war», Bürgerkrieg, zu. Ist es nun so weit?
Das befürchte ich, ja. Wir haben in der Geschichte schon aus weniger triftigen Gründen «civil wars» begonnen. Trennung durch Klassen, Trennung durch Einkommen, Trennung durch Religion, Trennung durch Rassen – wir sind heute nichts als getrennt. Wir haben keine Einigung mehr, der Name Vereinigte Staaten von Amerika und die Werte, die sich mit diesem Namen verbinden, existieren nicht mehr. Ich habe auf CNN beobachtet, wie Bush mit den Leuten in New Orleans redete. Sie haben nicht auf ihn gehört, weil sie ihn nicht verstanden. Er stammelte. Sie hätten den Gesichtsausdruck der Leute sehen sollen. Ich glaube, die Amerikaner könnten sogar einen Diktator ertragen, aber ein stammelnder Diktator geht auf die Nerven.

Hat die verspätete Hilfe in New Orleans die Unzulänglichkeit föderalistischer Strukturen aufgezeigt, wie Republikaner behaupten?
Nein, das glaube ich nicht. Washington hat so lange gewartet, weil man sich dort einen Dreck darum schert, was im Süden des Landes passiert. Die USA sind mit dezentralisierter Macht bisher immer sehr gut gefahren. Die Autonomie der Bundesstaaten, die State-Rights, hat die Republikaner immer schon zum Weinen gebracht. Jetzt wollen Einzelne aus der Katastrophe Kapital schlagen und Washington noch mächtiger machen. Das führt unweigerlich in die Tyrannei.

Sie übertreiben.
Nein. Diese Lady [Kathleen Blanco, Anm. d. Red.] hat sich als Gouverneurin von Louisiana ganz gut verteidigt. Bush wollte die Nationalgarde unter Bundeskontrolle stellen. Sie hat sich mit Erfolg gegen diese Usurpation aus Washington gewehrt. Bis hierher und nicht weiter. Washingtons Versuch der illegalen Machtübernahme war der erste Schuss, der im neuen Bürgerkrieg abgefeuert wurde, eine Art Fort Sumter [Beginn des US-Bürgerkriegs 1861], wenn Sie es metaphorisch wollen.

Greift der Rassismusvorwurf nicht zu kurz, um das Ausmass dieser Katastrophe zu erklären?
Die Junta, die in den USA an der Macht ist, die Gas- und Öljunta, sie hat kein Interesse an der amerikanischen Verfassung und kein Interesse am amerikanischen Volk. Die Leute dieser Junta sind allein an ihrem Geschäft interessiert, an ihrem Geld. Sie bauen Städte wieder auf, die sie zuvor zerstört haben. Halliburton, das Unternehmen, das beste Beziehungen zur US-Regierung unterhält [bis 2000 leitete Vizepräsident Dick Cheney den texanischen Konzern], hat sich lukrative Regierungsaufträge für den Wiederaufbau in Afghanistan und Irak gesichert. In Amerika verfolgen diese Gauner nur ein Ziel: die Zerstörung des Sozialstaates. Die freigesparten Mittel dienen zur Finanzierung illegaler Kriege im Ausland und zum Wiederaufbau zerstörter Ölquellen durch regierungsnahe Unternehmen wie Halliburton. Geld, um das Land zu führen und dessen Bürgern in schwierigen Momenten zu helfen, ist nicht mehr vorhanden.

Gore Vidal, 79, Grandseigneur der amerikanischen Literatur, ist in den Südstaaten gross geworden. Er lebt in Los Angeles und Ravello, Süditalien.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 36/05
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