Schneller als die ersten Retter mit Hilfe waren die Kommentatoren mit Meinungen zur Stelle – was weder für die einen noch für die andern spricht. Ungläubig und zunehmend entsetzt schauten wir interessierten Unbeteiligten nach New Orleans. Wir sahen eine untergehende Stadt mit verzweifelten Menschen, die von ihrer Regierung sich selbst und ihrer Not überlassen wurden. Gerade viele Schweizer, die erst Tage zuvor erlebt hatten, wie effizient Katastrophenhilfe funktionieren kann, mochten kaum glauben, was auf dem Territorium der Supermacht USA vorging beziehungsweise unterblieb. Präsident Bush, der ohnehin nicht als George W. der Einfühlsame in die Geschichte eingehen wird, spielte dazu viel zu lange mit befremdlicher Unerschütterlichkeit den Big Easy. Dass er in seinem Land nun schonungslos kritisiert wird, geschieht ihm recht. Der Chef hat in der Krise versagt, das übersteht in einem demokratischen Land kein Mächtiger unbeschadet.
Aber ist es angebracht, eine ganze Nation als «United States of Shame» zu brandmarken? Die Weltmacht als Drittweltland zu verhöhnen? Hinter dem staatlichen Versagen vorab persönlichen Rassismus zu wittern? Einen Hurrikan als Rache für die Nichtunterzeichnung des Kioto-Protokolls zu interpretieren? Oder insgeheim gar als Strafe für den Irakkrieg zu begrüssen? Ideologische Katastrophengewinnler schwärmen immer als Erste aus, um möglichst schnell die Interpretationshoheit zu gewinnen, dicht gefolgt von den Hämischen.
Auch die Weltwoche publiziert in dieser Ausgabe unzimperliche Analysen prominenter Autoren. Dies nicht in der Absicht, dem tatsächlichen Drama geistigen Kollateralschaden hinzu- zufügen; für eine angemessene Bewertung, die Bestand hat, ist es noch zu früh. Es sind Mosaiksteine, die unter anderem zeigen, wie hart in den USA selber debattiert wird: der zornige Zeitgenosse Gore Vidal über den drohenden Rassenkrieg in seinem Land; die renommierte Publizistin Marcia Pally über Eigenständigkeit und Egozentrik der US-Gesellschaft; der Musiker Sonny Landreth über die Seele von New Orleans; dazu Kommentar und Vor-Ort-Bericht unserer Korrespondenten Beatrice Schlag und Alain Zucker, siehe Artikel zum Thema «auf den Seiten 7», «14–17», «ab Seite 62»
Rekordverdächtig vorschnell war die Meinungsmache auch vergangenen Sonntag in Deutschland. Noch während sich Gerhard Schröder und Angela Merkel im Fernsehen freundlich duellierten, waren die Zuschauer schon angehalten kundzutun, wer nun besser sei. Bruno Ziauddin hat sich vor der Kanzlerwahl vom 18. September auf eine ausgedehnte Deutschlandtour begeben, um in aufmerksamer Ruhe den Zustand unseres Nachbarlands zu erkunden. Sein politischer Reisebericht, siehe Artikel zum Thema «ab Seite 30»
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