Kommentar

Wider den Klima-Klerus

Einst deuteten Pfarrer jede Katastrophe als «Tatpredigt» Gottes und wollten Opfergeld. Heute erklären Politiker Unwetter zu Strafen der Natur und fordern die CO2-Abgabe.

Von Urs Paul Engeler

Im Mai des Jahres 886 regnete es wochenlang; der Rhein radierte in Deutschland ganze Siedlungen weg; Tausende Menschen starben in den Fluten. 994 liess eine extreme Dauerhitze fast alle Flüsse Mitteleuropas vollständig austrocknen. 1342 stieg der Pegel des Rheins bei Köln auf 11,66 Meter – das ist 1 Meter mehr als bei den Hochwassern von 1993 und 1995. Im Jahr 1362 forderte die erste «Grosse Manntränke», eine verheerende Sturmflut an der Nordseeküste, über 100000 Tote. Die dauernden Überschwemmungen von 1374 führten dazu, dass der Rhein vielerorts seinen Lauf um Hunderte von Metern änderte. 1634 zerriss die zweite «Grosse Manntränke» die Insel Strand; allein im Friesland kamen gegen 10000 Menschen um. Am 1. November 1755 tötete ein Erdbeben mit abschliessendem Feuer und Tsunami in Lissabon je nach Quelle 30000 bis 90000 Menschen. 1784 stieg der Rheinpegel bei Köln auf 13,55 Meter (über 1000 Tote). 1806 forderte der Bergsturz von Goldau fast 500 Leben. Hochwasser und Erdrutsche ertränkten und erdrückten 1868 im Tessin, im Wallis und in Graubünden 50 Menschen.

Eine zufällige Chronologie von Einzelereignissen, gewiss. Interessanterweise wurde bis auf den heutigen Tag nie eine Geschichte der Naturkatastrophen geschrieben. Der Grund liegt wohl darin, dass in der langen Serie grosser Tragödien die aktuellen Notlagen die Einzigartigkeit verlieren, dass sie mit dieser Relativierung ihren unmittelbaren Schrecken einbüssen – und dass sie, als rational analysierbare Geschehnisse, politisch-religiös nicht mehr verwertbar sind.

Bis weit in die Neuzeit wurde mit Verweis auf geeignete Bibelstellen jede Katastrophe als «erschreckliches Wunderzeichen Gottes» und als dessen «Tatpredigt» gedeutet. Noch spät im 18. Jahrhundert deutete der Universalgelehrte Albrecht von Haller Überschwemmungen als «Sintfluten» und als Racheakte Gottes. Kirchen und Obrigkeit verordneten nach einem Unglück Buss- und Bettage, verboten Lustbarkeiten, zogen den Ablass ein, jagten den verängstigten Menschen noch ein schlechtes Gewissen ein und forderten die armen Teufel, die das glaubten, zur geistig-moralischen Umkehr auf.

Und Weihrauch gegen Unwetter

Viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht verändert. An die Stelle der religiösen Deutung der Unglücksfälle ist eine scheinwissenschaftliche, ideologische Interpretation der letztlich nicht ganz vermeidbaren Verhängnisse getreten. Die Zunft der Politökologen, die den Diskurs zurzeit beherrscht, arbeitet mit den exakt gleichen Mustern der Argumentation und der Instrumentalisierung wie vormals die Kirche. Als 1502 im Schweizer Mittelland Hagelkörner, so gross wie Hühnereier, fielen und im Winter drauf die Temperaturen so tief sanken, dass die Vögel erfroren vom Himmel fielen, und im Sommer 1503 eine Hitzewelle alles verdorren liess, da legten die Theologen diese Häufung von Übeln als Vorzeichen des Jüngsten Gerichts aus. Heute nutzen Ökologen die extremen Wettersequenzen als Beweis, dass die Erderwärmung solche Serien «aussergewöhnlicher Wetterlagen» bewirke: Statt eines strafenden Gottes rächt sich im modernen Aberglauben die Natur. Den Platz der drohenden biblischen Apokalypse hat der nahende Klimazusammenbruch eingenommen.

In der Tradition der Bussprediger rufen Kommentatoren und Politiker der Neuzeit die verschreckten Bürger zur raschen Abwendung von ihrem lasterhaften Verhalten auf. «Nachhaltige Reaktionen», «Veränderung», ja «Rückbesinnung» (nicht unbedingt auf Gott, sondern eher auf linke Politik und eine intakte Natur), donnert nach den Unwettern dieses Sommers laienpastoral der Tages-Anzeiger – und weckt in den armen Lesern, die das womöglich glauben, Schuldgefühle wie früher die Kleriker. Alle Unterweisungen von allen politischen Kanzeln münden ins Gebot der modernen Ökolehre, dem schützenden Staat sofort mehr Geld abzuliefern und den motorisierten Individualverkehr einzuschränken. Sonst schlage, drohen die neuen Seelenhirten, die Natur noch härter zurück. Tatsächlich lassen sich dank geschickter Prävention die Folgen von Unwettern oder Erdbeben mildern, vielleicht sogar entscheidend. Die lauten Appelle zielen jedoch nicht auf eine Rationalität, die den Einsatz von Mitteln, deren Wirkung und die Restrisiken sorgfältig abwägt. Sie fordern die Bekehrung zu naturgefälligem Verhalten, zu leisten mit dem Obolus einer CO2-Abgabe.
Die Forderung folgt dem tradierten Wunderglauben. Selbst wenn die Erderwärmung einen Einfluss auf das Wetter hätte und selbst wenn dieser Anstieg aus dem Verbrauch fossiler Brennstoffe resultieren würde, selbst dann hätte die CO2-Steuer keine Kraft, nicht nur in der kleinen Schweiz, sondern weltweit. Als die CO2-Idee auftauchte, lag der Preis für ein Barrel Rohöl unter dreissig Dollar; heute kostet der Rohstoff über das Doppelte. Der Markt hat die Preise bereits weit über die Limite der neuen Gebühr getrieben.

Die reale Wirkung einer Schweizer CO2-Taxe ist mit dem Effekt einer zur Bekämpfung von Unwettern geweihten Kirchenglocke – sieben Kreuze auf der Aussenwand, vier auf der Innenseite und viel Weihrauch – oder dem einer Opferkerze zu vergleichen: Sie beruhigt Menschen, die sich schuldig fühlen, und stärkt den Herrschaftsapparat.

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