Alpinismus

Reinhold lebt

Der Aufstieg zum Nanga Parbat brachte Reinhold Messner den Ruhm und seinem jüngeren Bruder Günther den Tod. Nun, nach 35 Jahren, behauptet der Bergsteiger-Star, die Leiche sei gefunden – und damit seine Unschuld bewiesen. Doch das Mysterium bleibt.

Von Daniel Sponsel und Tobias Hürter

Ende Juni 1970 am Südhang des Nanga Parbat im pakistanischen Teil von Kaschmir: Schon mehr als eine Woche sitzt ein gutes Dutzend Bergsteiger im Basislager fest. Die Stimmung wird zunehmend angespannt. Eine Schlechtwetterperiode lässt die Chance auf den Gipfel schwinden, in Kürze würde der Monsun sie ganz zunichte machen. Ohnehin können es nur ein paar wenige der Alpinisten ganz nach oben schaffen, die anderen müssen den Rückweg sichern. Die Kameraden sind auch Konkurrenten.

Zwei von ihnen erreichen am 27. Juni um fünf Uhr nachmittags den 8125 Meter hohen Gipfel. Die Brüder Reinhold und Günther Messner sind weitergegangen, wo vor ihnen viele umkehren mussten. Sie haben erstmals die Rupalflanke durchstiegen, mit 4500 Meter Höhenunterschied die höchste Fels- und Eiswand der Welt. Am Mittag des 29. Juni erreicht Reinhold Messner den Fuss der Gipfelhänge auf der Westseite des Nanga Parbat. Damit ist ihm auch noch die erste Überschreitung eines Achttausenders gelungen.

Der Coup am Nanga Parbat begründete den Weltruhm des damals 25-jährigen Reinhold Messner – aber um einen hohen Preis. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Günther kam nicht lebend hinunter vom «Nackten Berg», und mehrere seiner damaligen Kameraden geben Reinhold Messner eine Mitverantwortung an Günthers Tod. Messner seinerseits beschuldigt den Rest der Mannschaft, keine ausreichenden Rettungsversuche gestartet zu haben. Jetzt, nach 35 Jahren, will er sich von den Vorwürfen gegen ihn endgültig befreien. Sein neues Beweisstück: die mutmassliche Leiche seines Bruders, die ein pakistanischer Bergführer im Eis des Nanga Parbat gefunden hat, wie vor einigen Tagen bekannt wurde.

Auf die Spitze getrieben

Unstrittig ist, dass Günther sein Leben grobfahrlässig riskierte. Von Lager V in 7350 Meter Höhe war Reinhold noch vor Tagesanbruch allein zum Gipfel aufgebrochen, nach Freigabe von der Expeditionsleitung. Als die Zurückgebliebenen die Merkl-Rinne, eine Schlüsselstelle des Gipfelwegs, mit Seilen und Haken für Reinholds Abstieg und den späteren Aufstieg der regulären Gipfelseilschaft präparierten, verlor Günther die Nerven. Er drängte seinen Begleiter Gerd Baur, Reinhold nachzusteigen, doch bei dem überwog das Sicherheitsdenken, wo der Ehrgeiz die Messners nach oben trieb. «Ich habe es nie bereut, nicht mitgegangen zu sein», erinnert sich Baur, der Günther Messner als Letzter (abgesehen von Reinhold) lebend gesehen hat. Er habe gewusst, dass es zu spät war für den Gipfelsturm. Schliesslich ging Günther Messner allein los, allen Gefahren zum Trotz.

«Wo ist Günther?» Mit dieser Frage fiel Reinhold Messner seinen Kameraden erst sechs Tage später völlig erschöpft in die Arme. Nur durch Zufall hatte die Mannschaft, die schon die Heimreise angetreten hatte, den älteren Messner-Bruder auf der anderen Seite des Berges getroffen. Aber was hatte Reinhold Messner wirklich dorthin verschlagen? Hatte ihn die Bergnot auf diese Abstiegsroute getrieben oder der eigene Wille? Beim Anstieg zum Nanga Parbat hatte Reinhold Messner den anderen Expeditionsteilnehmern von der Möglichkeit einer Gipfelüberschreitung vorgeschwärmt. Schon im Basislager habe ihm Messner ein Foto der Diamirflanke an der Westseite des Bergs gezeigt, erinnert sich der Expeditionsgast Max von Kienlin.

Warten auf Günther

Nach allen Regeln der alpinistischen Vernunft hätten die Südtiroler Bergsteiger-Brüder vor dem Erreichen des Gipfels zum sicheren Lager V umkehren müssen. Günther war drei Stunden nach Reinhold gestartet; dieser wartete, als er ihn nacheilen sah, auf der Südschulter des Berges auf ihn. Das kostete Zeit – zu viel Zeit, wie sich zeigen sollte. Auf dem Gipfel wussten die beiden, dass es zu spät für einen Abstieg war. Eine Nacht in der Todeszone stand ihnen bevor, ohne Biwaksack und ausreichende Verpflegung. Nicht einmal ein Seil hatten die beiden. Zum Schutz vor der bitteren Kälte kauerten sie sich auf 7800 Metern in eine Felsnische. In solcher Höhe ist der Sauerstoff so knapp, dass die kognitiven und vegetativen Fähigkeiten des Menschen nur noch eingeschränkt funktionieren. Günther habe in dieser Nacht von einer vor ihm liegenden Decke fantasiert, erinnerte sich Reinhold Messner.

Dann gehen die Versionen der Geschichte auseinander. Laut Reinhold Messner war es der ausdrückliche Wunsch seines höhenkranken Bruders, nicht wieder über die Rupalflanke abzusteigen, sondern über die unbekannte, ungesicherte Diamirflanke im Westen, wo keine Kameraden warteten. Gerd Baur verdächtigt Reinhold Messner, aus Ehrgeiz seinen Bruder zu der anderen Abstiegsroute gedrängt zu haben. Der Expeditionsgast Max von Kienlin wiederum vermutet, dass Günther zu den Lagern auf der Südseite zurücksteigen sollte, während Reinhold die Überschreitung allein in Angriff nahm – womöglich nach einer Trennung im Streit. Hans Saler, ein weiteres Teammitglied, hält es für wahrscheinlich, dass Günther Messner schon in der Biwaknacht starb und Reinhold die Überschreitung quasi im Affekt durchzog.

Das Rätsel wird noch grösser durch ein Aufeinandertreffen von Reinhold Messner und zwei der im Lager zurückgebliebenen Bergsteiger am Vormittag des 28. Juni: Reinhold Messner stand oberhalb der Merkl-Rinne, ohne jede Chance, durch sie zu den Lagern absteigen zu können. Eine achtzig Meter hohe Steilstufe trennte ihn von den erfahrenen Kletterern Felix Kuen und Peter Scholz, die sich an den Aufstieg zum Gipfel gemacht hatten. Wegen des Windes war die Verständigung mühsam, doch Messner konnte den beiden klar machen, dass er gen Westen absteigen müsse. «Alles in Ordnung», versicherte er auf Nachfrage. Von Günther war bei der Begegnung nicht die Rede und nichts zu sehen.

Aber warum war Messner so spät am Tag noch so nahe der Stelle, an der er und sein Bruder genächtigt hatten? Wäre Günther gesund gewesen, hätten die Messners längst absteigen können. Wäre er krank gewesen, dann hätte Reinhold per Rufkontakt Hilfe anfordern können.

Noch am selben Tag erreichten Kuen und Scholz den Gipfel. Von Günther Messner sahen sie keine Spur. Die Namen der beiden Zweitbesteiger sind heute weitgehend vergessen. Scholz verunglückte 1972 am Montblanc. Der stille Kuen erhängte sich 1974 nach privaten Problemen in seiner Garage in Innsbruck. Zweitbegehungen zählen wenig im Hochleistungsalpinismus.

Der Verschollene ist nicht der Rede wert

Am Mittag des 29. Juni, nach gut zweieinhalb Tagen ohne Schlaf und Nahrung, stand Reinhold Messner knapp 4000 Höhenmeter unterhalb des Gipfels auf dem sicheren Grasboden am Fuss der Diamirflanke. Noch bis zum übernächsten Tag wartet er nach eigenen Angaben auf Günther, dem er im Nebel und Schneetreiben vorausgegangen war und den er schliesslich aus den Augen verloren hatte. Er stillt seinen Durst an einem Gletscherbach. Die Ahnung beschleicht ihn, dass Günther von einem Eisrutsch mitgerissen wurde, deshalb durchsucht er den Lawinentrichter am Fuss der Wand – vergeblich. Schliesslich schleppt er sich mit schwarz gefrorenen Füssen hinunter in die ersten Siedlungen des Diamirtals, von wo ihn Einheimische auf einer selbstgebauten Bahre zum Talboden tragen. Sobald seine Kräfte es zulassen, notiert Reinhold Messner das Drama der letzten Tage in einem wilden Durcheinander aus Italienisch und Englisch auf einem kleinen Zettel. Er beschreibt die Besteigung der Rupalwand, die Überschreitung, den Abstieg über die Diamirflanke. Kein Wort von seinem verschollenen Bruder.

Eine Lawine von Klagen

Hätte Messner es bei dieser Darstellung belassen, dann hätte es wohl niemand gewagt, ihm als einzigem Zeugen zu widersprechen – und schon gar nicht, ihm eine Mitverantwortung am Tod seines Bruders zuzusprechen. Aber dann warf er selbst die Schuldfrage auf. Bald nach dem Unglück verklagte er den Leiter der Expedition, Karl Maria Herrligkoffer, wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung. Die Verfahren wurden 1972 eingestellt. Messner bekam in keinem Punkt Recht, obwohl mehrere Teammitglieder sich auf seine Seite gestellt hatten. Dann aber griff Messner auch seine Mitstreiter an: «Ich sage heute, das war kein Fehler der Leitung, sondern der Mannschaft, uns nicht zu suchen», sagte Messner auf einer Pressekonferenz im Sommer 2002 in Anwesenheit von Gerd Baur und anderen einstigen Kameraden. Und legte nach: «Einige, älter als ich, hatten ja nichts dagegen, dass die beiden Messners nicht mehr auftauchten, und das ist die Tragödie.»

Die Empörung war gross unter den Veteranen vom Nanga Parbat. Sie beteuern, auf der Suche nach den Messners selbst ihr Leben riskiert zu haben. Nachdem die Nachricht von den verschwundenen Messner-Brüdern per Funk im Hauptlager angekommen war, liess Leiter Herrligkoffer die Expedition sofort abbrechen und forderte alle Teilnehmer auf, ins Basislager abzusteigen. Entgegen dieser Anordnung blieben Hans Saler und Gerd Mändel eine weitere Nacht im Lager IV und warteten auf ein Lebenszeichen der Messners. Es war der 30. Juni, und Reinhold hatte längst schon den Fuss der Diamirwand erreicht und Günther verloren.

Der Rückzug aus der Wand wurde für Hans Saler und Gerd Mändel zur Tortur. Das Wetter hatte umgeschlagen, der Monsun war unvermittelt eingebrochen und hatte viel Neuschnee gebracht. Die Höhenlager waren verwaist, Gerd Mändel fiel in eine Gletscherspalte und überlebte nur, weil eine Eisbrücke seinen Sturz nach ein paar Metern stoppte. Mit letzter Kraft erreichten sie das Basislager.

Seit Jahren versucht Reinhold Messner mit allen Mitteln, den Vorwurf der Mitschuld am Tod seines Bruders abzuschütteln. Auf jede belastende Äusserung eines einstigen Kameraden folgt umgehend ein Messnerscher Antrag auf einstweilige Verfügung. Derzeit prozessiert er vor einem Hamburger Gericht gegen dreizehn Stellen des Buches von Max von Kienlin: «Die Überschreitung».

Der jetzige Leichenfund ist nicht der erste seiner Art, den Messner zu seiner Ehrenrettung heranzieht. So wurde im November 2003 ein Wadenbein am Nanga Parbat gefunden. Der 33 Zentimeter lange Knochen mit Weichteilresten, von der Höhensonne gebleicht und von Haarrissen durchzogen, gehöre zu seinem Bruder, behauptete Reinhold Messner, und der Fundort am Fuss der Diamirwand belege, dass er seinen Bruder damals nicht im Stich gelassen habe. Ein DNA-Vergleich sollte die Verwandtschaft bestätigen, doch als sich zeigte, dass nicht ausreichend viele Genmarker übereinstimmten, verschwand der Knochen wieder aus den Medien und aus Messners Rederepertoire. Inzwischen ist er bestattet.

Mit dem neuerlichen Fund wächst wieder die Hoffnung, den grössten Streitfall in der jüngeren Geschichte des Alpinismus zu entscheiden. Nach Meldungen aus Pakistan konnte Reinhold Messner, der ausgerechnet zu dieser Zeit eine Leserreise der Zeit am Nanga Parbat begleitete, die Schuhe und Teile der Jacke einer in grossen Teilen erhaltenen Leiche seinem Bruder zuordnen, angeblich sogar Haare. Die Fundstelle, wieder unterhalb der Diamirwand, auf 4600 Metern, spricht eher für Messners Version der Geschichte. Er wäre demnach noch ziemlich lange mit seinem Bruder gegangen und hätte ihn nicht einfach im Stich gelassen.

Überreste im Dutzend

Doch wieder gibt es Ungereimtheiten. Noch bevor der Fund allgemein bekannt wurde, hatte Messner die Kontrolle über ihn übernommen. Die pakistanischen Finder erklären, dass die Leiche womöglich fünfunddreissig Jahre lang tiefgefroren in 7000 Meter Höhe gelegen habe, um dann in einer Wärmeperiode mit den tauenden Schneemassen auf 4600 Meter hinabzurutschen. Es ist demnach völlig unklar, wo sie ursprünglich lag. «Es ist sehr fraglich, was an dem Körper nach diesem Mahlstrom noch erkennbar ist», sagt Gerd Baur, der vor einem Jahr gerade in dieser Gegend Leichenteile geborgen hat. Der Kopf fehlt. Ob auch ein Wadenbein fehlt, ist noch nicht bekannt. Sicher ist, dass noch die Überreste mindestens eines Dutzends anderer Alpinisten am Nanga Parbat liegen.

Messner hat sich in Pakistan zu Fuss auf den Weg zur Fundstelle gemacht und ist für Stellungnahmen nicht erreichbar. Die Meldung sei wohl nach Europa gelangt, nachdem er nebenbei einem slowenischen Bergsteiger von dem Fund erzählt habe, sagte Messner in einem Interview auf «zeit.de». Er will den Leichnam seines Bruders baldmöglichst begraben – weshalb wenig Aussicht besteht, dass unabhängige Instanzen ihn untersuchen können.

Und auch wenn der Fund neues Licht in die Geschehnisse des Juni 1970 am Nanga Parbat bringt, die Frage nach Schuld und Verantwortung kann er nicht klären. Die eigentliche Tragödie der Brüder Messner ist, dass ebenjene Mechanismen zum Tod von Günther Messner führten, die Reinhold Messner zu einem der erfolgreichsten Bergsteiger aller Zeiten machten. Er hat den Extremalpinismus professionalisiert und zu einem Wettkampfsport gemacht. Seine bekannteste Leistung, als erster Mensch alle vierzehn Achttausender zu besteigen, war ebenso eine logistische wie sportliche Grosstat. Als sich ein Zweikampf um die vierzehn höchsten Gipfel mit dem Polen Jerzy Kukuczka entwickelte, verzichtete Messner auf weitere Erstbegehungen und wählte stets die klassischen Aufstiegsrouten.

Ganz allein ganz oben

Wie alle grossen Sportler versteht es Messner, seine Kräfte für die entscheidenden Augenblicke aufzusparen. Am Nanga Parbat etwa, erzählen andere Teilnehmer der Expedition, beteiligte er sich nicht sonderlich an der Mannschaftsarbeit. Er stieg oft voraus, suchte und fand geeignete Plätze für die Höhenlager, aber er trug selten schwere Lasten. Nachdem die Sicherungsarbeiten in der Rupalwand abgeschlossen waren, konnte nur ein kleines Team von zwei, drei Bergsteigern den ersten Versuch wagen. Für die Auswahl war entscheidend, wer sich wann in welchem Lager aufhielt und in welcher körperlichen Verfassung er war. In dieser Konkurrenzsituation taktierte Reinhold Messner besonders clever: Er war genau rechtzeitig im obersten Lager. Beim Funkgespräch mit der Expeditionsleitung im Basislager erwirkte er sich die Freigabe zum Gipfelmarsch.

In medizinischen Tests hat Reinhold Messner die Leistungsfähigkeit eines Spitzensportlers gezeigt. Aber mehr als seine überragende Physis half ihm bei seinen alpinen Erfolgen sein untrüglicher Instinkt für Gefahren: Er riskierte oft mehr als andere Bergsteiger, aber nie zu viel. Auf diese Weise gelang ihm über Jahrzehnte ein Meisterstück nach dem anderen: die Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff. Die erste Alleinbesteigung des Mount Everest. Die erste Doppelüberschreitung zweier Achttausender am Gasherbrum I und II. Messner ist der erste Bezwinger der höchsten Berge auf allen Kontinenten und vieles mehr. In seinen mittlerweile mehr als vierzig Büchern schreibt er oft über die spirituelle Dimension seines Bergsteigens und wie viel wichtiger ihm das Unterwegssein sei als das Ankommen. Tatsächlich ist er dank perfekter Planung und eisernem Willen öfter angekommen als je ein Mensch zuvor.

Immer wieder kommt der Autor Reinhold Messner auf das Drama am Nanga Parbat zurück. Heute noch einmal vor die gleiche Situation gestellt, so sagt er, würde er eher umkehren als zu vorgerückter Stunde einen trügerischen Gipfelsieg auskosten. Es gibt Fehler, die darf man im Leben nur einmal machen, und einer davon habe seinen Bruder das Leben gekostet. «Ich war am Ende verrückt am Nanga Parbat», schreibt er in einem seiner Bücher.

Wie verrückt er war, das demonstrierte er keine zwei Jahre später bei seiner nächsten Expedition. Es war auf dem Abstieg vom Manaslu, einem Achttausender, den er, nach der Trennung von seinem Seilgefährten Franz Jäger, solo bezwungen hatte. Reinhold Messner geriet in einen Schneesturm. Stunde um Stunde irrte er im Kreis und fand das Zelt nicht. Erst Rufe leiteten ihn zurück in Sicherheit. Im Zelt fand er aber nicht, wie erwartet, seinen Partner Franz Jäger, mit dem er am Morgen zum Gipfel gestartet war, sondern Andi Schlick und Horst Fankhauser, die zweite Gipfelmannschaft. Am Vormittag, beim Aufstieg, hatte Franz Jäger nicht mehr an einen Erfolg geglaubt und wollte ins Lager zurück. Den Gipfel in Sichtweite liess sich Reinhold Messner nicht nehmen; man trennte sich. Noch in dieser Nacht machten sich Andi Schlick und Horst Fankhauser im Schneesturm auf die Suche nach Franz Jäger. In den Morgenstunden fand nur Horst Fankhauser zurück ins Zelt. Franz Jäger und Andi Schlick blieben für immer verschwunden. Am Ende dieser Expedition stand wieder ein Gipfelerfolg für Reinhold Messner. Diesmal verlieren zwei Kameraden ihr Leben.

«Man wird zum Tier»

Reinhold Messner war der Motor einer Bewegung, die er heute vehement kritisiert: des ergebnisorientierten Hochleistungsalpinismus. Wenn am Mount Everest ein namenloser Sherpa spurlos in einer Gletscherspalte verschwindet (so geschehen bei der Erstbesteigung des Berges ohne Sauerstoff 1978 durch Reinhold Messner und Peter Habeler), dann geht die Show ungebremst weiter. «Hoch oben am Berg gibt es keine besondere Moral. Jeder von uns würde, wenn es hart auf hart kommt, den anderen liegen lassen. Niemand kann auf dem Gipfel des Everest einen Sterbenden auf den Buckel nehmen und runterschleppen. Man krallt sich fest am Leben, am anderen, man wird zum Tier», sagte Reinhold Messner vor vier Jahren in einem Stern-Interview. Wenn die jetzt am Fuss der Diamirwand gefundenen Leichenteile tatsächlich zu Günther Messner gehören, dann können sie nichts über die Gründe sagen, die zu seinem Tod führten. Wie viel Risiko ist der Gipfelsturm wert? Reinhold Messner war mehrfach bereit, sich bewusst in Situationen zu begeben, in denen das Leben von Menschen in Gefahr war. Auch sein eigenes.

Literatur:
Hans Saler: Zwischen Licht und Schatten.
Die Messner-Tragödie am Nanga Parbat.
A1-Verlag, 2003. 222 S., Fr. 30.90

Max von Kienlin: Die Überschreitung.
Herbig, 2003. 288 S., Fr. 40.10

Reinhold Messner: Der nackte Berg.
Nanga Parbat – Bruder, Tod und Einsamkeit.
Piper, 2004. 320 S., Fr. 18.10

Reinhold Messner: Die weisse Einsamkeit.
Mein langer Weg zum Nanga Parbat.
Piper, 2004. 350 S., Fr. 18.10

Reinhold Messner, Thomas Hüetlin: Mein Leben am
Limit. Eine Autobiographie in Gesprächen mit Thomas Hüetlin.
Neuer Malik-Verlag, 2004. 279 S., Fr. 34.90

Daniel Sponsel ist Dokumentarfilmer und Lehrbeauftragter
an der Hochschule für Fernsehen und Film in München.

Tobias Hürter, Redaktor der deutschen Technology Review,
schreibt regelmässig für die Weltwoche.

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