Warum haben Frauen über fünfzig keine Periode mehr? Weil alles Blut in die Krampfadern fliesst. Googelt man sich unter dem Stichwort «Frauen über 50» durchs Internet, gehört dieser lustige Witz zu den ersten Ergebnissen. Bald folgen einschlägige Video-Angebote wie «Die Oma war im Dessous-Shop», «Silbergrau und geil», «Haarige Oma kriegt’s ins Gesicht», «Je älter, je versauter». Auch die sexuell aktive Oma scheint also noch eine Fangemeinde zu haben. Das ist nett. Wenn auch nicht sehr realistisch.
Die Chance, als Frau über fünfzig einen Mann zu finden, der noch bei Trost ist, kein Heiratsschwindler, keine Beziehungsleiche und kein Gebrechlicher, der bloss eine Krankenschwester sucht, ist etwa so gross, wie in diesem Leben noch auf den Mars zu fliegen. Herbst, würde Rilke sagen: Wer sich bis fünfzig kein Haus gebaut hat, wird mit sehr viel Glück noch eine Bruchbude kriegen.
Sag mir, wo die Männer sind
Erika Rohner, 53, Physiotherapeutin, sieht den 50. Geburtstag im Rückblick als Nadelöhr. «Aber als der Tag vorbei war, war es nicht so schlimm wie erwartet.» In den Jahren vor dem magischen Geburtstag hatte sie sich vorgenommen, die Liebesangelegenheiten noch zu regeln. Doch einen geeigneten Partner fand sie nicht. Jetzt sagt sie: «Ich kann gut allein sein, möchte es aber nicht für den Rest meines Lebens.»
Die meisten Beziehungen zu Männern bahnten sich in ihrem Leben bei der Arbeit an. Aber das ist nicht mehr so einfach: «Erstens verändert sich die Arbeitssituation kaum mehr, und zweitens ist man gegenseitig viel zurückhaltender geworden.» Dabei wäre sie heute beziehungsverträglicher als früher: «Ich könnte die Qualitäten eines Partners mehr schätzen und seine Fehler weniger gewichten.» Drei Versuche, auf Partnerschaftsinserate zu antworten, blieben ohne Ergebnis. Einer rannte mitten im Gespräch fluchtartig davon. Erika Rohner ist kein Monster. Sie ist hübsch, gescheit und freundlich.
Sonja Ramseier, 55, Übersetzerin, versucht schon gar nicht, sich wieder zu verlieben. «Wenn es sein muss, passiert es, auch wenn es unwahrscheinlich ist. Aber suchen?» Und einen Mann aus dem Internet auslesen zu müssen wie ein Paar Hosen im Laden, käme ihr seltsam vor. Zumal ihre Ansprüche ziemlich hoch sind. «Man sollte gleiche Interessen haben, liebevoll miteinander umgehen und nicht mehr die gleich blöden Chärereien führen müssen wie früher. Aber gibt es das noch? Ich glaube eher nicht.» Sie verbringt Freizeit und Ferien meist mit gleichaltrigen Frauen, mit denen sie mittlerweile so vertraut ist wie mit einem langjährigen Partner. Das heisst, es gibt gemeinsame Erinnerungen, man kann sich gegenseitig die Frage stellen: Weisst du noch?
Bei Partnerwahlinstituten sind anspruchsvolle Damen ab fünfzig schwierig zu vermitteln, während die Nachfrage nach gutsituierten, reifen Männern so gross ist, dass sie eigentlich kein Vermittlungsbüro bräuchten. Weil der Aufwand, diese Frauen unter die Haube zu kriegen, weit höher ist als bei den Männern, zahlen die Frauen dieser Altersklasse bei Vertragsabschluss bis zu achtzig Prozent oder 1500 Franken mehr als die älteren Herren. Bei Internet-Partnervermittlungen, so erzählt eine Fünfzigerin, die sich einmal als Dreissigjährige ausgab und sich gleichzeitig als Fünfzigjährige eingeloggt hat, seien die Erfahrungen deprimierend. Als Dreissigjährige wurde sie pro Woche siebzigmal angewählt, als Fünfzigjährige einmal pro Monat.
Karin Siedler, 52, Fotografin, glaubte, mit 49 ohne solche Anstrengungen das grosse Los gezogen zu haben. Die Liebe des Lebens nach ein paar Jahren mit mickrigen Affären. Wen störte es, dass er drei erwachsene Kinder hatte und, wie er sagte, auf dem Papier noch verheiratet war. Liebe verleiht Flügel. Bis sie merkte, dass er sich im Lauf der Zeit wieder der Gattin zugewandt hatte, sich zwanzig Jahre jüngere Freundinnen hielt und sämtliche Zukunftspläne ohne sie schmiedete. In dröhnender Einsamkeit und mit dem Groll, die Torschlussjahre vertan zu haben, glitt sie in die Wechseljahre. Den fünfzigsten Geburtstag verbrachte sie allein, zu feiern gab es nichts. Und die drei, vier Verehrer, die sie in den späten Vierzigern noch hatte, waren auch verschwunden.
Die «Mädels» kommen
Hörten die heute Fünfzigjährigen als junge Frauen das Wort «Wechseljahre», schien es ihnen absolut unmöglich, selber einmal davon betroffen zu sein. Wechseljahre galten als eine Art Krankheit, über die möglichst nicht geredet wurde. «In die Jahre gekommen», kleidete sich die ältere Generation in verdriessliche Farben, die grauen, mitunter ins Bläuliche getönten Haare wurden zu Bürzis geschnürt, Bauch und Busen in ein einteiliges Gstältli gestopft. Sie hatten den Lebensabschnitt der Inexistenz, des Nicht-mehr-beachtet-Werdens erreicht. Sex zwischen Menschen im Elternalter wollten sich die jungen Frauen erst gar nicht vorstellen.
Ratgeber wie «Älter werde ich später» oder «Forever young» nährten bis vor wenigen Jahren die Vorstellung, nur Jugendlichkeit sei lebenswert – danach folge die Phase des Scheintods. Dann folgte die radikale Umkehr. Nun heissen die Bücher «Heute weiss ich, was ich will. Frauen über 50 erzählen» oder «Sophisticated Ladies. Junge Frauen über 50». Kumpelhaft werden sie in solchen Erzeugnissen mitunter gar «Mädels» genannt.
Die zukünftigen Seniorinnen und Senioren werden jetzt von den Werbern mit den süssesten Schalmeien bezirzt. Denn die Bevölkerungsgruppe der 55- bis 64-Jährigen wächst am stärksten, während die Gruppe der 35- bis 44-Jährigen schrumpft. In Deutschland werden in den nächsten zehn Jahren 49 Millionen über 40-Jährige nur 29 Millionen Menschen bis 39 gegenüberstehen. Der europäische demografische Trend gilt auch für die Schweiz. Bis 2010 werden die Seniorenhaushalte 54 Prozent ausmachen.
Die Werbung nimmt nun die kaufkräftigen Alten ins Visier. Als Erstes wurden sie von den Marketingstrategen umgetauft. Sie heissen nicht mehr Oldies, graue Panter oder Kukident-Generation, sondern Best-Ager, Silver-Generation und Generation Gold. Ihr einziger Nachteil: Die Konsumerfahrung macht sie kritisch, bewährten Marken bleiben sie treu. Ansonsten reisen und konsumieren sie gerne, sind aufgeschlossen, sportlich und haben das Gefühl, wesentlich jünger zu sein.
Dies stellten Marktforscher fest und plädieren für die Verabschiedung des Mythos vom Krampfadergeschwader auf Carfahrt mit Heizkisseneinkauf. «Dem Silver Market gehört die Zukunft», schreiben die Kommunikationsfachleute Peter Wippermann und Corinna Langwieser, «sie strotzen nur so vor Selbstbewusstsein und Lebensfreude.» Die Dove-Werbung erklärt faltige Frauengesichter für schön, die Stadt Zürich wirbt mit Plakaten von Betagten für das Image der Alten, in der Kinowerbung sieht man, wie Greisinnen mit Greisen die Kopulation einleiten (ein peinlich berührtes Kichern aus den Reihen der Jugendlichen ist jedoch nicht zu überhören).
Cher, Turner, Deneuve
Aber das Altwerden ist für viele weibliche Babyboomer – die Jahrgänge 1946 bis 1964 – keine pure Freude. Bloss: Heute redet man nicht mehr darüber, es ist einfach nicht chic, Schwäche zu zeigen. Sie sind die Generation der Frauen, die sich sexuelle Befreiung und Emanzipation erkämpft hat, die erste Frauengeneration, die Berufskarrieren verwirklichen konnte. Errungenschaften, wie beispielsweise eine ständige Auswahl an Sexualpartnern zu haben, bedeuten nach fünfzig jedoch Sisyphusarbeit. Die Haare rot, blond oder schwarz nachfärben, gegen Orangenhaut zu Felde ziehen, die Beschaffenheit des Bindegewebes studieren, Wechseljahrbeschwerden gegen aussen ignorieren, Fitnesstraining, sich mit Schönheitschirurgie und Anti-Aging-Massnahmen auseinander setzen. Das Angebot ist ins Unermessliche gestiegen. Botox-Behandlung ja oder nein? Selbst Feministinnen, die sich früher weigerten, die Achselhaare zu rasieren, stellen sich diese Frage.
Die Ansprüche an jugendliches Aussehen sind nicht gesunken, sondern gestiegen. Frauen haben sich an topfitten 71-jährigen Teilnehmerinnen von Marathonläufen zu orientieren; an der 66-jährigen Tina Turner, die von sich sagt, in Harmonie mit sich selber zu sein, halte sie jung; an der Ausnahmeerscheinung und ewig schönen Catherine Deneuve oder der mehrfach gelifteten Popsängerin Cher, die in Aussicht stellt, sich mit sechzig nackt in einem Männermagazin ablichten zu lassen. Und dieselben Trendsetter, die die Vorzüge der Generation Gold lobpreisen, schreiben: «Lebenslange ästhetische Performance wird die soziale Anerkennung bestimmen – wer sexy bleibt, wird belohnt» (Wippermann/Langwieser). Was ist «sexy bleiben» denn anderes, als das wahre Alter zu vertuschen?
Dessen ungeachtet behaupteten die befragten Damen über fünfzig in einer britischen Studie, sie fühlten sich so gut wie nie zuvor – und dies in jeder Beziehung. Der Zeitgeist fordert ein Dauerlächeln, auch wenn der Lippenstift in die tausend Fältchen um den Mund zerfliesst wie ein Fluss nach einem Hochwasser ins Sumpfgebiet. Jubel, Trubel, Heiterkeit wehen aus zahlreichen Erfahrungsberichten von Frauen nach fünfzig in neueren Büchern, Broschüren und Zeitungsberichten. Positiv auf den neuen Lebensabschnitt zugehen, Stärken und Schwächen akzeptieren lautet der Marschbefehl. «Heute und jetzt fühle ich mich sehr kraftvoll und bin in mir zu Hause», schreibt die Künstlerin Gerda Dassing in Ute Karen Seggelkes Buch «Frauen über 50», und die Politikerin Cornelie Sonntag-Wolfgast stellt fest: «Mein heutiges Lebensgefühl ist von einer grossen Zufriedenheit geprägt. Ich habe eine gute Basis in mir, einen festen Fundus an Erfahrungen und Lebenssicherheit.» Diese Lebensberichte platzen fast vor positivem Denken und Sichselberspüren.
Doch der Teufel langweilt sich in den Details. Bei der Fernsehjournalistin Gabriele Krone-Schmalz führte das Alter «zur Fähigkeit, aus den kleinsten Dingen Genuss zu ziehen. Ich kann mich über jeden Fussel freuen: über Vogelgezwitscher, Blumenkelche, Wolkenformen, lärmende Zikaden, thermikfliegende Möwen oder Bussarde.» Nach einer Hymne auf das Älterwerden schliesst die alleinstehende Sibylle Beckenbauer, die geschiedene Frau von Fussballkönig Franz, ihren Lebensrückblick: «Zum Abschluss des Tages gibt es noch ein Glas guten Rotwein, ich schmuse ein wenig mit meinen zwei Hunden und dann ab ins Bett.» Das ist es, was bleibt: Den Vögeln lauschen und mit Hunden schmusen?
Nie mehr ärmellose T-Shirts
Silvia Widmer, 53, Physikerin, verheiratet, Mutter einer zehnjährigen Tochter, war einst so schön, dass die Männer verstummten, wenn sie ein Lokal betrat. Trotz ein paar Falten sieht sie noch immer gut aus. Kurz vor fünfzig hörte sie auf, vor der Morgentoilette das Licht anzumachen. Sie will sich nicht so sehen, wie sie ist. Nur wenn sie die Lippen schminkt, lässt sie es rasch hell werden, vermeidet aber den Blick auf den Rest ihres Körpers. Letzthin verordnete ihr der Optiker eine Brille. Sie antwortete: «Ich will diese Brille nicht, damit sehe ich ja all meine Falten.» Ihr Mann sagt ihr, «für eine Fünfzigjährige siehst du gar nicht so schlecht aus», ansonsten kriegt sie vor allem von Männern in den Achtzigern noch Komplimente. Gefällt ihr ein Jüngerer, beginnt sie erst gar nicht zu flirten. Sie glaubt, er würde denken: Was will denn die alte Schachtel? Silvia Widmer war immer der Meinung, das Äussere sei ihr nicht wichtig. Nun, da sie die Schönheit verloren sieht, bedauert sie, während der Blüte ihrer Jahre nicht realisiert zu haben, was sie daran hatte. Dass ihr die Männer nachpfiffen, hat sie einst gestört, dass sie es nicht mehr tun, kommt ihr heute merkwürdig vor.
Die Fotografin Karin Siedler schaut degoutiert auf ihre schwabbelnden Oberschenkel und Oberarme. Sie hat beschlossen, ab sofort keine ärmellosen T-Shirts mehr zu tragen und keine öffentlichen Badeanstalten mehr aufzusuchen. Ausserdem versucht sie unentwegt, die roten Pusteln auf Bauchnabelhöhe wegzusälbeln. Seit neustem hat sie eine Nickelallergie. Anita Furrer, 56, Gymnasiallehrerin, hatte mit fünfzig das Rauchen aufgegeben und tüchtig an Gewicht zugenommen. Als passionierte Schwimmerin ging sie deswegen jahrelang nicht mehr baden. Jetzt ist das vorbei, sie befasst sich nicht mehr mit dem Thema Schönheit und hat sich von diesen Zwängen befreit: «Ich bin ein Genussmensch, das ist wichtiger als alles andere.» Erika Rohner ärgert sich vor allem darüber, dass sie so viel Zeit für die Schönheitspflege aufwenden muss, «um etwas adrett auszusehen».
Und das Liebesleben? Ist glücklich, wer nicht nur eines mit sich selber hat? Die verheiratete Silvia Widmer: «Die Lust ist noch da, aber sie auszuleben, wird immer schwieriger.» Häufige Schmerzen in schlaflosen Nächten belasten die Sexualität mit ihrem Partner, obwohl das Verlangen beidseits noch gross ist. Anita Furrer geniesst vor allem die Zärtlichkeit mit ihrem langjährigen Freund. Dass er Potenzprobleme hat, ist für sie «absolut kein Problem». – «Es drängt nicht mehr so sehr. Das ist einerseits ein Verlust, andererseits aber auch tröstlich, weil man ruhiger wird», sagt die alleinstehende Sonja Ramseier. Karin Siedler wartet auf diesen Moment: «Manchmal habe ich eine solche Lust auf Sex, dass ich meine Zimmerpflanze vergewaltigen könnte.» Umgekehrt proportional zu ihren Chancen seien aber auch ihre Ansprüche an einen möglichen Partner gestiegen, sagt sie.
«Für die neuen Powerfrauen gibt es kein Verfalldatum mehr. Sie bleiben auch nach fünfzig sichtbar und markieren Präsenz. Mit ihrem massenhaften Eintritt in den dritten Lebensabschnitt werden zunehmend die coolen Seiten des Alterns entdeckt», schreibt Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut in Zürich.
Cool, der Eintritt in den dritten Lebensabschnitt? Heiss, wäre der passendere Ausdruck. Anita Furrer erzählt vom Schweiss, der ihr am Anfang des Klimakteriums in Strömen vom Körper floss, so dass sie sich nie mehr erlaubte, eine Bluse ohne schweisssaugendes T-Shirt darunter anzuziehen. Die Wechseljahre – die Menopause setzt bei Europäerinnen im Durchschnitt mit 52 ein – können, unterschiedlich ausgeprägt, Hitzewallungen, Brustschmerzen, Herzklopfen, Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Nervosität, Reizbarkeit, Müdigkeit und Unlustgefühle und depressive Verstimmungen mit sich bringen. Die lange Zeit dagegen propagierte Hormontherapie ist nach neueren Erkenntnissen als Präventionsmassnahme passé. Sie wird noch vor allem Frauen mit massiven Beschwerden über kurze Zeit verschrieben.
Die Wehwehchen sind nur der Anfang, und der Verfall kommt schleichend. Nach den Wechseljahren sterben mehr Frauen als Männer an Herzinfarkt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Prognose nach einem Herzinfarkt ist bei Frauen deutlich schlechter. Knochenschwund (Osteoporose), verbunden mit Brüchen, wird zu einer der häufigsten Erkrankungen. Frauen über fünfzig leiden ein Fünftel Mal mehr an Blasenschwäche als Männer und «tröpfeln». (Im höheren Alter kommt noch Stuhlinkontinenz hinzu.) Etwa achtzig Prozent der Brustkrebserkrankten sind Frauen über fünfzig. Rund ein Drittel der Frauen über fünfzig haben ein Defizit an Vitamin B12. Frauen über fünfzig sind am häufigsten vom Sjögren-Syndrom betroffen – Speicheldrüsen und Tränendrüsen sondern nicht mehr genügend Flüssigkeit ab, was zu Bindehautentzündung oder Hornhautbeschädigung führen kann. Eine Folge der versiegenden Hormonproduktion ist auch die verstärkte Neigung zur Alzheimer-Krankheit und zu anderen degenerativen Störungen der Gehirnfunktion und des Gehirnstoffwechsels. Etwas mehr Frauen als Männer erkranken an Alzheimer.
Vier der fünf befragten Frauen erwäh-nen Energieverlust und Schlafstörungen. Die Abende zu Hause werden häufiger. Eine leidet an permanenten Brustschmerzen. Eine musste wegen Depressionen und Rückenschmerzen ein halbes Jahr im Beruf aussetzen. Eine hat vom ständigen Schwitzen Rheuma bekommen. «Ich bin gereizt, kann nicht schlafen, sehe oft alles schwarz und gebe mir Mühe, dass meine Tochter nichts davon merkt, denn sie soll nicht mit einer ewig jammernden Mutter aufwachsen» (Silvia Widmer). «Eine Folge des Schwitzens waren Gelenkprobleme. Morgens konnte ich kaum aufstehen» (Anita Furrer).
Weder Fisch noch Vogel. Wechseljahre kommen wie eine Heuschreckenplage. Die Hormone schleudern manche Frauen von einer Stimmung in die andere. Sie sind wie in einer zweiten Pubertät, nur folgen darauf nicht das blühende Erwachen und die Fülle der Möglichkeiten. Überschäumend, dann wieder zu Tode betrübt. Die besten Jahre sind vorbei, sagt der Körper den Frauen, und die alten Bekannten sagen manchmal: «Ich habe dich gar nicht mehr erkannt», womit sie meinen: «Du bist aber alt geworden.» Zum Trost tun sich die Wechseljährigen ab und zu etwas Gutes, leisten sich eine Massage, eine Psycho- oder Craniosakraltherapie, einen Besuch bei der Kosmetikerin, die Zeit für ein gutes Buch oder für ein Klagestündchen mit Artverwandten. Die Alleinstehenden reden sich ein, Sonnenuntergänge anzustarren, sei gerade so schön mit Freundinnen wie mit einem Liebhaber, und leisten viel Organisationsarbeit, um Wochenenden unter ihresgleichen zu verbringen oder sonst wie beschäftigt zu sein.
Ein wenig Stolz darf sein
Im Beruf sind die Fotografin, die Lehrerin, die Physiotherapeutin, die Übersetzerin und die Physikerin ungefähr dort angekommen, wo sie sein wollten. Das haben sie mit Bravour geschafft. Dass sie gut sind im Beruf, wissen sie alle und wirken sehr selbstbewusst, wenn sie über ihre Arbeit reden. Dennoch sind auch hier Veränderungen festzustellen. Die Physiotherapeutin Erika Rohner: «Ich habe mich vom Jungblut zur langjährigsten Mitarbeiterin entwickelt. Das ist oft ein wenig kränkend. Man gehört plötzlich zu denen, die dem Alten nachhängen, das Gute am Bestehenden verteidigen. So kommt man sich vor wie die eigenen Eltern. Ich frage mich, ob ich immer unflexibler werde.» Die Lehrerin Anita Furrer: «Ich kann die Schüler nicht mehr gleich stark motivieren wie meine jungen Kolleginnen, die beispielsweise noch einen Teil der Musik kennen, die die Jungen hören. Es ist klar, dass sie bei den Schülern mehr Erfolg haben. Aber das stört mich eigentlich nicht. Es ist auch ein Vorteil, dass ich mich von der Arbeit etwas mehr distanzieren kann.»
Und was fehlte im Leben der Generation der erfolgreichen berufstätigen Frauen in den Fünfzigern? Die Übersetzerin Sonja Ramseier hat nach der Scheidung neben der Arbeit ihre zwei Kinder allein grossgezogen: «Das zehrte sehr an meinen Kräften. Ich habe mich überfordert.» Erika Rohner: «Die Kinderfrage. Viele warteten sehr lange, die einen schafften es noch im letzten Moment, die anderen nicht. Es ist schade, dass wir Selbstverwirklichung und Kinderhaben lange als Gegensatz sahen. In der DDR oder in einigen Drittweltländern gingen die Frauen viel unkomplizierter und unbesorgter damit um. Wir haben die Selbstverwirklichung – Beruf, Freizeit, Kreativität – zu stark gewichtet. Die jungen Frauen heute sind praktischer, nüchterner und pragmatischer dem Leben gegenüber. Sie packen nicht so viele Selbstverwirklichungsideale in die Berufswahl. Vielleicht sind sie auch etwas berechnender, als wir es waren.»
Manchmal träumt Erika Rohner davon, im Ausland noch ein ganz neues Projekt anzufangen. Doch alle fünf werden wohl bis zur Pensionierung am selben Arbeitsplatz bleiben. Sie sind finanziell abgesichert, eine völlige berufliche Neuorientierung hätte vor fünfzig passieren sollen, sagen sie sachlich. Materiell sind sie nicht auf einen Mann angewiesen. Sie setzen sich auch nicht mehr der sozialen Kontrolle aus wie ihre Mütter, die noch im hohen Alter um sieben Uhr aufstehen, damit die Nachbarn nicht denken, sie seien faul. Sie sind ein wenig stolz darauf, dass sie ein unkonventionelleres Leben lebten als ihre Mütter und das Terrain für die folgenden Frauengenerationen vorpflügten.
Sonja Ramseiers jüngste Tochter wird bald ausziehen. «Ich weiss nicht, ob ich dann Einsamkeitsgefühle habe. Ich nehme mir vor, Dinge zu tun oder zu verändern, und muss dann üben, bis es geht. Zugute kommt mir, dass ich mir immer Mühe gegeben habe, nicht zu klammern.»
Die Kinder ziehen aus, und die Pflegebedürftigkeit der Eltern nimmt zu, ihr hohes Alter und ihren Tod erleben viele Töchter aus der Nähe: wie die Eltern wieder zu Kindern werden, wie sich die Rollen verändern. «Die Nächsten sind wir», sagen sich die Töchter und machen sich plötzlich Gedanken über gute Pflegeheime, Alterswohngemeinschaften und die schönsten Todesarten. Die Zeit bis dahin wollen sie noch sinnvoll nutzen, an Tatendrang mangelt es ihnen schliesslich nicht. Und sie hoffen, dass mit sechzig die Gelassenheit einkehrt, von der die älteren Frauen oft sprechen. Oder dass es zumindest nicht noch schlimmer kommt.
GDI–Impuls 1.05: Generation Gold. Eine Publikation des Zürcher Gottlieb-Duttweiler-Instituts, Rüschlikon. Ca. 60 S., Fr. 25.–,
zu bestellen unter 044 724 61 11.
Die Namen der erwähnten Frauen wurden geändert.
Bei den abgebildeten Frauen handelt es sich um Models.
24.08.2005, Ausgabe 34/05
Frauen über 50
Mit dem Pudel schmusen
Frauen über fünfzig gehört die Zukunft, sagen die Trendforscher. Bloss: was für eine? Wer auf dem Sprung ins Seniorenalter schon die Gelenke spürt, denkt weniger an «Silber-Generation» als an Orangenhaut. Bekenntnisse aus der Grauzone – ohne Scham, mit Stolz.
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