Kaufzwang

Der Rasenmäher

Als Komiker und Entertainer ist Helge Schneider gross. Sonst fallen einem ältere Männer mit langen Haaren ja irgendwie auf die Nerven.

Von Mark van Huisseling

«‹Es kommt alles auf den ersten Satz an, der muss monumental sein›, hast du mal gesagt.» – «Ich hatte das aufs Buch bezogen.» – «Ich dachte, ich krieg jetzt einen monumentalen ersten Satz für den Artikel.» – «Zum Beispiel, pass auf: ‹Aschfahl klebte der Mond am Fenster.› Der haut rein. Oder ein anderes Buch fängt an: ‹Über dem Herd ist eine kleine Lampe angebracht›, Komma, ‹darum schwirren Wespen›, Komma, ‹viele›, Punkt. Ha, das sind Sätze.» – «Ich hab auch einen: ‹Die Hitzewelle rollte in das Dorf wie eine Motorradbande.›» – «Ja, aber der ist doch sehr holprig.» – «Wo holpert er?» – «Kann ich dir sagen: ‹Die Hitzewelle rollte›, also das ist mir so ’n bisschen zu schwach...» – «Okay, ‹donnerte›.» –«‹Donnerte›, na gut. Und dann ‹wie eine Motorradbande›, ich stell mir so ’n paar Jungskes vor, mit Stirnbändern, auf so kleinen Suzukis...» – «Nein, so Marlon-Brando-‹The Wild One›-mässig – Triumph-Maschinen, schweres Leder...» – «War das jetzt dein Satz? Weiter.» – «Hast du einen monumentalen ersten Satz nicht von dir, sondern aus der Literatur?» – «Ne, fällt mir nichts ein.» – «Ich hab einen: ‹Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.›» – «Der ist gut. Von dem Roman ‹Lolita›? Kaum zu toppen.»

Aschfahl klebt die Mähne am Kopf

Er empfängt in Mülheim an der Ruhr, wo er lebt, von Geburt an. (Sehr lässig, das geb ich ihm – wer was will, muss zu ihm kommen ins Hotel «Handelshof», 23 Kilometer weit weg vom Flughafen Düsseldorf.) «‹Dichtung, eine grosse Welt verdichtet in drei Sätzen, das ist eigentlich, was ich mache›, hast du mal gesagt.» – «Ja, oder ‹machen will›. Gelingt ja nicht immer, ne?» – «Eben. Verdichtest du darum eine kleine Welt für mich, in einem Satz?» – «Öh, der ‹Handelshof› ist ein in der ständigen Sanierung befindliches Hotel, in dem man sich wohl fühlen muss, weil es das erste Haus am Platz ist.›» Er muss sich wohl fühlen – er hat die nackten Füsse aus den Clogs gezogen und die Beine in den hochgeschlagenen Jeans auf den Stuhl gelegt neben mich. (Mariah Carey machte das auch, ihre Beine waren aber frisch gewachst, und bestimmt kostete ihre Pediküre so viel wie die letzte Sanierung des «Handelshofs».) Ich mein, es geht ja zu Herzen, wenn ein älterer Mann sich zwanglos findet und seinen Körper mag. Aber er tut das ein bisschen zu nachdrücklich (aschfahl klebte die schulterlange Mähne am Kopf) – wenn er sich nicht einkriegt, ist er in zehn Jahren so weit wie Andreas Vollenweider.

«Einer hat dich mal gefragt: ‹Ist es anstrengend, immer lustig sein zu müssen?› – ‹Nein, ich bin einfach lustig›, hast du gesagt.» (Wie Roberto Blanco, nebenbei.) «Glaub ich aber nicht, niemand ist immer lustig.» – «Ne, aber wenn ich auf die Bühne geh, bin ich deshalb lustig, weil ich meine Arbeit gerne mache. Weil, wenn ich nicht lustig wäre, dann würd ich nicht auf die Bühne gehen.» – «Roberto Blanco sagte, er weine manchmal in der Garderobe, dann gehe er auf die Bühne und reisse sich zusammen.» – «Ich kann sehr traurig sein, mit einem traurigen Gefühl auf die Bühne kommen, und dann muss ich mich nicht verstellen, um lustig zu sein. Da werd ich automatisch lustig.»

Sein Manager tritt ins Zimmer. (Auch so einer um die fünfzig mit langen Haaren, weit offenem Hemd, Sandalen.) Er geht zu dem Manager. «Hab ich noch viele?» – «Einige.» – «Wie viele?» – «So sechs, ungefähr.» – «Ich muss noch meinen Rasen mähen...» Wenn er das nicht vor mir gesagt hätte, hätt ich das cool gefunden – weil ich ihm eigentlich glaube, dass Rasenmähen vor Interviews-Geben geht für ihn. Aber so hat es was Erkünsteltes. (Wie als Tyler Brûlé so tat, als halte er gerade eine Telefonkonferenz ab mit Teilnehmern auf anderen Erdteilen, als ich in seine Werbeagentur kam, wo er alleine rumsass.) Nachdem er wieder Platz genommen hat, riecht er an seiner Hand: «Bah, der hat immer Rasierwasser an der Hand, wäh.» – «Du bist ein Herrenparfumablehner?» – «Ja.» – «Was ist schlecht dran, wenn ein Mann gut riecht?» – «Es riecht ja nicht gut, ausser 4711 bei Omas.» – «Wonach riecht ein Mann, wenn er gut riecht?» – «Nach Erde, Dung, Pferdemist, Trecker, Hochofen, Gras, Maschinenöl...» – «Du bist schon beim Rasenmähen gedanklich.» – «Mhm.» (Er ist nicht anmassend, glaub ich, aber über Witze eines Journalisten lacht auch er nicht. Wie alle anderen, die ich interviewt hab. Denn das würde die Rangfolge verdrehen.)

«Stimmt es, dass man sehr gescheit sein muss, um Nonsense machen zu können?» – «Man hat auch schon gesagt, ich sei ja nicht recht gescheit.» – «Aber du hast doch IQ 149 angeblich.» – «Hab ich erfunden. Aber ich bin schon recht gescheit.»

Helge Schneiders Lieblingsrestaurant:
Don Peppino, Leineweber Strasse 32, Mülheim an der Ruhr,
Telefon +49 208 30 15 99 80

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben