Zu Fuss

Brahms und ich

Von Thomas Widmer

Einziger Programmpunkt des Tages: Ich will den Berg niederringen, demütigen, bodigen, der sich da in arroganter Steilheit vor mir aufbaut. Denken nur Männer, wenn’s ums Wandern geht, so kompetitiv? Ich überlasse die Erörterung der Frage gern der guten alten Genderforschung. Aber tatsächlich fixiere ich mich, als ich morgens um acht starte, fanatisch wie ein Konquistador auf mein Ziel: Ich muss, ich werde die grüne Hölle in meinem Angesicht meistern. Zwischen mir und dem Gipfel des Niesen liegen 1700 Höhenmeter.

Mit welchem Gedanken ich nach Querung des unweit von Spiez hübsch gelegenen Dorfes Wimmis kühn in den Wald der Flanke des Niesen eintauche. In dessen Namen steckt «Yesen», gleich gelber Enzian, dessen bitter schmeckende Wurzeln in früheren Zeiten als Heilmittel dienten, gegen Fieber etwa. Auf gutem Weg geht es einem bösen Tobel entlang aufwärts, aufwärts, aufwärts. Bald sehe ich zum Stockhorn hinüber und ins Simmental hinein, ich fühle mich wie ein Adler. Knapp Halbzeit ist auf der Alp Vorder Ahorni, einer wunderbar zum Thunersee gerichteten waldfreien Fläche. Hier grast eine riesige Alpakaherde. Stets ein, zwei Meter Abstand haltend, gaffen mir die kurios proportionierten Kameliden gebannt zu, wie ich auf einem Bänkli mein Znünibrot mampfe, irgendwie scheinen sie spöttisch zu grinsen. Weiter oben hängt an einem Zaun das Plakat: «Hallo, ich bin Otto, der mit der weissen Stirnfranse. Ihr müsst keine Angst haben. Mit einem Stock kann man mich verjagen.»

Hat Otto Stich weisse Haare, sinniere ich vor dem Plakat. Nein, ich glaube nicht. Und weiter geht es brutal aufwärts. Ich schwitze schwer, tröste mich aber damit, dass andere vor mir litten. Auch der Komponist Johannes Brahms klagte über die Strapazen, nachdem er 1886 auf den Niesen gegangen war. Dafür gilt dieser als einer der schönsten Berge schweizweit und präsentiert sich von weitem als perfekte Pyramide. Aus der Nähe ist die Topografie komplizierter, realisiere ich, als ich den Gipfel endlich erblicke. Der mir noch bleibende Weg läuft sich erstaunlich easy. Als ich dann beim neuen Gipfelrestaurant ankomme, einem langen Glaskörper, der auf einer Holzplattform schwebt, bin ich sehr zufrieden mit mir. Der Niesen, 2362 Meter, ist bezwungen.

Anreise: mit der Bahn von Spiez nach Wimmis.
Rückreise: mit der Standseilbahn vom Gipfel hinunter
nach Mülenen und mit der Bahn retour nach Spiez.
Karte: Wanderkarte als PDF

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben