Sachbuch

Habemus filios

Heilige Väter liessen sich von Frauen nicht nur beraten, sondern auch Kinder schenken. Autor Alois Uhl klärt auf.

Von Rolf Holenstein

Wer über Päpste und Frauen schreibt, kommt nicht um den Heiligen Vater mit den meisten Geliebten und der grössten Kinderschar herum. Deshalb ist Alexander VI. eine prominente Erscheinung in Alois Uhls neuem Buch «Die Päpste und die Frauen».

Alexander VI. gilt als das Monster auf dem Heiligen Stuhl. Er sei hochtalentiert gewesen, ein Verwaltungsgenie, aber auch ein Karrierist, ein Giftmischer, ein Mörder und ein Lustmolch, der im Vatikan Sexorgien veranstaltete, wie sein Untergebener, der päpstliche Zeremonienmeister Burkhard, behauptet.

Die Forschung hat Burkhard längst als fanatisierten Lügner entlarvt und in die Phalanx der hassgesteuerten Anti-Borgia-Publizisten eingereiht, deren Hochkonjunktur in dem Moment beginnt, als Alexanders alter Todfeind, Giuliano della Rovere, als Papst Julius II. den Heiligen Stuhl besteigt und fortan alles tut, um seinen Vorgänger moralisch zu vernichten.
Uhl hält sich an den Forschungsstand und widersteht der Versuchung, die nach wie vor populäre alte Sex-and-Crime-Story zu kolportieren. «Wenn man Alexander eingruppiert in die Reihe der Renaissancepäpste», fasste er in seinem 2003 erschienenen Buch «Papstkinder» die wissenschaftliche Diskussion zusammen, «fällt er beileibe nicht durch besonders schlimme Taten auf.» Zwar hatte er bedenkliche Untugenden, förderte seinen Clan ohne jede Hemmung, schreckte auch nicht davor zurück, den Bruder von Giulia Farnese, seiner Geliebten, zum Kardinal zu machen.

Daneben hat er, genau wie seine Tochter Lucrezia, ein paar Aktivposten vorzuweisen, die früher kaum Beachtung fanden, heute für das historische Urteil aber von Bedeutung sind. Das Asyl, das der Papst 1492 den aus Spanien vertriebenen Juden gewährte, wodurch er einen schweren Konflikt mit der Grossmacht Spanien in Kauf nahm, gehört ebenso dazu wie der Schutz, den Lucrezia den Juden in Ferrara gab, nachdem sie dort Herzogin geworden war.
Mit den acht Kindern, die Rodrigo Borgia als Kardinal, und den zwei weiteren, die er nach seiner Wahl zum Heiligen Vater im Jahr 1492 gezeugt hat, gehört Alexander VI. zu den nicht weniger als dreizehn Päpsten, die im 15. und 16. Jahrhundert sicher oder wahrscheinlich Nachwuchs hatten. Fünf von ihnen anerkannten ihre Kinder, insgesamt elf Söhne und neun Töchter, die alle als Papstkinder öffentlich in Erscheinung traten, mit grösster Selbstverständlichkeit, wenn auch nicht mit dem monumentalen Selbstbewusstsein und der Strahlkraft von Lucrezia Borgia, der berühmtesten Frauengestalt der Renaissance, die sich gelegentlich gar als offizielle Stellvertreterin des Papstes zeigte, wenn der Amtsinhaber auf Reisen war.

Diese Öffentlichkeit ist das Faszinierend-Charakteristische an der Sache und zugleich der Grund dafür, dass die Renaissancepäpste später unnachsichtig verdammt wurden. Das macht Uhl nicht. In seinen «Papstkindern» stellte er der Epoche Alexanders ein paar verblüffend einfache Fragen. Wie handelten die Päpste in ihrer Rolle als Väter? Wie wirkte sich die Doppelrolle als Heiliger Vater und leiblicher Vater aus? Inwiefern bestimmte sie die Politik des Heiligen Stuhls?

In Uhls neuestem Werk ist die Fragestellung deutlich verändert, weil aber beim Thema Papst und Frauen die Renaissance «die spannendste Zeit» (Uhl) ist, müssen Papst Alexander, seine Tochter Lucrezia, seine Geliebte Giulia Farnese und andere notgedrungen noch einmal auftreten, nicht immer zu ihrem Vorteil. Uhl verfuhr in den «Papstkindern» strenger, wissenschaftlicher mit ihnen. Jetzt weiss er ganz genau, was Alexander denkt, wenn seine Geliebte ihr Mieder zuschnürt, nämlich: «Die Schönheit ihrer makellosen Gestalt bleibt ihm tief eingeprägt und wird seine Träume erfüllen.» Passagen dieser Art, in denen der Autor das Genre wechselt und in die Diktion des historischen Romans verfällt, sind die Schwachstellen einer über weite Strecken überzeugenden Arbeit.

Über die Grenzen

Papst und Frauen, das ist ein weites Feld. Bei Uhl reicht es von Leo dem Grossen (440– 461) und der mit ihm auf Augenhöhe verkehrenden byzantinischen Herrscherin Pulcheria über die Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179) bis zu Mutter Teresa, Uta Ranke-Heinemann und Papst Benedikt XVI.

Auf der anderen Seite ist Uhls Thema auch ein enges Feld: Welche Einsichten soll die Beschäftigung mit Mann-Frau-Beziehungen liefern, wenn der eine Pol, der Papst, eine Institution repräsentiert, die jahrhundertelang die Frau als Wesen definierte, «das des Mannes Eigenschaften in mangelhafter Form besitzt» (Thomas von Aquin, 1225–1274) und wegen dieses «defectus naturae» die Priesterweihe nicht empfangen kann? Eine Institution überdies, die diese Definition – aber so scharf formuliert Uhl das nicht – bis heute nicht so absolut und so vollständig verabschiedet hat, dass sie den Frauen völlig gleichberechtigten Zutritt zu allen kirchlichen Ämtern zugestehen würde?

Erkenntnisfördernd sind Grenzüberschreitungen, Situationen, in denen die Welt für einen Augenblick aus den Fugen gerät, weil Frauen den vorgegebenen Rahmen sprengen und Päpste dies tolerieren, gezwungen oder freiwillig, manchmal sogar fördern und forcieren.

In Uhls Panoptikum der Grenzüberschreitungen gibt es die Erfolgreichen und natürlich auch die Gescheiterten, die im besten Fall zu späterer Zeit Recht bekommen. Zu den Ersteren gehört die Markgräfin Mathilde von Tuszien, Herrin von Canossa (1046–1115), die sich im Ringen zwischen Papst und Kaiser um die Weltherrschaft resolut an die Seite Papst Gregors VII. stellte und ihn dann trotzdem am entscheidenden Schlag gegen Heinrich IV. hinderte, indem sie ihn dazu zwang, auf dessen Absetzung zu verzichten und die Demutsgeste des königlichen Büssers zu akzeptieren, der am 28. Januar 1077 auf der Burg Canossa mit ausgebreiteten Armen vor ihm auf dem Boden lag.

Die Engländerin Maria Ward zählt zu den Gescheiterten. Sie entwickelte revolutionäre Ideen für eine neue Mädchenerziehung, konnte während einiger Jahre auch hoffen, den Papst und die Kurie zu überzeugen, wurde dann aber von der Inquisition überwacht, 1631 verhaftet und als Häretikerin gebrandmarkt. Papst Pius X. rehabilitiert sie 1909.

O Wehen

Die radikalste Grenzüberschreitung liegt vor, wenn Papst und Frau zusammenfallen wie bei der Päpstin Johanna. Laut der Papst- und Kaiserchronik des polnischen Dominikaners Martin von Troppau wurde sie im Jahr 855 als Johannes Anglicus zum Papst gewählt und im Amt von einem Vertrauten geschwängert. Auf dem Weg zum Lateran überraschten sie dann die Wehen, und nachdem so das Geheimnis ihres Geschlechts gelüftet war, starb sie zwischen Kolosseum und Clemenskirche, an der gleichen Stelle, an der sie ihr Kind zur Welt brachte.

Die Päpstin Johanna ist für die Wissenschaft eine Legendengestalt, Uhl teilt diese Auffassung. Doch er hält die Frage nach der historischen Wirklichkeit für zweitrangig. Entschei- dend ist für ihn die Tatsache, dass sich die Geschichte der Päpstin Johanna bis heute so hartnäckig behauptet: «Man geht nicht fehl, in der Päpstin eine Wunsch-Gestalt zu sehen, die in der Zeit emanzipierter Frauen besondere Beachtung findet.» Da könnte er Recht haben. Der Erfolg von Donna Cross’ historischem Roman «Die Päpstin» aus dem Jahr 1996 jedenfalls spricht dafür.

Anders sieht die Realität aus. «Wer kann sich vorstellen», zitiert Uhl den im vergangenen Frühjahr verstorbenen populären Papst Johannes Paul II., «welch grosse Vorteile sich für die Seelsorge ergeben werden, welch neue Schönheit das Antlitz der Kirche gewinnen wird, wenn der Genius der Frau in den verschiedenen Bereichen ihres Lebens voll zum Tragen kommen wird?» Was Johannes Paul in dieser Hinsicht konkret geleistet hat, ist bekannt.
Grenzüberschreitungen haben die Frauen vorangebracht. Am wenigsten allerdings in der katholischen Kirche.

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