Das ist politisch nicht durchsetzbar - Sagen Politiker, wenn eine Idee Chancen auf Verwirklichung hätte, für die sie sich nicht engagieren mögen. Weil Politiker sich generell nicht unbeliebt machen wollen, schieben sie in solchen Situationen den Sachzwang der Nichtdurchsetzbarkeit vor. Faul, aber wirkungsvoll.
Ich gehe davon aus, dass... - Man hatte gehofft, dass die Blähsilbenfolge aus der deutschen Berufspolitik nicht über die Grenze schwappt. Doch sie hat es locker geschafft.
Das ist letztlich eine Frage des gegenseitigen Respektes - Diskussions-Tranquilizer. Wird in der Schweiz, dem Mutterland des Konsenses und der Kollegialität, flächendeckend eingesetzt. Wir halten mit Salman Rushdie dagegen: «Die Menschen haben ein grundlegendes Recht, Argumentationen so weit zu treiben, dass sie andere Menschen beleidigen.»
Nötig ist jetzt zuerst eine Gesamtschau - Heisst: Das Problem wird bis auf weiteres nicht angegangen. Und man muss mit dem Missstand leben lernen. Für immer. Denn die Erstellung einer Gesamtschau, das ist ja ihr Sinn, dauert in der Regel endlos.
Wir müssen wieder sachlicher werden - Zwei Wochen später jammern dieselben Leute garantiert, wir hätten keine richtige Streitkultur.
Wir dürfen den Solidaritätsgedanken nicht opfern - Heisst: Wir müssen für die anderen zahlen. Auch dort, wo gar nicht so klar ist, ob die anderen nicht eventuell mehr haben als wir selber. Beispiel AHV: Eigentlich sind heutzutage viele Junge schlechter gestellt als manch ein Senior, der dank praktizierter Generationensolidarität Tag für Tag seine Ausflüglein nach nah und fern absolviert.
Wir dürfen nicht pauschalisieren - Achtung, Dekonstrukteure und Zerreder am Werk. Wenn es bloss Einzelfälle gibt und somit verallgemeinernde Aussagen stets falsch sind, stirbt jede Diskussion ab. Vor allem Freunde des interkulturellen Dialogs mögen das Argument. «Den Islam» gebe es nicht, sagen sie zum Beispiel, sondern es gebe eine unendliche Vielzahl von Islamvarianten. Wer wollte da noch Osama Bin Laden kritisieren? Die Phrase lähmt so zuverlässig wie das Pfeilgift Curare.
Wir müssen mit allen Eventualitäten rechnen - Dieser Satz signalisiert eine Kostenexplosion (Erfahrungswert aus dem Tunnelbau).
Die Nachhaltigkeit ist in diesem Fall ganz entscheidend - Nachhaltig hält sich das Modewort der letzten Jahre. Wie bescheiden dagegen die Dialektversion klingt: Es mues verhebe!
Das ist im Interesse des Landes - Vielleicht. Das Problem ist nur: Jeder will ein anderes Land. Und das Land kann sich gegen seine Instrumentalisierung nicht wehren. Höchstens – siehe nächstes Stichwort – das Volk.
Das soll das Volk entscheiden - Laut den Leistungsträgern der SVP liefert stets der Souverän die letzte Wahrheit. Geht eine Abstimmung dann nicht im Sinne der SVP aus, sieht die Volkspartei verführerische Eliten am Werk, die die Abstimmenden unter Einsatz von viel Geld getäuscht haben. Letztlich ist das «Volk» ein ebenso mystischer Handlungsträger wie Rousseaus wabernde «volonté générale». Généralement gilt ohnehin: Da die Mehrheit weder abstimmt noch wählt, bleibt unklar, was das Volk will.
Wir wollen gleich lange Spiesse - Fordern Interessenvertreter aus der ständigen Angst, zu kurz zu kommen. Dabei zeigt das Beispiel Winkelried: Der wahrhaft Mutige gewinnt auch ohne Spiess.
Die Partei steht geschlossen hinter dem Vorschlag - Hoch lebe der bolschewistische Geist. Die heroisch daherkommende Geschlossenheit bedeutet allerdings häufig, dass 49 Prozent der Parteimitglieder den Mund halten müssen.
Besser präventiv agieren als hinterher reagieren - Der Grundsatz stopft Hunderte hungrige Beamtenmäuler. «Vorbeugen kommt letztlich billiger» ist insofern eine der teuersten Phrasen überhaupt. Schutzpatron der Präventionistensekte: Sankt Zeltner vom Bundesamt für Gesundheit.
Es braucht wieder mehr Eigenverantwortung - Übersetzt: Liebe Kellner, Bauarbeiter und Migros-Kassierinnen, schaut gefälligst selber, wie ihr mit 3000 Franken euch und eure drei Kinder über die Runden bringt.
Für mich besteht da kein Widerspruch - Triumph der reinen Subjektivität. Sagen am allerliebsten Bauernpolitiker à la SVP-Nationalrat Josef Kunz, wenn sie wider die hehren antietatistischen Satzungen ihrer Partei mehr Bürokratie fordern, um ihre landwirtschaftlichen Pfründen zu verwalten.
Wir dürfen diese Menschen nicht ausgrenzen - Müffelt leicht nach evangelischem Seminarhotel, nimmt den potenziellen Ausgrenzer aber wirkungsvoll in den moralischen Schwitzkasten. Schliesslich geht es nicht bloss um «Leute», sondern humanistisch um «Menschen». Allerdings spöttelte ein amerikanischer Komiker einmal (und umriss damit die Grenzen menschheitlicher Solidarität): «Jede Minute wird ein Vollidiot geboren.»
Das Problem ist der Vollzug - Funktioniert etwas nicht, liegt es eigentlich immer am Vollzug. Vielleicht würde man Gesetze besser so formulieren, dass sie vollzogen werden können. Oder handelt es sich bloss um einen Versuch, die Verantwortung abzuschieben? Dann wären weder Gesetz noch Vollzug das Problem, sondern der – fehlende – Wille zum Vollzug.
Das sollten wir ernst nehmen - Ein herrlich getragener Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Selbstredend bindet das Kollektivwörtchen «wir», das mit bemerkenswert vielen Phrasen organische Verbindungen eingeht, alle in die gemeinsame moralische Aufgabe ein.
Man will uns einen Maulkorb verpassen - Shootingstar unter den Phrasen. Wie mutig das immer klingt – das darin mitschwingende Widerstandspathos erinnert an den demonstrativen Willen der 68er zum «aufrechten Gang». Heutzutage stilisiert sich jeder zweite SVPler zum Zensuropfer: die Diktatur von links kontrolliere alles und alle.
Das ist von zentraler Bedeutung - Von dezentraler Bedeutung ist trotz Föderalismus selten etwas.
Der Beitritt ist heute kein Thema - Politisches Mantra. Kraft seiner Dauerrepetition haben inzwischen selbst die glühendsten EU-Befürworter vergessen: Der Beitritt war wirklich einmal ein Thema.
Jetzt müssen auch die Betroffenen mit einbezogen werden - Also beinharte Politprofis, Aktivisten von Greenpeace oder Funktionäre der Gabi-Petri-Fraktion des VCS.
Das Ergebnis verpflichtet uns... - So verstecken Abstimmungssieger ihr Triumphgefühl hinter der Bürde des Amtes. Und tatsächlich, was wäre denn sympathischer als ein Sklave der Pflicht?
Wir brauchen jetzt eine Auslegeordnung - Zwilling von «Nötig ist jetzt zuerst eine Gesamtschau». Die Bänke im Bundeshaus, auf die man das Problem somit schiebt, können unendlich lang sein.
Sie dürfen nicht vergessen, er ist ein klassischer Interessenvertreter - Sagen Politiker in der «Arena» gern über andere Politiker, wenn ihnen infolge eines kurzen Aussetzers entfällt, dass sie selber auch Interessenvertreter sind. Genau deswegen hat man sie gewählt.
Das ist nicht nur eine Floskel - Darauf folgt garantiert eine.
Das Problem wird überschätzt - Sagen Politiker in Notwehr, wenn sie ein Problem verschlafen haben. Richtig ist der Satz nur, wenn er die Antwort ist auf: Das Problem wird unterschätzt.
Das Problem wird unterschätzt- Selten gebraucht, weil in der Mediengesellschaft selten ein Problem unterschätzt wird. Den Satz brauchen politische Hinterbänkler, die mit einem politischen Hinterbänklerthema Aufmerksamkeit erlangen wollen. Er klingt nach Weitsicht und strategischem Denken, provoziert aber meistens nur die einzig korrekte Antwort: Das Problem wird überschätzt.
Das ist eine Frage, die sich so nicht stellt- Zeugt von der tiefen Unfähigkeit respektive vom prinzipiellen Unwillen, eine Frage zu beantworten.
Ich bin gerne bereit, darüber zu reden - Satz von Politikern, die in Rhetorikkursen gelernt haben, auch bei undiskutabel Jenseitigem stets den Diskussionsbereiten zu mimen.
Dieser Problematik müssen wir gerecht werden - So reden Leute, die den hinterletzten Ausnahmefall gesetzlich regeln wollen. Hat man einmal mit dem Gerechtwerden angefangen, wird man nie mehr damit fertig. Apropos «Problematik»: Wo bitte ist der semantische Mehrwert zum «Problem»?
Das Problem ist erkannt - Heisst: Es ist zu spät.
So wird der Staat noch mehr ausgehöhlt - Inflationär gebrauchte und dadurch ausgehöhlte Phrase. So oft, wie der Staat in den letzten Jahren schon ausgehöhlt worden ist, müssten wir alle längst unter der Autobahnbrücke leben. Die zwei Schwesternphrasen sind «Der Staat wird zu Tode gespart» und «Wir sparen uns kaputt».
Wir müssen eine tragfähige Lösung finden - Motto der nationalen Show «Die Schweiz sucht den Superkonsens». Oft wäre die tragfähige Lösung bereits da, hätte sich der Phrasendrescher nicht ideologisch einbetoniert.
Im Interesse einer gerechteren, friedlicheren und gesünderen Welt... - Wer nicht glaubt, dass Politiker 2005 noch so altbacken daherreden, schaue sich die Homepage der grünen Luzerner Nationalrätin Cécile Bühlmann an. Interessant die Koppelung der Begriffe: Ist die Kombination einer friedlichen und doch total ungesunden Welt undenkbar?
Ich finde dieses Ergebnis beschämend für unser Land - XXL-Moralkeule, die Schuldgefühleinredner vorzugsweise an Abstimmungsabenden schwingen.
Sie und Ihre Partei vergiften systematisch das politische Klima im Land! - Vorwurf an den, der unter Missachtung des freundeidgenössischen Schonklimas vom Leder zog. Muss man aus jedem Poltergeist gleich einen Brunnenvergifter machen, also ein Feindbild aus dem Mittelalter heranziehen?
Es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, um Personalfragen zu diskutieren - Sagen Politiker immer dann, wenn sie wirklich etwas ausgefressen haben und mit Rücktrittsforderungen konfrontiert sind.
Das wird zu einer gesellschaftlichen Verhärtung führen - Warner, Mahner, Apokalyptiker halluzinieren das Land bereits als neoliberales Kühlhaus, wenn im Sinne von mehr Sicherheit ein neues Gesetz erlassen wird.
Im Interesse der nachfolgenden Generation müssen wir... - ...die eigenen Interessen als Gemeinwohl verkaufen.
Diese Politik ist menschenverachtend - Obwohl das altgediente Adjektiv sich eigentlich ausschliesslich auf Völkermord und ähnlich Monströses beziehen sollte, wurde es unlängst auf die Kürzung von 116 Stellen im Justiz- und Polizeidepartement angewendet – was nicht von der terminologischen Innovationskraft der Gewerkschaften zeugt. Vor Wochen mussten sich im Übrigen die Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO) von einigen Vegetariern vorhalten lassen, ihre neue Werbekampagne sei «tierverachtend». Die Schuld der VZO besteht darin, dass man auf einem ersten Plakat eine Bäuerin an der Bushaltestelle sieht, die ein Ferkel im Arm hält; das zweite Bild zeigt die gleiche Frau auf der Rückreise, diesmal mit einem Wurstkranz um den Hals. Natürlich gehört es zur modernen Büsserkultur, dass sich die VZO umgehend für ihr Vergehen entschuldigten.
Auf dem Buckel der Schwächsten - Quasimodo darf nicht sterben.
Ich bin mir immer selber treu geblieben - Eventuell schade. Denn es könnte ja sein, dass die Person, die das sagt, sich dringend verändern müsste. «Ich bin mir selbst treu geblieben», lobte sich auch schon Bundesrat Joseph Deiss.
Es braucht Reformen im Rahmen eines umfassenden Konzepts - Ja, ja. Und bevor die Reformen in Angriff genommen werden, braucht es eine «Auslegeordnung» bzw. «Gesamtschau». Ein bewährter Killer unliebsamer Erneuerungspläne. Denn Reformen im Rahmen umfassender Konzepte kommen in der Politik fast so selten vor wie Harmonie im Bundesrat.
Wir haben eine gemeinsame Verantwortung - Schreckensszenario: Womöglich vermiest uns bald eine Allparteienkoalition von Schwaflern die Zukunft.
Es gibt immer mehr Arme in diesem Land - Das glaubt man eigentlich nur so lange, bis man in der «Tagesschau» wirklich arme Leute – pardon: Menschen – aus Afrika oder Asien sieht. In der «Arena» wirkt der Satz dennoch einschüchternd. Je nach taktischem Bedürfnis kann man «Arme» ersetzen durch das soziologisierende «Working Poor».
Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen - Klassiker. Meist spricht ihn der Vertreter jener Seite aus, die von einem ausgeklügelten Finanzumschichtungsgesetz profitiert. Lustig wird es, wenn es jener Politiker sagt, der am dicksten ist.
Wir sind uns einig, dass die Probleme gravierend sind - Der grösste gemeinsame Nenner in der Politik. Gern wird nachgeschoben: «Schliesslich haben wir eine gemeinsame Verantwortung.»
Jeder Mensch hat das Recht auf... - Satzbeginn mit Kostenfolge. Alle wollen sie ihre Rechte haben: Alleinerziehende, Kinder, Legastheniker, Armutsbetroffene, Osteoporosekranke, Schleudertraumatiker, Tinnitusbefallene, Katzenhalter. Sogar Männer haben Rechte.
Jetzt brauchen wir eine aktive Wirtschaftsförderung - Auch ein Klassiker, den Scheinaktivisten zum Besten geben. Kostet Geld, fördert nichts.
Das ist pure Angstmacherei - Angstmacherei gehört so fatal zum politischen Geschäft wie Sven Epiney ins Schweizer Fernsehen.
Wir müssen das jetzt knallhart analysieren - Sagt der Abstimmungsverlierer in der TV-Elefantenrunde am Sonntagabend. «Jetzt» heisst so viel wie: «vielleicht morgen, eher in den nächsten Tagen, wahrscheinlich nie». Würde der Verlierer wirklich sofort mit der Analyse loslegen, müsste er womöglich per sofort zurücktreten.
Das Gespräch fand in einer offenen und konstruktiven Atmosphäre statt - Alle sprachen, keiner hörte zu. Und niemand war gewillt, sich auch nur um einen atmosphärischen Hauch von seiner Position wegzubewegen.
Wir dürfen uns keine Illusionen machen - Fieseste aller Politikerphrasen. Denn es sind die Politiker, die dem Volk Illusionen verkaufen und es damit mittel- bis langfristig desillusionieren. Das Dilemma zeigt sich derzeit im deutschen Wahlkampf: Wer ehrlich ist, wird nicht gewählt, wer unehrlich ist, schon eher. Darüber dürfen sich die Politiker keine Illusionen machen.
Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht - Mit Betonung auf dem «Wir» auszusprechen. Geistiger Rückfall auf die Schulbank. Und ein beliebtes Selbstlob quer durch alle Parteien.
Das wird sich ganz markant auswirken - Wer das sagt, ahnt, dass die feststellbaren Veränderungen bestenfalls im Promillebereich liegen werden. Wobei sich das beispielsweise bei CVP-Nationalrat Filippo Lombardi tatsächlich markant auswirken würde.
Das ist letztlich keine Frage des Geldes, sondern des politischen Willens - Auf diesem rhetorischen Trampelpfad flüchten linke Politiker, wenn die Gegenseite Budgetzwänge auffährt. Das Reich der reinen Politik, in der herrschaftsfrei und unabhängig vom Geld Ideen diskutiert und realisiert werden, ist eine Traumprovinz.
Sie verkennen die wirtschaftliche Realität - Gegenphrase von rechts. Der Satz stellt all jene kalt, die sich die Frage erlauben, ob die Menschen für die Wirtschaft da sind oder die Wirtschaft für die Menschen.
Wir werden das in den nächsten Tagen in der Partei intensiv diskutieren - Absicht: Zeit gewinnen. Wird als rettender Satz gebraucht, wenn ein Politiker im ersten Wahlgang nicht nur das absolute Mehr verfehlt, sondern so vernichtend abgeschnitten hat, dass er sich sofort zurückziehen müsste, was er aber partout nicht will. Zum Wesen eines Politikers gehört nun einmal, Niederlagen nicht einzugestehen.
Jetzt ist eine Phase des Nachdenkens, des Erklärens und der Debatte nötig - So sprach, nach dem Nein der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung, EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker. Wenn die Verfassung abgelehnt wird, versteckt sich dahinter offenbar ein Mangel an Analyse und Erkenntnis, weswegen den Europäern ein Nachsitzen verordnet wird.
Wir brauchen wieder Visionen - Und wie! Neue Visionen bringen neue Phrasen. Und davon lebt die Politik.
27.07.2005, Ausgabe 30/05
Wir brauchen Visionen
Was sie nicht sagen
Politiker reden oft und gern und am liebsten in Floskeln. Aber was meinen sie mit Auslegeordnung, Handlungsbedarf oder gar Visionen? «Das ist eine Frage, die sich so nicht stellt», würden sie antworten. Weil das Gegenteil der Fall ist: ein Glossar der politischen Phrasen.
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