Diät, halb so schwer

Viel leicht

Was essen, wenn man schwer an sich trägt? Ein Schweinskotelett macht erstaunlicherweise ebenso schlank wie ein trockenes Brötchen. Weil sich die Ratschläge der Experten die Waage halten, zur Vorspeise erst einmal dies: Lesefutter.

Von Christian Seiler und Markus Roost (Illustrationen)

Kann ja sein, dass Sie über das Thema «Diät» gar nichts wissen wollen, ausser: welche wirkt. Deshalb gleich zum Start die Kurzfassung dieses Artikels: Weniger essen und mehr bewegen ist nicht ganz falsch. Zusätzlich werde ich mir erlauben, Ihnen aus der Sicht des guttrainierten Essers und Trinkers Erfahrungen und Ergänzungen zum Spektrum der herkömmlichen Diäten zu übermitteln.

Ich bin, was Diäten betrifft, altmodisch. Abnehmen, so lautet die Information auf meinem protestantischen Gen, hat qualvoll stattzufinden. Schliesslich ist das zu beseitigende Übergewicht kein Zufallsprodukt, sondern die Sichtbarmachung der unprotestantischen Ethik. Menüs mit zu vielen Gängen, mehr als ausreichender Weinbegleitung, aber auch die Erfindung der Lindt-Praline und des Schlussbiers schlagen sich zuerst aufs Gewicht und spätestens dann aufs Wohlbefinden, wenn man aus geliebten Kleidungsstücken herauswächst. Ich lief zum Beispiel eine ganze Saison unter seelischen Schmerzen in 38/34er-Levi’s-Jeans herum, weil mir meine massgeschneiderten Sommeranzüge, die etwa der Jeansgrösse 34/34 entsprechen, nicht mehr passen wollten. Ich musste sogar ein Begräbnis mit offenem Hosenbund absolvieren, was meine Trauer etwas entwürdigte.

Kauen, kauen, kauen

Sünde – Busse – Vergebung. So lautet die Theologie des Fastens, deshalb entschied ich mich geneigten Hauptes für eine Radikalkur unter ärztlicher Aufsicht. Das Ergebnis: Vergebung macht Spass. Als ich am Ende der zweiwöchigen F.-X.-Mayr-Kur auf dem Massagebett lag und mir vom Mayr-Arzt nicht nur erhebliche Gewichtsabnahme attestieren liess, sondern auch den Befund, dass mein Darm weich und elastisch sei und ich auf ein langes Leben hoffen dürfe, lobte ich die vorangegangenen Qualen tief und ehrlich. Flagellanten wissen, wovon ich spreche.

Die Kur – von Diät zu sprechen, verbietet das Mayr-Ethos – folgte einfachen Prinzipien. Zwölf Teilnehmer bekamen Glaubersalz und Kräutertee ausgehändigt. Wecken um sechs, anschliessend Konsum des in Wasser aufgelösten Salzes, Stoffwechsel, Frühstück um halb acht: Es lagen in Scheiben geschnittene und getrocknete Semmeln parat, die man wahlweise mit oder ohne eine dünne Schicht Butter verzehren durfte. Hauptsache, jeder Bissen wurde mindestens dreissig Mal gekaut. Die Speichelproduktion verwandelte das fade Stück Semmel in magenfreundlichen Brei, und hatte man einen endlich magenfreundlich gemalmten Bissen hinuntergeschluckt, durfte man das mit einem Teelöffel lauwarmer Milch begiessen, der freilich nicht auf einmal gekippt, sondern so langsam wie möglich ausgeschlürft werden musste.

Wir waren – mindestens aus der Sicht jedes Menschen, der gerade Möglichkeiten zum Abnehmen sondierte – kein ermunternder Anblick. Übergewichtige Menschen in Trainingsanzügen, die kauten, schlürften und einander ohne viel Zuneigung beim Kauen und Schlürfen belauerten. Denn es fiel kein Wort. Es gehörte zum Common Sense der Kur, dass beim Essen nicht gesprochen wird. Diesen Ratschlag sollten wir wie viele andere Ratschläge in unseren Alltag mitnehmen. Jede Diät kann nur auf der Basis funktionieren, dass ihre Grundsätze in den Alltag eingebaut und zumindest annähernd auch nach Kursende befolgt werden. Klar, wenn jemand, der regelmässig zu viel gegessen hat, nicht aufhört, zu viel zu essen, wird er auf Dauer kein Gewicht verlieren. Deshalb scheitern auch die meisten Diäten, nachdem sie geglückt sind.

Zu Mittag gab es ein zweites Mal Semmeln und Milch, das war die letzte Mahlzeit des Tages. Getrunken wurden erhebliche Mengen an Kräutertee und Mineralwasser, und als besonders wichtig schärfte uns der Kurleiter ein, dass wir Essen und Trinken strikt voneinander trennen sollten. Wasser (oder andere Flüssigkeiten) würde die Magensäfte verdünnen und die Effektivität des Verdauungsvorgangs mindern.

Ich nahm in den zwei Wochen, die ich mit den anderen Trainingsanzügen im Kurhaus verbrachte, acht Kilo ab. Als ich mich an die Grundsätze der «Nachkur» hielt, die das Diätprozedere mit ein paar Kohlehydraten anreicherte und in den Arbeitsalltag transponierte, verlor ich weitere acht. Ich ass zum Frühstück weiterhin trockene Semmeln, vielleicht mit Putenschinken oder Frischkäse, ging fast täglich zum Japaner ums Eck und brachte alle, die mit mir die Mittagspause verbrachten, in Rage, weil ich an einem Sushi acht Minuten lang kaute. Meine Umwelt hielt mich für einen mehr oder weniger magersüchtigen Fanatiker, und ich gebe zu, dass das Fanatische, das fortdauernder Verzicht zwangsläufig begründet, zur treibenden Kraft beim Zügeln der eigenen, verdrängten Wünsche wurde.

Selbstverständlich vergass ich mehr oder weniger alles, was ich über die physiologischen Grundlagen des Abnehmens nach F.X. Mayr gelernt hatte, sobald ich meinem Arzt beim Abschied die Hand schüttelte. Ich nahm nur die mit pinkfarbenem Leuchtstift markierten Grundsätze mit.

1 _ Langsamer essen
2 _ Abends weniger (idealerweise gar nichts) essen
3 _ Zum Essen nichts trinken
4 _ Keinen Kaugummi, denn das Kauen sendet falsche Signale an den Verdauungsapparat

(Regel 4 ist übrigens die einzige, an die ich mich seither ohne eine einzige Übertretung gehalten habe. Für Regel 1, die vermutlich wichtigste, weil sie dafür sorgt, dass man sich schneller satt fühlt und deshalb weniger isst, hole ich zuweilen eine getrocknete Tomate aus dem Öl: Bei keinem anderen Lebensmittel ist der sinnliche Gewinn so gross, wenn man es dreissigmal kaut, wie bei dieser Edelkonserve; du spürst die Sonne und Süsse des Sommers am Gaumen, eine wunderbare Belohnung für deinen Akt der Disziplin.)

Das Befolgen dieser simplen Regeln reichte aus, dass ich ein Jahr lang meine schmalste Silhouette hielt. Dann begann ich, besser zu kochen, schneller zu essen, und da ich kein drittes Mal ins F.-X.-Mayr-Kurhaus einziehen wollte, stellte sich irgendwann die Frage, auf welche Weise sich fünf, sechs Kilo am vernünftigsten verabschieden würden – ohne dass ich dafür wieder Sägespäne kauen müsste.

Butter muss sein

Von dieser Prämisse gehen sämtliche modernen Diäten aus: Niemand mag leiden. Die vom Modeschöpfer Karl Lagerfeld propagierte 3D-Diät ist die einzige Ausnahme. Lagerfeld, der nach eigenen Angaben mehr als 45 Kilo abnahm, nur um in Kleider von Hedi Slimane zu passen, gibt zu, seine Diät «angenommen [zu haben] wie eine Religion, mit Glauben und Entschlossenheit», Qualen inklusive. Er bekam zum Start von seinem Arzt Jean-Claude Houdret zusammengestellte Proteintütchen (6 Stück), die mit rohem oder dampfgegartem Gemüse (200 Gramm) serviert wurden: Spargel, Gurken, grüner Salat und dergleichen. In einer Satire auf eine Diät käme nichts anderes auf den Tisch.

Als Lagerfeld auf Stufe zwei vorgerückt war, durfte er zuweilen auch ein Stück Vollkornbrot «mit einem Hauch fettarmer Butter» zu sich nehmen, und an dieser Stelle endete mein Erkenntnisgewinn, weil der Gebrauch fettarmer Butter für mich genauso unrealistisch ist wie das Programm, das Demi Moore absolviert, wenn sie in sieben Tagen drei Kilo abnehmen will: Moore lässt sich vom eigenen Koch ungegartes Obst, Gemüse und Naturreis servieren, während der Personaltrainer mit ihr Kickboxen übt und der speziell beigezogene Meditations-Meister in den Pausen Hatha-Yoga zelebriert. Dazu mixt sich Frau Moore einen Cocktail aus Vitamintabletten und Kräutertee.

Was anderen Prominenten einfällt, um möglichst schnell möglichst schlank zu werden, protokollierte das Tratschheft Seitenblicke. Pamela Anderson, die vorzugsweise Appetitzügler nascht. John Malkovich, der ausschliesslich Wackelpudding ass, um in «Ripley’s Game» gute Figur zu machen. Heidi Klum, die mit Medizinbällen Bauchmuskelübungen macht und sich von nichts als Omas Sauerkrautsuppe ernährte, davon aber reichlich.

Gemüse kann erträglich sein

Während die Schönen und Reichen mit einer Extraportion Bewunderung gesegnet werden, sobald sie sich für ihr Aussehen ein bisschen quälen, gilt die Forderung nach etwas Selbstdisziplin in der modernen Diätliteratur als «no-go area».

Ernährungswissenschaftler, Fernsehköche, Hypnotiseure und Kardiologen – oder was immer die Erfinder unserer Diäten in ihrem ersten Leben für Berufe bekleideten – bemühen sich bei ihren Anleitungen zum Gewichtsverlust in erster Linie um möglichst geschmeidige Einstiegslügen. So antworten die Apologeten von «Low Carb», einer Spielart für kohlehydratarme Ernährung, auf die Frage ihrer Leser, was sie essen dürfen, schlicht: «Alles.» Nebenbemerkung: «Nur besser.»

Tja. Die sogenannte Logi-Pyramide, auf der Low Carb beruht, teilt das Lebensmittelangebot in vier Segmente: Basis, Sättigendes, Beilagen, Dickmacher.

Zur Basis zählen praktisch alle Obst- und Gemüsesorten sowie ungesättigte Fette wie Raps- und Olivenöl. Gemäss der Low-Carb-Methode dürfen so viele Früchte, Beeren, Gemüse und Salate gegessen werden, wie man will.

Es gibt keinen besseren Beginn für eine Low-Carb-Diät als die Anschaffung eines wirklich grandiosen Olivenöls. Falls Ihnen die Halbliterflasche des besten, toskanischen Öls, Laudemio von Frescobaldi, bisher zu teuer war – es kostet schwindelerregende dreissig Franken –, leisten Sie es sich jetzt, zumal Sie auf die meisten teuren Lebensmittel, zum Beispiel anständigen Wein, für die nächsten paar Wochen verzichten werden. Falls Sie vorhaben, viel Salat zu essen, würde ich an Ihrer Stelle auch ein Fläschchen Arganöl einpacken (das auch nicht billiger ist). Der spezielle, kräftige Geschmack des Öls macht auch den dritten oder vierten täglichen Gemüseteller aussergewöhnlich und – nennen wir’s beim Namen – erträglich.

Auch die Kombination von Obst und Gemüse mit Kräutern und Gewürzen, die bisher nicht miteinander auf den Teller kamen, ist hilfreich, weil spassig: Probieren Sie Tomaten mit Minze statt Basilikum, oder streuen Sie eine Hand voll Kerbel über eine in Scheiben geschnittene Honigmelone. Der Kerbel lässt sie den Schinken vergessen, und die Minze drängt das Basilikum ein für alle Mal vom Tomaten-Teller.

Mit den eiweissreichen Lebensmitteln, den «sättigenden Leckerbissen», Stufe zwei der Logi-Pyramide, heisst es schon sparsamer umgehen. Mageres Fleisch, Geflügel, Fisch, Milch und Molkereiprodukte (in ihren fettarmen Varianten) sind erlaubt, weil sie gemäss Low-Carb-Erkenntnissen für besonders hochwertiges Eiweiss sorgen, das «gut und lange» satt macht, den Stoffwechsel beschleunigt und Gewicht kosten soll.

Auf Stufe drei finden sich alle Vollkornprodukte. Die traditionelle Beute aus dem Bioladen wird auf die Ersatzbank gesetzt, weil sie dick macht, und kommt in Zukunft nur noch «als kleine Beilage» zum Einsatz. Wobei: Kleine Beilagen halte ich tendenziell für überflüssig, sie lenken – vielleicht nicht diättechnisch, jedenfalls aber kulinarisch – von der Hauptsache ab. Teller, auf denen mehr als zwei, maximal drei Geschmäcker kombiniert werden, sind misstrauenswürdig, und für eine klar abgesteckte Zeit kann man in diesem Sinn auf Beilagen gut überhaupt verzichten.
Stufe vier, der opulente Rest. Keine Überraschung, dass helles Brot, Gebäck aus Weissmehl, Kartoffelprodukte, Teigwaren, Reis, Süsses und sämtliche gezuckerten Erfrischungsgetränke auf der Watch-List stehen.

Fett weg

Das Low-Carb-Prinzip beruht auf der ernährungswissenschaftlichen Erkenntnis, ohne die sämtliche zeitgemässen Diätprogramme undenkbar wären: dem glykämischen Index, der Differenzierung zwischen «guten» und «bösen» Kohlehydraten. Während die meisten Diäten der siebziger Jahre noch den Hauptfeind «Fett» im Visier hatten und die Nahrungsmittelindustrie zu einiger Fantasie bei der Entwicklung von Fett-Ersatzstoffen zwangen (wer erinnert sich noch an unmenschliche Küchenhelfer wie die Diätmargarine), wird heute differenzierter diagnostiziert.

Als wichtigste Dickmacher gelten Kohlehydrate mit hohem glykämischem Index. Dieser vom kanadischen Ernährungswissenschaftler David Jenkins etablierte Wert gibt Auskunft darüber, wie schnell welches Nahrungsmittel den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt. Das Hochschnellen des Blutzuckerspiegels bewirkt eine erhöhte Ausschüttung von Insulin. Je schneller der Zuckerspiegel steigt, desto mehr Insulin wird produziert, was wiederum Auswirkungen auf die körpereigene Verarbeitung des Blutzuckers hat. Vereinfacht gesagt, verhindert ein hoher Insulinspiegel die Verbrennung von Blutzucker und befördert dessen Speicherung in Fettdepots. Speisen mit hohem glykämischem Index (über 71) machen nach dieser Rechnung genauso verlässlich dick, wie Nahrungsmittel ohne oder mit niedrigem Index (unter 51) linienmässig unbedenklich sind. Als Normwert (=100) gilt jener Blutzuckeranstieg, den der Genuss von purer Glukose bewirkt. Durchschlagenderen Erfolg bei der Erhöhung des Zuckerspiegels als Zucker selbst hat übrigens nur Bier (110).

Das Problem mit der Bewertung der glykämischen Werte besteht darin, dass sie zahlreiche, zum Teil überaus widersprüchliche Interpretationen und Schlüsse zulassen. Denn die Werte variieren. Der glykämische Index einer gekochten Karotte ist wesentlich höher als der einer rohen. Der Index einer gekochten Kartoffel ist davon abhängig, ob diese in der Schale gegart wurde oder geschält (in der Schale gegart ist der Wert tiefer). Ein Stück Brot aus fein geschrotetem Mehl besitzt einen höheren Wert als Brot, das aus groben Körnern gebacken wurde. Spaghetti, die nicht weich, sondern al dente gekocht wurden – wobei: Gibt es jemanden, der Spaghetti allen Ernstes weich kocht? –, anschliessend aus dem Wasser kommen und erkalten, haben einen niedrigeren Wert als heisse Spaghetti. Diese Erkenntnis sollten Sie sich zunutze machen, denn erkaltete und rasch wieder aufgewärmte Spaghetti machen mehr Freude als gar keine. Schneiden Sie einfach ein paar rohe, enthäutete und entkernte Tomaten klein, nehmen Sie etwas Chili und das neu angeschaffte Laudemio-Öl, fertig ist eine Mahlzeit, um die Sie jeder beneiden sollte, der gerade keine Diät macht.

Wie viel Insulin ausgeschüttet wird und wie bereit sich der Körper zeigt, Fettreserven anzulegen, ist schliesslich von zahlreichen weiteren Faktoren abhängig: Wie wurden die Nahrungsmittel verarbeitet? Wie wurden sie kombiniert? Wie schnell wurden sie verzehrt? Die Unschärfe in der Interpretation dieser Fragen ist schliesslich das Kapital der Profis, die Antworten zur Hand haben, und es versteht sich von selbst, dass die Antworten umso beliebter sein werden, je einfacher sie verstanden werden können.

Das ganz persönliche Glyx-Gefühl

Rot. Gelb. Grün. Mehr braucht der Kunde nicht zu verstehen, der «fit, gesund und schlank mit dem Glyx» werden möchte. Zwar lässt sich der glykämische Index, der dieser Diät Namen und, lesen Sie «Glyx» ruhig einmal laut, heilsversprechenden Wohlklang borgt, kaum pauschal festlegen. Im Kleingedruckten des «Glyx-Kochbuchs» findet sich die Anmerkung, dass der glykämische Index streng genommen für jeden Menschen individuell errechnet werden müsste. Jeder Organismus und damit jeder Stoffwechsel reagiere anders, ganz abgesehen vom Effekt jedes einzelnen Lebensmittels, je nachdem, ob es allein oder in Kombination verzehrt werde.

Der zentrale Einfall der Glyx-Bücher – es gibt mittlerweile eine ganze Bibliothek von ihnen – besteht darin, gebräuchlichen Lebensmitteln in langen Kolonnen eine Farbe zuzuordnen. Es gibt «gute» Kohlehydrate, die grün gekennzeichnet werden, noch nicht ganz schlechte, die gelb markiert sind, und der feine Rest all dessen, was durch das rote Etikett verboten ist.

Für den Ernährungsamateur ist überraschend, dass in der Liga grüner Lebensmittel sämtliche Milchprodukte spielen, von Quark, Jogurt über Voll- und Schokolademilch bis zu jeder Form von Käse. Das hilft zum Beispiel beim Lösen des Problems, was wir während der Diät zum Dessert bestellen, wenn wir im Gasthaus auf die entsprechend energische Frage des Kellners Auskunft geben müssen: drei Stück Käse, sonst nichts, nicht einmal Kürbiskerne oder Birnenschnitze. Und weil wir, wie jeder geübte Käseesser, die Rinde abschneiden und nicht mitessen, bleibt zum Ausklang des Essens interessanter, aufs Kleinste beschränkter Wohlgeschmack, ohne dass die verheerenden Zuckergranaten detoniert wären.

Konfitüren und Eis, Honig und Schokolade leuchten gelb, was bedeutet, dass man tendenziell, aber nicht kategorisch die Finger davon lassen sollte. Sobald die Ampel auf Rot springt, tauchen die inzwischen bekannten glykämischen Bösewichte auf: Weissbrot, Baguette, Croissants, Waffeln, Cornflakes, gebackene Kartoffeln, Pommes frites, Coca-Cola, Traubenzucker.

Aus demselben ernährungswissenschaftlichen Fundus bedient sich auch die «Ideal-Diät», die zurzeit auf den Bestsellerlisten zu finden ist. Die Ideal-Diät kombiniert Glyx- und Low-Fat-Diät. Sie nimmt für sich in Anspruch, mit einem mitgelieferten Test den jeweiligen Diättyp des Lesers ausfindig zu machen und diesem massgeschneiderte Lösungen anbieten zu können. Natürlich ist die Trefferquote dabei mutmasslich so genau wie beim grossen Psychotest «Bin ich ein guter Partner?» in der Brigitte. Aber es bleibt ein Hauch von Individualität, und weil sich die Architekten der Ideal-Diät sehr an der mediterranen Küche orientieren, präsentiert sich der praktische Teil des Buches – wann esse ich was? – so plausibel und appetitlich wie ein normales, anständiges Kochbuch, das in erster Linie Spass machen soll. Die rot-gelb-grüne Ampelordnung, die wir bei den Glyx-Büchern bereits kennen gelernt haben, wird mitgeliefert.

Der entscheidende Unterschied zwischen Glyx, Ideal und Low Carb? Die weitgehend ähnlichen Schulen rechnen einander kleine Fehler im System vor. Low Carb kritisiert zum Beispiel die Permissivität der Glyx-Diät, die den beliebigen Konsum «guter» Kohlehydrate erlaubt, und deckt auf, dass, wer ungeheure Mengen empfohlener Lebensmittel zu sich nimmt, davon nicht automatisch dünn wird. So eine Überraschung.

Stille Wasser wirken tief

Die wichtigste Erfahrung, die Sie aus genannten Diäten mitnehmen, besteht darin, dass Ihr eigener Hausverstand ausgezeichnet funktioniert. Dass es vernünftiger ist, überschaubare Mengen zu konsumieren; dass es sinnvoll ist, den Flüssigkeitsbedarf entweder mit Mineralwasser ohne Kohlensäure zu stillen (die Kohlensäure liefert bloss einen unnötigen Mehrreiz) oder mit Kräutertee, den man sich entweder – siehe das Beispiel Olivenöl – in einer schicken Kräuterstube mischen lässt oder gleich selbst macht: Ich finde zum Beispiel Tee, der mit frischer Minze oder Zitronenmelisse aufgebrüht wird, unübertrefflich, warm und kalt. Kann sein, dass Sie daraus eine grosse Lust am Teetrinken schlechthin entwickeln. Meine Entscheidung, zum Frühstück keinen Kaffee, sondern Darjeeling-Tee zu trinken, fiel während einer F.-X.-Mayr-Nachkur, und obwohl ich weiss, dass schwarzer Tee während der Diät ebenso verboten ist wie Kaffee, empfinde ich ihn als deutlich bekömmlicher und erlaube ihn mir.

Abnehmen ohne Köpfchen...

Die Atkins-Diät ist die berühmteste Diät der Welt, auch wenn sie meilenweit von jedem Gramm Hausverstand entfernt ist. Das macht sie interessant, wenn auch wenig nachvollziehbar – gerade weil die von Robert C. Atkins begründete Essschule offenbar hervorragend funktioniert.

Die Diät setzt auf Eiweiss – in der richtigen Kombination mit möglichst wenigen Kohlehydraten. Fleisch, Fisch, Käse sind okay, ausserdem sind alle möglichen Fette erlaubt, inklusive der wegen ihrer gesättigten Fettsäuren weithin verteufelten Butter. Atkins war der Erste, der sich gegen die These stellte, vor allem Fett mache fett. Er kritisierte die gängigen Fett-Ersatzmittel und wies nach, dass Produkten, denen Fett entzogen wurde, meistens an dessen Stelle Zucker zugefügt wurde, was das Problem nicht löste, sondern zuspitzte.

Atkins’ französischer Gegenpapst Michel Montignac agiert ähnlich antizyklisch. Der ehemalige Pharma-Manager verspricht den Probanden der Montignac-Methode, dass sie «essen und dabei abnehmen» können, und antwortet auf die Frage, wie er selbst es geschafft habe, sein Idealgewicht zu erreichen und zu halten: «Indem ich im Restaurant esse und an Geschäftsessen teilnehme.»

Montignac wartet nicht mit verblüffenden Ergebnissen auf wie Atkins. Auch er folgt den Erkenntnissen aus dem glykämischen Index, freilich deutlich konventioneller. Er warnt vor Brot, Kartoffeln, Mais, frischen Teigwaren, Alkohol, vor allem aber vor Zucker, der laut Montignac «eigentlich immer mit dem Totenkopfsymbol gekennzeichnet sein» müsste. Er gibt Tipps, wie man bei Einladungen am besten den Aperitif wieder los wird – man stelle ihn in die Nähe eines jener Trinker, die ein volles Glas lieber haben als ein leeres –, und gibt für die alltägliche Ernährung eine ganze Reihe von mehr oder weniger nachvollziehbaren Tipps, die freilich auf eine recht altmodische französische Küche abgestimmt sind und sich in der Umsetzung als reichlich kompliziert erweisen, weil sie auf eine unübliche Palette fett- oder zuckerreduzierter Produkte zurückgreifen.

Neben den Schulen von Atkins und Montignac, die beide mit vielen Millionen Lesern (Schülern? Jüngern?) für sich werben, erreichte jüngst auch die «South-Beach-Diät» des Kardiologen Dr. Arthur Agatston Millionenauflagen. Tatsächlich ist die South-Beach-Diät das mit Abstand am besten geschriebene Diätbuch, das zurzeit kursiert. Ginge es darum, einen Tonfall zu etablieren, der Menschen, die Rat suchen, Vertrauen einflösst, wäre South Beach nicht zu übertreffen.

Die South-Beach-Diät spart weder an Fett noch an Kohlehydraten. Sie serviert Fleisch, Huhn, Fisch und Schalentiere, viel Gemüse, Eier, Käse, Nüsse und Salate mit ausreichend Olivenöl. Gleichzeitig verspricht sie überraschend konkret, dass bei Befolgen der Regeln ein Gewichtsverlust von 3,5 bis 6 Kilo in den ersten beiden Wochen eintreten wird.

Was das kostet: «In den nächsten 14 Tagen essen Sie keinerlei Brot, Reis, Kartoffeln, Teig- oder Backwaren. Auch kein Obst. [...] Zwei Wochen lang auch keine Süssigkeiten, keine Kekse, weder Kuchen, noch Eis, noch Zucker. Keinerlei Bier oder Alkohol. Nach dieser Phase dürfen Sie Wein trinken. Er ist aus vielerlei Gründen förderlich. Keinen Tropfen davon jedoch während der ersten beiden Wochen.»

Phase II verspricht Entspannung auf dem Verbotsmarkt bei gleichzeitiger Gewichtsreduktion von einem Kilo pro Woche, und in Phase III tritt ein, wer festgestellt hat, dass die South-Beach-Diät «weniger eine Diät, sondern vielmehr eine Lebensweise ist. Sie essen im Grunde normale Speisen in normalen Portionen. Sie dürfen die South-Beach-Diät vergessen, solange Sie deren wenige Grundregeln beherzigen und danach leben.»

...aber mit Geschmack

Die meisten modernen Diäten zielen darauf, sich selbst durch Bewusstseinsveränderung des Kunden überflüssig zu machen. Ich glaube, dass tatsächlich eine relativ kleine Zahl von Entscheidungen genügt, um die Essenz von Low-Carb-, Glyx-, Ideal- und South-Beach-Diät zu erfassen und umzusetzen. Ich finde es zum Beispiel nicht schwierig, auf Brot, egal ob schwarz oder weiss, generell zu verzichten. Zum Frühstück schmeckt ein gutes Müsli – probieren Sie das unübertreffliche «Southern Alps» aus der Globus Delicatessa – sowieso weit spektakulärer. Keine Frühstücksbrote bedeutet aber automatisch, dass Ihr Konsum an Butter, Honig und Konfitüre sprunghaft abnehmen wird, damit fällt auch der Verbrauch an Zucker signifikant.

Obst statt Mars oder Snickers zwischendurch. Statt der obligaten Sonntagsbraten, die mit dicken Saucen angerichtet werden, lieber Fisch. Unter der Salzkruste gegart, sind nicht nur Meeresfische wie der Branzino spektakulär und delikat, sondern auch Saibling, Forelle und Felchen. Und wenn Sie dazu ein paar Bissen des Glyx-Verbrechers Kartoffelpüree essen wollen: warum nicht. Probieren Sie Püree, das mit Olivenöl statt mit Sahne und Butter gebunden wurde. Es schmeckt wunderbar, dennoch werden Sie weit weniger davon essen als vom gewohnten Kartoffelstock.
Im Übrigen halte ich nichts von Lebensmitteln, die bloss einen Zweck erfüllen. Ich verabscheue Milchprodukte ohne Fett, denn sie schmecken nach nichts. So wie die meisten zuckerfreien Süssigkeiten: Wer auf Geschmack Wert legt, wird lieber Wasser trinken als Cola light. Besser ganz auf ein Aroma verzichten, als sich mit dem halben zu bescheiden.

Das Mastermind der South-Beach-Diät, Dr. Agatston, hat den wünschenswerten Zusammenhang von Abnehmen und dem besten Essen, das dafür in Frage kommt, klug erkannt. Agatston liefert einen Katalog interessanter, eklektizistisch zusammengestellter Rezepte, die den Versuch wert sind. Er ist der einzige Diätdoktor, der für seine Leser die Unterstützung namhafter Küchenchefs angefordert hat, und das scheint mir in der Synthese von Genuss und Wirkung der richtige Ansatz zu sein.

Am konsequentesten freilich zeigte sich mein Freund Manfred Klimek, der seinen zwischenzeitlichen Gewichtsproblemen kreativ begegnete. Er erfand für den eigenen Gebrauch kurz entschlossen die «Hedonismus-Diät», mutmasslich die teuerste Schlankwerdungsmethode der Welt. Klimek, ein notorischer Vielreiser, besuchte mittags und abends das beste Lokal in seiner Reichweite, bestellte dort das grosse Menü und ass von jedem Teller genau die Hälfte. Jetzt ist er schlank und der einzige Mensch auf weiter Flur, der bei Heston Blumenthal eine halbe gefüllte Heidelbeere ass.

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