Kaufzwang

Die Hose

Endlich ein Interview mit einem Rapper. Doch die Zungenfertigkeit von The Game verdient nicht maximalen Respekt.

Von Mark van Huisseling

Ein grosser und schlanker, dunkelhäutiger Mann tritt aus dem Aufzug in die Halle des «Marriott» in Zürich. Gegenüber stehen zwei grosse und starke dunkelhäutige Männer auf und gehen zu ihm. Einer fällt ihm zum Gruss so heftig um den Hals, dass er nicht mehr fest steht – und seine Hosen, die weit und tiefsitzend sind, runterfallen. Der schlanke Mann ist Jayceon Taylor, 25, Bühnenname The Game, «Amerikas heissester neuer Rapper» (Toronto Star). Während eines Interviews mit Vibe, einer Musikzeitschrift, soll er mit Pistolen vor dem Reporter gefuchtelt haben. In Boxershorts und mit den Hosen um die Knöchel und umarmt von einem starken Mann, wirkt er aber irgendwie nicht wie ein «Gangsta, überlebensgross» (taz).

«Wie sieht Ihr Tag aus in Los Angeles?» (Er ist aus Compton, einer harten Stadt südlich von Los Angeles, lebt jetzt aber in Beverly Hills, er hat nur noch Häuser in Compton.) «Wenn ich zu Hause bin, verbringe ich unbedingt Zeit mit meinem Sohn. Was, wissen Sie, der beste Teil des Lebens ist. Ich kam zum Hip-Hop mit einem Ziel, und nur einem Ziel, und das war, die finanzielle Zukunft meiner Familie zu sichern.» – «Das haben Sie erreicht.» (Von seinem Album «The Documentary» wurden mehr als zwei Millionen Stück verkauft.) «Schwach, wissen Sie, es hat erst angefangen. Als ich ein Kind war, wünschte ich mir, vielleicht, Michael Jordan wär mein Vater. Oder Bill Gates. Weil es so schwer war, in der Gegend aufzuwachsen. Und jetzt, wo ich eine Chance hab, der zu sein, der meiner Familie ein Erbe hinterlässt, und die Person, zu der jeder aufschaut, will ich den Reichtum so weit wie möglich verbreiten.»

Er empfängt in einem gewöhnlichen Zimmer – was ist los, wenn Rapper sich vernünftig geben? (Sogar Sophie Ellis-Bextor, eine Popmusikerin, die ich mal befragte, hatte die Penthouse-Suite in diesem Hotel.) Er sitzt auf einem Stuhl wie jemand, der eingeschlafen ist: Schultern an der Rückenlehne runtergerutscht, Gesäss am Rand der Sitzfläche (die Hosen sind wieder oben wenigstens) – «Ghetto-fabulous» ist das nicht. (Er sei krank, sagte der Mann von der Plattenfirma, bevor ich in das Zimmer durfte.) Er redet undeutlich, und was er sagt, hat ihm ein Lehrer einmal bis in alle Einzelheiten erklärt, ver- mute ich. Die Stimmung eines Gesprächs bildet sich nicht – er kommt rüber wie ein Antwortenautomat. Das hab ich schon mal geschrieben, nach meinem Gespräch mit Heino. Ich möchte es abschwächen, denn es war, bevor ich The Game befragt hab. (Oder überarbeiten zumindest: Heino ist ein Antwortenautomat, aber ein elegant programmierter, mit klangvoller Stimme zudem.)

«In jedem Bericht über Sie kommt Ihre Vergangenheit hoch – haben Sie ein Problem damit?» Er soll Drogenhändler gewesen sein, einen Raub mit Schussverletzungen überlebt haben und danach veranlasst gewesen sein, sich zu bessern. (Sonst ist’s eine schöne Geschichte, ähnlich wie die von Tyler Brûlé – der war zwar nicht Drogenhändler, sondern angeblich Kriegsberichterstatter und wurde nach einem Überfall Chefredaktor und Werber.) «Das machen Journalis- ten bei jedem, nicht nur bei mir. Ich für meinen Teil mach mir nicht viel aus Medienleuten, ich lass mich nicht bedrängen. Sagt, was ihr wollt. Wenn es schlecht ist, beachte ich es nicht. Wenn es gut ist, lese und analysiere ich es.» – «Sie lesen Artikel über sich?» – «Immer, wenn ich einen sehe. Ich verfolge meine Laufbahn, wie ein Journalist.» (Hat bisher noch nie einer, den ich gefragt habe, zugegeben, aber jeder tut es, denk ich.)

«Was ist das Wichtigste, was Sie gelernt haben, als Sie plötzlich berühmt waren?» (Ja, wieder diese Frage – ich find sie gut, echt.) – «Ähm, dass es nicht da ist für immer. Elton John, der kann singen für immer, bis er sechzig ist, Stevie Wonder, Michael Jackson... alle diese Sänger. Aber Rapper – die haben eine Lebenserwartung von zehn Jahren, mit Glück.» (Michael Jackson kann singen, bis er sechzig ist? Er liest wohl nur Artikel über sich.) «Was ist das Wichtigste, was Sie gelernt haben auf der Strasse?» – «Ah, Mann, du musst sechs Augen haben.» (Grosser Satz – und bestimmt von ihm, nicht vom Lehrer.) «Ist Rap-Star der beste Beruf der Welt?» – «Nein, der schlechteste. Falls ich irgendetwas anderes tun könnte für gleich viel Geld – ich hätt gestern gekündigt.» – «Was würden Sie denn tun?» – «Ich weiss nicht, irgendwas.»

«Weshalb tragen Sie die Hosen viel zu weit?» – «Ich weiss nicht, Mann. Es ist, was es ist. Es gibt Länder, in denen jeder einen roten Punkt trägt auf der Stirn. Weshalb? Ich weiss nicht. Du musst einfach die Hosentaschen unter den Arschbacken tragen. Und dann gehst du los, Mann.»

The Games Lieblingsrestaurant:
«Welches ist Ihr liebstes Restaurant?» – «‹Roscoe’s Chicken and Waffles›, Mann.» – «Wie finden Sie ‹In-N-Out Burger›?» – «Yo, fuck ‹In-N-Out›, Mann. Dort gibt’s keine Truthahnburger.»

Roscoe’s House of Chicken and Waffles, 1514 N. Gower Street, Hollywood, Los Angeles, Telefon +1 323 466 7453

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