Kommentar

Banalsex

Der Gang ins Bordell ist so selbstverständlich geworden wie der Kinobesuch. Bevor man jetzt moralisiert: Auch bei der gefühlsechten Kopulation geht es heute sachlicher zur Sache.

Von David Signer

Die Zahl der Prostituierten hat in Zürich einen Höchststand erreicht: 3791 Prostituierte hat die Sittenpolizei registriert. Ende des vergangenen Jahres waren es noch 3581, und das war auch schon ein Rekord. Sepp Scheuber, der stellvertretende Chef der Sittenpolizei, spricht gegenüber 20 Minuten von einer «Verschärfung» der Situation im Milieu: «Wir haben ein echtes Problem. Obwohl wir im Dauereinsatz stehen, stossen wir oftmals an die Grenzen unserer Möglichkeiten.» Eine Folge davon: Die Polizisten haben nicht genügend Zeit, die Fensterprostitution zu kontrollieren. Immerhin kam es im ersten Semester dieses Jahres doch zu 57 Verzeigungen wegen aktiver Kundenanwerbung hinter Glas.

Die polizeiliche (und journalistische) Darstellung suggeriert häufig, das Problem liege auf der Angebotsseite: Könnte man diese mehr kontrollieren und unterdrücken, gäbe es weniger Anreize und also auch weniger Freier. Die Kausalität dürfte jedoch eher umgekehrt verlaufen: Das Angebot folgt der gestiegenen Nachfrage. Hätten die Prostituierten keine Kundschaft, würden sie wohl umsatteln. Es kommt niemand auf die Idee, plötzlich einen Sexsalon aufzusuchen, bloss weil es gemäss Statistik nun nicht mehr 396 gibt wie Ende 2004, sondern 408 Salons.

Am selben Tag erfuhr man, die Kantonspolizei Zürich habe bei der «Zerschlagung eines Drogenhändlerrings» elf Kilogramm Kokain sichergestellt. Auch hier – solche Triumphmeldungen liest man ja alle paar Tage – wird insinuiert, weniger Stoff bedeute weniger Konsum. Man kennt das Lied: Könnte man doch die dealenden Schwarzafrikaner vertreiben, die unsere Jugend in den Abgrund reissen! Dann kommen allerdings die Albaner wieder oder die Libanesen oder auch die Schweizer. Macht es einen Unterschied? Steigt irgendein Junkie auf Orangenblütentee um, weil ein paar Dealer verhaftet wurden? Auch hier: Solange die Nachfrage existiert, wird es immer Anbieter geben. Bloss ist die Frage nach der Nachfrage komplizierter als jene nach dem Angebot.

Unterm Strich: ein Wandel

Das ist auch bei der Prostitution so. Ihre Rolle in der Gesellschaft hat sich tatsächlich gewandelt. Als unmoralisch gilt der Besuch bei einer Prostituierten bei den meisten Zeitgenossen schon länger nicht mehr; aber auch den Ruf, etwas für sexuelle Verlierer zu sein, haben die Bordelle nach und nach verloren. Und schliesslich sind auch die psychologischen Fragen nach dem neurotischen und die feministischen nach dem ausbeuterischen Aspekt der Prostitution in den Hintergrund gerückt. So, dass TV-Moderator Roman Kilchsperger, 35, nicht unbedingt der Inbegriff eines Losers, letzten Sommer verlauten lassen konnte: «Wer 34 Jahre alt ist und noch nie für Sex bezahlt hat, hat irgendwie nicht richtig gelebt.» Im Boulevard-Getöse von Pro und Kontra ging unter, dass eine solche Äusserung tatsächlich auf einen gesellschaftlichen Wandel verweist.

Tief ohne Sinn

Die Sexualwissenschaft spricht von einer «Banalisierung der Sexualität» oder auch von «Design-Sex». Diese Entwicklung hängt zusammen mit diversen westlichen Errungenschaften und Phänomenen: Anti-Baby-Pille, Viagra, Gleichberechtigung, Liberalisierung, Säkularisierung, Aufklärung und Safer-Sex-Praktiken im Gefolge von Aids, Relativierung der Institution Ehe, die Ersetzung der traditionellen durch eine «Verhandlungsmoral» (alles geht, sofern der Sexpartner einverstanden ist). Es gibt Sexologen, die die «Pragmatisierung» der Sexualität kritisch beobachten, wie etwa Volker Sigusch, der – analog zur lean production – von lean sex (maximale Effizienz mit minimalem Aufwand) spricht. Er bedauert die damit einhergehende Technisierung und Kommerzialisierung. Dass Viagra die Sexualität von manchen Ängsten befreit, stellt für ihn eine Verflachung dar; das Medikament sei Ausdruck einer Kontroll- und Machbarkeitsmanie.

Gelassener sieht es der Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt. Wie rührend war doch unser Glaube an die Irrationalität der Sexualität, schreibt er. All diese – je nachdem beängstigenden oder utopischen – Vorstellungen werden heute in Frage gestellt: Sexualität als Trieb und Wildheit, als letzter Hort unverstellter menschlicher Natur, als tabusprengende, transformative, ja revolutionäre Kraft, als ewiges Drama. «Aus der Zauber?», fragt Schmidt. Nein. «Eher Sex frei von falschem Tiefsinn, entmystifizierter, entdramatisierter [...] folgenabgeschätzter Sex.»

In diesem Sinn ist auch der Bordellbesuch versachlicht worden. Nichts mehr, wofür man sich schämt, auch nicht Sexspielzeug oder SM-Praktiken, die der letzten Generation noch als pervers galten. Das Puff ist Teil des Ausgeh-Angebots, wie Kino oder Restaurant. Man kann das skandalös oder befreiend finden – aber faszinierend ist doch, wie die Vorstellung von Sexualität als «dunkler Kraft», die sich mit wechselnden Vorzeichen vom Christentum über die Psychoanalyse bis zu den Achtundsechzigern durchzog, in wenigen Jahren verschwunden ist. Die Zunahme und «Normalisierung» der Prostitution muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. Sie lässt sich nicht aufhalten, weil die Polizei die Vorhänge von ein paar rotbeleuchteten Fenstern schliesst.

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