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20.07.2005, Ausgabe 29/05

Was, Sie haben kein Kind?

Kinderwahnsinn

Moderne Väter und Mütter (vor allem Mütter) erinnern an Sektenmitglieder. Sie halten sich für die besseren Menschen, belästigen ihr Umfeld mit einem militanten Enthusiasmus und geben Kinderlosen das Gefühl, sie seien Schwerverbrecher.

Von Franziska K. Müller

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Seit der Geburt ihrer Söhne trägt die britische Modedesignerin Katharine Hamnett formlose T-Shirts mit der Aufschrift «Women against war». Kürzlich erklärte sie in einer Talkshow, sie habe fast vierzig Jahre lang ein Dasein als unsympathische Egoistin gefristet. Dann kamen die Kinder. Ihr Engagement als Kriegsgegnerin und Umweltschützerin sehe sie als logische Konsequenz ihrer neuen Rolle. Es liege im biologischen Programm einer Mutter, ihre Babys gegen das Böse der Welt schützen zu wollen. Kinderlose Menschen hingegen hätten keine konkreten Gründe, Verantwortung zu übernehmen und sich um das Wohl des Planeten zu kümmern.

Die Fernsehmoderatorin war platt ob der Tirade, mit der die Modemacherin ihr eigenes Zielpublikum, berufstätige, kinderlose Frauen, die in Kleidergrösse 34 reinpassen und beim Preis von 2000 Euro nicht zusammenzucken, beleidigte. «Windelberge», traute sich schliesslich ein weiblicher Studiogast einzuwenden, «verursachen tonnenschwere Abfallberge», und Familienvans benötigten einen Drittel mehr Benzin als ein zweiplätziges Sportcoupé. – «Haben Sie Kinder?», wurde sie von Hamnett barsch unterbrochen. Die Befragte antwortete mit betretenem Kopfschütteln. Ein Lächeln huschte über Hamnetts Lippen. Das Publikum applaudierte. 1:0 für die Mutter.

Während Aline Ehrsam* ihrer besten Freundin von der Sendung berichtete, blickte diese in das Schaufenster mit den Batmanfiguren und sprach ihren Lieblingssatz: «Das kannst du vermutlich nicht verstehen, weil du keine Kinder hast.» Bevor die Freundin im Spielzeugladen verschwand, zeigte sie auf eine hässliche Plastikfigur und sagte: «Die muss ich für Luca und Laura kaufen.» Als es kurz zuvor darum gegangen wäre, schickes Schuhwerk und hübsche Sommerkleidchen anzuprobieren, hatte die zweifache Mutter unwirsch abgelehnt. Aus Zeitmangel und «weil ich nicht mehr so wahnsinnig auf Äusserlichkeiten fixiert bin», wie sie sagte. Aline, eine kinderlose Juristin, hatte sich gegenüber gemeinsamen Bekannten wiederholt besorgt über die optische Transformation ihrer Freundin geäussert: abgemagert, ungeschminkt, die Haare zum glanzlosen Kurzhaarschnitt frisiert, beschränkte sich ihre einstige Vorliebe für originelle Accessoires auf eine zum Windelbehälter umfunktionierte Freitagtasche und den dreirädrigen Babywagen namens Bugaboo Frog.

Nach einer halben Stunde erschien die Mutter mit vielen Präsenten beladen: kompliziert aussehendes Lernspielzeug; der letzte Schrei aus Amerika, bei dem die Kinder angeblich intellektuell herausgefordert werden. «Dann folgte ein halbstündiger Vortrag über die vermutete Hochbegabung der vierjährigen Tochter und die damit verbundenen Fördermassnahmen, mit denen sich die Eltern offenbar seit Wochen beschäf- tigen», sagt Aline. Sie gab sich interessiert, denn «im Gegensatz zu Müttern, die ihr Desinteresse an der Berufstätigkeit ihrer Freundinnen nicht verbergen, gilt ein solches Verhalten im umgekehrten Fall als typische Reaktion eines egozentrischen Grosstadtsingles».

Rabeneltern sind passé – leider

Selbstgefällige Eltern: Im zivilen Leben gehen sie Kinderlosen auf den Geist, und auch an der Promifront sind sie ein unangenehmes Phänomen. Madonna kam via Sohn Rocco und Tochter Lourdes der spirituellen Erleuchtung näher, und zwar «in einer Art und Weise, wie es nur einer Mutter vorbehalten ist». Angelina Jolie besann sich wegen Maddox auf das Wesentliche beziehungsweise vögle seither nicht mehr «wie andere Frauen in ihrem Alter» in der Gegend herum. «Die Freude am Verantwortungsbewusstsein und das Interesse am wahren Sinn im Leben» verleitete Victoria Beckham zur dritten Schwangerschaft. Der eintätowierte Vorname des Erstgeborenen zierte zu diesem Zeitpunkt längst die Lenden ihres Gatten David. Vorbei die Zeiten, als Hollywoods Mütter ihre Sprösslinge aus Imagegründen als Geschwister ausgaben oder Rabeneltern sein durften. Bereits während der Schwangerschaft strecken sie der Welt stolz die knapp bekleideten Bäuche entgegen. Später machen es viele wie Sharon Stone und Reese Witherspoon, die sich ohne Make-up und Schuhe stundenlang mit dem Nachwuchs am Strand beschäftigen, um in der Öffentlichkeit Bonuspunkte zu schinden. Nicole Kidman schleppte Connor Anthony und Isabella zu den Dreharbeiten mit und nervte die Crew, indem sie nach Feierabend mit Milchflaschen statt Champagnergläsern hantierte.

Wehmütig erinnert man sich an Pamela Anderson: Ihrem Rocker Tommy Lee flog sie einst, nur mit ein paar Blumen und bunten Seidenbändern bekleidet, auf einer Schaukel, die von der Wohnzimmerdecke hing, entgegen. Ungekämmt und in Jogginghose rollt die frühere Sexprinzessin heute ihre Söhne im gefüllten Einkaufswagen durch die Supermärkte von LA und tut so, als bemerke sie die Fotografen nicht, die das symbolträchtige Schauspiel in die Welt hinaustragen.

Es ist ja schön, dass sich junge Mütter und Väter durch ihren Nachwuchs aufgewertet fühlen. Sie mutieren – sozusagen über Nacht – zu weisen, selbstlosen Wesen. Sie betrachten sich in stolzer Erfüllung ihrer Pflichten fortan als Nabel der Welt. Aber müssen sie den Kinderlosen andauernd zu verstehen geben, dass ein von Stundenplänen, Monogamie und Legomonstern geprägtes Leben moralisch wertvoller sei als ein unbeschwertes Junggesellinnen-Dasein?

Der Verdacht drängt sich auf, dass viele Jungeltern, entgegen der zur Schau getragenen Zufriedenheit, schlicht frustriert sind. So reduziert der Grosssteil der dreissig- bis vierzigjährigen Mütter ihr Arbeitspensum drastisch, sobald mehr als ein Kind im Haus ist. Ehrgeiz muss fortan in der Elternversammlung ausgelebt werden. Anerkennung gibt es, wenn der Kindergeburtstag perfekt organisiert wird. Sie ziehen sich mental und real in die eigenen vier Wände zurück, dorthin, wo Leuchtsterne am Kinderzimmerhimmel den Weg in die Zukunft weisen und Zuneigung – zumindest ein paar Jahre lang – vorbehaltlos gewährt wird. Wer will es ihnen verübeln. Aber müssen sie deswegen den gesamten Bekanntenkreis mit ihrem totalitären Lebensentwurf belästigen?

Zugegeben: Ob Stars oder Normalsterbliche – die Neomütter und -väter leisten Beachtliches. Immerhin ziehen sie die nächste Generation gross, von der sich der Rest der Menschheit ein paar Vorteile (etwa die Sicherung der Altersrenten) erhoffen darf. Aber bis es so weit ist, wird dem Umfeld Toleranz im Übermass abgefordert. Eine Armada vollbepackter Buggys, die von uneleganten Müttern ohne Rücksicht auf Verluste durch den Alltag gerammt wird: Nichts symbolisiert die wilde Entschlossenheit besser, mit der sich engagierte Eltern eine ohnehin kinderfreundliche Welt untertan machen. Sie, so signalisieren sie, haben die ehrenvollste Aufgabe entdeckt und die grösste Erfüllung im Leben gefunden. Jene, die von all diesen Erfahrungen nichts wissen wollen und sich kein schlechtes Gewissen einjagen lassen, werden aggressiv bedauert. Nicht etwa von den potenziellen Grosseltern in spe, sondern auffallend oft von jenen Dreissig- bis Vierzigjährigen, die sich spät für eine Elternschaft entschieden haben und nun die neue Rolle mit umso grösserem Furor ausüben.

Die 36-jährige Informatikerin Barbara Ilicek* sieht jedem Besuch, den sie den Eltern ihres Patenkindes abstattet, mit Schrecken entgegen. An mitleidige Kommentare wie «Ein solches egoistisches Leben möchte ich nicht führen» habe sie sich mittlerweile gewöhnt. Ärgerlicher sei der Umstand, dass die Bibliothek ihrer Freundin übervoll mit feministischer Literatur ist. «Trotzdem muss ich mich jedes Mal rechtfertigen, wieso ich ohne Kinder happy bin und auch in Zukunft unabhängig bleiben möchte.»

Etwas leichter haben es kinderlose Männer. Ihnen hält man zugute, dass sie Versäumnisse in der Familienplanung bis ins hohe Alter nachholen können. Zumindest theoretisch. «Beim gemeinsamen Bier unterhalten sich Väter und Nichtväter bestimmt nicht übers Kinderkriegen», sagt ein jung gebliebener Antiquitätenhändler amüsiert. Anders bei den Frauen: «Ungeniert und vor versammelter Partyrunde wird einem zu verstehen gegeben, dass der gegenwärtige Partner offenbar nicht der Richtige ist, weil seine Dienste als Erzeuger nicht gefragt sind», weiss Regula Krebs*, eine 33-jährige Berner Grafikerin, die keinen Nachwuchs will.

Manchmal werden suspekte, also reproduktionsunwillige Paare sogar getrennt befragt. Dadurch erhoffen sich Neo-Eltern eine Bestätigung für ihre Überzeugung: dass alle Frauen Kinder wollen. Und wenn diese ausbleiben, liege es halt am Mann, der nicht will. Oder es klappt nicht, obwohl man möchte: «Kinderlose Paare werden fast automatisch für unfruchtbar gehalten,» beobachtet Aline Ehrsam. Bemerkungen, die den entsprechenden Verdacht andeuten («Bei mir ist es so: Er muss mich nur ansehen, und schon bin ich schwanger») empfindet sie zwar als kindisch und dumm. Dennoch machte sie schon beiläufig auf einen zurückliegenden Schwangerschaftsabbruch aufmerksam, um entsprechende Anspielungen zu unterbinden. «Danach schämte ich mich für meine Reaktion, die dem eigentlichen Konflikt nicht gerecht wurde», sagt sie.

Wer spät zur Elternschaft gefunden hat, scheint besonders anfällig dafür, die neue Rolle zu idealisieren. Doch auch jüngere Mütter neigen zur Verherrlichung einer aufwendigen Handhabung von Kindern, wie sie Jools Oliver, 27, die Ehefrau des britischen Starkochs Jamie Oliver, in ihrem jüngst erschienenen Buch «Minus Nine to One. Diary of an Honest Mum» beschreibt. Laufgitter werden von Jools als Mittel verurteilt, um Babys und Kleinkinder ihrer Freiheit zu berauben. Auch gehöre das Kind mindestens bis zum zweiten Lebensjahr gestillt, was eine baldige Rückkehr ins Berufsleben leider verhindere. «Es ist schiere Knochenarbeit und ein totales Glück», beschreibt die Übermutter – sie ist auf einer Fotografie im Buch mit violetten Augenringen abgebildet – ihren Alltag. Jamie steht Jools einen Tag pro Woche zur Seite, womit er, wie so viele Jungväter, seiner Rolle als emanzipierter Partner gerecht zu werden glaubt.

Eine aktuelle Untersuchung in England ergab, dass Mütter von Kleinkindern pro Nacht höchstens 3,5 Stunden am Stück schlafen, während die Väter friedlich bis zu sechs Stunden am Stück durchschschlummern. Auf die Frage, welcher Aktivität sie den Vorrang geben würden – Sex oder Schlaf –, stöhnte eine überwältigende Mehrheit der Frauen nur ein Wort: «Ruhe.»

Windelwechsel auf dem Beizentisch

«Die Eifersucht auf die Lebenssituation der anderen ist bei Müttern und Nichtmüttern wohl gleich gross, ebenso das Unverständnis für den unterschiedlichen Lifestyle», glaubt die 35-jährige Maren Tiefenbacher*. Vor der Geburt ihrer drei Monate alten Tochter war die Psychologin eine überzeugte Singlefrau, die sämtliche Freiheiten genoss, die mit einer ungebundenen Existenz einhergehen. Die ehemaligen Freundinnen seien in der Zwischenzeit fast alle verschwunden, und die Möglichkeit, sich mit anderen Daseinsformen auseinander zu setzen, ebenfalls. «Die wenigsten meiner hippen Bekannten sahen ein, dass ich am Sonntag nicht mehr um 12 Uhr zum Brunch kommen kann, weil das Baby dann schlafen muss. Und ich übrigens auch.»

«Vielerorts ist das Betreuungsangebot für Kleinkinder unzureichend, und es fehlt an entlastenden Tagesstrukturen in den Schulen. Eltern müssen sich daher fast rund um die Uhr um das Wohl des Nachwuchses kümmern. Die eigenen Interessen und Vorlieben rücken dabei in den Hintergrund», sagt der amerikanische Soziologe Frank Furedi. Das Ignorieren eigener Befindlichkeiten habe zu einer Zunahme von überängstlichen Müttern und Vätern geführt. In seinem Buch «Paranoid Parents» erzählt er von einer Mutter, die ihrem Teenager-Sohn im Auto von London bis nach Südfrankreich hinterherreiste, um sicherzustellen, dass ihr Liebling auch heil am Ferienziel angekommen war.

Die Parole «Nicht ohne meine Kinder» ist weit verbreitet, wie auch Aline Ehrsam erfahren musste: «An einem Samstag wollte ich meine Freundin und ihren Mann ohne Kinder zum Nachtessen einladen. Das war als kleine Ablenkung vom Alltag gedacht. Sie reagierte so, als hätte ich sie persönlich beleidigt.» Die Antwort «Entweder wir kommen alle, oder es kommt keiner» habe zu einem vorübergehenden Abbruch der Beziehung geführt. «Die demonstrative Art, wie sie Laura und Luca an sich kettet, hat etwas Unnatürliches, und jeder Mensch fühlt sich daneben unwichtig und herabgesetzt.»

«Beim ersten gemeinsamen Abendessen seit sechs Monaten», sagt Regula Krebs, «klingelte Cornelias Handy fünfmal.» Es war Pipo, ihr dreijähriger Sohn. Normalerweise wird er von den Aktivitäten der Erwachsenen nicht ausgeschlossen, Kindermädchen akzeptiert er nicht. Darum meldetet er sich an diesem Abend im Halbstundentakt bei Mama, die ihm das Telefon so eingerichtet hatte, dass er nur auf den Knopf mit dem aufgemalten Herzchen zu drücken brauchte – und schon stand man in herzlicher Verbindung. Ausgedehnte Konversationen in Babysprache waren die Folge. Über der Erzählung vom grünen Seemonster, das in eine Abfalltonne gefallen war, wurde der Prosecco warm und das Essen kalt.

Am Nebentisch tobte ein Kleinkind. Es trug einen Strampler, auf dem zu lesen war: «Mama is the best.» «Seine vierjährige Schwester», erzählt Krebs, warf bis Mitternacht mit Häppchen und Silberbesteck um sich. Die Eltern fanden es lustig.» Seit sie kürzlich beobachtete, wie eine Mutter dem Nachwuchs im vollbesetztem Restaurant die Windeln wechselte – auf einem Tisch, an dem ein älteres Ehepaar zu Mittag ass – erschüttert sie in dieser Hinsicht eigentlich nichts mehr. Zwar schüttelte der Chef de Service missbilligend den Kopf. Den übrigen Gästen verschlug es, wohl auch wegen des Gestanks, die Sprache. «Niemand – auch ich nicht – wagte eine Kritik», wundert sich Krebs. «Es müssen halt auf allen Seiten kleine Opfer erbracht werden», sagt Jools Oliver und kann sich den obligaten Seitenhieb nicht verkneifen: «Dazu sind Karrieristinnen normalerweise nicht bereit.»

Das findet mittlerweile auch die Mehrheit der Bevölkerung. Eine repräsentative Emnid-Umfrage im deutschsprachigen Raum zeigt, dass Frauen, die den Auftrag der Fortpflanzung ignorieren, ein schlechtes Image geniessen. «Solche, die bewusst keine eigenen Kinder haben wollen, sind in der Regel egoistischer als andere», fanden 58 Prozent von über zweitausend Befragten – die Kinderlosen miteingerechnet. 61 Prozent glauben fest daran, dass «Frauen mit Kindern ein erfüllteres Leben führen und darum glücklicher sind». Fast vierzig Prozent finden, «es sei verantwortungslos der Gesellschaft gegenüber, wenn man keine eigenen Kinder auf die Welt stellt». Dabei sei es nicht allzu lange her, sagt der Soziologe Frank Furedi, «da galten jene als verantwortungsbewusst, die Kinderverzicht mit der Bevölkerungsexplosion begründeten.» Heute werde die Elternschaft überbewertet: «Der Rückzug in die heilen Familiengemächer ist in diesen unsicheren Zeiten in vollem Gang.»

Auch eine Studie der schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung (Gfs) kündigt den Rückzug an Heim und Herd an. 66 Prozent der befragten 20- bis 49-jährigen Frauen beurteilten «Kinder haben» als «wichtigen bis sehr wichtigen Grund» für ein gutes Selbstbewusstsein». Nur 22 Prozent der Befragten fanden, eine Frau müsse berufstätig sein, um gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen.

Der Ruf der Kinderlosen ist im Eimer, obwohl sich alarmistische Szenarien, wonach sich die Schweiz aufgrund zu vieler Karrieristinnen in eine kinderfreie Gesellschaft verwandle, als falsch erwiesen haben: Die Zahlen der Volkszählung zeigen, dass es in der Altersklasse der Zwanzig- bis Vierzigjährigen nur unwesentlich mehr Kinderlose gibt als Eltern (Eltern: 939617; Kinderlose: 1179099). Zudem sind bei den Dreissig- bis Vierzigjährigen die Geburtenraten seit Jahren leicht steigend (1993: 40997; 2003: 44126).

Kinderlose als Goldesel

Die Information, dass das Aufziehen eines einzigen Sprösslings in der Schweiz mit mindestens 340000 Franken zu Buche schlägt, führte zur – ebenfalls falschen – Annahme, bei den Kinderfreien handle es sich um schamlose Profiteure, die nach einem hedonistischen Leben als Rentner abkassieren, was der Nachwuchs der anderen verdient. Ob die kleinen Lieblinge von heute so viel arbeiten werden, damit die Renten von morgen gesichert sind, muss sich erst zeigen. Bis es so weit ist, beteiligen sich die Kinderlosen an den Kosten, die der Kindersegen verursacht: «In der Schweiz haben tendenziell vor allem jene Kinder, die es sich nicht leisten können», sagt Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Solothurn.

Alimentenbevorschussung, Kleinkinderunterstützungsbeiträge und Sozialhilfe dienten, so Binswanger, im Wesentlichen der Finanzierung von Kindern und alleinerziehenden Müttern. «Der häufigste Sozialhilfeempfänger in der Schweiz ist vierjährig.» Und: «Wer selbst keine Kinder hat, bezahlt für andere. Das hat seine Richtigkeit und ist zudem für die wenigsten Kinderlosen ein Problem.»

Was in der Schweiz hinter vorgehaltener Hand vorgebracht wird – Kritik an selbstgefälligen Erzeugern –, geschieht in den USA weniger diskret: Kinderlose mobilisieren zum Gegenangriff. In ihrem Bestseller «Der Kindersegen» (The Baby Boon) rechnete die Schriftstellerin Elinor Burkett pedantisch genau aus, was die vom Arbeitgeber finanzierten Hortplätze die Kinderlosen kosten und welche selbstverständlichen Opfer von ihnen im tagtäglichen Berufsleben erwartet werden. Und Jerry Steinberg, Gründer des Internetportals no.kidding.com, ergänzt: «Langweilige Kinderzeichnungen, die den Arbeitsplatz tapezieren, sind noch das kleinste Übel.» Überstunden, weil die Eltern zu Hause ihre kranken Kinder pflegen, seien eine Selbstverständlichkeit, Anpassung des Urlaubs an die Schulferien auch. «Und natürlich übernimmt man die Aufgaben der Kollegin, wenn sie schwanger ist oder Papa sein Töchterchen während der Arbeitszeit zum Zahnarzt chauffieren muss.»

Auch von Flexibilität und Toleranz wollen die Anti-Eltern nichts mehr wissen: Spiele er in seiner Wohnung leise Klaviermusik, klagt Steinberg, dann stehe spätestens um zwanzig Uhr eine Mutter mit schreiendem Kleinkind auf der Fussmatte und beschwere sich über den Krach. Gut, dass der Sechzigjährige heute in einer Seniorenanlage lebt, die die Anwesenheit von Kinder per Dekret untersagt. Als «erfreuliche Erfindung» bezeichnet Steinberg jene amerikani- schen Hotels, in denen Kinder und Jugendliche bis zum 18. Altersjahr Hausverbot haben. Inzwischen gibt es in jeder grösseren amerikanischen Stadt Ortsgruppen der sogenannten Childless-Bewegung sowie unzählige Internetforen wie overpopulation.com oder childfree.com für die dreizehn Millionen Kinderlosen in den USA.

Während des Nachtessens mit ihrer Freundin stellte Cornelia, die Mutter des eifrig telefonierenden Pipo, zwischen zwei Anrufen die unvermeidliche Frage: «Willst du denn keine Kinder haben? Ich könnte mir ein Leben ohne überhaupt nicht mehr vorstellen.» Den Versuch, eine zusammenhängende Konversation zu führen, hatte Regula Krebs zu diesem Zeitpunkt aufgegeben. Irgendwann war von der Windelfee die Rede. Und vom beabsichtigten Bau einer Tartanbahn für Pipo und Simona, die durch das Anwesen der Hausbesitzer führen sollte. Die wehrten sich noch, aber Cornelia war guten Mutes, hatte sie doch bereits die Installation eines riesigen Kinderswimmingpools und den Aufbau einer mehrfarbigen Sandkastenkombination mit Schaukel und Rutschbahn durchgesetzt.

*Namen der Redaktion bekannt.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 29/05
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