Hey Albert, it’s Iggy – Iggy Pop!
Hello Iggy, wo befinden Sie sich jetzt?
In Miami, Florida.
Also zu Hause?
Ja, ich lebe hier in einem kleinen Dorf nördlich von Miami. Der Ort entspricht nicht den üblichen Tourismusprospekten. Ich wohne an einem kleinen Fluss, und das sieht aus wie Mississippi vor hundert Jahren. Mit Eidechsen, Ziegen, Enten, vielen Bäumen und grossen Südstaatenmännern mit roten Gesichtern. Ich bin hier ausserhalb der Schusslinie.
Rote Gesichter vom Joggen oder vom Arbeiten?
Joggen schon gar nicht. Das sind Leute, die an ihren Motorrädern rumflicken oder mit ihren Gewehren in der Gegend rumballern. Gemütliche Menschen wie du und ich, haha.
Müssen Waffennarren Iggy Pop nicht als Feind betrachten, als mögliches Ziel sogar?
Oh nein, die mögen mich, sie winken mir über den Fluss zu, sagen hallo. Und sie spielen Musik, die ganze Nacht. Meistens die gute Sorte von Oldies, Songs von Elvis oder The Shirelles. Manchmal kommen auch jüngere Kollegen vorbei, dann wird gerappt.
Wohnen Sie schon lange im Sumpf?
Nein. Bis vor kurzem wohnte ich in einem viel grösseren Haus in Miami Beach, aber die Gegend wurde zu beliebt. Wenn in den USA ein Zipcode populär und fancy wird, dann ziehen Leute da hin, die noch nicht wissen, wer sie sind. Das wollen sie dann auf Kosten der andern rausfinden. Und am liebsten halten sie sich an sogenannte Prominente. So was ist nicht gut für meine Nerven. Auch nicht gut für das Dorf. Statt guten Food gibt’s dann nur noch Modeboutiquen an der Mainstreet. Also haute ich ab.
Wie hart ist der Erfolg für Sie?
Wohl nicht so schlimm wie für andere. Eher hart im Kopf, you understand? Ich geh nicht zu häufig an diese Showbiz-Events, das macht es erträglich. Und wenn ich in Miami bin, dann auf der ruhigeren Seite der Stadt. Erkannt zu werden, ist ja nicht immer unangenehm. Besonders wenn man ans Gegenteil denkt: wie es wäre, wenn niemand mit einem zu tun haben will. Ein Mauerblümchen zu sein, ist gewiss kein Schleck.
Sie erzählten vor bereits zehn Jahren in einem Interview, Sie hätten beim Älterwerden erstaunliche Dinge entdeckt.
Nun, das passiert allen. Gross verändert habe ich mich eh nicht. Aber ich stelle fest, dass ich mit fortgeschrittenem Alter Dinge ausprobieren konnte, die ich mich als Jugendlicher nicht getraute, weil ich zu schüchtern oder zu unauffällig war. Als Junge hätte ich gern etwas Geld gehabt – but no way. Ich wollte meine Songs singen und hören, wie die Menschen auf und ab hüpfen und rufen: UUUAAAAH THAT’S COOOL! Keiner hüpfte. Und dann wollte ich ins Bett mit einer schwarzen Frau mit grossen Brüsten – auch das ging nicht damals. Yeah! Nun – es war nicht ganz soo tragisch, aber etwa die Richtung. Ich war sozial und kulturell zu gehemmt, um diese Barrieren zu überschreiten. Heute bin ich stabiler und geniesse mein Leben. Man sieht das daran, dass ich mich sogar für Kunst interessiere, haha.
Was für Kunst? Höhlenmalerei oder Warhol?
Ich habe eine kleine Sammlung von Voodoo-Bildern und -Statuen aus den siebziger Jahren. Das geht zurück auf meine Berliner Zeit. Unweit des Ku’damms gab es eine Galerie mit Kunst aus Haiti, das haute mich wirklich um. Ich ging da später im Leben wieder hin, als ich eben dieses verfluchte Geld hatte, hahaha. Ich kaufte nur ein paar wenige Sachen, und das wurden meine kleinen Freunde hier, meine kleine Voodoo-Welt in meinem Swamp.
Bringt Voodoo Ihnen Glück?
Ich praktiziere das nicht, aber ich fühle mich wohl um diese Figuren. Dass es Voodoo-Kunst zum Kaufen gibt, ist so eine kleine Kolonialgeschichte. Haiti war amerikanisch besetzt, und es gab ein Centre of Arts. In dessen Auftrag zog dann ein Aquarellmaler namens DeWitt Peters mit Pinseln und Leinwänden über die Insel und erklärte den Leuten, dass man mit Bildermalen Geld verdienen könne. Nun fühlten sich davon vor allem die Voodoo-Priester angesprochen – die brauchen ja Vorstellungskraft, um ihre Zeremonien durchführen zu können. Also gab es dank diesem Peters eine kleine Kunst-Explosion von malenden Voodoo-Priestern, der Höhepunkt lag etwa zwischen 1950 und 1985. Unter den Sammlern war auch André Breton, der Surrealist, er verkaufte seine Sachen später an die Huxleys in England. Was ich ersteigert habe, stammt überwiegend aus dem Besitz des Broadway-Schauspielers Geoffrey Holder, der in «James Bond – Live and Let Die» den bösen schwarzen Geist spielte.
In Miami trifft sich offenbar halb Südamerika.
Ganz Südamerika. Und die haitiansche Kultur spielt sich quasi vor meiner Haustür ab. Mein Nachbardorf wird Little Haiti genannt, es sieht da aus wie in Afrika. Die Frauen laufen in langen Roben herum, in den Shops gibt’s allerlei Kräuter, Kunsthandwerk und natürlich Voodoo-Stuff. Die Kubaner haben ihre eigene Voodoo-Version, Santería genannt. Es ist eine Kreuzung von afrikanischer Kosmologie, Animismus und Katholizismus. In Miami ist es nicht unüblich, dass jemand in der Nacht vor einer wichtigen Gerichtsverhandlung auf der Treppe des Gerichtsgebäudes ein paar Hühner opfern lässt.
Hatten Sie das auch schon nötig?
Okkultismus ist nicht mein Ding. Aber die Kunst, die Musik und der Tanz sind fucking terrific, da ist wirklich Leben drin. Es gibt hier verflixt gute Kreuzungen von Haiti-Folkmusik und Hip-Hop.
Zum Beispiel?
Na, Wyclef Jean kommt aus der Ecke. Klar amerikanisieren sie sich, aber man erkennt die Herkunft an den delikaten Melodien und den komplexen Drum-Figuren. Darum wird das nie so dumpf wie US-Gangsta-Rap.
Hat Little Haiti Ihre Bühnentänze beeinflusst?
Das könnte sein, schon nur deswegen, weil ich da häufig zuschaue. Ich liebe es, Leute beim Tanzen zu beobachten. Ich schau mir auch Ballett an, aber niemand käme auf die Idee, meine Hampelei als Ballett zu sehen.
Doch. An Ihrem Auftritt in Lecce vor ein paar Wochen, da sah ich in Ihren rasenden Tänzen durchaus weiche und fröhliche, sogar weibliche Züge.
Yeah? Nun, da bin ich dabei, das gefällt mir! Auch wenn ich so was wirklich zum ersten Mal höre. Ich habe überhaupt kein Problem mit dieser Aussage. Und ich werde definitiv zu sehr auf aggressive Töne und Haltungen reduziert, das gilt überhaupt für so ziemlich alles, was mit meiner Musik zu tun hat.
1974 fiel Ihre erste Band The Stooges auseinander, jetzt spielen Sie seit kurzem wieder zusammen. War das ein heimlicher Wunsch all die Jahre?
Ich muss annehmen, dass da irgendwo ein Wunsch war. Aber nicht knapp unter der Oberfläche, sondern tief vergraben. Wenn ich hin und wieder daran dachte, erschien es mir als unmögliche Nostalgie, und ich schob die Idee immer weiter weg. Aber dann passierte etwas, das einem in diesem Beruf regelmässig widerfährt: Man fühlt sich am Ende einer Leiter, man weiss nicht mehr weiter. Das geschah bei mir vor etwa drei Jahren. Und deshalb musste ich mir für mein letztes Album «Skull Ring», das 2003 erschien, etwas Besonderes einfallen lassen. Bloss eigene Songs mit meiner Begleitband The Trolls zu machen, schien mir nicht das Richtige. Und mich in die Hände eines superkompetenten Producers zu geben, lehnte ich ebenfalls ab, so einfach konnte und durfte es nicht sein. Also beschloss ich, viele verschiedene Gäste einzuladen, und schrieb alle interessanten Leute auf, die mir einfielen. Zufall oder nicht: Zu ebendieser Zeit vernahm ich, dass der Kern der Stooges, die Gebrüder Ron und Scott Asheton, zusammen mit Sänger J Mascis (Dinosaur Jr.) und Bassist Mike Watt (Ex-Minutemen) unterwegs war.
Und es kam, wie es kommen musste...
Es gibt dieses Gesetz über die Natur von Aktivität: dass sie zu weiterer Aktivität führt. Jedenfalls setzte ich Ron und Scott auf meine Liste, gleich unter Peaches, Green Day, Sum 41, Justin Timberlake und so weiter. Ich sondierte, was Ron und Scott wohl davon halten würden. Und der hörte Ron sagen: «Geee, Jim [Iggys Freunde nennen ihn Jim] hat sich gemeldet, wir sollten ihn anrufen.» Also war die Zeit gekommen, und wir beschlossen, ein Stück miteinander einzuspielen. Hey, da kam eine Menge guter Energien zusammen, am Ende spielten die Stooges bei vier von sechzehn Songs auf dem Album. Und nun sind wir zusammen auf Tournee, wobei Mike Watt mit seinen 47 Jahren unser young boy am Bass ist.
Das war das Ende vom Ende der Leiter?
Es scheint mir wenigstens so. Aber das ist erst im Gang, you never know when you’re in the middle of the ship. Und es ist nie leicht mit dieser Band, haha. Wir haben nun vierzig oder fünfzig Auftritte gemacht, und ich habe ein gutes Gefühl, was die Qualität der Musik betrifft. Der enjoyment level ist recht hoch und der problem level tief, also: Man kann arbeiten. Etwas komplizierter ist die Recording-Frage, das Aufnehmen neuer Songs. Wir machen Songs hier in meinem Haus, mit sehr bescheidenem Equipment, ich weiss noch nicht, wohin uns das führt. Aber das Gefühl ist: Wir möchten zusammen ein Album aufnehmen. Leider spielen da rechtliche Probleme hinein, ich bin unter Vertrag, die andern drei nicht. Und dann die Frage, ob man sich einen potenten Produzenten anlachen soll, der mit uns ein Erfolgsprodukt macht. Oder ob man sich ein junges Talent reinholt, das unsern Sound updatet. Oder ob wir uns in das Dreckloch verkriechen sollten, wo wir hingehören, und unsere gottverdammte Musik auf die Reihe kriegen. Das sind etwa die drei möglichen Richtungen.
Ihr Haus im Sumpf als Voodoo-Studio – da haben Sie sich wohl schon entschieden?
Danach kommt die Frage, wer das vertreiben soll. Und schliesslich: Wie fühlen wir uns damit, wohin führt uns das neue Album? Musik ist eine sensible Sache. Ist man einmal raus aus dem Schlafzimmer mit der Gitarre und drin in diesen Reality-Prozessen, passiert immer etwas – es wird schlechter oder besser, man verliert den Kontakt zu dem, was man vorhatte, oder man kann ihn intensivieren. Das ist etwa der Stand der Dinge. Wenn ich darüber nicht nachdenken und reden muss, ist es auch nicht so ein Problem, hahaha.
Man kann sich Iggy Pop nicht als Geschäftsmann vorstellen.
Oh, right. Eigentlich denkt ohnehin niemand gern über geschäftliche Dinge nach. Niemand, der Musik liebt, liebt das Geschäftliche.
Ron und Scott Asheton erzählten mir aber, Iggy Pop sei eine Bühnenfigur, und James (Jim) Osterberg sei heute eine vernünftige Person im Alltag.
Hahahaha, nun, die müssen das wissen. Sie gehören zu den wenigen Leuten auf der Welt, die mich kannten, bevor ich Iggy war. Das ist wirklich lustig. Na, wissen Sie, ich musste Iggy werden, damit die was zu tun kriegten, damit die es nicht zu einfach hatten.
Was können die Stooges, was andere Musiker nicht können?
Zuerst einmal: Es gibt nichts, was jemand anders nicht auch tun kann, quantitativ gesehen. Zweitens: Jede Band auf der Welt, jede Jazz-Combo, jeder Sänger und jeder Chor haben ihre eigene, sehr spezielle Qualität. Oder auch nicht, hahaha. Die meisten sind nicht wirklich eigen, nur wenige haben ihren eigenen Sound. Aber ich denke, wir haben das: unseren eigenen Sound. Heute gibt es eine Tendenz zurück zur kommunistischen Idee von Bands. Als ich zum ersten Mal Nirvana sah, spielten sie in einem kleinen Klub, und das war genau so eine kommunistische Band.
Wie definieren Sie eine kommunistische Band
Das heisst: Ein Guy hat das ganze Talent, die andern finden das toll, und am Ende wird alles geteilt. Und der Drummer kann nicht wirklich spielen, das nervt ihn, und er wirft dafür seine Becken um. Als ich Nirvana das zweite Mal sah, hatten sie einen professionellen Drummer, der ihre Songs in die Hitparade trommelte, fein. Aber ich bin sicher, das war auch die Zeit, wo alle ihre Anwälte hatten, und der Anwalt von Cobain sagte: «Hey, warum schreibst du die Songs, und die andern kriegen Geld dafür?» An dem Punkt brechen dann gewisse Dinge auseinander.
Bei Ihnen und den Stooges war das nicht so?
Iggy and The Stooges waren schon Anfang der siebziger Jahre altmodisch. Wir fielen auf wie ein übler Pickel im Gesicht. Alle Musiker hatten ihre Rechte und ihre Prozente im Trockenen, nur wir taten es real communist-style. Aber dann begannen die Promoter und die von der Plattenfirma, die Dinge andersrum einzurichten, ohne uns zu fragen. Und als wir das Album «Raw Power» machten, hatten wir eine andere Besetzung und genug damit zu tun, und die Plattenfirma machte uns ungefragt Einzelverträge.
Sie hätten sich dagegen wehren können.
Da kam eben die Zeit, wo ich ohne die Stooges und mit wechselnden Besetzungen spielte, da machten die Einzelverträge sogar Sinn. Nun kehren wir zu unsern Wurzeln zurück: Zwischen mir, Ron und Scott werden alle Einnahmen zu hundert Prozent geteilt, obwohl das fast alle andern Bands anders machen. Wir sind eine Art von Relikt, eine Reliquie, you know – wie wenn man eine katholische Kirche in Ungarn besucht, um den zweihundert Jahre alten Finger einer Königin zu bewundern. So was sind wir. Und das schadet uns nicht, es zieht die Leute sogar an [verstellt die Stimme]: «Wir wollen Iggy sehen, hat man seinen Kopf schon geschrumpft?»
Sehen Sie sich auch musikalisch als Relikt? Im Jahr 2005 mit der Band von 1969?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wenn ich das mal genau auszudrücken versuche: Mit den Stooges haben wir einen Flavor, der verbindet [Iggy formuliert langsam, als setzte er ein Puzzle zusammen] Elemente einer zeitlosen, ursprünglichen, tribalistischen Musik nordafrikanischer Herkunft mit schwarzamerikanischen Stilen – sowie mit der Sensibilität der englischen Bands der späten sechziger Jahre. Das klingt jetzt vielleicht gut! Was ich damit aber sagen will: Zusammen mit unseren limitierten Fähigkeiten entsteht da ein Sound, der eben nicht in erster Linie um die Aufmerksamkeit kämpft, nicht um jeden Preis. Das ist vielleicht der Grund, warum wir am Anfang unserer Karriere nicht viel mehr als ein Kräuseln auf dem Teich erzeugten.
Nun bitte keine falsche Bescheidenheit!
Keine Angst, das dicke Ende kommt noch. Mit den Jahrzehnten, muss ich sagen, haben wir zugelegt, wurden wir allmählich verstanden, gewannen wir Respekt. Wir haben heute mehr Publikum denn je. Bloss diese Sache mit der Aufmerksamkeit: Vergleichen wir unsere Musik mal mit einem kleinen Folksong, zum Beispiel mit dem Lied «Marrakesh Express»...
Sie reden von Crosby, Stills and Nash? Die Woodstock-Frühstücksmusik?
Oh ja. Ich bin geradezu besessen von dieser Band und diesem Song, ich hasse das so inbrünstig, ich muss schon drüber lachen. Jeeesus Christ, das hat einfach nichts mit der Kultur von Rock zu tun, goddammit, und dann singen sie dieses [singt mit Kinderstimme] «Wouldn’t you know we’re riding on the Marrakesh Express», und ob das nicht schon genug wäre, gehn sie in diese Hookline «dürü-tütü-tütütü», und immer noch nicht genug, machen sie diesen kleinen Stopp im Song, nur um zu zeigen, was sie alles können, fuck you! Es ist Müll, aber Achtung – es streckt die Arme aus und ruft: Hey, bin ich nicht eine clevere kleine Melodie? Das ist der Kampf um Aufmerksamkeit, mehrmals pro Minute. Auf ganz andere Weise machen Metallica dasselbe [brüllt mit Grabesstimme]: «Boaaahh, heeey, seht wie wir über euch hinwegfahren, ooaaahhrrrghh!!!»
Aber Iggy Pop and The Stooges ist das völlig egal?
Es scheint ganz so, im Vergleich ist unser Sound schon fast laid-back. Es ist immer dasselbe: Die Leute reden drüber, wie hart und taff unsere Musik sei, aber in Tat und Wahrheit sind wir laid-back, zurücklehnend. Sogar wenn ich schreie – viele Songs haben neben dem Rocken eine etwas faule, schläfrige Anmutung. Und das hat damit zu tun, dass die beiden Hauptmusiker der Stooges, die Brüder Ron und Scott, zwei Rumhänger und Kleinkriminelle waren, die als Erstes im Leben diese Gaunerregeln lernten: Schlaf dich durch die Schule, penn dich durch den Job, schnarch auf dem Polizeiposten! Die packen alles etwas gemächlich an, etwas schlampig, etwas unernst – aber genau darin liegt ihr tiefer Ernst, ihre sture Musikalität.
Klingt nach Snoop Dogg. Wo er mit der Lady im Bad sitzt, vor seiner Tür wird geschossen, aber er plätschert lieber noch ein bisschen.
Rrrright! Ich mag Snoop, wer mag ihn nicht! Aber auch er schlägt Ihnen nichts über den Kopf. Man muss sich ihm schon widmen, um etwas von ihm zu kriegen.
Ihr erstes, von John Cale 1969 produziertes Album gilt als Rock-Meilenstein, eine Vorlage für Punk. Scotty und Ron erzählten, vor dieser Platte hätten Sie einen noch wilderen Sound gemacht, eine rocky, jungly Art von vereinfachtem Jazz. Aber die Plattenfirma hätte verlangt, Songs zu schreiben.
Daran kann ich mich nur ungenau erinnern. Jedenfalls bereue ich es nicht, die Songs geschrieben zu haben. Aber es stimmt: Die Riffs und Motive, die wir aufgenommen haben, waren etwa fünfzig Prozent rockiger als die, die wir vorher die ganze Zeit gespielt hatten. Jene waren jazziger und irgendwie schleichender. Nicht richtiger Jazz also, eher was von der Hawaii-ähnlichen Art, wie das Jimi Hendrix mal probierte, oder auch wie Teile von «Bitches Brew». Mit dem Unterschied, dass wir nicht wussten, was wir taten.
Das wäre ein Missing Link in der Musikgeschichte. Es soll davon Aufnahmen geben – warum veröffentlichen Sie die nicht?
Ich habe davon nur einen einzigen Song wieder gehört. Er heisst «What You Gonna Do», veröffentlicht in einem Box-Set, genannt «Night of Destruction» bei Revenge Records. Ich unterstütze Bootlegs, diese inoffiziellen Platten. Das Bass-Muster in jenem Song ist Chicago-Blues, Ron spielt eine irre Gitarre, und ich schreie nur den Songtitel auf verschiedene Weisen. Es ist wahr, das ist weniger rockig als alles, was wir später spielten. Kommt dazu: Die Hälfte unserer Instrumente waren damals experimentell. Ich war beeinflusst von Harry Partch, einem skurrilen US-Avantgarde-Composer, und bastelte allerlei seltsame Instrumente zusammen, aus Schrott und Abfall. Klang ziemlich gut, muss ich sagen.
Würden Sie das wieder tun?
Es wäre ein interessanter Versuch. Es kommt halt drauf an, wo man spielt, was man tut und was man dafür will. Zu jener Zeit spielten wir im Vorprogramm von exzellenten englischen Bands wie etwa The Cream, The Who, Led Zeppelin, Love, Van Morrison, auch für Sly Stone und Mothers of Invention. Aber wenn wir spielten, waren noch keine tausend Leute dort. Und wir hatten eh keine Songs, haha. Später hatten wir Songs, Tempo, Eindeutigkeit, Erfolg. Es ist so eine Sache mit Experimenten – sie gehen halt manchmal daneben, hit or miss. Schon der Ausdruck Ex-peri-ment klingt ziemlich defekt, oder?
Ich glaube, Ihr Publikum würde Ihnen ziemlich viel aus der Hand fressen, sogar Experimente.
Das mag stimmen. Ich suche schon eine Weile nach einer zusätzlichen Beschäftigung auf der Bühne, vielleicht sollte ich wieder auf etwas rumhämmern. Es ist noch lange nicht alles entschieden mit unsern neuen Songs. Was wir bisher zustande kriegten in meinem Cottage, sind ein paar Rocksongs und ein paar andere Sachen – die klingen ein bisschen nach – uaaahh! – Country.
Es wird wohl nicht nach Tammy Wynette klingen.
Haha, das hoff ich. Aber ich höre schon meine Fans: Oooh, neiiin, Hilfe, das Schlimmste ist eingetreten, was ist nur in die gefahren!
Haben Sie die vielen jungen Leute gesehen am Konzert in Lecce? Ist das überall so?
Das geht schon jahrelang in die Richtung, es kommen immer mehr Junge. Und noch mehr, seit ich wieder mit den Stooges spiele.
Irgendwas kriegen die von Ihnen, was andere Bands nicht bieten.
Es muss irgendwas sein. Keine Ahnung.
Wenn Sie auf der Bühne sind, denken Sie darüber nach, was es ist, womit Sie die Jungen da füttern?
Nicht, wenn ich singe, so was geht nicht, das will ich auch gar nicht.
Vielleicht geben Sie denen: Energie, Mut, Übermut?
Maybe. Schwierig, darüber zu reden. Wir sollten jetzt aufhören. Bye, thanks, have a good night.
Iggy and The Stooges spielen am 22. Juli am Blue Balls Festival in Luzern. Soeben ist auch das Best-of-Doppelalbum von Iggy Pop erschienen: A Million In Prizes – The Anthology.Virgin/EMI













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